Deutschlandstipendium: Bewerbung und Förderung - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Bewerbung und Förderung erklärt Wie man ein Deutschlandstipendium bekommt – und was es bringt

Mittelmäßige Noten, ungerader Lebenslauf: Robin End hielt sich nie für den typischen Stipendiaten. Wie er dennoch zu einer Förderung kam – und warum er dafür über die Trennung seiner Eltern sprach.
Aufgezeichnet von Caroline Becker
Robin End, Empfänger des Deutschlandstipendiums: »Habe mich bereits für ein zweites Förderjahr beworben«
Robin End, Empfänger des Deutschlandstipendiums: »Habe mich bereits für ein zweites Förderjahr beworben«

Robin End, Empfänger des Deutschlandstipendiums: »Habe mich bereits für ein zweites Förderjahr beworben«

Foto: privat
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Laut myStipendium  gibt es in Deutschland mehr als 3000 Stipendienprogramme. Doch wie bekommt man ein Stipendium, und was kann man von der Förderung erwarten? In der Reihe »Stipendien erklärt« stellen wir verschiedene Stipendiengeber vor – von den großen Begabtenförderungswerken bis zu privaten Stiftungen.

Im Jahr 2020 erhielten bundesweit mehr als 28.000 Studierende das Deutschlandstipendium . Das Programm startete im Sommersemester 2011 und wird zur einen Hälfte vom Bund und zur anderen von privaten Förderern finanziert, etwa Unternehmen. Laut Bundesbildungsministerium  geht es bei der Auswahl der Stipendiat:innen nicht nur um gute Noten und gesellschaftliches Engagement, sondern etwa auch darum, Menschen zu finden und zu fördern, deren Ausbildung durch äußere Umstände erschwert wurde.

Wie der Bewerbungsprozess genau funktioniert und welche Vorteile ein Deutschlandstipendium bringt, weiß Robin End, 26. Er hat Wirtschaftswissenschaften in Frankfurt studiert, ist mit seiner ersten Businessidee gescheitert und hat dann einen Bachelor in Informatik begonnen.

Die Entscheidung für das Deutschlandstipendium

»Ich war ein durchschnittlicher Schüler, engagierte mich nicht groß ehrenamtlich und hätte mir auf keinen Fall ein Stipendium zugetraut.«

»Nach dem Abitur wusste ich überhaupt nicht, was ich machen wollte. Also studierte ich erst mal Wirtschaftswissenschaften an der Goethe-Universität in Frankfurt. Nach der Immatrikulation erhalten dort alle Studierenden eine E-Mail mit dem Hinweis, dass man sich auf das Deutschlandstipendium bewerben könne. Die habe ich damals komplett ignoriert. Ich war ein durchschnittlicher Schüler, engagierte mich nicht groß ehrenamtlich und hätte mir auf keinen Fall ein Stipendium zugetraut.

Nach dem Bachelor wollte ich mit einer E-Sports-Bar in Frankfurt etwas Eigenes auf die Beine stellen. Das hat aber nicht geklappt. Stattdessen machte ich Praktika, arbeitete eine Zeit lang und entdeckte mein Interesse für Informatik. Anderthalb Jahre nach meinem Abschluss schrieb ich mich ein zweites Mal an meiner alten Uni ein, diesmal für den Bachelor in Informatik.

Wieder erhielt ich die Mail von der Universität zum Deutschlandstipendium. Ende des zweiten Semesters beschloss ich, es einfach zu probieren. Immerhin hatte ich mich in der Zwischenzeit mehrere Jahre ehrenamtlich bei einem gemeinnützigen Kulturverein engagiert, zum Beispiel bei Festivals, während der Coronapandemie auch in der Nachbarschaftshilfe. Meine Noten waren ebenfalls gut, mein Schnitt bei 1,9.«

Der Bewerbungsprozess

»Die Bewerbung lief an der Goethe-Universität über ein Onlineformular, ich musste unter anderem Fragen zu meinem Ehrenamt, meiner Motivation und meinen familiären Verhältnissen beantworten. Zu Letzterem habe ich tatsächlich sehr persönliche Dinge preisgegeben. Anfangs fühlte es sich komisch an, über die Trennung meiner Eltern zu schreiben und wie sie mich in der Schulzeit beeinflusst hat. Sollte das wirklich ein Kriterium sein? Doch beim Deutschlandstipendium geht es ja genau darum – Menschen zu fördern, die von irgendetwas aufgehalten worden sind.

