Erdbebenkatastrophe in der Türkei 2023 Wie ein 13-Jähriger gegen sein Trauma und für Medaillen kämpft
Duran Aslan, Schwimmtrainer:
»Du musst nach unten schauen, wenn du schwimmst, nicht nach oben.«
Letzte Anweisungen für Triathlet Mehmet Mustafa Erkol. Der 13-jährige Türke tritt heute bei einem Schwimmwettbewerb in Istanbul an – doch Mehmet Mustafa ist kein gewöhnlicher Sportler.
Robert Badendieck, DER SPIEGEL:
»Wie geht es deinem Bein, hast du Schmerzen?«
Mehmet Mustafa Erkol, Triathlet:
»Ja, ich hatte Schmerzen, aber da ich grade keine Prothese trage, ist alles okay.«
Vor knapp zwei Jahren musste sein halber rechter Unterschenkel amputiert werden. Heute stehen drei Rennen an, er will alle gewinnen. Start für Runde 1. Hält Mehmet Mustafa durch?
Geschafft, Erster. Am Beckenrand wartet schon seine Mutter.
Güldane Erkol, Mutter von Mehmet Mustafa:
»Willst du eine Haarkappe?«
Mehmet Mustafa Erkol, Triathlet:
»Nein.«
Robert Badendieck, DER SPIEGEL:
»Wie geht es dir?«
Mehmet Mustafa Erkol, Triathlet:
»Gerade geht es mir gut.«
Kurze Verschnaufpause für den jungen Athleten. Gleich geht es weiter mit Brustschwimmen.
Zwei Tage zuvor treffen wir ihn, seine Familie und seine Katze Venüs zu Hausein Istanbul. Bis vor knapp zwei Jahren lebte er mit seiner Mutter in Hatay im Südosten der Türkei. Dann erschütterte das verheerende Erdbeben vom 6. Februar 2023 die Provinz. Güldane Erkol erzählt, wie diese Nacht alles veränderte.
Güldane Erkol, Mutter von Mehmet Mustafa:
»Zum Zeitpunkt des Erdbebens habe ich nichts gespürt. Es geschah mitten in der Nacht. Ich hörte nur meinen Mann sagen: ›Güldane, wach auf! Es gibt ein Erdbeben! ‹ Und er ging zum Flur. Zwischen unserem Zimmer und dem Zimmer von Mehmet Mustafa war ein 12 Meter langer Gang. Die Decke stürzte komplett über meinem Mann ein, als er dorthin ging. Ich stieg aus dem Bett und ging auf die andere Seite. Ich blieb zwischen dem Nachttisch und dem Bett stehen. Dann stürzte das ganze Gebäude ein und danach bebte es weiter.«
Laut offiziellen Zahlen sterben durch das Erdbeben über 60.000 Menschen in der Türkei und im Nachbarland Syrien, ganze Dörfer und Straßenblöcke werden zerstört. Drei Stunden nach dem Beben wird Güldane Erkol weitgehend unverletzt aus den Trümmern ihres Hauses befreit. Mehmet Mustafa erst viele Stunden später. Mutter und Sohn zeigen uns Bilder aus der Zeit.
Güldane Erkol, Mutter von Mehmet Mustafa:
»Das ist das Bett von Mehmet Mustafa.«
Güldane Erkol, Mutter von Mehmet Mustafa:
»Mehmet Mustafa kam hier heraus, aus der Lücke zwischen dem Bett, dort drüben. Wir waren im dritten Stock eines vierstöckigen Gebäudes. Ich kam aus einem kleineren Bereich heraus, von der Rückseite.«
Handyaufnahmen zeigen den Moment seiner Rettung.
Retter:
»Hab keine Angst, hab keine Angst. Nehmt die Brocken da oben weg, kommt schon.«
Mehmet Mustafa wird ins Krankenhaus gebracht. Doch sein Vater stirbt unter den Trümmern. An ihn denkt er heute oft beim Sport.
Mehmet Mustafa Erkol, Triathlet:
»Ich strenge mich für meinen Vater an. Ich möchte meinen Vater Stolz machen.«
Nicht nur mit dem Verlust seines Vaters muss er von nun an leben, in dieser Nacht wird auch eine Hälfte seines rechten Unterschenkels amputiert.
