Sennheiser HDB 630 im Test Dieser Kopfhörer lässt iPhone-Nutzer aufhorchen
Sennheiser HDB 630: Mit Bluetooth-Dongle fürs iPhone
Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGELWedemark bei Hannover, das mag sich nicht nach der großen weiten Welt anhören. Doch von dort aus will es das deutsche Audiounternehmen Sennheiser mit Firmen wie Sony, Apple und Bose aufnehmen. Der jüngste Versuch der Niedersachsen: ein Kopfhörer namens HDB 630. Mit einem Preis von 499 Euro so eben noch im Mittelklassebereich soll es der Kopfhörer mit populären Modellen wie den AirPods Max von Apple, den Sony WH-1000XM und den Bose QuietComfort Ultra (2. Gen.) aufnehmen.
Und sie in einer Hinsicht sogar übertrumpfen: Der HDB 630 soll Geräten, die von sich aus nicht in der Lage sind, Musik in Hi-Res-Audioformaten per Bluetooth zu übertragen, diese Fähigkeit nachliefern. Der Trick, mit dem Sennheiser das schafft, ist der mitgelieferte USB-C-Dongle mit der Bezeichnung BTD 700. Steckt man den etwa in ein iPhone, ein iPad oder einen Computer, können diese Geräte Musik mithilfe des aptX-Adaptive-Codecs von Qualcomm kabellos an die Kopfhörer senden.
Dem iPhone geben, was Android kann
Das ist bemerkenswert, weil dafür eigentlich Qualcomms Snapdragon-Sound-Plattform nötig ist. Die findet man etwa in den Handys aus Samsungs Galaxy-S25-Serie, aber auch älteren Android-Modellen wie dem Motorola Razr 40 und dem Xiaomi 13 Lite. iPhones sind ausgeschlossen. Apple setzt auf eine andere Technologie, die via Bluetooth kein Hi-Res-Audio unterstützt. Mit dem fingernagelgroßen BTD 700 schließt Sennheiser diese Lücke.
BTD 700 an einem iPhone: Ein Dongle für Hi-Res-Audio
Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGELDie Sache hat aber einen Haken: Wie der Name andeutet, arbeitet aptX-Adaptive adaptiv, passt seine Klangqualität also an die jeweiligen Gegebenheiten an. Auf einer einsamen Lichtung im Wald bekommt man den besten Sound, in einem überfüllten U-Bahn-Waggon voller Menschen, die ihrerseits mit Bluetooth-Kopfhörern Musik lauschen, eher nicht. Zudem arbeitet aptX-Adaptive nicht verlustlos, komprimiert Klangdaten also. Gegenüber einer Kabelverbindung muss man also Abstriche machen. Ob man die wahrnehmen kann, ist eine andere Frage.
Ohnehin muss man erst einmal Musik in passenden hochauflösenden Formaten haben, um die Technik nutzen zu können. Solche Formate werden allerdings nur von wenigen Streamingdiensten angeboten. Spotify hat seit Kurzem immerhin Musik in einem Lossless-Format mit einer Auflösung von 24 Bit und 48 kHz. Aber nur bei Qobuz, Tidal und Apple Music kann man Titel auch in Hi-Res-Lossless-Formaten bekommen – mit 24 Bit und 96 kHz oder gar 192 kHz.
Sennheiser-Dongle: Funktioniert auch am Computer, egal ob Mac oder PC
Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGELVorsicht vor dem Q-Faktor
Funktionen wie Start/Stopp, Vor- und Zurückspulen sowie das Umschalten des Noise Cancelling kann man beim HDB 630 bequem über die berührungsempfindliche Oberfläche der rechten Ohrmuschel steuern. Für alles, was darüber hinausgeht, gibt es eine App. Dort kann man etwa die Geräuschunterdrückung und die nicht ganz überzeugende Transparenzfunktion fein regeln und sogenannte Soundzonen vorgeben. So lassen sich spezielle Einstellungen für zu Hause, den Arbeitsplatz und andere Gelegenheiten vorgeben. Die Einstellungen werden dann automatisch abgerufen, sobald man einen derart definierten Ort erreicht.
