Wirtschaftsingenieurwesen studieren: Voraussetzungen, Inhalte, Berufsaussichten - DER SPIEGEL
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Studienfächer erklärt Was ich als Erstsemester gern über Wirtschaftsingenieur­wesen gewusst hätte

Warum sollten angehende Wirtschaftsingenieure Allrounder sein? Warum haben Studierende regelmäßig mit Wissenslücken zu kämpfen? Und wie sammelt man Praxiserfahrung? Philipp Wiener erklärt sein Fach.
Aufgezeichnet von Lisa Srikiow
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?
Studienfächer erklärt

In der Reihe »Studienfächer erklärt« stellen wir die 30 beliebtesten Studienfächer in Deutschland vor – von Betriebswirtschaftslehre auf Platz 1 bis Wirtschaftsrecht auf Platz 30. Wie viele Studierende an deutschen Hochschulen in welchem Fach eingeschrieben sind, ermittelt das Statistische Bundesamt einmal im Jahr . Unser Ranking bezieht sich auf die Zahlen für das Wintersemester 2019/2020, die beiden Fächer »Wirtschaftsingenieurwesen mit ingenieurwissenschaftlichem Schwerpunkt« und »Wirtschaftsingenieurwesen mit wirtschaftswissenschaftlichem Schwerpunkt« haben wir zusammengefasst.

Wirtschaftsingenieurinnen und Wirtschaftsingenieure sprechen zwei Sprachen, die der Techniker und die der Managerinnen. Möchte die Geschäftsführung ein sehr günstiges, die Ingenieurin dagegen ein sehr ausgereiftes Produkt, vermittelt der Wirtschaftsingenieur: Er kann beispielsweise Vorschläge für günstigere Modelle machen, weil er weiß, welche Bauteile wirklich essenziell sind. Wirtschaftsingenieurinnen arbeiten oft an Schnittstellen und werden als Allrounder eingesetzt, die mit Spezialisten kooperieren.

Philipp Wiener ist 27 Jahre alt und hat an der Leibniz Universität Hannover Wirtschaftsingenieurwesen studiert, sowohl im Bachelor als auch im Master. Er erzählt, wie ihm Routinen im Studium geholfen haben und warum man sich unbedingt um Praxiserfahrung bemühen sollte.

Die Entscheidung für Wirtschaftsingenieurwesen

»Ich habe mich schon in der Schule für Naturwissenschaften interessiert. Deswegen habe ich mich auch über ein Studium in diesem Bereich informiert. Biologie wäre am ehesten etwas gewesen, aber die Karrierechancen waren nicht sonderlich vielversprechend. Also blieben noch Mathematik, Physik und eben die Ingenieurwissenschaften.

Nach dem Abi war ich für ein ›Work and Travel‹ in Australien gewesen, dort hatte ich erlebt, wie es ist, kein Geld mehr für Essen zu haben. Das hat mich geprägt, eine gute berufliche Perspektive ist mir nun wichtig. So kam das Wirtschaftsingenieurwesen ins Spiel. Die Mischung aus Ingenieurwissenschaften und betriebswirtschaftlichen Grundlagen hat mich überzeugt.«

Formale Voraussetzungen für Wirtschaftsingenieurwesen:

  • Wer an einer Universität studieren möchte, braucht das Abitur  oder die entsprechende Fachgebundene Hochschulreife – für Fachhochschulen genügt auch die Fachhochschulreife. In vielen Studiengängen werden zudem Bewerberinnen und Bewerber ohne Hochschulreife  unter bestimmten Bedingungen zugelassen, etwa wenn sie eine fachspezifische Berufsausbildung und Berufserfahrung vorweisen können.

  • Manche Hochschulen verlangen ein Vorpraktikum und/oder den Nachweis von Englischkenntnissen.

  • Das Studium ist teilweise zulassungsbeschränkt . Dort, wo es einen NC gibt, liegt dieser oft im Zweier-Bereich. Manche Hochschule führen auch eigene Auswahltests durch.

Was man sonst noch mitbringen sollte: Wirtschaftsingenieure sind eher Generalisten, sie haben sowohl mit Technik als auch mit Wirtschaftsthemen zu tun. Wichtig sind außerdem gute Englischkenntnisse, denn Wirtschaftsingenieure arbeiten oft in internationalen Projekten.

»Der Studiengang Wirtschaftsingenieurswesen ist je nach Hochschule zum Teil sehr verschieden. Um die passende Uni zu finden, muss man leider die einzelnen Modulkataloge miteinander vergleichen – und sich am besten mit Studierenden austauschen.«

Universität oder Fachhochschule? Ingenieurwissenschaftlicher oder wirtschaftswissenschaftlicher Schwerpunkt?

Wer ein Studium des Wirtschaftsingenieurwesens in Betracht zieht, sollte sich nicht nur über das Fach, sondern auch über die Wunschhochschule informieren. Je nach Hochschule werden nämlich zum Teil fachliche Schwerpunkte gesetzt. Manche Studiengänge haben etwa eine bauingenieurwissenschaftliche  Ausrichtung, andere konzentrieren sich auf Elektrotechnik  oder Maschinenbau . Oder das Studium ist an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät angesiedelt und legt damit den Schwerpunkt auf den betriebswirtschaftlichen Teil.

