Stipendium des Avicenna Studienwerks: Voraussetzung, Bewerbung, Förderung - DER SPIEGEL
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Unterstützung für Studierende Wie man ein Avicenna-Stipendium bekommt – und was es bringt

Esra Eroğlu ist Stipendiatin des muslimischen Begabtenförderungswerks Avicenna. Hier berichtet sie, welche Rolle ihr Glaube bei der Förderung spielt. Und welche Pflichten sie erfüllen muss.
Aufgezeichnet von Caroline Becker
Esra Eroğlu: »Mir war klar, dass ich ein weiteres Stipendium brauchen würde, um mein Studium finanzieren zu können«
Esra Eroğlu: »Mir war klar, dass ich ein weiteres Stipendium brauchen würde, um mein Studium finanzieren zu können«

Esra Eroğlu: »Mir war klar, dass ich ein weiteres Stipendium brauchen würde, um mein Studium finanzieren zu können«

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Daniel Tihonov

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Laut myStipendium  gibt es in Deutschland mehr als 3000 Stipendienprogramme. Doch wie bekommt man ein Stipendium, und was kann man von der Förderung erwarten? In der Reihe »Stipendien erklärt« stellen wir verschiedene Stipendiengeber vor – von den großen Begabtenförderungswerken bis zu privaten Stiftungen.

Das muslimische Begabtenförderungswerk Avicenna ist das jüngste der 13 Begabtenförderungswerke und mit 500 Stipendiat:innen auch eines der kleineren. Bewerber:innen sollten  überdurchschnittliche Leistungen, soziales Engagement und einen Bezug zum Islam und zum muslimischen Glauben vorweisen können.

Die religiöse Prägung des Werks gefällt Esra Eroğlu, 21. Sie studiert Jura und Wirtschaftswissenschaften an der EBS Universität in Wiesbaden und ist seit 2019 Avicenna-Stipendiatin.

Die Entscheidung für Avicenna

»Ich war eine gute Schülerin, mit einem Abi-Schnitt von 1,4. Und ich habe mich inner- und außerhalb der Schule engagiert: Ich war Schulsprecherin und im Vorstand des Arbeitskreises der Karlsruher Schülervertreter, kurz AKS. Außerdem war ich in einem Koranlesekreis, über den ich auch bei sozialen Projekten mitarbeitete, unter anderem einem für Obdachlose. Mein Glaube ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens.

Nach dem Abitur zog ich nach Wiesbaden, um Jura und Wirtschaftswissenschaften an der privaten EBS Universität zu studieren. Das Studium kostet über 60.000 Euro , aber ich wollte auf jeden Fall auf diese Uni. Trotz eines Uni-Stipendiums, das einen Teil meiner Studiengebühren übernimmt, war mir klar, dass ich noch ein weiteres Stipendium brauchen würde, um mein Studium und Leben in Wiesbaden finanzieren zu können. Einige meiner Bekannten waren damals bereits in der Avicenna-Förderung. Von ihnen hatte ich gehört, dass das Werk klein und familiär sei, und dass die Stipendiat:innen sehr aktiv sind. Das gefiel mir.

Außerdem hatte ich mit der Ausübung meines Glaubens in der Gemeinschaft nach dem Umzug zunächst wenig Berührungspunkte. Es gibt an meiner Uni zum Beispiel keine muslimische Hochschulgruppe. Daher sah ich in der Bewerbung für Avicenna auch die Chance, mich mit muslimischen Studierenden zu vernetzen, auszutauschen und Projekte auf den Weg zu bringen.«

Die Begabtenförderungswerke

Die 13 Begabtenförderungswerke  unterstützen Studierende und Promovierende sowohl finanziell als auch ideell. Sie stehen in Verbindung mit Parteien, Religionsgemeinschaften oder anderen Organisationen. Laut myStipendium  bieten sie deutschlandweit ein Viertel der Stipendien an; den größten Teil davon finanziert das Bundesministerium für Bildung und Forschung .

Der Bewerbungsprozess

»Da ich gerade erst mit dem Studium begonnen hatte, bewarb ich mich mit meinen Abiturnoten. Neben einem Bewerbungsformular und einem Motivationsschreiben muss man zwei fachliche Gutachten von Lehrer:innen oder Dozierenden und ein Gutachten zum Engagement einreichen. Letzteres schrieb eine Mitarbeiterin des Stadtjugendausschusses Karlsruhe, die mich durch den AKS kannte. Beim Motivationsschreiben gab es Fragen, an denen ich mich entlanghangeln konnte – etwa, welche Rolle der Glaube in meinem Leben spielt, oder welche Personen mich inspirieren und warum.

