Olympia-Bilanz: Die zwei Gesichter von Vancouver - DER SPIEGEL
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Olympische Winterspiele 2010: Die besten Bilder aus Vancouver

Foto: Alessandro Della Bella/ dpa

Olympia-Bilanz Die zwei Gesichter von Vancouver

Freude und Drama, aber auch Pleiten und Trauer - die Olympischen Winterspiele von Vancouver und Whistler gaben ein zwiespältiges Bild ab. Peter Ahrens blickt auf die Highlights und die Tiefpunkte, die Tops und Flops der Spiele zurück.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In der Geschichte der Olympischen Winterspiele wird Vancouver bestenfalls einen Mittelfeldplatz einnehmen. Es gab zweifellos beeindruckende Leistungen, es gab auch sportliche Dramen, an die sich die Nachwelt erinnern wird. Aber es gab auch Pannen, es gab viel Ärger um die Organisation - und es gab einen Toten. Spiele haben keine Chance mehr, heiter genannt zu werden, wenn ein junger Rodler aus Georgien im Eiskanal sein Leben verliert.

Das deutsche Team kehrt aus Kanada mit 30 Medaillen heim. Außer den USA hat keiner mehr Podestplätze erobert als die deutsche Mannschaft. Zehnmal gab es Gold, 13-mal Silber und siebenmal Bronze. Wintersportnationen wie Norwegen und die Schweiz hat Deutschland hinter sich gelassen. Das ist erst einmal eine sehr gute Bilanz.

Dennoch gibt es auch Unzufriedenheit im deutschen Lager. Nicht alle, die als Medaillenanwärter ins Rennen gegangen sind, haben dem Druck standhalten können. In den sogenannten Trendsportarten wie Snowboard oder Freestyle ging das deutsche Team leer aus. Keiner der Athleten hat jedoch in diesen zwei Wochen so viel Kredit eingebüßt wie die Macher dieser Spiele.

Pleiten, Enttäuschung, Entsetzen - Die Verlierer der Spiele

Der Versuch, Olympische Spiele hemmungslos zum Spektakel zu frisieren - das war der fatale Fehler dieser Spiele. Die lebensgefährliche Bob- und Rodelbahn in Whistler steht als trauriges und zugleich mahnendes Monument für diese Entwicklung, vor der Abfahrtsstrecke der Frauen zitterten selbst die Besten der Welt. Funktionäre und als TV-Experten daherkommende Ex-Sportler wie Markus Wasmeier verharmlosten systematisch die Gefahren und werteten die vielen Stürze als branchenübliche Fahrfehler der Athleten. Danach gingen sie zur Tagesordnung über. Eine positive Ausnahme war da der ehemalige Bobfahrer Christoph Langen, der immer wieder die Verantwortlichen der Höllenbahn in Whistler kritisierte. Doch da war es schon zu spät: Der georgische Rodler Nodar Kumaritaschwili hat die Olympischen Spiele nicht überlebt.

Hinter diesem furchtbaren Unglück gleich zu Beginn der Spiele verblasst der typische Olympia-Ärger, den es in Vancouver und Whistler allerdings besonders in der ersten Olympiawoche reichlich gab. Überteuerte Tickets vermiesten den Zuschauern den Spaß, zahlreiche Plätze an den Strecken und in der Eishalle blieben leer, für eine Eintrittskarte zum Eishockey-Finale der Männer wurden astronomische Summen verlangt. Tausende Tickets für Plätze an der Piste verfielen, weil den Organisatoren im Nachhinein aufging, dass die Zuschauer dann im Gefahrenbereich direkt an der Strecke stehen würden.

Statt die Spuren wettbewerbsfähig zu machen, fuhren Eismaschinen Macken und Löcher in die Bahnen der Eisschnellläufer im Richmond Olympic Oval. Und beim Biathlonstart der Verfolgungsrennen sorgten überforderte Wettkampfrichter für ein Zeitchaos ohnegleichen. Eifernde Ordner zerrten ausgepumpte Athleten beim Langlauf und beim Biathlon aus dem Zieleinlauf, damit diese auf der Stelle zur Dopingkontrolle erschienen. Das Springen der Nordischen Kombination wurde gnadenlos durchgepeitscht, obwohl die Athleten im dichten Nebel kaum etwas sehen konnten. Die Pannenliste hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Wettkämpfe wurden zu Wetterkämpfen

Überhaupt das Wetter: Die Entscheidung des IOC, die Spiele in eine Küstenregion zu vergeben, stellte sich als zumindest kühn heraus. Plustemperaturen und Regen führten wiederholt zur Verschiebung von Wettkämpfen, plötzliche Witterungswechsel machten bei den alpinen und nordischen Ski-Wettbewerben Außenseiter, die zu günstigeren Bedingungen ins Rennen gingen, unvermittelt zu Medaillengewinnern. Aus Wettkämpfen wurden Wetterkämpfe.

