Awareness, Konsens, Flirtverbot? Wie sich Studierende heute näherkommen - DER SPIEGEL
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Sex nach Pandemie und #MeToo Wie wir uns heute näherkommen

Studieren, das bedeutete lange: feiern, flirten, freie Liebe. Und heute? Verhandeln junge Menschen, wie Dating für alle funktionieren kann – samt Awareness-Team und Konsens-Workshop.
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Chad Moore

Im Foyer des Gebäudes K2 auf dem Innenstadt-Campus der Uni Stuttgart singt Nina Chuba von Wildberry Lillet. Während ihre Stimme aus den Boxen schallt, trinken die Anwesenden Bier, Radler oder Shots, eine halbe Stunde nach Einlass haben die Ersten die Tanzfläche betreten.

Sophie Walch, 23 Jahre, Septum-Piercing in der Nase, großflächige Tattoos auf den Armen, lehnt an einem Geländer und blickt hinab auf die Studierenden. Ein Mann kommt auf sie zu. »Du siehst gut aus«, sagt er, er selbst sei übrigens Model. Aber Walch ist nicht zum Flirten da, sondern zum Helfen, das sagt sie ihm auch. »Sonst trinken wir später was?«, fragt er und ob er ihre Nummer haben könne. »Nein, sorry«, antwortet Walch und dreht sich weg. Der Mann geht weiter.

Acht Stunden lang wird Walch heute darauf achten, dass niemand mehr versucht, als der Model-Mann bei ihr versucht hat. Dass alle, so wie er, ein Nein akzeptieren. Walch studiert im achten Semester Umweltschutztechnik an der Uni Stuttgart und ist Teil des Awareness-Teams für die Spring-Break-Party an diesem Abend. Zusammen mit drei anderen passt sie auf, dass beim Feiern und vor allem beim Flirten keine Grenzen überschritten werden.

Über den Fotografen

Was ist Nähe? Und wie entsteht sie? Diese Fragen verbinden die Bilder des Fotografen Chad Moore. Mehrere Jahre lang begleitete er dafür seinen New Yorker Freundeskreis. Moore sagt: »Mit Fotografie zeige ich den Menschen, die mir wichtig sind, dass ich sie liebe und bewundere.«

Seit dem vergangenen Wintersemester sind solche Teams auf allen Partys unterwegs, die von der Studierendenvertretung Stuttgart organisiert werden. Außerdem hängen dort Plakate, an der Bar, der Garderobe, der Kasse: »Wo geht’s nach Panama?«, steht darauf – die Worte, die man sagen kann, wenn man sich belästigt fühlt und Hilfe sucht. Einen ersten Leitfaden für mehr Awareness hatte die Studierendenvertretung bereits im Pandemiejahr 2020 entwickelt, zwei Jahre später wurde er überarbeitet und um konkrete Maßnahmen ergänzt, auch auf Walchs Initiative hin. Sie sagt: »Als es nach der Pandemie wieder losging mit dem Feiern auf dem Campus, da haben wir gemerkt, dass wir so was brauchen.«


Foto: Chad Moore

Studieren, Feiern und Flirten – das gehört zusammen. Studieren, das bedeutet neue Bekanntschaften und neue Erfahrungen, romantische, sexuelle. So war es zumindest lange, und noch immer hängt diese Vorstellung in vielen Köpfen. Doch die vergangenen Jahre haben einiges verändert.

In vielen Bereichen des Lebens ist die Coronapandemie als eine Art Cut gedeutet worden, der die Welt in ein Davor und ein Danach einteilt. Unternehmen haben gelernt, dass Büroarbeit auch remote funktioniert; Schulen  und Hochschulen , dass sie wirklich digitaler werden müssen. Und statt Nähe suchten die meisten Menschen plötzlich Distanz.

Inzwischen sind die Einschränkungen der Pandemie vollständig aufgehoben, Partys wie die in Stuttgart sind wieder möglich. Aber hört man sich um unter Studierenden, besucht man Feier- und Kennenlernorte, so bekommt man den Eindruck: Vollständig hat sich das Uni-Leben von der sozialen Isolation noch nicht erholt.

