Tour-Überraschung Wiggins Sucht auf Rädern
Gerade erst hat Bradley Wiggins wieder einen Aufstieg erfolgreich gemeistert. Seit Kurzem ist der Brite Kapitän seines Teams Garmin-Slipstream, obwohl er weiterhin mit der Nummer 58 unterwegs ist. Er hat Christian Vande Velde abgelöst - der die Tour als Leader begonnen hatte, aber im Gesamtklassement fast viereinhalb Minuten hinter Wiggins liegt. Das allein ist schon eine Überraschung. Vande Velde war immerhin Tour-Fünfter 2008, er gilt als Rundfahrtspezialist und sollte in diesem Jahr den Erfolg des vergangenen wiederholen. Doch jetzt ist es Wiggins, der am aussichtsreichsten plaziert ist und noch aufs Podium in Paris hoffen kann. Im Zeitfahren am Donnerstag machte er 47 Sekunden auf Armstrong gut, hat jetzt nur noch elf Sekunden Rückstand auf den drittplazierten Amerikaner.
Wiggins, der Bahnradspezialist.
Der Aufstieg des Bradley Wiggins, 29, ist eine der größten Überraschungen dieser Tour - auch und gerade weil der Mann bisher bergauf nicht als Option galt. Wiggins ist im Radsport eher auf flacher Strecke aufgefallen, im Holzoval der Bahnradfahrer. Dort war er einer der Erfolgreichsten im vergangenen Jahrzehnt. Er holte Gold bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen und Gold in Peking 2008, in der Vier-Kilometer-Einzelverfolgung wurde Wiggins zudem dreimal Weltmeister.
Am Ruhetag am Montag gab Alberto Contador eine Pressekonferenz in Sion. Er sprach über Lance Armstrong, lobte Andy Schleck - und warnte vor Bradley Wiggins. "Ich muss sehen, dass ich den Abstand vor dem Zeitfahren noch um ein paar Minuten erhöhe", sagte Contador, der offenbar Angst hatte, der Brite könne ihm in Annecy gefährlich werden. Contador griff dann auf dem Weg nach Le-Grand-Bornand an, Wiggins wurde Siebter. Zwar deutlich hinter Contador und den Schleck-Brüdern, aber immer noch weit vor Bergspezialisten wie Roman Kreuziger oder Carlos Sastre.
Was also ist passiert?
Wiggins ist der Argwohn, der seinen Aufstieg im Feld begleitet, durchaus bewusst. Aber er habe sehr viel Gewicht verloren, dies sei maßgeblich für seine Leistungssteigerung, erklärt der Garmin-Profi. Bei 1,90 Metern wiegt er nur noch etwa 75 Kilogramm und passt sich damit perfekt ein in ein Peloton, das die "Berliner Zeitung" die "lange Kolonne der Ausgezehrten" nannte. Und im Übrigen sei er "kein Bernhard Kohl. Ich weiß, dass ich sauber bin", beteuert Wiggins. Der Österreicher Kohl war als Gewinner des Bergtrikots 2008 des Cera-Dopings überführt worden.
Selten hat ein Fahrer, der noch drei Jahre zuvor lediglich Platz 124 in der Tour-Gesamtwertung belegt hat, einen solchen Leistungssprung gemacht. Eher geht es in die entgegengesetzte Richtung, wie ebenfalls bei dieser Rundfahrt zu beobachten.
Cadel Evans, im vergangenen Jahr noch Zweiter und deshalb einer der Favoriten vor dem Start in Monaco, fährt hoffnungslos hinterher. Und Giro-Sieger Denis Mentschow scheint nicht nur physisch, sondern auch psychisch angeschlagen. Mentschow stürzte auf dem Weg nach Le-Grand-Bornand gleich zweimal. Demnächst muss er in Wien aussagen - in der Humanplasma-Affäre.
In Bradley Wiggins' Interpretation ist der eigene Aufstieg ein Zeichen dafür, dass die Tour sauberer geworden sei. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" zitiert einen namentlich nicht genannten Teamleiter mit den Worten, er hoffe, dass der Weltverband "in dieser Angelegenheit sehr aufmerksam sei". Es sind die Zeiten, die aus einem Aufsteiger einen misstrauisch Beäugten machten.
Wiggins könnte neben seiner Diät auch die eigene Vergangenheit für sich ins Feld führen. Mit 24 war er schon Olympiasieger, "ich hatte alles erreicht". Der Brite geriet aus dem Gleichgewicht, rutschte nach eigener Aussage in den Alkoholismus ab, aus dem ihn erst die Geburt seines Sohnes ein Jahr später befreite. Die süchtige Ader habe er von seinem Vater geerbt, bekannte Wiggins bei dieser Tour. Nur dass der Alkohol dann wieder durch die Sucht nach dem Gewinnen ersetzt wurde.
Nun fährt er seit einem Jahr für Garmin-Slipstream, das Team also, das unter Chef Jonathan Vaughters den reinen Radsport proklamiert und gleichzeitig bei dieser Tour zwei Fahrer unter den besten Zehn hat. Wie passt das zusammen? Es sind die Zeiten, die aus Erfolg und Sauberkeit einen Widerspruch machen. Bradley Wiggins aber sagt: "Man kann die Tour mit Wasser und Brot hervorragend meistern." Und noch ist er nicht widerlegt worden.