Eltern-Besuch im Studium: Wie man Streit vermeidet und alte Rollen ablegt - DER SPIEGEL
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Tanya Falenczyk

meinung •Newsletter »Semester Eins« So wird der Elternbesuch harmonisch

Studium, neue Stadt, neue Freiheiten – und dann geht es zurück zu den Eltern. Wie man dort alte Rollen ablegt und die gemeinsame Zeit entspannt gestaltet.
Besuch bei den Eltern: Viele fallen in der Heimat in alte Rollen zurück
Besuch bei den Eltern: Viele fallen in der Heimat in alte Rollen zurück

Besuch bei den Eltern: Viele fallen in der Heimat in alte Rollen zurück

Rahel Süßkind / DER SPIEGEL

Nach einigen Wochen in deiner neuen Unistadt ist wahrscheinlich spätestens jetzt der Zeitpunkt gekommen, an dem du zurück in die Heimat fährst. (Es sei denn, du wohnst ohnehin noch zu Hause – wie fast ein Drittel aller Studierenden in Deutschland. Trotzdem kannst du aus dieser Folge bestimmt etwas mitnehmen, was der Beziehung zu deinen Eltern guttut.)

Meine Studienstadt Wien und meine Heimatstadt Passau trennten nur rund zwei Stunden Fahrt. Am Anfang stieg ich fast jedes Wochenende in den Zug, weil ich meinen festen Freundeskreis und mein Zuhause vermisste. Je mehr ich in Wien ankam – in meiner WG, mit neuen Freund:innen, einem Nebenjob – desto seltener wurden die Besuche. Es fiel mir zeitweise schwer, mein altes und mein neues Leben zu vereinbaren. Die Wochenenden schienen so kostbar und ich wollte mein neues Heimatgefühl nicht unterbrechen. Dafür fühlte es sich noch zu wackelig an.

Mit dieser Balance kämpft auch unsere Kolumnistin Ananda Klaar, die gerade in Leipzig studiert. Obwohl sie sich so auf ihr selbstständiges Studentenleben gefreut hatte, vermisste sie anfangs ständig ihr Zuhause. Jetzt beschweren sich ihre Eltern, dass sie sich zu selten sehen.

Wie oft sollte man sich bei den Eltern melden?

Eine, die Rat wissen könnte, ist Heike Buhl. Die Beziehung zwischen Erwachsenen und ihren Eltern ist ihr »Lieblingsthema«, wie sie im Interview sagt. Sie ist Professorin für pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie an der Universität Paderborn und forscht seit gut 20 Jahren dazu. Aber wie die richtige Balance aussieht, kann selbst sie nicht beantworten.

»Wenn 25-Jährige dreimal am Tag bei ihren Eltern anrufen, schaudert es uns, genauso, wenn sie sich nur alle paar Jahre melden«, so Buhl. Früher habe man in der Psychologie noch so etwas gesagt wie: Einmal die Woche sollten erwachsene Kinder ihre Eltern anrufen, das sei ein gesunder Mittelwert. Aber so einfach lasse sich das leider nicht beziffern.

»Eltern und Kinder müssen sich sagen, was sie sich voneinander wünschen, und auch, was sie aneinander stört.«

Psychologin Heike Buhl

Da hilft nur: Kommunikation. »Eltern und Kinder müssen sich sagen, was sie sich voneinander wünschen, und auch, was sie aneinander stört«, sagt Buhl. Konflikte dienen dazu, Beziehungen zu verändern. Deshalb sollte man in Gesprächen nicht bloß auf eitel Sonnenschein machen, sondern gerade die Punkte anpacken, die schmerzhaft sind.

Wenn sich Eltern also, wie die von Ananda, vernachlässigt fühlen, ist es gut, dass sie darüber sprechen. Buhls Forschung zeigt, dass gelegentlicher echter Streit die Beziehung zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern meist nicht stört. Ständige, leise Kritik hingegen schon. Es ist also besser, wenn es mal so richtig knallt, als wenn man permanent aneinander herumnörgelt.

Wie schafft man es, zu Hause nicht wieder zum Kind zu werden?