Mehmet Mustafa Erkol, Triathlet:
»Im Krankenhaus brachten sie mich sofort in die Notaufnahme. Es waren ein paar andere Menschen da, zwei Kinder und zwei alte Männer. Wir haben eErste Hilfeerhalten. Sie legten mir eine Infusion, damit ich keine Schmerzen hatte. Natürlich spürt man in diesem Moment wegen des Adrenalins nichts mehr. Zuerst wurde eErste Hilfegeleistet. Dann kamen ein paar Ärzte und sagten, wir müssen dieses Kind operieren, und sie trugen mich in ein Laken gewickelt nach oben.«
Den ebenfalls schwer verletzten Fuß am anderen Bein können die Ärzte retten. Es beginnt eein langer qualvoller Wegder Genesung.
Mehmet Mustafa Erkol, Triathlet:
»Als ich anfing, mit diesen Krücken zu gehen, hatte ich Angst, dass ich in Zukunft vielleicht nie wieder gehen könnte. Denn selbst mit Krücken tat es beim Gehen sehr weh. Und es war sehr schwierig. Ich hatte Angst, dass etwas mit der Prothese schiefgehenkönnte. Ich wollte unbedingt laufen. Ich war ein Kind, das sich ständig bewegt hat. Jetzt war ich plötzlich ein bettlägeriges Kind.«
Nach der Operation hat Mehmet Mustafa starke Schmerzen und auch depressive Phasen. Doch seine Familie hält zusammen, er und seine Mutter ziehen nach Istanbul, da leben auch die Großeltern und seine Tante. Mehmet Mustafa beginnt wieder mit Sport – und merkt, dass es ihm immer besser geht. Vor dem Erdbeben hat er geturnt - jetzt will er schwimmen. Seine Mutter hat seine ersten Schwimmversuche nach der Amputation festgehalten.
In einer Schwimmhalle lernt die Familie durch Zufall Triathlet und Trainer Ercan Şen kennen. Heute besucht er die Familie.
Er entdeckt Mehmet Mustafas Talent: seine Physis und seine mentale Stärke. Gemeinsam mit einem Schwimm- und einem Laufcoach trainiert er den jungen Triathleten im Auftrag der Nationalmannschaft. Ihr Ziel: die Paralympics in Los Angeles 2028. Im Wohnzimmer zeigen beide stolz, wie viele Medaillen der Nachwuchssportler in kurzer Zeit bereits gewonnen hat. Später werden wir auch sehen, wie schwierig das Training für ihn ist, besonders wenn das Bein Probleme macht.
Zurück beim Wettkampf-Tag. Jetzt steht Brustschwimmen in einer gemischten Gruppe an.
Mehmet Mustafa Erkol, Para-Triathlet
»Ich trete auf Bahn acht an.«
Der 13-Jährige geht direkt in Führung.
Das Event findet im Rahmen des Internationalen Tags der Menschen mit Behinderung statt.
Gruppe:
»1,2,3, Türkei.«
Vergangenes Jahr gewannen türkische Athleten viele Medaillen, laut Mehmets Trainer steigt seitdem erst das Interesse der staatlichen Sport-Behörden. DDassPolitik auch vor einem 13-Jährigen mit Behinderung nicht Halt macht, wird sich heute noch zeigen.
Auch bei diesem Rennen setzt er sich gegen die Konkurrenz durch. Jetzt heißt es erst einmal ausruhen und für die letzte Distanz wieder Kräfte sammeln.
Mehmet Mustafa trainiert an sechs Tage die Woche. Heute stehen Radfahren und Laufen auf dem Programm.
Das Training mit einem halben Bein ist nicht immer berechenbar, nach wenigen Runden schmerzt der Stumpf am Übergang zur Prothese.
