Bowers & Wilkins Px8 S2 im Test Ist der Kopfhörer mehr als 700 Euro wert?
Bowers & Wilkins Px8 S2: Teurer als Apple, Sony und Bose
Foto:Matthias Kremp / DER SPIEGEL
Das muss man sich erst mal leisten können. Bowers & Wilkins (B&W) hat keinen Geringeren als Fußballstar David Beckham engagiert, um für das neue Kopfhörer-Topmodell des englischen Hi-Fi-Herstellers zu werben. Wie sehr sich der Werbedeal auf den Preis des Px8 S2 auswirkt, ist unklar.
Aber auch den muss man sich erst mal leisten können: 729 Euro kostet der, laut B&W, »beste Kopfhörer, den wir je gebaut haben.« Das muss er auch sein, schließlich hat das Unternehmen schon seinen Vorgänger bezeichnet als »ultimative Kombination aus herausragender Leistung, hochwertigen Materialien, intelligenter Technologie und cleveren Features«.
Seitdem hat sich jedoch einiges getan. So verlaufen nun etwa die Kabel von außen sichtbar durch die Kopfbügel. Um die Ohrmuscheln zieht sich ein perforiertes Metallband, unter dem die Mikrofone versteckt sind. Deren Zahl wurde von sechs auf acht erhöht.
Fünf Bedienknöpfe: Schön anzusehen, sehr gewöhnungsbedürftig
Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGELWie beim Px7 S3 empfinde ich die Größe und Position der Bedienknöpfe als suboptimal. Die fünf schmalen Schalter liegen auf dem äußeren Rand der Ohrmuscheln. Das macht es mir schwer, sie zu erfühlen und zu wissen, welcher denn nun unter meinem Finger liegt. Einzig die Taste zum Ein- und Ausschalten der Geräuschunterdrückung habe ich nach ein paar Tagen intuitiv gefunden. Per App kann man sie auch zur »Kurzwahltaste« zum Aufruf eines Sprachassistenten umwidmen, muss dann aber wiederum die Geräuschunterdrückung per App starten und beenden.
Kein Platz für Plaste
Das Design, die Materialien und der Look sorgen dafür, dass die Px8 S2 deutlich edler und wertiger auftreten als etwa Sonys WH-1000XM6 (hier unser Testbericht), die eine Ode an Kunststoffe sind. Bei Bowers & Wilkins dominieren dunkles Aluminium und weiches Nappaleder, von Plastik keine Spur.
Edler Look: Edle Materialien, sauber verarbeitet
Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGELDas hat natürlich seinen Preis. Nicht nur in Euro, sondern auch beim Gewicht. Mit 310 Gramm sind die Px8 S2 fast 60 Gramm schwerer als die Sony-Kopfhörer. Auf dem Datenblatt wirkt das aber schwerer als am Kopf: Der gut gepolsterte Kopfbügel, die weichen Ohrpolster und der fein austarierte Anpressdruck sorgen dafür, dass die B&W-Kopfhörer auch nach stundenlanger Nutzung nicht drücken oder als störend empfunden werden. In den gut abschließenden Ohrmuscheln kann es mit der Zeit allerdings etwas warm werden.
Hi-Res-Audio – mit Einschränkungen
B&W beschreibt die Audioauflösung der Px8 S2 als »bis zu 24 Bit/96 kHz«. Das ist mehr als etwa mit dem von Apple bevorzugten AAC möglich ist. Die Grundlage dafür liefert Chiphersteller Qualcomm mit seiner Snapdragon Sound-Audioplattform. Die schafft es mit einer Technologie namens aptX Lossless Musik in CD-Qualität, also mit 16 Bit und 44,1 kHz verlustfrei kabellos zu übertragen.
Ferner wirbt B&W aber auch mit Hi-Res-Audio, also noch höheren Datenraten. Die sind mit Qualcomms Technologie ebenfalls möglich – mit bis zu 24 Bit und 96 kHz. Das sind Werte, wie man sie auch für Aufnahmen in Tonstudios verwendet. Die können allerdings nur erreicht werden, wenn die Audiodaten vor der Übertragung komprimiert werden, was Verluste mit sich bringt.
Das Transport-Case: Genug Platz für Kabel und Kopfhörer, aber etwas sperrig
Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGELZudem funktioniert aptX Lossless nur in Kombination mit Geräten, die einen entsprechenden Qualcomm-Chip haben. Dazu gehören etwa das Fairphone 6 , aber auch ältere Modelle, wie das Motorola Razr 40. iPhones sind ausgeschlossen, Apple setzt auf eine andere Technologie.
Per Update will Bowers & Wilkins später noch Spatial Audio, also räumliche Musikwiedergabe, sowie die energiesparende Bluetooth-LE-Technik nachliefern.
