Maison Lesage: Sie machen den Stich - DER SPIEGEL
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Modekunst aus Frankreich Sie machen den Stich

Mit seinen Stickereien lieferte das Maison Lesage das Feuerwerk für die Haute Couture. In rund hundert Jahren Firmengeschichte wurde der Familienbetrieb zum wichtigen Partner vieler Pariser Modehäuser.
Von Katharina Cichosch •
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sterne und Planeten, die auf Stoff funkeln. Chiffon, der verziert ist wie in der Belle Époque. Oder Perlen, die van Goghs Sonnenblumen nachbilden: Wenn Stoffe so besonders sind, dann waren die Stickerinnen und Sticker von Lesage am Werk. Frankreichs Haute Couture, Marken wie Schiaparelli, Vionnet, Dior, Saint Laurent wären nichts ohne die Maison Lesage.

Die Stickerei mit mehr als 160 Jahren Erfahrung war schon immer mehr als nur ein Zulieferer für die Pariser Modehäuser. Albert und Marie-Louise Lesage sahen sich auf Augenhöhe mit den Modemachern. Für jeden Kunden überlegten sie sich etwas Einzigartiges. Das machte sie als Partner unverzichtbar.

Meist war die Arbeit das Ergebnis gegenseitiger Inspiration zwischen den Ateliers der Couturiers und den Handwerkern bei Lesage: Für Elsa Schiaparelli gab es vom Art déco inspirierte Muster, Dior und Chanel brauchten Elegantes, Christian Lacroix oder Balenciaga liebten Barockes, Yves Saint Laurent suchte nach Exzentrik.

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Sieht stick aus

Foto: Francois Durand/ Getty Images

Wenn ein Material in Krisenzeiten nicht erhältlich war, dann wurde improvisiert. Angeblich musste sich die Belegschaft des Ateliers einen Winter von Muscheln ernähren, damit Elsa Schiaparelli ihre nächste Kollektion mit den Schalen schmücken konnte. So schreibt es der französische Autor Patrick Mauriès in seinem neuen Buch "Maison Lesage. Haute Couture Embroidery", das bei Thames & Hudson erschienen ist.

In 25 Kapiteln erzählt Mauriès die Geschichte eines Familienbetriebes, aber auch der französischen Mode, von den Anfängen der Stickerei-Dynastie Ende des 19. Jahrhunderts bis hin zur Haute Couture im 21. Jahrhundert.

Sie beginnt mit einem besonderen Akteur der Pariser Haute Couture, der wie seine namenlosen Mitarbeiterinnen selten im Vordergrund stand, aber ohne den all dies nicht denkbar gewesen wäre. Albert Lesage, so erfährt man, stach Konkurrenten aus und schaute ihnen womöglich gar die ein oder andere Idee ab. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Laden wieder bestens lief, eröffnete der Firmenerbe, François Lesage, eine Zweigstelle in Hollywood. Der Laden auf dem Sunset Boulevard belieferte die Hollywoodstudios. Doch nach dem Tod des Vaters 1949 musste Lesage Junior zurückkehren nach Frankreich, um seiner Mutter zu helfen.

Ein Feuerwerk für die Haute Couture

Der Sohn machte das Familienunternehmen schließlich zum bevorzugten Lieferanten der großen Modehäuser. Sein Motto lautete: "Stickereien sind für die Haute Couture wie das Feuerwerk für den Tag der Bastille." Er gründete firmeneigene Schulen, in denen der Nachwuchs für das Atelier ausgebildet wurde. Lesages ökonomischer Weitblick reichte weit über Paris hinaus. In den Achtzigern schloss er Verträge mit Designern aus Übersee - Calvin Klein, Oscar de la Renta und Bill Blass.

Doch je kleiner der Markt für Haute Couture wurde, desto größer wurden die Probleme der Stickerei. Auch die aufkommende Prêt-à-Porter-Mode konnte nicht kompensieren, dass immer weniger Menschen Lust hatten auf kunstvoll bestickte Roben, in denen Tausende Stunden Arbeit von Stickerinnen und Stickern, Näherinnen und Nähern stecken. 1992 - auf dem Tiefpunkt der Haute Couture – kaufte schließlich Chanel die Maison Lesage. Ein kluger Schachzug, der nicht nur wertvolles Handarbeitswissen sicherte. Das Unternehmen beliefert auch unter dem Dach von Chanel weiterhin andere Modehäuser und trägt so zum Milliardenumsatz bei.

Heute gehören die Tweedstoffe von Lesage zu Chanels Markenzeichen und die Stickerei zum festen Kanon jener Kunsthandwerksbetriebe, die das Label jährlich mit seinen "Métiers d’Art"-Kollektionen feiert. Dabei wollte Coco Chanel nie mit Lesage zusammenarbeiten, weil ihre Rivalin Elsa Schiaparelli dort Stammkundin war.

"Maison Lesage. Haute Couture Embroidery" ist ein Buch für Modefans und Frankreichliebhaber. Schade nur, dass die meisten Fotografien Nahaufnahme sind. So kann man sich auf mehr als 200 Seiten an schillernden Perlen, exotischen Federn, Goldsäumen und Pailletten kaum sattsehen. Aber einordnende Totalen, aus dem Atelier vielleicht oder vom Laufsteg – damit ist das Buch eher sparsam. Wenn sie doch einmal auftauchen, sieht es allerdings spektakulär aus.