Hochschulstädte im Porträt »Lingen ist ein Kosmos für sich, in dem schnell eine tolle Dynamik entsteht«
Student Marcel Landwehr, Studistadt Lingen: »Wenn ich eines Tages wegziehe, werde ich die Zeit hier sehr vermissen«
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Ein Campus in der denkmalgeschützten Halle eines alten Eisenbahnausbesserungswerks, Kneipen mit Studi-Specials und ein bekanntes Festival, das von Abiturient:innen ins Leben gerufen wurde. Lingen im Emsland bietet nicht nur Backsteinfassaden, weite Felder und entschleunigtes Leben – sondern auch eine lebendige Studierendenkultur.
Das schätzt Marcel Landwehr an Lingen. Der 25-Jährige ist in der Nähe von Osnabrück aufgewachsen und lebt seit sechseinhalb Jahren hier. An der Hochschule Osnabrück studiert er im Master Kommunikation und Management.
Ob altehrwürdige Universitätsstadt oder eher unbekanntes Örtchen: Wer zum Studium an einen neuen Ort zieht, muss sich erst einmal orientieren. In der Reihe »Stadt, Land, Studium« stellen wir Hochschulstädte vor – und lassen Studierende erzählen, wie der Alltag dort abläuft.
Was hat der Campus zu bieten? In welchen Vierteln wohnt es sich am schönsten, was kostet ein WG-Zimmer? Welche Partys sind legendär und wo verbringt man seine Zeit, wenn man nicht im Hörsaal sitzt?
Campusleben: Standort, Mensa und Café
»Wir sind eine Außenstelle der Hochschule Osnabrück. Die meisten Standorte der Hochschule befinden sich im circa 60 Kilometer entfernten Osnabrück, die Fakultät Management, Kultur und Technik aber hier in Lingen. Der Campus liegt in einer denkmalgeschützten Halle eines ehemaligen Eisenbahnausbesserungswerks. In die über 200 Meter lange und 15 Meter hohe Halle wurden zehn moderne Gebäude mit Seminarräumen, Vorlesungssälen, Verwaltung, Bibliothek sowie einem TV- und Radiostudio gebaut. Der Industriecharme bleibt erhalten – mit sichtbaren Stahlträgern und einem alten Kran.
Daneben wurde die Mensa errichtet, auch der Bahnhof liegt direkt um die Ecke. Nur das Institut für Theaterpädagogik sitzt an einem anderen Ort in der Stadt. Daran angegliedert ist das Burgtheater, wo die Studierenden ihre Projekte und Stücke aufführen. Es finden dort aber auch zum Beispiel Lesungen oder Konzerte statt.
Im Gegensatz zu anderen Campus gibt es bei uns keine eigenen Sporthallen. Hochschulsportangebote gibt es trotzdem – sie finden in Kooperation mit lokalen Vereinen statt, die ihre Anlagen zur Verfügung stellen. Einige Studierende organisieren auch auf Eigeninitiative Kurse. Dieses Semester gibt es zum Beispiel einen sehr gut besuchten Volleyballkurs. Das ist für mich, was Lingen ausmacht: Die Studierenden haben wahnsinnige Lust, selbst anzupacken und Lingen zu einer coolen Unistadt zu machen. Lingen ist ein eigener Kosmos für sich, in dem schnell eine tolle Dynamik entsteht.«
Größte Stadt im Landkreis Emsland im Bundesland Niedersachsen
Rund 57.600 Einwohner:innen, etwa 2300 Studierende
Berühmtheiten: Christian Drosten, Bernd Rosemeyer
Wohnen: WG-Preise und Stadtteile
»Es passiert sicherlich einmal im Semester, dass ein Erstsemestler denkt, Lingen sei ein Stadtteil von Osnabrück, und sich dann dort ein WG-Zimmer sucht – und dann am ersten Unitag erfährt, dass der richtige Campus mindestens eine Zugstunde entfernt liegt. Ich bin direkt in der richtigen Stadt gelandet und wohne seit meinem ersten Semester in einer Einzimmerwohnung direkt am Marktplatz. Für 28 Quadratmeter zahle ich etwa 380 Euro warm.
Zum Campus laufe ich etwa fünf Minuten. Viele Studierende wohnen in WGs oder in den Studierendenwohnheimen, die wir wegen ihrer Baukastenoptik ›Legohäuser‹ nennen. Das sind sechs Gebäude, jeweils zwei grüne, rote und gelbe, in denen die Wohnungen vom Studierendenwerk liegen. Einige Studierende pendeln mit dem Auto aus dem Umland, deswegen gibt es am Campus einen recht großen Parkplatz.