Vor allem kann man aber den Sound an seinen Geschmack anpassen. Dazu kann man wahlweise eines von acht Presets – Rock, Pop, Dance und so weiter – auswählen oder sich eine eigene Klangkurve basteln. Dafür steht einerseits ein Fünfband-Equalizer bereit, der leicht zu bedienen ist, links die tiefen, rechts die hohen Frequenzen.
Parametrischer Equalizer: Klangkurven formen
Foto: SennheiserZusätzlich bietet Sennheiser aber auch einen sogenannten parametrischen Equalizer an. Damit lassen sich gezielt einzelne Frequenzen oder Frequenzbänder auf unterschiedliche Weise mit Parametern wie dem Q-Faktor formen. Das ist ein mächtiges Werkzeug, mit dem man Wunder bewirken, aber auch großes Unheil anrichten kann. Wer sich damit nicht auskennt, sollte lieber die Finger davon lassen, zumal die HDB 630 schon in der Grundeinstellung gut klingen.
Eine Option, mit der man den Sound womöglich mehr an den eigenen Geschmack anpassen kann, nennt Sennheiser Crossfeed. Wenn aktiviert, soll sie dafür sorgen, dass die HDB 630 weniger wie Kopfhörer und mehr wie Lautsprecher klingen. Dazu werden die Signale der beiden Stereokanäle in zwei wählbaren Stufen zusammengemischt. Ob man das mag, ist Geschmackssache.
Dynamik-Dynamit
Ich hätte das nicht vermutet, aber der Unterschied ist deutlich hörbar zwischen einer normalen Bluetoothverbindung und einer über den BTD 700. Jedenfalls wenn die Musik das hergibt und in den entsprechenden Formaten vorliegt. Pink Floyds »What Do You Want From Me« etwa, das von Apple in Hi-Res-Lossless angeboten wird, gewinnt mit dem Dongle deutlich hörbar an Tiefe und an Präsenz in den oberen Mitten. Der Song wirkt lebendiger, die Soundbühne breiter.
HDB 630 auf Sandberg-Bass: Hi-Res-Audio kann sich auf die Dynamik der Musikwiedergabe auswirken
Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGELBei sphärischen Titeln wie »Big Empty Country: III« von Brian Eno & Beatie Wolfe ist der Effekt weniger ausgeprägt. Hier würde ich einen Kopfhörer wie die AirPods Max bevorzugen, die den Klangteppichen mit Dolby Atmos eine intensivere Wirkung geben.
In Airs »Dirty Trip« von der Redux-Version des »The Virgin Suicides«-Soundtracks wiederum lebt die nun in Hi-Res-Lossless verfügbare Aufnahme über den Dongle auf eher subtile Weise auf, gewinnt aber spürbar an Dynamik.
Angaben aus der Sennheiser-App: Links eine normle Bluetoothübertragung, rechts eine über den BTD 700
Via Kabel lässt sich natürlich noch mehr herausholen, aber dann ist man eben an einen Ort gebunden, darf sich nicht zu viel bewegen und braucht ein Kabel, das lang genug ist. Mitgeliefert werden ein USB-C- sowie ein Miniklinkenkabel. Sie sind beide jeweils 1,2 Meter lang.
Mach nicht so viel Wind
Mangels Flügen habe ich das Noise Cancelling mit simulierten Flugzeuggeräuschen getestet, die ich über kräftige Lautsprecher abspielen ließ. Solche Sounds gibt es etwa bei Apple Music, wo sie als Einschlafgeräusch für Babys einsortiert sind. Die HDB 630 hatten keine Mühe, diesen Lärm weitgehend auszublenden. Vom Dröhnen der Triebwerke und dem Rauschen der Luft bleibt in den Ohrmuscheln nur leises Rauschen übrig. Das wird überdeckt, sobald man Musik hört oder einen Film anschaut.