Ercan Şen, Rad- und Triathlon-Trainer:
»Tut es hier weh?«
Mehmet Mustafa Erkol, Triathlet:
»Ja.«
Ercan Şen, Rad- und Triathlon-Trainer:
»Tritt vielleicht etwas sanfter.«
Mehmet Mustafa Erkol, Triathlet:
»Das sollte gehen.«
Ercan Şen, Rad- und Triathlon-Trainer:
»Mach nicht zu schnell. Haben sie dieses Stück nicht abgefeilt?«
Mehmet Mustafa Erkol, Triathlet:
»Sie haben es abgefeilt, aber wenn sie noch mal abfeilen, würde die Prothese abfallen.«
Ercan Şen, Rad- und Triathlon-Trainer:
»Dann mach nicht zu schnell, aber wir lassen es so. Fahr bis dort, bleib dicht an dieser Position und danach hast du den Wind im Rücken und kannst Geschwindigkeit aufnehmen.«
Sein Trainer, selbst mehrfacher Iron-Man-Teilnehmer, verlangt viel von seinem Schützling. Trotz Schmerzen fordert er ihn auf, weiter zu trainieren.
Neben der körperlichen Kondition will Trainer Şen auch die mentale Stärke und das Durchhaltevermögen des Jungen stärken.
Ercan Şen, Rad- und Triathlon-Trainer:
»Mein Job ist es, diese Situation mit ihm zu meistern. Ich weiß nicht, was Menschen mit Amputationen durchmachen. Deshalb frage ich ihn: Wie fühlst du dich? Du bist jetzt hier, was möchtest du? Du kannst gehen, du kannst im Gegensatz zu anderen sogar rennen. Andere schwimmen nicht, du schwimmst. Du kannst alles schaffen. Das ist die eine emotionale Seite. Aber an Tagen, an denen er Szenen vom Erdbeben im Fernsehen sieht, ist es für ihn schwer sich aufzuraffen.«
Nach dem Radfahren muss Mehmet Mustafa seine Prothesen wechseln. Dann geht es mit seiner Trainingspartnerin erin Kübra Dere auf die Laufstrecke. Doch die Schmerzen im Bein bleiben. Bereits nach der ersten Runde humpelt der Junge.
Ercan Şen, Trainer:
»Nicht weinen.«
Ercan Şen, Trainer
»Heute trainieren wir diese Situation: Er beschwert sich, aber … noch eine! Das ist es, das ist die Magie, der Satz: noch eine.«
Ein harter Drill. Doch dann ist Schluss, die Schmerzen sind zu stark.
Ercan Şen, Trainer:
»Musti, du musst jetzt aufhören …«
Mehmet Mustafa Erkol, Triathlet:
»Um ehrlich zu sein, hatte ich in den ersten Monaten nach dem Erdbeben große psychische und physische Schmerzen. Der tägliche Sport hat mich aktiver gemacht. Wenn ich beispielswiese auf dem Rad sitze, fühle ich mich freier und glücklicher, und neben dem Sport tut mir auch meine Familie psychologisch sehr gut. Und immer, wenn ich mich schlecht fühle, motiviere ich mich auf diese Weise: Wenn du härter arbeitest, werden die olympischen Medaillen bald dir gehören. Ich versuche, mich selbst zu stärken, indem ich mir etwas sage wie: Du wirst vielen zeigen, dass auch Menschen mit Behinderungen Sport treiben können.«
Auch das letzte Rennen gewinnt Mehmet Mustafa ohne Probleme. Den Wettbewerb hat das lokale Sportbüro von Erdoğans Regierungspartei AKP organisiert. Und die Partei hat am Ende mit Einfluss darauf, wer gefördert wird. Nach ihren Siegen werden er und seine Trainingspartnerin den örtlichen Abgesandten des Sportbüros präsentiert.
Duran Aslan, Schwimm-Trainer:
»Wir wollen Geschichte schreiben. Seien Sie ein Zeuge davon. Diese beiden Athleten werden bei den Olympischen Spielen im Triathlon, in der Leichtathletik und im Radsport antreten.«
Auf dem 13-Jährigen lasten viele Erwartungen und er wird noch eine lange Zeit brauchen, das Erlebte zu verarbeiten. Momentan blickt Mehmet Mustafa mutig in die Zukunft.
Mehmet Mustafa Erkol, Triathlet:
»Natürlich ist es uunvermeidlich,auch mal zu verlieren, aber ich werde immer auf Sieg gehen. Ich denke auch nicht viel über das Verlieren nach. Ich werde immer versuchen, der Beste zu sein, und ich hoffe, dass ich der Welt in dieser Hinsicht meinen Namen verkünden kann.«