SPIEGEL START 3/2023

Studieren, Feiern, Flirten – das gehört zusammen. Doch mit der Pandemie, mit #MeToo und Diskussionen um Konsens haben sich die Regeln geändert. Wie geht Flirten richtig? Was darf man, was nicht? Diese Fragen werden an den Hochschulen gerade neu verhandelt. Mit welchem Ergebnis, das zeigt die aktuelle Ausgabe von SPIEGEL START. Außerdem im Heft: Auf Stadttour mit ChatGPT – taugt eine künstliche Intelligenz als Kumpel-Ersatz?

Und es gibt noch etwas, das sich schon vor Corona verändert hat auf den Hochschul-Campus, etwas, das sich in Awareness-Teams zeigt: ein neues Bewusstsein für die Grenzen des Flirtens, eine – Reizwort – Wokeness. Es ist das Ergebnis von #MeToo, aber auch von Debatten über »Ja heißt ja«-Regeln und Konsens beim Flirten, die in Seminarräumen und Asten oft als Erstes geführt wurden. Und die nun, wo das soziale Miteinander zurückgekehrt ist, ihre Wirkung entfalten.

Wie kommen sich Studierende heute also näher, wo die Abstandsregeln der Pandemie zwar nicht mehr gelten, aber das Bewusstsein für die Grenzen anderer wächst? Wie lernt man sich kennen zwischen Awareness-Teams, postpandemischer Schüchternheit und dem Wunsch nach unbeschwerten Flirts?

Promisk oder prüde? Das Datingverhalten von Studierenden


»In der Studienzeit will ich mich ausprobieren, die Freiheit und das Leben genießen. Dazu gehört für mich viel zu flirten, auch einmalige Sachen mitzunehmen. Ich bin nicht aktiv auf der Suche nach einer Beziehung.

Mir ist es schon immer leichtgefallen, Mädchen anzusprechen. Da muss für mich nicht zwangsweise was rausspringen, ich lerne einfach gern neue Leute kennen. Mit Abstand am meisten Mädchen treffe ich an der Uni oder auf Partys. Wenn man das Gleiche studiert, gibt es direkt Gemeinsamkeiten.

Auch in der Mensa oder in der Bib spreche ich manchmal Mädchen an, die ich über Freunde oder aus der Vorlesung kenne. An der Körperhaltung, am Vibe oder daran, wie viel die Person redet, merke ich schnell, ob sie auch Lust auf mich hat.«

Jona, 20, Jurastudent aus Münster


Wer das Sexualleben von Studierenden untersucht, lernt auch etwas über die Gesellschaft. So zumindest sieht es das Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf. Dort untersucht man seit fast 60 Jahren, wie Studierende romantische und sexuelle Beziehungen führen: wann sie ihr erstes Mal erleben, ob sie in einer Partnerschaft sind, wie und wie oft sie Sex haben.

Seit den 1960er- und 1970er-Jahren gälten Studierende als »Avantgarde der sexuellen Veränderungen«, schreibt Silja Matthiesen, eine der Forschenden. Sie seien die Ersten gewesen, die alte Tabus wie Sex vor der Ehe oder Homosexualität nicht nur brachen, sondern im Alltag lebten. Auch die dritte Welle der feministischen Bewegung und mit ihr Diskussionen um sexuelle Selbstbestimmung sei in den 1990ern zuerst an den Hochschulen aufgekommen.


Foto: Chad Moore

Insgesamt sei das Leben von Studierenden von Mobilität und Flexibilität geprägt: »Nach der Jugendzeit und vor der für die Zukunft gewünschten dauerhaften Beziehung und Familiengründung liegt die Phase des jungen Erwachsenenalters, in der es darum geht, sich auszuprobieren und unterschiedliche sexuelle Erfahrungen zu sammeln.« So formulierten es die Forschenden noch 2017.