Voraussetzungen und Auswahlkriterien

Für das Deutschlandstipendium bewirbt man sich direkt bei der jeweiligen Hochschule. Welche teilnehmen, zeigt diese Deutschlandkarte . Die Voraussetzungen und Auswahlkriterien können je nach Hochschule variieren. Die meisten haben daher eine eigene Website mit Informationen zum Deutschlandstipendium.

Die Goethe-Universität Frankfurt am Main etwa trifft  zunächst eine Vorauswahl aufgrund von Leistung, persönlichen Umständen und gesellschaftlichem oder sozialem Engagement. Anschließend wählt eine Jury aus den Onlinebewerbungen aus, basierend auf den Aspekten:

  • Soziale und persönliche Kompetenz (Leistungsbereitschaft, Kommunikationsfähigkeit etc.)

  • Außerschulisches und außerfachliches Engagement

  • Besondere Leistungen durch Überwindung biografischer Hürden

Als ich die Zusage für das Deutschlandstipendium erhielt, war ich gerade in Tirol für ein Praktikum und drauf und dran, dortzubleiben. Dann hieß es plötzlich: Wenn du in Frankfurt bleibst, hast du das Deutschlandstipendium. Weil ich mir bei der Bewerbung keinen speziellen Förderer für das Stipendium gewünscht hatte, wurde mir Stiftung Kurpark Bad Homburg zugeteilt. Das passte gut, schließlich engagierte ich mich ja bereits im Kulturbereich. Also ging ich wieder nach Frankfurt.«

Das Stipendium

»Zu Beginn des Förderjahres gibt es eine kleine Feier, bei der man einige Stifter:innen kennenlernt und auch die anderen Stipendiat:innen. Wegen Corona fand sie bei uns online statt. Ich dachte, die Feier und auch das Stipendium würden superelitär, alle mit Champagner in der Hand und ganz schick angezogen. Letztendlich waren aber alle normal gekleidet, offen und am Boden geblieben. So habe ich mich direkt zugehörig gefühlt.

Stipendiat:innen erhalten 300 Euro pro Monat. Dank des Geldes konnte ich viel ehrenamtlich arbeiten und hatte Zeit für das ideelle Programm des Stipendiums. Zu Beginn des Förderjahres können die Stipendiat:innen Projektgruppen wählen. Ich entschied mich für die Gruppe, die das Jahresfest plant. Da konnte ich meine Erfahrungen in der Festivalplanung einbringen und gleichzeitig dazulernen, etwa was Hygienekonzepte betrifft. Beim Fest selbst durfte ich sogar die Moderation übernehmen, das hat mir viel Spaß gemacht.

»Über das Jahr verteilt gab es zudem Vorträge und Workshops. Dort habe ich viel gelernt und tolle Menschen getroffen.«

Über das Jahr verteilt gab es zudem viele Vorträge und Workshops, zu Work-Life-Balance beispielsweise. Auch dort habe ich viel gelernt und tolle Menschen getroffen. Einen Mitstipendiaten etwa, der sich in jeder freien Sekunde engagiert, bei einem Gartenprojekt mitwirkt und Opfern häuslicher Gewalt bei der Wohnungssuche hilft. Inzwischen sind wir gute Freunde. Es gibt allerdings auch viele Stipendiat:innen, die nur das Geld nehmen, und damit tolle Möglichkeiten verpassen.

Das Stipendium gilt nur für ein Förderjahr, man kann sich aber für ein zweites bewerben, das habe ich bereits gemacht. Dazu musste ich im Grunde noch einmal den gleichen Onlinebogen mit ein paar zusätzlichen Fragen ausfüllen. Ich hoffe sehr, dass es klappt.«

Die Förderung

Finanziell: Pro Monat erhalten Stipendiat:innen des Deutschlandstipendiums  300 Euro. Die Hälfte des Geldes stammt aus Bundesmitteln, die andere Hälfte von privaten Stifter:innen.

Ideell: Das ideelle Programm variiert etwas je nach Hochschule. An der Goethe-Universität Frankfurt am Main haben Stipendiat:innen die Möglichkeit, sich in Projektgruppen zu engagieren, Vorträge und Workshops zu besuchen und über Treffen mit den Stifter:innen Kontakte zu Firmen zu knüpfen.

Fazit

»Manches, was ich während des Stipendiums gemacht habe, hätte ich mir früher niemals zugetraut, ein großes Fest zu moderieren etwa. Ich kann nur allen empfehlen, sich zu bewerben, und in der Bewerbung ruhig auch Persönliches zu erzählen. Und wenn man das Stipendium bekommt, sollte man alles mitnehmen – nicht nur das Geld.«

Transparenzhinweis: Die Autorin ist selbst Stipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung, der parteinahen Stiftung der CDU.