Versicherungen für junge Menschen: Wie Finanzberater Studierende ködern - DER SPIEGEL
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Fragwürdige Werbemethoden Wie Finanzberater Studierende ködern

Unrentabel, unpassend, überteuert: Die Verbraucherzentrale warnt vor Finanzdienstleistern, die Studierenden Anlage- oder Versicherungsprodukte verkaufen wollen. Ökonom Hartmut Walz erklärt, wie man sich davor schützt.
Ein Interview von Markus Sutera
Junge Studierende sind für Finanzvertriebe eine attraktive Zielgruppe (Symbolbild)
Junge Studierende sind für Finanzvertriebe eine attraktive Zielgruppe (Symbolbild)

Junge Studierende sind für Finanzvertriebe eine attraktive Zielgruppe (Symbolbild)

Foto: master1305 / iStockphoto / Getty Images

SPIEGEL: Herr Walz, zum kürzlich gestarteten Sommersemester hat die Verbraucherzentrale Hamburg in einer bundesweiten Kampagne vor »Maschen der Finanzberater« auf dem Uni-Campus gewarnt. Was ist damit gemeint?

Walz: Dabei nutzen Finanzdienstleister die Unerfahrenheit der Studierenden in finanziellen Fragen gezielt aus – sie empfehlen und verkaufen ihnen überteuerte Verträge, Geldanlage- und Versicherungsprodukte, die zudem meist nicht bedarfsgerecht sind. Häufig fällt das aber erst nach Jahren auf.

SPIEGEL: Wo werden die Studierenden angeworben?

Walz: Unter anderem direkt an den Universitäten. Schon bei der Erstsemesterbegrüßung mischen sich Vertriebler unter. Teilweise sind das höhersemestrige Studierende, die sich mit diesem Nebenjob etwas dazuverdienen. Man findet sie bei Events auf dem Campus, in Seminaren des Career Center, bei Hochschulmessen. Sie verteilen kleine Geschenke, stellen Basketballkörbe auf, schenken Sekt aus.

SPIEGEL: Was ist so schlimm daran?

Walz: Die angebotenen Produkte sind oft extrem überteuert, unsinnig und gefährden die finanzielle Sicherheit der Studierenden. Der Trick dabei: Die Studierenden müssen etwa in den ersten drei Jahren nur einen geringen monatlichen Betrag zahlen. Doch sobald sie das Studium beendet haben, gilt der reguläre Tarif, der deutlich höher liegt. Gleichzeitig wird der Beitrag oft jährlich um zehn Prozent angehoben. So kommen in wenigen Jahren sehr hohe Beträge zustande. Viele Studierende kriegen das nicht mit – oder erst spät.

SPIEGEL: Wie spät?

Walz: Es gibt mit Sicherheit nicht viele, die diese Dynamik bis zum Ende ihres Arbeitslebens durchhalten. Die meisten merken mit 30, 40 Jahren: Oh Gott, jetzt zahl ich aber ganz schön viel.

SPIEGEL: Was bekommen Studierende angeboten? Und ist das alles unnütz?

Walz: Das können Spar- und Vorsorgeverträge sein, Haftpflicht- oder Krankenversicherungen. Die Produkte sind per se nicht alle überflüssig, aber in der angebotenen Form oft unrentabel, ungeeignet, zu teuer. Der Bestseller ist ein Berufsunfähigkeitsschutz, der mit einer Basisrente, der sogenannten Rürup-Rente, kombiniert wird. Diese Kombination ist teuer und führt zu hohen Abschlusskosten, also jenen Kosten, die den Versicherten allein durch den Vertrag entstehen. Außerdem kommt man bei Rürup-Rentenverträgen nicht vor Renteneintritt an das Geld heran – selbst nicht bei Kündigung. Ich rate davon ab.

SPIEGEL: Sie nennen Studierende auf ihrer Website »LeOs, leicht erreichbare Opfer« – das klingt, als wären sie naiv und wehrlos.

Walz: Das sind sie nicht, aber das Setting ist unfair: Oft reden zwei Vertriebler auf eine Person ein, vor ihr liegt ein Vertrag mit mehr als 100 Seiten. Dass junge Leute in einer solchen Situation vorschnell unterschreiben, ist keine Schande.

SPIEGEL: Warum will man überhaupt Studierende gewinnen: Die haben doch wenig Geld?

Walz: Junge Menschen sind generell eine attraktive Zielgruppe – sie haben kaum Vorkenntnisse und meist keine bestehenden Verträge, wissen aber, dass finanzielle Vorsorge wichtig ist. In Studierenden sehen die Finanzbetriebe verlässliche, finanzstarke Kunden.

SPIEGEL: Sind alle Jungakademiker:innen gleich attraktiv für die Dienstleister?

Walz: Betriebswirte, Juristen, Ingenieure und Mediziner werden besonders umgarnt, weil sie in der Regel später überdurchschnittlich gut verdienen.

»Wenn man das Prinzip verstanden hat, genügen drei Worte: Nein, nein und noch mal nein.«

SPIEGEL: Die Hochschulen lassen das zu?

Walz: Finanzdienstleister werden vielerorts geduldet, weil sie der Hochschule ein paar Euro spenden, die diese wiederum dankend als Drittmittel verbucht.

SPIEGEL: Sie urteilen hart über die Finanzvertriebe.

Walz: Das mag sein, aber ich beschäftige mich seit Jahren intensiv mit diesem Phänomen und weiß, um wie viel Geld es gehen kann. Ich habe aktuell einen Vertrag auf dem Tisch liegen, wonach der Finanzdienstleister über die Laufzeit von mehr als 40 Jahren insgesamt knapp 40.000 Euro reine Abschlussgebühren kassiert hätte, wenn die junge Frau nicht ausgestiegen wäre.

SPIEGEL: Wie schützt man sich davor?

Walz: Wenn man das Prinzip verstanden hat, genügen drei Worte: Nein, nein und noch mal nein. Und auf keinen Fall die Adressdaten hergeben.

SPIEGEL: Ist das nicht ein bisschen sehr einfach?

Walz: Man muss junge Menschen dafür sensibilisieren, dann treffen sie richtige Entscheidungen – davon bin ich überzeugt. Wer erleichtert aus der Prüfung herauskommt und von einem Vertriebler Süßigkeiten, kleine Geschenke oder ein Glas Prosecco angeboten bekommt, sollte wissen: Das könnte das teuerste Glas Prosecco des Lebens sein.

SPIEGEL: Verbraucherzentralen kritisieren, dass die Vertriebler nicht unabhängig seien, weil sie von den Produktherstellern gegen Provision bezahlt würden. Wo bekommen Studierende und Jobneulinge eine faire Finanzberatung?

Walz: Bei neutralen Informationsquellen wie der Stiftung Warentest, der Bürgerbewegung Finanzwende, dem Bund der Versicherten oder den Verbraucherzentralen. Sie stellen Dokumente bereit und bieten für die meisten Produkte eine kostenlose oder relativ günstige Beratung an.

SPIEGEL: Und was, wenn man bereits einen Vertrag unterschrieben hat und aus diesem herausmöchte?

Walz: Die meisten Verträge kann man innerhalb von vier Wochen widerrufen. Hat man den Betrag nur wenige Monate gezahlt, ist das zwar ärgerlich, aber ein relativ geringes Lehrgeld. Liegt der Abschluss länger zurück, sollte man alle Zahlungen einstellen und den Vertrag kündigen. Manche Versicherer möchten einen in Gesprächen zurückgewinnen, aber auch dann rate ich: ablehnen, hartnäckig bleiben.