Und heute, sechs Jahre und eine Pandemie später? »Die Vorstellung vom Studium als Phase der Annäherung, des Verliebens und Erlebens, die gibt es immer noch«, sagt Johanna Degen. »Aber in der Realität haben viele gerade große Schwierigkeiten, in Kontakt zu kommen.«

Degen, 37, forscht und lehrt an der Uni Flensburg zu Dating, außerdem arbeitet sie als Paartherapeutin. Den Studierenden heute, sagt sie, sei die Leichtigkeit abhandengekommen, wenn es um Kennenlernen und Dating geht.

»Annäherung in der Öffentlichkeit wird zunehmend als unangenehm und unpassend empfunden.«

Johanna Degen, Dating-Forscherin

Natürlich gibt es nach wie vor solche, die auf jeder Party eine andere Person küssen. Aber viele nähmen ihr Studium eben sehr ernst, seien schon vor der Pandemie wenig ausgegangen, sagt Degen. Nach dem Social Distancing seien sie dann nicht zu den »vorherigen Annäherungspraxen« zurückgekehrt. Sie feierten weiterhin wenig, kämen auch in Seminaren oder auf dem Campus kaum in Kontakt zu anderen. Stattdessen zögen sie sich zurück in Sicherheiten. »Sicherheit bedeutet: das Gewöhnliche zu wiederholen.« Also: sich mit Leuten zu treffen, die man kennt, oder sich einfach mit niemandem zu treffen. Gleichzeitig höre sie von ihren Studierenden häufig, dass ihnen das Miteinander fehle. »Sie verspüren Hunger nach Begegnungen«, sagt Degen.

Die Forscherin ist überzeugt, dass auch #MeToo und verwandte Debatten das Flirtverhalten der Studierenden beeinflusst haben. »Annäherung in der Öffentlichkeit wird zunehmend als unangenehm und unpassend empfunden«, sagt sie. Gerade unter heterosexuellen Männern empfänden es viele inzwischen als riskant, Frauen etwa in einer Bar oder auf dem Campus anzusprechen. Zur altbekannten Angst vor Zurückweisung komme bei ihnen die Angst, als übergriffig zu gelten.


Foto: Chad Moore

Es stimmt: In studentischen Kneipen weiß das Personal heute in der Regel, was die Frage nach Panama bedeutet. Und an vielen Hochschulen gibt es inzwischen Awareness-Teams wie in Stuttgart, die aufpassen, dass auf engen Tanzflächen und in dunklen Ecken nichts passiert, was nur eine:r der Beteiligten will. Dabei geht es aber nicht darum, Flirts zu verhindern, sondern sexuelle Gewalt – ein wichtiger Unterschied.

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Auf ihren Streifzügen bei der Spring-Break-Party sieht Sophie Walch immer wieder Menschen, die im Raucherbereich knutschen oder am Rand der Tanzfläche die Köpfe zusammenstecken. Ein Anlass einzugreifen ist das nicht. Nach dem Awareness-Konzept, das Walch und ihre Mitstreiter:innen aufgestellt haben, stehen die potenziellen Opfer von Übergriffen im Mittelpunkt. »Wenn ich sehen würde, dass ein Typ eine Frau anfasst, oder wenn sie sich sichtbar unwohl fühlen würde, dann würde ich auf sie zugehen – nicht auf ihn«, erklärt Walch. Bei ihren Streifzügen achte sie vor allem auf die Hände der Feiernden: Wer berührt wen wo? Und dann auf das Gesicht der berührten Person: Wirkt sie, als sei sie einverstanden? Wenn nicht, würde sie die Person vorsichtig aus der Situation herauslösen, sie fragen, ob es ihr gut geht, sie im Zweifel an einen ruhigen, sicheren Ort bringen.

Wie oft Grenzüberschreitungen noch immer auf studentischen Partys vorkommen, sei ihr so richtig erst bewusst geworden, als sie anfing mit der Awareness-Arbeit, sagt Walch. Sie habe damals mit Studierenden unterschiedlicher Fachschaften gesprochen, fast alle hätten von Übergriffen berichten können – aus eigener Erfahrung, von Freund:innen und Bekannten, die auf Partys unangenehm angebaggert oder belästigt wurden.

