Aletria: Am Schachbrettmuster kann ich arbeiten – lecker war es allemal
Foto: Sebastian Maas / DER SPIEGELKochen ohne Kohle Milchnudeln, aber de luxe – für 70 Cent pro Portion
Vor Kurzem war ich mit der Familie meiner Frau in einem brasilianischen Restaurant. Kugelrund, nach gefühlten 19 Gängen, brachte mein Schwager vom Dessertbuffet noch eine Runde »Aletria« mit, einen kalten, süßen Nachtisch, den niemand von uns kannte. Er sah aus wie eine Mischung aus Milchreis, Tiramisu und ... Spaghetti? »Das schmeckt ja wie Milchnudeln«, begeisterte sich meine Frau. Inzwischen weiß ich: Genau das ist es auch. Nur in besonders gut.
Milchnudeln sind für mich ein Gericht aus Kindertagen. Und ein gängiges, einfaches Essen für knappe Kassen. Man kocht einfach Nudeln in leicht gesüßter Milch, am Ende gab es bei uns noch etwas Zimt dazu – fertig. Weil mich der Geschmack von Aletria nicht losließ, habe ich inzwischen recherchiert, wie man diese besonderen Milchnudeln selbst zaubert.
Das Gericht ist wieder mal eine spannende Lektion in kulinarischer Weltgeschichte. Was schon beim Namen beginnt, denn ein »Al« am Anfang deutet meist auf einen arabischen Ursprung hin. Und der südwestliche Teil Europas war von – grob gesagt – 700 bis 1200 in maurischer Hand, an Palästen und Burgen wie der Alhambra in Spanien oder Sintra in Portugal kann man das Erbe dieser Zeit bis heute sehen.
Und was hat das nun alles mit Milchnudeln zu tun? Nun ja: Das Kochen feiner Nudeln in honigsüßer Mandelmilch brachten wahrscheinlich Araber nach Südwesteuropa, die die Nudeln selbst zuvor wohl in Griechenland gegessen hatten. Darauf deuten Texte im »Llibre de Sent Soví« hin, einer katalanischen Rezeptsammlung aus dem 14. Jahrhundert. Und auch der Name ist ein Hinweis: Aus dem griechischen »Itria« wurden arabische »Itriyah«, aus »Al-Itriyah« wurde »Aletria«, ein Wort, das zumindest in Portugal bis heute verwendet wird. Und die Portugiesen waren es eben auch, die ein paar Jahrhunderte nach dem Ende der maurischen Herrschaft das heutige Brasilien kolonisierten, welches bis heute Portugiesisch spricht.
So kommt es also, dass ich heute in einem Restaurant in Deutschland griechisch-arabisch-portugiesisch-brasilianisch-inspirierten Milchnudelpudding namens Aletria essen kann. Was für ein Ritt. Der muslimische Einfluss ist besonders interessant, wenn man bedenkt, dass Aletria in Portugal am liebsten rund um die Weihnachtszeit gegessen wird.
In Deutschland wie Portugal gibt es eine große Geschmacks- und Streitfrage rund um Milchnudeln, mit wie viel Flüssigkeit sie serviert werden sollen. Einige Regionen essen das Gericht sehr »suppig« mit Nudeln, die in viel süßer Milch schwimmen, andere mögen es stichfest. Bei den meisten portugiesischen Varianten wird die Milch zunächst mit Zimtstangen und Zitrusfrüchten aromatisiert. Später wird mit Zucker verrührtes Eigelb unter die süße Masse gehoben, um eine Art Pudding zu kreieren. Wer keine Eier mag oder vegan lebt, kann denselben Effekt mit Puddingpulver erzeugen.
Ich gebe außerdem noch etwas Orangen oder Zitronensaft dazu, weil die frische Säure ein leckeres Gegengewicht zu dem sonst recht süßen Gericht ist.
Das benötigt man für vier Portionen Aletria, als Nachtisch
Wer es vegan halten will, nimmt Pflanzenmilch und ersetzt die Eier durch Puddingpulver
Foto: Sebastian Maas / DER SPIEGEL500 ml Milch oder vegane Alternative
130 g möglichst dünne Fadennudeln wie Capellini oder Engelshaar
2 Eigelb, oder für die vegane Variante 1/2 Päckchen Vanillepuddingpulver
1/2 Bio-Zitrone oder -Orange (Saft und Schale)
4-8 gestrichene Esslöffel Zucker, nach Geschmack
1 Päckchen Vanillezucker
1 Prise Salz
Jede Menge Zimt zum Verzieren und Kochen
Optional: etwas Butter oder Margarine, Muskatnuss, gezuckerte Kondensmilch
Was kostet das? Für die vegane Variante nur etwa 50 Cent pro Portion, mit Eiern landet man bei etwa 70 Cent pro Portion.
Wie lange dauert das? Etwa 30 Minuten Arbeit plus Zeit zum Abkühlen.
So macht man Aletria
Die Milch in einem hohen Topf erhitzen und regelmäßig umrühren. Etwas Zitronen- oder Orangenschale, den Vanillezucker, Salz und die Hälfte des Zuckers hinzugeben, während die Milch erhitzt. Wer mag, fügt auch etwas geriebene Muskatnuss oder Zimt hinzu.
Die Hitze auf etwa ein Drittel des Maximums verringern, sobald die Milch aufkocht. Falls man große Gewürze wie Zimtstangen oder ganze Zitronenschale verwendet: jetzt herausnehmen. Dann die Nudeln hinzugeben.
Die Pasta sanft weich kochen lassen, ab und zu umrühren. Capellini kocht man normalerweise drei Minuten, heute aber lieber zehn Minuten: Wegen der geringeren Hitze dauert alles länger, außerdem sollen die Nudeln weich sein, nicht al dente.
Wenn die Nudeln weich sind, kann die Hitze abgestellt und der Topf von der Herdplatte genommen werden.
Den restlichen Zucker mit den zwei Eigelben in einer Schüssel verrühren. Löffelweise die Hälfte der heißen Nudeln zur Eier-Zucker-Mischung geben und dabei gut weiterrühren. Wenn man etwa die Hälfte der Nudel- mit der Eimasse verrührt hat, kommt alles zurück in den Topf. Dieses schrittweise Erwärmen der Eigelbe sorgt für eine sanfte Creme. Kippt man sie stattdessen in die heißen Nudeln, stocken sie – und man hat Rührei in der Süßspeise.
Das Ei noch zwei bis drei Minuten durchgaren lassen, dann Orangen- oder Zitronensaft in den Topf geben und die optionale Butter oder ein paar Löffel gezuckerte Kondensmilch unterrühren.
Die Masse auf einen großen, halbhohen Teller oder eine Servierplatte stürzen, etwas abkühlen lassen und an der Oberfläche mit Zimt bestreuen. Traditionell macht man das im Karo- oder Streifenmuster, bei mir war es eher abstrakte Kunst.
Wer mag, isst dazu noch etwas Fruchtiges wie Grütze oder Marmelade. Traditionell gehört das zwar nicht dazu – aber ich liebe es, mit Traditionen zu brechen!
Fertig ist die Aletria, die lauwarm und kalt schmeckt. Übrigens: Nicht nur haben die Araber Portugal geprägt, sondern auch andersherum. Zum Beispiel ist das arabische Wort für »Orange« (Aussprache ungefähr al-Burtural) an den Landesnamen von Portugal angelehnt – wahrscheinlich, weil Portugal die Früchte als Erstes in Europa anbaute.
Viel Spaß beim Nachkochen!
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