Studium: Hochschulen brauchen neue Prüfungsformen – und zwar schnell! - DER SPIEGEL
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Ananda Klaar

meinung •Lernen, um zu vergessen? Wir brauchen neue Prüfungsformen – und zwar schnell!

Ananda Klaar
Eine Kolumne von Ananda Klaar
Druck, Angst, schlaflose Nächte: Die Prüfungsphase macht vielen zu schaffen. Für mich hat sie sich vor allem nach Fleißarbeit angefühlt, nicht wie eine Vorbereitung auf Job und Leben. Das muss besser gehen.
Weniger Fleißarbeit, mehr nachhaltiges Lernen: Es braucht neue Prüfungsformen, fordert unsere Autorin (Symbolbild)
Weniger Fleißarbeit, mehr nachhaltiges Lernen: Es braucht neue Prüfungsformen, fordert unsere Autorin (Symbolbild)

Weniger Fleißarbeit, mehr nachhaltiges Lernen: Es braucht neue Prüfungsformen, fordert unsere Autorin (Symbolbild)

Foto: DaniloAndjus / E+ / Getty Images

Seit einem Monat stecke ich in der ersten Prüfungsphase meines Studiums. Statt auf der Couch meiner Freund:innen hänge ich also jeden Abend in der Bibliothek, statt in Ruhe zu kochen, hole ich mir auf dem Heimweg einen Seitan-Döner. Am schlimmsten aber ist: Obwohl mich mein Studienfach Ethnologie und die Inhalte begeistern, habe ich nicht das Gefühl, wirklich etwas zu lernen. Zumindest nicht so, dass ich es nach den Prüfungen noch weiß. Stattdessen plagen mich Leistungsdruck und Stress – als wären Zukunftsängste, Geldsorgen und die allgemeinen Probleme des Erwachsenwerdens nicht schon anstrengend genug.

Allein bin ich damit nicht. Laut dem Gesundheitsreport 2023 der Techniker Krankenkasse  waren im Jahr vor der Befragung 68 Prozent der deutschen Studierenden durch Stress erschöpft; zu den Hauptbelastungsfaktoren gehörten laut der Erhebung Prüfungen. Nicht nur deshalb finde ich, dass Universitäten neue Prüfungsformen brauchen.

Wird schon!

Mitten in der Pandemie Abitur gemacht, Traumstudienplatz nicht bekommen, trotzdem in die Unistadt gezogen: In ihrer Kolumne »Wird schon!« beschreibt Ananda Klaar, wie man trotz Dauerkrise gut ins Erwachsenenleben startet. Und die Dinge dabei vielleicht sogar besser macht als vorherige Generationen.

Ananda Klaar, geboren 2003, ist Autorin des Sachbuchs »Nehmt uns endlich ernst! Ein Aufschrei gegen die Übermacht der Alten«. Sie ist inaktives Mitglied bei den Jusos und setzt sich in der Hochschulgruppe »Students for Future« für Klimaschutz ein.

Ethnologie ist ein vergleichsweise kleiner Studiengang, daher muss auch nicht großzügig aussortiert werden wie in Medizin oder Elektrotechnik. Trotzdem entscheiden auch bei uns am Ende die Noten darüber, ob man weiterstudieren darf oder nicht. Aktuell sagen die aber vor allem etwas darüber aus, wie viel man auswendig lernen konnte. Ja, Prüfungen helfen, um den eigenen Lernfortschritt einzuschätzen. Noten aber fördern nicht nur den Leistungsdruck, sondern auch das Konkurrenzdenken unter Kommiliton:innen.

Zu viel reine Fleißarbeit

Auf meinem Lern- und Prüfungsplan zum Beispiel standen in diesem Semester eine Sprachprüfung in Indonesisch und zwei sogenannte Essayklausuren. Darin musste ich Fragen in kurzen Aufsätzen beantworten. Klingt erst mal gut – in Wahrheit wurde doch vor allem Wissen aus den Vorlesungen abgefragt, das ich auswendig gelernt hatte.

Zwei Wochen vor dem ersten Prüfungstermin fing ich damit an, wiederholte den Stoff der Vorlesungen, notierte mir die wichtigsten Daten und Fakten auf digitalen Karteikarten. Eine Woche nach der Prüfung hatte ich vieles davon schon wieder vergessen. Wie entfernte Erinnerungen wabern mir nun manchmal Fetzen aus den Vorlesungen vor dem Einschlafen durch den Kopf.

Schon währenddessen und danach erst recht fühlte sich die Vorbereitung nach reiner Fleißarbeit an. So, als hätte ich vor allem für die 90 Minuten während der Prüfung gelernt – nicht für das Leben danach und vor allem nicht aus meinem eigenen Interesse heraus. Dabei interessiert mich der Stoff eigentlich. Nach den Vorlesungen diskutiere ich oft mit meinen Kommiliton:innen weiter, auch außerhalb meines Uniumfelds spreche ich ständig über Konzepte wie Orientalismus.