Wo das Awareness-Team nur ein Running Gag ist: Der Ballermann auf dem Campus

Am Ende der Party wird Walch nicht mehr getan haben, als ein paar Erstsemestern mit zu viel Wodka-Bull im Bauch Wasser auszuschenken. Ob das nun an ihrer Anwesenheit lag oder Zufall war, kann niemand genau sagen.

Feststeht jedenfalls: Die Awareness, also die Achtsamkeit, die Teams wie das von Walch verbreiten sollen, ist längst nicht überall angekommen.

Im vergangenen Herbst sorgte die Orientierungswoche der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Uni Bielefeld für Aufsehen. Auf Reddit und Instagram verbreitete sich das Foto eines Laufzettels für eine Kneipentour, darauf zu lesen waren Aufgaben, gestellt von der Fachschaft: »Gebe 5 Frauen einen Klaps auf den Hintern (Männer) (sic)« oder »Sammel 5 Küsse auf die Wange (wenn Mund 5 Punkte) (sic)«. Immerhin: Die Empörung folgte sogleich, die Fachschaft entschuldigte sich, man werde alle Mitglieder für die Thematik sensibilisieren, sexualisierte Gewalt sei »auf das Schärfste zu verurteilen«. Einige Monate später dann ein ähnlicher Fall in Düsseldorf: Die Fachschaft Wirtschaftswissenschaften der dortigen Uni warb für eine Party mit dem Motto »CEOs & Office Hoes« , auf Deutsch »Geschäftsführer und Büro-Nutten« – inklusive »All you can drink«.

Waren Bielefeld und Düsseldorf Einzelfälle, ein Überbleibsel aus alten Zeiten? Oder hat sich an deutschen Hochschulen in Sachen Feier- und Flirtkultur doch nicht so viel bewegt?

Kurz vor Beginn des Sommersemesters, auf der Suche nach einer klassischen Einführungswoche in einer typischen Studierendenstadt. An einem Tag Ende März feiern vor der juristischen Fakultät der Uni Münster rund 120 Jura-Erstsemester ihren Studienbeginn. Auf dem Programm für die Woche stehen drei Klubabende, Speeddating, ein Flunkyball-Turnier, und heute: Stadtrallye, eine Art Schnitzeljagd durch Münster, mit Quizfragen und Spielen, vor allem aber mit viel Alkohol.

»Ruf doch das Awareness-Team, wenn’s dir nicht passt!«

Teilnehmer einer Ersti-Rallye in Münster

Die Erstsemester sind in vier Gruppen aufgeteilt, diese hier ist benannt nach Paragraf 63 Strafgesetzbuch: Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus. »Juristenhumor halt«, erklärt einer der Gruppenleiter. Auf jeden Fall nicht: woke. Die Gruppe stimmt ihren Schlachtruf an: »063, wir machen euch zu Brei!«

In einem Einkaufswagen stapeln sich rote Plastikbecher, daneben Berentzen Apfel, Wodka und Energydrinks vom Discounter. Aus der JBL-Box dröhnt Deutschrap:

»Hab' zwei Tische reserviert, auch wenn ich nicht zur Party komme
Und meine Schlampe schreibt: ›Wieso hast du keine Zeit?'
Kauf' ihr ein Paar Haifisch-Nikes, einfach, dass sie leise bleibt.« (AK Ausserkontrolle und Bonez MC)

»Ich und meine Rasselbande hängen nachts im Park an, klau dir deine Bitch, schwing vorbei, so wie Tarzan« (Bella bazz, OT & OTPendia)


Foto: Chad Moore

Am meisten Spaß scheinen die Gruppenleiter:innen aus den höheren Semestern zu haben. Einer redet auf seine Kommilitonin ein, sie solle ihren Becher mit rotem Berentzen vollschenken. »Ruf doch das Awareness-Team, wenn’s dir nicht passt!«, ruft ein anderer. Mehr Achtsamkeit beim Kennenlernen? Hier ist das bloß eine Punchline.