Im zweiten Schritt wurde ich zu einem Auswahltag eingeladen. Aktuell läuft das digital ab. Es gab eine Gruppendiskussion mit anderen Bewerber:innen, bei der es um den Medienkonsum von Jugendlichen ging, und ein Einzelgespräch, in dem ich zu meinem Studium, meinem gesellschaftlichen Engagement und zu Religion befragt wurde. Auf die Frage, mit welchem tagespolitischen Geschehen ich mich in letzter Zeit auseinandergesetzt hätte, antwortete ich: mit der Debatte über die Einführung einer Straßenbahn in Wiesbaden. Das hat die Auswählenden überrascht, die meisten Bewerber:innen nennen wohl globale Themen. Aber ich erklärte dann, dass ich Kommunalpolitik wichtig fände und mich in diesem Bereich selbst engagiert hätte.«

Voraussetzungen und Auswahlkriterien

Das Begabtenförderungswerk Avicenna  fördert Muslim:innen oder in Ausnahmen Personen mit einem besonderen Bezug zum Islam (z.B. durchs Studium). Um ins Cusanuswerk  aufgenommen zu werden, ist die Mitgliedschaft in der katholischen Kirche ein Muss und auch beim jüdischen Studienwerk  ist die Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft Voraussetzung. Beim Evangelische Studienwerk Villingst  ist die Mitgliedschaft in der evangelischen Kirche nicht zwingend nötig.

Für die Bewerbung zählen:

  • Überdurchschnittliche Leistungen (auch ein Zweierschnitt kann reichen)

  • Gesellschaftliches oder soziales Engagement (von Klassensprecher:in bis NGO ist alles möglich)

  • Motivation und gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein; außerdem die Frage, wie gut die Bewerber:innen zur Stiftung passen

Der Bewerbungsprozess  ist oft mehrstufig. In der Regel brauchen Bewerber:innen Gutachten und/oder müssen einen Fragebogen ausfüllen, bevor sie zu persönlichen Bewerbungsgesprächen und/oder Auswahltagen eingeladen werden.

Hinweis: Wegen der Coronapandemie haben einige der Begabtenförderungswerke den Bewerbungsprozess leicht verändert. Die Auswahlgespräche finden zum Beispiel vermehrt online statt.

Das Stipendium

»Das Stipendium begann mit einem Willkommenswochenende in Münster. Es gab Vorträge, Gruppenarbeiten und viel Zeit, um sich kennenzulernen. So konnten wir als Jahrgang zusammenwachsen. Man trifft im Werk Menschen mit den unterschiedlichsten biografischen Hintergründen und Bezügen zum Islam. Die meisten sind selbst Muslim:innen, der Bezug kann aber auch darin bestehen, dass man etwa Islamwissenschaften studiert.

In fachübergreifenden Regionalgruppen treffen wir uns jeden Monat, etwa zu Vorträgen oder Ausflügen. Mal geht es um Fachliches, mal um Religion, mal um Teambuilding. Wegen der Pandemie findet gerade vieles online statt. Die Teilnahme an solchen Veranstaltungen ist verpflichtend, ebenso wie die am Jahrestreffen. Es wird erwartet, dass man sich einbringt, also beispielsweise ein Regionaltreffen im Jahr mitorganisiert. Wenn man das aus irgendwelchen Gründen nicht schafft, kann man das aber mit dem Studienwerk besprechen.

Die Förderung

Finanziell: Die Rahmenbedingungen sind bei allen Begabtenförderungswerken gleich . Pro Monat erhalten Stipendiat:innen pauschal 300 Euro sogenanntes Büchergeld. Je nach Einkommen und Vermögen der Studierenden und ihrer Eltern können in Anlehnung ans Bafög bis zu 752 Euro pro Monat dazukommen, außerdem Zuschläge für die Kranken- und Pflegeversicherung. Promovierende erhalten ein Stipendium in Höhe von 1350 Euro pro Monat.

Ideell: Die Teilnahme an Seminaren und Hochschulgruppentreffen der Begabtenförderungswerke wird meist erwartet. Stipendiat:innen können sich auch selbst einbringen, Seminare organisieren oder Hochschulgruppen leiten. Darüber hinaus bieten die Stiftungen oft freiwillige Zusatzangebote wie Mentoring-Programme, Networking Events und Workshops.

Darüber hinaus gibt es freiwillige Seminare und fachbezogene Arbeitsgruppen. Ich bin in den AGs Jura, Wirtschaft und Inklusion. Die AG Inklusion haben wir Stipendiat:innen neu gegründet. Wir wollen durch Workshops und Leitfäden – etwa dazu, wie man barrierefreie Dokumente erstellt – ein Bewusstsein für Inklusion schaffen.

Neben der ideellen ist natürlich auch die finanzielle Förderung super: Ich bin Bafög-berechtigt und erhalte daher neben der monatlichen Studienkostenpauschale von 300 Euro ungefähr den Satz, den ich auch beim Bafög bekommen würde. Für das Geld bin ich sehr dankbar, da ich sonst mein Studium nicht finanzieren könnte und keine Zeit mehr für ehrenamtliches Engagement hätte.«