Wichtiger als solche Klausuren sind in Ethnologie Hausarbeiten, im ersten Semester muss ich eine abgeben, meine Kommiliton:innen je nach Seminarwahl auch zwei oder drei. Eigentlich wären diese Arbeiten perfekt, um sich intensiv mit einem Thema auseinanderzusetzen, Zusammenhänge zu verstehen. In geisteswissenschaftlichen Studiengängen stützen sie sich aber oft vor allem auf vorhandene Texte. Das heißt: Ich soll zwar Theorien miteinander verknüpfen, aber keine gänzlich neuen aufstellen.

Dass diese Prüfungsform überholt ist, hört man spätestens seit dem rasanten Aufstieg von ChatGPT ständig. Zu Recht: In meinem Uniumfeld gibt es niemanden, der die KI nicht wenigstens schon getestet hat – um Denkanstöße zu bekommen, sich bei Literaturlisten oder beim Formatieren helfen zu lassen, und ja, auch beim Schreiben von Texten .

Die momentane Lage ist also die: Viele Klausuren belohnen Fleiß statt Verständnis. Hausarbeiten fragen durch KI nicht mehr die gleichen Kompetenzen ab wie noch vor wenigen Jahren. Und das wissen auch die Dozierenden und Universitäten.

Prüfungsangst sollte niemandem Wünsche verbauen

Eine Dozentin hat uns deshalb eine eher unkonventionelle Aufgabe gestellt. Die Hausarbeit für ihren Lektürekurs soll kein klassischer akademischer Text werden, sondern eine Auseinandersetzung mit KI. Im Kurs ging es darum, wie Gesellschaften nach Konflikten weiter zusammenleben können. ChatGPT soll dazu nun über sogenannte Prompts inhaltliche Fragen beantworten, zu denen wir dann eine Stellungnahme schreiben. Sprich: eigene Gedanken entwickeln, uns kritisch auseinandersetzen. Genau das, was ich mir wünsche.

Neue Prüfungsformen könnten weiterhin Fachwissen abfragen und gleichzeitig testen, ob man die Zusammenhänge verstanden hat. Wer etwa in Gruppenarbeiten diskutiert, muss die eigene Ansicht verteidigen. Und wer in sogenannten Response Papers zu in Seminaren behandelten Konzepten und Thesen Kommentare abgeben muss, lernt das kritische Hinterfragen. Auch mündliche Vorträge verlangen, dass man wirklich weiß, wovon man spricht, und das Gelernte erklären und verknüpfen kann.

Selbst wenn solche neuen Formen eingeführt werden, verändert das aber nicht unbedingt, unter wie viel Druck die Prüfungszeit Studierende setzt. In der Erhebung der Techniker Krankenkasse gab knapp ein Drittel der befragten Studierenden an, Angst vor schlechten Noten zu haben und sich dadurch belastet zu fühlen, ebenso wie vor schwierigem oder umfangreichem Lernstoff. Laut einer Untersuchung der Internationalen Hochschule (IU)  hat Prüfungsangst sogar Folgen für die berufliche Zukunft: Jede vierte von Prüfungsangst betroffene Person konnte demnach nicht den Wunschberuf ergreifen. Ein großer Verlust, erst recht in Zeiten des Fachkräftemangels.

»Ich möchte mit dem Gefühl aus der Prüfungsphase gehen, dass meine Mühe sich auch für meine Zukunft gelohnt hat – nicht nur für die Note.«

Um den Druck zu verringern, könnte es schon helfen, Prüfungen stärker über das Semester zu verteilen. Die Note für ein Modul sollte außerdem nicht nur auf einer einzigen Leistung beruhen, sondern auf mehreren. So hätte die Prüfung nicht nur deutlich weniger Gewicht, man hätte sich auch über das Semester hinweg darauf vorbereitet. Weniger Fleißarbeit, mehr nachhaltiges Lernen.

Natürlich kann ich nicht alles behalten, was ich in einem Semester gehört und gelesen habe. Aber ich möchte mit dem Gefühl aus der Prüfungsphase gehen, dass meine Mühe sich auch für meine Zukunft gelohnt hat – nicht nur für die Note. Statt für dicht getaktete Klausuren unter Leistungsdruck zu büffeln oder rein literaturbasierte Hausarbeiten zu schreiben, möchte ich mich lieber in Ruhe, und tiefgehend, mit den Inhalten meines Studiums auseinandersetzen.

Gut möglich, dass mein Wunsch nach neuen Prüfungsformen bald ein Stück weit in Erfüllung geht, nicht zuletzt dank KI.