Bei den Erstsemestern hingegen kommt trotz der Rufe, trotz Musik und Alkohol keine wirkliche Feierlaune auf, erst recht keine Flirtlaune. Sie stehen jetzt in kleinen Gruppen auf dem Münster Domplatz, nippen am Bier, drei Frauen unterhalten sich darüber, welche Bücher man im ersten Semester wirklich braucht.

Beim nächsten Spiel sollen sie ein Schubkarrenrennen fahren. Schnelle Blicke nach links und rechts, langsam teilt sich die Menge in Zweiergruppen. Liegestütz, Füße in die Luft, an der Startlinie halten jetzt ausschließlich Männerhände Männerbeine, und Frauenhände Frauenbeine, als wären sie im geschlechtergetrennten Sportunterricht.

Grundsätzlich, sagt einer der Studierenden kurz nach dem Spiel, könne er sich schon vorstellen, in der O-Woche jemanden kennenzulernen, »für kurz oder auch für länger«. Bisher habe sich allerdings nichts ergeben.

Tinder und kein Ende: Die Rolle von Dating-Apps


»Seit ich 17 bin, benutze ich fast durchgehend Dating-Apps – und nicht nur eine. Beim Online-Dating ist alles vorprogrammiert, jeder weiß, wonach die anderen suchen.

Das ist einerseits gut, weil ich mich dadurch sicherer fühle. Würde ich im Alltag jemanden ansprechen, wüsste ich ja nicht, ob er mich attraktiv findet oder ob er überhaupt auf Männer steht. Außerdem gibt es zwischen Männern häufig eine Präferenz, was die Position beim Sex angeht. Das sind alles Fragen, die man online direkt klären kann, ohne dass es unangenehm wird. Denn im Notfall muss ich die Person ja nie treffen.

Andererseits würde ich mir mehr Offline-Kennenlernen wünschen. Weil sich dann eine Anziehung auch ganz natürlich im Laufe eines Gesprächs entwickeln kann. Da kann mich eine Person total positiv überraschen – beim Online-Dating dagegen wird meine Erwartung oft enttäuscht.

Auch wenn online vorher schon viel abgeklärt wurde, fände ich es cool, wenn jeder vor einem Kuss oder mehr nach Zustimmung fragt. Aber die Realität ist, dass auch ich häufig den Moment interpretiere – und doch mal jemanden küsse, ohne zu fragen, weil die Körpersprache für mich deutlich genug ist.«

Maxim, 21, Student an der Berliner Hochschule für Technik


Dass sich Bekanntschaften, Flirts oder die Liebe einfach so ergeben, darauf setze heute kaum jemand mehr, sagt Dating-Forscherin Johanna Degen. Das gelte ganz generell, aber eben auch für Studierende: Über die Hälfte aller in den vergangenen fünf Jahren entstandenen Beziehungen von Studierenden seien über Online-Dating zustande gekommen, das zeigten nicht nur Studien in den USA, sondern auch Daten aus Deutschland. Es komme natürlich noch vor, dass sich Menschen zufällig über Freund:innen oder beim Nebenjob kennenlernen. Aber wer aktiv auf der Suche sei, lande in aller Regel früher oder später auf Tinder, Bumble, OkCupid oder Hinge .

In der Pandemie waren Dating-Apps praktisch die einzige Möglichkeit, um Fremde kennenzulernen. Doch auch jetzt noch, sagt Degen, gelte für viele: »It’s the only reasonable place to meet«, also: Es ist der einzig vernünftige Ort, sich kennenzulernen. Apps räumten mit Unsicherheiten auf, die das analoge Dating mit sich bringe. Wer sich dort zeige, signalisiere klar: Ich kann und möchte angesprochen werden. Die Überwindung, den ersten Schritt zu machen, sei im virtuellen Raum weitaus niedriger.

Das Paradoxe daran: Degens Studien zeigen fast ebenso deutlich, wie genervt viele Nutzer:innen vom Flirten per App sind. Diese »Tinder-Erschöpfung«, wie Degen es nennt, äußere sich auch darin, dass sie die Apps ständig wieder löschen würden.