Generell ist ein Studium an einer Universität theoretischer und auf die Vermittlung der Grundlagen ausgerichtet, eine Hochschule für Angewandte Wissenschaften bietet mehr Praxisinhalte. Zudem kann man Wirtschaftsingenieurwesen dual studieren.

Inhalte und Aufbau des Studiums

»Mich hat das hohe Lernpensum im Studium überrascht, ich denke, das ist mindestens in allen MINT-Studiengängen so. Einmal kurz vor der Prüfung den Stoff zu wiederholen, reichte für mich nicht mehr. In meiner ersten Klausur war ich komplett unvorbereitet – und fiel durch. Für mich war das ein Aha-Erlebnis: ›Jetzt musst du dich hinsetzen und richtig lernen.‹

Ich musste aber auch herausfinden, welcher Lerntyp ich bin. Am besten konnte ich mich vorbereiten, indem ich mir die Übungsaufgaben und Lerninhalte erst einmal allein erarbeitete und dann mit ein paar Kommilitonen noch einmal diskutierte. Außerdem ist es wichtig, sich Routinen zu schaffen. Das hilft vor allem in der Klausurenphase, da muss man zwei bis drei Monate sehr diszipliniert sein: Aufstehen, Lernen, Pause, Lernen, Mittagessen, Lernen, Pause, Lernen, Abendessen, Lernen. Was ich noch empfehlen kann, sind die von der Uni angebotenen Mathe-Vorkurse. Ohne die wäre der Einstieg ins Studium deutlich schwieriger gewesen.«

Typische Pflichtmodule: Grundlagen der Elektrotechnik, Grundlagen der Werkstofftechnik, Höhere Mathematik, Rechnungswesen und Finanzen, Statistische Verfahren, Technische Mechanik, Wirtschaftstheorie, Prozessmanagement, Qualitätsmanagement

Mögliche Wahlbereiche: Digitalisierung und Automatisierung, Energietechnik, Produktionstechnik, Bauingenieurwesen, Chemie- und Verfahrenstechnik, Verkehrswesen

»Am Anfang des Studiums lernt man die Grundlagen kennen: Maschinenbau, Elektrotechnik, Wirtschaftswissenschaften, Programmieren, Mathe und Physik. Das mag viel erscheinen, aber ich fand es eher angenehm, dass es so abwechslungsreich war.

»Mir hat beispielsweise Thermodynamik sehr viel Spaß gemacht, darüber bin ich auch zu meiner Vertiefung Energie- und Verfahrenstechnik gekommen und letztendlich zur Aerodynamik. Aber auch Marketing, Öffentliche Finanzen oder Privatrecht waren sehr interessant.

Natürlich gibt es auch Nachteile bei dieser großen Bandbreite, man hört beispielsweise Elektrotechnik mit den Elektrotechnikern zusammen und die Professorinnen und Professoren setzen Vorwissen in bestimmten Bereichen voraus. Dieses Vorwissen muss man sich manchmal auf eigene Faust aneignen, um den Anschluss in den Lehrveranstaltungen nicht zu verlieren. Das kommt zur normalen Nachbereitung dazu – und das kann anstrengend sein.«

Berufsaussichten nach dem Studium

»Während des Studiums ist es sehr wichtig, auch praktische Erfahrungen zu sammeln und die sogenannten Softskills zu entwickeln. Praktika und Werkstudentenjobs helfen dabei, die spätere Arbeit kennenzulernen und einen Lieblingsbereich zu finden. Zur Entwicklung der Softskills gibt es zum Glück zahlreiche studentische Initiativen oder auch Fachschaften.

Für mich war die Mitarbeit in der Hochschulgruppe des Verbands Deutscher Wirtschaftsingenieure , kurz VWI, besonders wertvoll. Dort konnte ich in verschiedenen Projekten Erfahrungen sammeln, mich durch Workshops oder Vorträge weiterbilden und durch Exkursionen zahlreiche Unternehmen kennenlernen. Aber auch der Kontakt zu Kommilitoninnen und Kommilitonen aus höheren Semestern oder zu anderen Hochschulen war durch den VWI möglich.

Mittlerweile arbeite ich für eine technische Unternehmensberatung im Bereich Energiewirtschaft. Die habe ich erst über mein Engagement im VWI kennengelernt.«

Branchen und Gehälter:

So interdisziplinär Wirtschaftsingenieurinnen und -ingenieure ausgebildet werden, so vielfältig sind auch ihre Einsatzfelder nach dem Studium. Sie können in der Beratung oder Wirtschaftsprüfung arbeiten, im Qualitätsmanagement, in der Produktentwicklung oder im Finanz- und Rechnungswesen. Einer Untersuchung des Verbands Deutscher Wirtschaftsingenieure (VWI)  zufolge arbeiten Absolventinnen und Absolventen meist in der Automobilindustrie, der Unternehmensberatung, im Maschinenbau, in der Informationstechnologie oder im Bereich Elektrotechnik, zunehmend aber etwa auch in der Energieindustrie oder der Medizin- und Gesundheitstechnik.

Laut StepStone-Gehaltsreport  verdienen Absolventen durchschnittlich 52.800 Euro im Jahr.