Die deutschen Biathlon-Männer zum Beispiel fühlten sich durch die Wetterbedingungen mehrfach benachteiligt. Dass die vom Erfolg verwöhnten Michael Greis und Co. allerdings ohne jede Medaille blieben, hat nicht nur mit Sturm und Regen zu tun. Die Ergebnisse beim Saisonhöhepunkt waren vielmehr ein Spiegel der Resultate aus dem gesamten Winter. Die Biathleten kamen überhaupt nicht in Olympiaform. Zeit für einen Neuanfang, den der bisherige Frauen-Bundestrainer Uwe Müssiggang vollziehen soll.

Neben den Biathleten sorgten die Kombinierer für die langen Gesichter im deutschen Team. Ronny Ackermann hatte es erst gar nicht bis nach Vancouver geschafft, Medaillenanwärter Tino Edelmann und Björn Kircheisen waren in den Einzelrennen ohne Chance. Immerhin in der Mannschaft langte es zu Bronze.

Männer international abgehängt

Ohnehin häuften sich die Enttäuschungen aus deutscher Sicht bei den Männern. Im alpinen Bereich bleibt man schon traditionell ohne Edelmetall. Für die einzige Hoffnung, Felix Neureuther, war der Slalom schon nach wenigen Sekunden gelaufen. Die deutschen Langläufer hielten sich im Teamsprint mit Silber schadlos. Tobias Angerer setzte mit Platz zwei in der 30-Kilometer-Doppelverfolgung ebenso einen Akzent wie am Ende Axel Teichmann mit seiner Silbermedaille im 50-Kilometer-Massenstart. Die Eisschnellläufer sind von der Weltspitze so entfernt wie lange nicht. Und das Eishockey-Team verpasste die Chance, Werbung für die WM im eigenen Land im Mai zu machen. Eine Niederlage reihte sich an die nächste.

Auch im vermeintlichen deutschen Traumpaar auf dem Eis sorgte der Mann für die Patzer. Robin Szolkowy stürzte in der Kür und zog sich den Zorn des verbissenen Eislauf-Trainers Ingo Steuer zu. Statt des angestrebten Goldes gab es lediglich Bronze, Steuer hatte nur Spott für sein Paar übrig und machte sich damit selbst zu einem der Verlierer der Spiele.

Beim weitaus stabileren deutschen Frauenteam enttäuschten lediglich die Bobfahrerinnen, die nach dem Triumph von Turin vor vier Jahren diesmal medaillenlos blieben. Dagegen kehrt Eisschnelllauf-Darling Anni Friesinger trotz ihrer Leistungen mit einer Goldmedaille aus Vancouver zurück. Die 33-Jährige stolperte im Spätherbst ihrer Karriere mehrfach über das kanadische Eis und hat es nur ihren starken Kolleginnen zu verdanken, dass sie noch mit Gold im Teamwettbewerb beschert wurde.

Trotz Goldmedaille unzufrieden

Enttäuschung trotz Gold: Das ging nicht nur Friesinger so. Der im Vorfeld zum Superstar der Spiele erkorene Ski-Darling Lindsey Vonn aus den USA siegte in der Abfahrt und kam danach nur noch auf eine Medaille: Bronze im Super-G. Schlimmer erging es dem Topläufer der Szene im Eisschnelllauf, Sven Kramer aus den Niederlanden, der nach dem Sieg über 5000 Meter auch Gold über 10.000 Meter gewonnen hätte - wenn ein Blackout seines Coaches ihn und die gesamten Niederlande nicht aus der Spur gebracht hätte.

Aus der Bahn geworfen müssen sich auch die Sportnationen Finnland, Russland und Österreich vorgekommen sein. Alle drei Länder landeten in Vancouver abgeschlagen. In Russland beginnt jetzt das große Stühlerücken. Vier Jahre vor den Winterspielen im russischen Sotschi hat Ministerpräsident Wladimir Putin schon schwerste Konsequenzen für den Wintersport in seinem Land angekündigt.