Foto: Chad Moore

Ein massenhaftes Umdenken zurück zum analogen Dating beobachtet die Forscherin trotzdem nicht. »Wenn ich Proband:innen frage: Was ist denn die Alternative zu Tinder? Dann warten die auf die nächste App, gehen zu Instagram oder hoffen: Vielleicht wird im Metaverse endlich alles besser!«

Beobachten lassen sich die Rituale des Online-Datings in der Sofabar in Hamburg. Sie ist, was man eine »Tinderbar« nennt, ein Ort für erste Dates zwischen Menschen, die sich bisher nur auf den Screens ihrer Smartphones gesehen haben und jetzt testen wollen, ob es auch im echten Leben eine Verbindung gibt.

An einem ganz gewöhnlichen Mittwochabend sitzen dort rund zehn Paare mit etwas Abstand voneinander auf einem der namensgebenden antik aussehenden Sofas. Sie trinken Aperol Spritz oder Astra Pils, reden über Statistik-Klausuren, über langweilige Seminare, irgendwann auch übers Surfen oder ihre Familie. Im Laufe des Abends verringert sich der Abstand zwischen ihnen. Eine Hand auf dem Unterarm, während sie lacht, ein Bein, das das andere berührt. Vielleicht wird später noch geknutscht, vielleicht folgt ein weiteres Date. Auf jeden Fall werden auf diesen Sofas morgen andere Leute sitzen und das gleiche Ritual durchmachen. Oder aber die gleichen Leute, nur mit anderem Gegenüber.

Auf den Apps ist die Auswahl groß. Das kann, so interpretiert es Degen, Dating entmystifizieren. Dann, wenn man schon auf dem Weg nach Hause anfängt, weiterzuswipen. Aber es eröffnet eben auch Möglichkeiten, selbst zu entscheiden, wen man kennenlernen möchte – und unter welchen Umständen. Viele der Apps sind inzwischen stark ausdifferenziert. Man kann dort Präferenzen angeben, etwa ob man nur Sex, eine offene oder feste Beziehung sucht. Kommt trotzdem eine unangenehme Nachricht, löst man das Match eben auf.

Flirten, aber angenehm: Die neuen Regeln des Kennenlernens

Wenn Dating-Apps aber offenbar nerven, kann man ihre Vorteile dann nicht in die analoge Welt übertragen? Kann man dieses Gefühl von Sicherheit, dieses Festlegen, wie man miteinander sein möchte, auch offline erreichen?

Ja, kann man, das sagt zumindest Blu Doppe, 34, Sexualpädagog:in und Bildungsreferent:in. Doppe kennt sich aus mit der Frage: Wie könnte es aussehen, ein neues, besseres Näherkommen? Knapp 60 Workshops gibt Doppe unter dem Namen »queer_topia« eigenen Angaben zufolge pro Jahr, zu Themen wie angenehmem Flirten, dem Zustimmungsprinzip oder kritischer Männlichkeit, im vergangenen Jahr etwa für die Asten der Unis in Lübeck, Köln und Dresden. Doppe coacht auch Awareness-Teams, die Anfragen dazu seien in letzter Zeit deutlich gestiegen.

»Früher galten feste Skripte, wie ›Der Mann macht immer den ersten Schritt‹.«

Blu Doppe, Sexualpädagog:in und Bildungsreferent:in

Bei den Teilnehmenden herrsche oft ein Gefühl der Unsicherheit. Viele, die sich mit dem Thema angenehmes Flirten beschäftigten, hätten Angst, etwas falsch zu machen, das beobachtet auch Doppe. Dabei sei Flirten noch nie einfach gewesen, zumindest nicht für alle: »Früher galten feste Skripte, wie ›Der Mann macht immer den ersten Schritt‹.« Für viele Menschen, häufig Frauen, hätte das zu unangenehmen, sogar grenzüberschreitenden Situationen geführt. Außerdem verleite das konventionelle Flirten dazu, sich zu verstellen, möglichst selbstbewusst zu wirken, zu übertreiben. Heute anders zu flirten, sei für beide Seiten deshalb eine Chance, sich ehrlicher nahezukommen, so sieht Doppe das.