Das ist wohl auch ein guter Rat für ein anderes Problem, das ich von Heimatbesuchen noch zu gut kenne. Dort freute ich mich auf den vollen Kühlschrank und ließ mich mit dem Auto zu Verabredungen fahren. Kurz gesagt, ich verhielt mich wie das Kind, das ich schon lange nicht mehr war.

Viele fallen in der Heimat in alte Rollen zurück. Manche reisen sogar mit ihrer dreckigen Wäsche im Gepäck an. Aber auch Eltern haben oft Schwierigkeiten, bewährte Muster loszulassen.

»Immer, wenn ich wieder zu Hause bin, dauert es nur wenige Tage, bis mich die ständige Neugier und Besorgtheit meiner Eltern nervt, ich die Routine meines Alltags und auch die Vorzüge meiner eigenen Wohnung vermisse«, erzählt Ananda. »Dort muss ich auf niemanden Rücksicht nehmen, wenn ich nicht immer direkt alles aufräume, dort liegen für mich als Veganerin weder Käse noch Fleisch im Kühlschrank und auch kommen und gehen kann ich, wann ich möchte.«

Kurz nach Ankunft schon von den Eltern genervt zu sein, ist kein schönes Gefühl. Weil man die gemeinsame Zeit, die gerade weniger wird, doch nutzen möchte.

Bei Sabine Stiehler von der psychosozialen Beratungsstelle des Studierendenwerks Dresden berichten viele Studierende von ähnlichen Konflikten. Sie rät im Interview, dass man sich bewusst machen soll, warum man überhaupt in die Heimat fährt. Woher kommt das Bedürfnis? Damit nehme man die Selbstverständlichkeit und das Pflichtgefühl vorweg. Denn darin kann Konfliktpotenzial stecken.

»Je mehr Abstand ich habe, desto mehr schätze ich den Ort, an dem ich aufgewachsen bin.«

Studentin Ananda Klaar

In alte Muster zurückzufallen, sieht sie nicht unbedingt als Problem. Wenn man sich mit gewissen Rollen wohlfühlt, darf man diese auch behalten. Wer sich also gern herumkutschieren lässt und einen Elternteil hat, der das bereitwillig tut, soll ruhig dabei bleiben.

Bei Mustern, die einen stören, gilt wieder: ansprechen. Wer nicht täglich um 18 Uhr zum Abendessen zu Hause sein möchte, kann etwa sagen: »Danke, dass ihr jeden Abend für mich kocht. In der Regel esse ich nicht so früh zu Abend. Ich würde gern manche Abende auch mit Freund:innen verbringen. Ihr müsst mit dem Essen nicht auf mich warten, ich bereite mir gern selbst etwas zu. Seid ihr damit einverstanden?« Stiehler sagt, in den meisten Fällen werde das von den Eltern auch akzeptiert.

Obwohl Ananda mittlerweile in Leipzig angekommen ist, hat sie noch manchmal Heimweh. »Je mehr Abstand ich habe, desto mehr schätze ich den Ort, an dem ich aufgewachsen bin«, schreibt sie. Mittlerweile sei es für sie aber in Ordnung, ihre Heimat manchmal zu vermissen. Sie wisse ja, wo sie heute hingehöre.

Ich würde sagen, das ist ein Zeichen dafür, die richtige Balance gefunden zu haben. Hoffentlich helfen dir diese Tipps dabei, dass dir das auch gelingt.

Viel Geduld und gute Kommunikation wünscht

Tanya Falenczyk, Redakteurin SPIEGEL Start


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Bei Besuchen in der Heimat bekommt man von den Eltern häufig etwas zugesteckt: Geld fürs Zugticket, Gemüse für den leeren WG-Kühlschrank, vielleicht sogar einen Zuschuss für den neuen Laptop. Aber was sollten sich erwachsene Kinder noch bezahlen lassen? Das hat eine Psychologin meiner Kollegin Franca Quecke hier beantwortet  – und auch verraten, vor welchen Geschenken man sich hüten sollte.


Beim nächsten Mal

In der nächsten Folge in einem Monat geht es um die schwierigen Seiten des Studiums – dazu gehören Stress, Prüfungsangst und Überforderung. Aber es gibt an vielen Orten Hilfe, wenn der Druck zu groß wird.

Anschluss verpasst? Alle bisherigen Folgen von »Semester Eins« findest du hier.


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