Lingen hat verschiedene Stadtteile, aber die spielen keine große Rolle. Wir definieren nicht nach Vierteln, sondern nach nahe gelegenen Orten. Werde ich gefragt, wo ich wohne, antworte ich: ›Am Marktplatz.‹ Dann weiß jeder Bescheid. Andere sagen zum Beispiel ›hinter den Schienen‹, ›rechts vom Aldi‹, ›am Stadion‹ oder ›am Kanal‹. Damit ist der Dortmund-Ems-Kanal gemeint, der die Stadt teilt. Hier bin ich sehr oft, zum Spazieren, Joggen, In-der-Sonne-Sitzen. Mein Ziel ist es, mindestens einmal täglich das Wasser zu sehen.«
Ein WG-Zimmer kostet durchschnittlich 325 Euro. Das ergab eine Abfrage bei WG-gesucht.de. Hier gibt es eine Übersicht zu den Studierendenwohnheimen in Lingen.
Freizeit: Kultur, Kneipe und Klub
»Vielleicht denken Leser:innen: Lingen, das liegt inmitten von Feldern irgendwo im Emsland, da gibt es ja nicht viel. Das stimmt so nicht! Ja, Felder sind überall, soweit man schauen kann. Die Natur um Lingen ist wunderschön. Aber abseits davon hat die Stadt für Studierende einiges zu bieten. Die jungen Menschen, die hier leben, sind eine Community – das Miteinander ist sehr familiär. Man kennt sich fachübergreifend und trifft sich immer wieder an den gleichen Orten – zum Beispiel in den Kneipen in der Schlachterstraße.
Besonders gern gehe ich ins Koschinski. Dort gibt es eine eigene Studi-Karte mit fairen Preisen, hin und wieder legen DJs auf. Im Butchers direkt nebenan trinke ich gern Cocktails. In den beiden Bars findet einmal im Jahr die ›Night of the Profs‹ statt. Unsere Dozierenden legen als DJs auf, die Studis sind das Publikum – eines meiner Lieblingsevents! Wer gern auf Technopartys geht, fährt am besten nach Münster.
Lautfeuer-Festival: Von Abiturient:innen ins Leben gerufen
Foto: PrivatLingen ist nicht weit von der niederländischen Grenze entfernt. Mit dem Auto fährt man circa 45 Minuten nach Hengelo und in die Universitätsstadt Enschede. Die Zugverbindung dauert etwa anderthalb Stunden. Im Sommer gehe ich auch gern Kanu fahren auf der Ems – oder fahre ans Meer. In zwei Zugstunden erreicht man die Nordsee.«
Trotz seiner überschaubaren Größe ist Lingen Gastgeber großer Musikveranstaltungen. Nahe dem Stadtzentrum befindet sich die EmslandArena. Die Mehrzweckhalle hat eine Kapazität von bis zu 5000 Besucher:innen und ist eine wichtige Eventlocation in der Region. Hier finden regelmäßig Konzerte und Veranstaltungen großer nationaler und internationaler Künstler statt – im Sommer auch Open Air.
Auf der Wiese nahe dem stillgelegten Atomkraftwerks in Lingen findet jedes Jahr das kostenlose »Lautfeuer«-Festival statt. Früher war es unter dem Namen »Abifestival« bekannt. Es existiert seit 1981 und wird traditionell vorwiegend von den Abiturjahrgängen der Lingener Gymnasien organisiert. Künstler:innen und Bands wie Cro, KIZ, AnnenMayKantereit und Casper haben hier bereits gespielt.
Nach dem Abschluss: Wie geht’s weiter?
»Wenn ich eines Tages wegziehe, werde ich die Zeit hier sehr vermissen. Mir gefällt die emsländische Gelassenheit und das ruhige Leben – und doch wird es nie langweilig, weil die Studierenden die Stadt mitgestalten.
Trotzdem steht für mich bald ein Abschied an. Die Karrieremöglichkeiten sind in Großstädten einfach vielfältiger. Ich hätte Lust auf Köln oder Düsseldorf, die interessantesten Jobangebote finde ich aber aktuell in Frankfurt am Main. Doch egal, wohin es mich zieht: Lingen bleibt ein Stück Heimat, und ich werde immer wieder zurückkommen. Wenn auch nur für ein Wochenende.«