Ein Merkmal der neuen Flirtkultur ist ein eigenes Vokabular. So »konsenst« man zusammen, wenn man darüber spricht, ob sich beide mit einer sexuellen Handlung gerade wohlfühlen. Das nennt sich auch »Zustimmungsprinzip«, also der Grundsatz, dass man jeder Berührung und sexuellen Handlung zuerst verbal zustimmen sollte.


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Chad Moore


Den ersten Rat, den Doppe allen Teilnehmenden gebe, sei deshalb: Fragen zu stellen. Anstatt also etwa die Hand einer Person zu nehmen, zunächst zu sagen: »Ich würde gern deine Hand nehmen, ist das in Ordnung?« Das erfordere mehr Mut, als es einfach zu machen. Außerdem mache man sich verletzlicher, wenn man den eigenen Wunsch äußert. Das sei auch, was viele in den Workshops berichteten: dass es sich für sie entspannter anfühle, einfach zu machen. »Aber es ist viel wahrscheinlicher, dass ich so eine Grenze überschreite«, sagt Doppe.

Flirten mit dem Zustimmungsprinzip sei »Pionier:innenarbeit«. Und die fühle sich manchmal komisch an. »Es wird auch Zurückweisungen geben.« Manche reagierten irritiert, mit Sätzen wie: »Warum fragst du jetzt und machst nicht einfach?« Konsens und angenehmes Flirten finde momentan noch in einer Blase statt, vor allem an Hochschulen und in der linken, feministischen Szene, sagt Doppe. Auch Studierendenwerke bieten inzwischen Workshops zum Thema an, in Berlin etwa kann man »Flirten ohne Rummackern« belegen.


»Ich habe 2020 angefangen zu studieren. Anfangs ging da außer Online-Dating nichts. Inzwischen spreche ich aber lieber Leute direkt an, zum Beispiel in der Uni, beim Feiern oder im Gym.

Klar bekomme ich da manchmal ein Nein zu hören. Neulich habe ich sogar zwei Körbe an einem Tag kassiert. Erst habe ich einem Typen bei Instagram geschrieben, der seit Wochen in der Vorlesung vor mir saß. Ob wir mal einen Kaffee trinken gehen wollen? Er meinte zwar ja, aber dass es maximal Freundschaft wäre für ihn. Später im Gym habe ich das Gleiche einen Typen gefragt, mit dem ich dort schon ein paarmal geredet hatte. Wir haben Nummern getauscht – aber bei WhatsApp schrieb er dann, dass er eine Freundin habe und deshalb nichts gehen würde.

Oft sagen mir Leute, dass sie es total krass fänden, dass ich einfach so auf Leute zugehe, gerade als Frau. Aber ich empfinde das gar nicht so. Ich kann so das Gespräch auf eine Weise eröffnen, die sich für mich richtig anfühlt. Dabei behalte ich auch immer mein Gegenüber im Blick, ich möchte schließlich nicht unangenehm werden. Aber ich glaube, das ist eigentlich gar nicht so kompliziert. Man muss einfach auf die eigenen Gefühle hören und empathisch sein, genau darauf achten, wie sich die andere Person verhält, wie sie reagiert – und offen miteinander kommunizieren.«

Julia, 22, Psychologiestudentin aus Konstanz


Hier passt es also wieder, das Bild der Studierenden als »Avantgarde der sexuellen Veränderungen«, wie es in der Studie des Hamburger Instituts für Sexualforschung heißt. Awareness-Teams, neue Vokabeln, das Kommunizieren persönlicher Grenzen: All das ist längst noch nicht überall Standard. Und, ja, es kann Unsicherheiten verstärken, dem Bild von der Uni-Zeit als Phase des wilden Ausprobierens entgegenstehen.

Doch auf dem Campus, bei Partys und auf Dating-Apps verhandeln Studierende derzeit, wie das alles zusammenpassen kann, wie sie sich in Zukunft aufeinander zubewegen wollen. Und wie das so ist in einer Übergangsphase, ruckelt es zuweilen noch. Aber es zeichnet sich eine Chance ab: dass am Ende die Nähe, die entsteht, eine andere, eine echtere sein könnte.

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