Jubel, Trubel, Kanada - Die Gewinner der Spiele

Was sich Russland für 2014 fest vorgenommen hat, hat Kanada in Vancouver bereits geschafft. Der prestigeträchtige Medaillenspiegel weist die Gastgeber als die Wintersportnation Nummer eins aus. 14-mal Gold, in der zweiten Olympiawoche nahm Team Canada richtig Fahrt auf. Ob Eisschnelllauf oder Buckelpiste, ob Snowboard oder Skeleton: Die kanadischen Sportler zeigten sich bestens präpariert für die Spiele im eigenen Land.

Den ersten Platz in der Nationenwertung hatte sich das deutsche Team vorgenommen; das hat man 2010 zwar nicht geschafft, doch mit insgesamt 30 Medaillen wurde das Ergebnis von Turin um ein Edelmetall übertroffen. Zu verdanken hat das der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) vor allem drei überragenden Einzelkönnerinnen: Maria Riesch, Magdalena Neuner und Stephanie Beckert.

Riesch hat sich mit ihrem Doppelgold von Whistler in der Super-Kombination und im Slalom in eine Reihe mit den Skigrößen Rosi Mittermaier und Katja Seizinger gestellt. Sie ist die Königin eines jungen und vielversprechenden Frauenteams, mit Viktoria Rebensburg, der Sensationsolympiasiegerin im Riesenslalom, steht die Kronprinzessin schon bereit.

Neuner in Zukunft fast unschlagbar

Magdalena Neuner ist erst 23 Jahre alt und hat jetzt schon zwölf Medaillen bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften erlaufen. Wenn sie sich im Schießen weiter stabilisiert, dann kann sie niemand in der Biathlon-Szene aufhalten. Neuner ist der Superstar ihrer Sportart. Auch wenn ihr Verzicht auf den Staffelstart rätselhaft bleibt.

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Olympische Winterspiele: Alle Goldmedaillengewinner auf einen Blick

Foto: CLIVE ROSE/ AFP

Stephanie Beckert ist sogar noch jünger als Neuner - und ihre Leistung von Vancouver ist im Riesch- und Neuner-Hype etwas untergegangen. Die 21-jährige Eisschnellläuferin ist kein Glamour-Girl und deswegen nur begrenzt vermarktbar, aber ihre Leistungen im Olympic Oval waren beeindruckend gut. Das Gold im Teamwettbewerb geht vor allem auf ihr Konto, zwei weitere Goldmedaillen verpasste sie in den Einzelrennen nur knapp. Friesinger und die wegen Doping gesperrte Claudia Pechstein können und sollten auch abtreten - die Nachfolgerin ist bereits gefunden.

Rebensburg, Neuner und Beckert gehört die Zukunft, Evi Sachenbacher-Stehle und Claudia Nystad stehen am Ende ihrer Karriere. Die beiden Langläuferinnen haben einen der großen Überraschungscoups dieser Spiele geschafft - das Gold im Teamsprint und das Silber in der Staffel gehörten zu den unerwarteten Beiträgen in der deutschen Medaillenbilanz.

Die Alten treten ab

Gold und Silber - für André Lange nichts Ungewöhnliches. Dennoch zählt der Bobfahrer aus Suhl erneut zu den Gewinnern der Spiele. Er hat den Ansturm der Jungen noch einmal abgewehrt, herausgeholt, was herauszuholen war und kann jetzt beruhigt abtreten. Das gilt auch für Skispringer Martin Schmitt, der in diesem Winter teilweise Leistungen gebracht hat, die eher Mitleid als Bewunderung hervorriefen. Jetzt hat ihn das Team noch einmal zu Silber geführt. Wenn er klug ist, nimmt er die Medaille als Trophäe in den sportlichen Ruhestand mit.

Leistungen zum Mitleiden - die erbrachten in Whistler auch die Schwedin Anja Pärson und die Slowenin Petra Majdic. Pärson stürzte auf der höllischen Abfahrtsstrecke fürchterlich, zog sich blaue Flecken am ganzen Körper zu, biss die Zähne zusammen und fuhr am nächsten Tag zu Bronze in der Super-Kombination. Langlaufsprinterin Petra Majdic aus Slowenien hatte sich bei einem Sturz an einer ungesicherten Stelle der Langlaufstrecke mehrere Rippen gebrochen und quälte sich damit zur Bronzemedaille im Sprint. Im Ziel blieb sie liegen und schrie vor Schmerzen.

Pärson und Majdic waren letztlich Gewinner der Spiele - die Organisatoren von Vancouver, die eine Mitverantwortung für das Leiden der beiden tragen, sind die Hauptverlierer.