Da kommt reichlich was an
Sehr auffällig ist, wie laut die Px8 S2 sein können. Schon bei etwa einem Drittel des Maximums sind sie am iPhone weit über Zimmerlautstärke. Voll aufgedreht wird es schon fast schmerzhaft laut. Das wirkt ein wenig wie bei einem hochmotorisierten Sportwagen auf der Landstraße: Wirklich ausfahren kann man ihn nicht, aber zum Überholen hat er reichlich Reserven. Mein Sweetspot ist, die Lautstärke bis etwa 50 Prozent aufzudrehen.
Schon bei dieser Lautstärke zeigen die Carbon-Treiber, so nennt man die Lautsprecher in Kopfhörern, was sie können. In Taylor Swifts »The Life Of A Showgirl« scheint die fast schon pappige Bassdrum richtig viel Luft in Bewegung zu setzen, die man körperlich zu spüren scheint. Bemerkenswert ist, wie zackig die Kopfhörer die tiefen Sounds wiedergeben. So bleibt reichlich Platz für die im Wechsel zur Bassdrum angeschlagenen Tom Toms.
Diese Qualität spielen sie auch in »The Ones« von The Autumn Defense aus, wo gezupfte akustische Gitarren, Flöten und Chorgesang mühelos gegen den kräftigen, eher dumpf abgemischten Bass ankommen. Im Intro von Radioheads »2 + 2 = 5« hat man das Gefühl, mit dem Ohr direkt vor dem Gitarrenverstärker zu sitzen, bekommt die extrem auf Links und Rechts gedrehten Tonspuren auch genauso eingespielt: links Atmosphäre, rechts Gitarre. Wenn Thom Yorke singt »You have not been paying attention«, scheint die Musik regelrecht um einen herum zu explodieren.
In David Bowies »It’s No Game, Pt. 1« lässt sich fast alles heraushören, was die Px8 S2 gut können: Eine gute Repräsentation des gesamten Frequenzbereichs gepaart mit einer sehr breiten, fast räumlichen Wiedergabe. Besonders bemerkenswert ist, wie Bowie und seine Musiker klanglich zur Backing-Band werden, während die Stimme der Schauspielerin Michi Hirota zentral in den Vordergrund tritt.
Da kommt zu viel durch
Schon ganz ohne elektronische Hilfsmaßnahmen dämpfen die gut gepolsterten und die Ohren voll umschließenden Ohrmuscheln Umgebungsgeräusche. Das reicht nicht, um das Rumpeln eines Vorortzuges auszublenden, kann aber etwa Verkehrslärm in einem Straßencafé auf ein erträgliches Niveau senken.
Gegen den Lärm in einem Flugzeug kommen die B&W-Kopfhörer leider nicht so gut an wie etwa die Bose Quiet Comfort Ultra (2. Gen.), Sonys WH-1000XM6 und Apples AirPods Max. Auch hier kann man aber sagen, dass sie den Geräuschpegel auf ein erträgliches Maß reduzieren. Dazu tragen die acht Mikrofone bei, von denen sechs Umgebungsgeräusche aufzeichnen, während die übrigen zwei in den Ohrmuscheln sitzen und lauschen, was dort ankommt.
Werbefoto von B&W: Wer das Schwarz der getesteten Variante nicht mag, bekommt auch eine weiße Version
Foto: Bowers & WilkinsAuf einem Flug von Hamburg nach London ließ die Elektronik dennoch zu viel vom Dröhnen der Triebwerke durch. Die Gespräche von zwei mehrere Sitzreihen entfernten Besatzungsmitgliedern waren zwar nicht zu verstehen, aber zu hören. So sehr die Px8 S2 klanglich überzeugen, in diesem Bereich können sie nicht mit der Konkurrenz mithalten.
Fazit
👍 Sehr guter, dynamischer Sound 👍 Hervorragende Materialqualität 👍 Gutes Tragegefühl | 👎 Verbesserungsfähige Geräuschunterdrückung 👎 Gewöhnungsbedürftige Schalter |
Die Px8 S2 von Bowers & Wilkins fühlen sich so an und sehen so aus, wie sie sind: teuer! Sie sind deutlich kostspieliger als etwa Apples AirPods Max, Sonys WH-1000XM6 und die Bose QuietComfort Ultra (2. Gen.). Dafür liefern sie Luxus, was Materialien und Verarbeitung angeht, sowie einen detailreichen, dynamischen Sound, der zum Preis passt.
Was ihnen fehlt, ist eine ebenso erstklassige Geräuschunterdrückung. Die bekommt man bei der Konkurrenz. Und das auch noch viel günstiger. Allerdings oft auch in Kombination mit gewichtssparenden, dem Design aber nicht zuträglichen Kunststofforgien.
Hintergrund: Produkttests im Ressort Tests
Anmerkung der Redaktion: Ursprünglich hatten wir in diesem Text die Band »The Autumn Defense« als »The Ones« bezeichnet. Außerdem hatten wir geschrieben, dass Samsungs S25-Serie aptx Lossless beherrscht, was sie nicht tut. Wir haben diese Fehler korrigiert.