Etwas verwirrend: Schalte ich in der App die »Anti-Wind-Einstellungen« von »Auto« auf »Max«, ließen die Kopfhörer weit mehr Windgeräusche durch als zuvor.
Starke Ausdauer
Ich bin optimistisch, dass man mit den neuen Sennheiser-Kopfhörern entspannt einen Langstreckenflug schafft. Je nachdem wie lange und wie viel Musik man mit ihnen am Zielort hört, sollte eine Akkuladung sogar für den Rückflug ausreichen. Die Akkulaufzeit gibt Sennheiser mit bis zu 60 Stunden an beim Abspielen von Musik via Bluetooth mit aktivem Noise Cancelling. Merkt man erst kurz vor Abflug, dass der Akku leer ist, sollen zehn Minuten Ladezeit für sieben Stunden Laufzeit ausreichen. Während meines gut einwöchigen Tests kam ich trotz intensiver Nutzung nicht in die Verlegenheit, die HDB 630 aufladen zu müssen.
Beschriftete Ohrmuscheln: Wissen, wo links und rechts ist
Foto: Matthias Kremp / DER SPIEGELAls nervig erwiesen sich während des Tests der Wechsel zwischen Endgeräten und das Umschalten von Bluetooth auf den BTD-700-Dongle. Regelmäßig kam es vor, dass ich den Kopfhörer nicht am iPhone nutzen konnte, nachdem ich ihn an einem anderen Gerät benutzt hatte. Oder dass etwa am iPhone zwar der Dongle erkannt, aber keine Musik übertragen wurde, weil nicht automatisch eine Bluetoothverbindung zum Handy aufgebaut wurde. Da ich ein Vorserienmodell mit Betasoftware getestet habe, ist es wünschenswert und möglich, dass diese Bugs bis zur Veröffentlichung behoben werden.
Eine weitere Beobachtung: So sehr der HDB 630 bei Musik glänzt, Filme, Videos und Videokonferenzen habe ich mir am Computer oder iPad lieber ohne ihn angeschaut. Mit dem BTD 700 als Mittelsmann ergab sich eine spürbare Verzögerung der Tonübertragung gegenüber dem Bild. Diese sogenannte Latenz sorgt dafür, dass Stimmen nicht mehr synchron zu den Lippenbewegungen des Sprechers oder der Sprecherin zu hören sind.
Fazit
👍 Hervorragender Sound 👍 Gute Geräuschunterdrückung 👍 Bluetooth-Dongle für atpx Adaptive | 👎 Bluetooth-Macken |
Da hat man bei Sennheiser eine schöne Idee gehabt: Man nehme die Momentum-4-Kopfhörer, baue ihnen neue Wandler ein, passe die Elektronik daran an und lege einen Bluetooth-Dongle bei: Fertig sind die Hi-Fi-Headphones für höhere Ansprüche. Und ein Preisschild, auf dem ein deutlich höherer Preis steht.
Ob sich die Investition lohnt, hängt von Ihren Hörgewohnheiten ab. Um auf dem Weg zur Arbeit in Bus und Bahn Musik zu hören, ist der HDB 630 übermotorisiert. Seine Stärken spielt er aus, wenn man sich in eine ruhige Ecke setzt, um ganz bewusst Musik oder einen Podcast zu hören. Das klingt sehr gut.
Im Test störten Bluetoothprobleme und die verzögerte Synchronisation bei Filmen und Videos. Das dürfte sich mit Updates verbessern lassen. Im Alltag wäre meine größte Sorge, dass ich den kleinen Dongle verliere. Hört man keine Musik, möchte man ihn nicht am iPhone haben – und muss ihn verstauen.