Alan Greenspan: Das Leben des "Magiers"
Alan Greenspan wird 90 Der Mann, der den Minizins erfand
Wer wissen will, wie weit die Heldenverehrung für einen Notenbanker reichen kann, muss zurückschauen auf die Jahrtausendwende. Alan Greenspan war damals Chef der amerikanischen Notenbank Federal Reserve (kurz: Fed) - und es schien, als hätte er die Zauberformel gefunden, die der amerikanischen Wirtschaft ewiges Wachstum und den weltweiten Börsen unendliche Kursanstiege bescherte. Krise? Rezession? Im Jahr 2000 schienen diese Worte aus dem kollektiven Gedächtnis der Finanzwelt gestrichen.
Greenspan galt damals als "Magier", als "Allmächtiger" oder "großartigster Zentralbanker in der Weltgeschichte". Was immer auch geschehen mochte, der Notenbank-Chef würde schon die passende Antwort haben.
Zweifel an so viel Heldenverehrung hegten nur wenige: "Investoren verlassen sich so sehr auf Greenspans magische Hand, dass sie die Aktien in der Annahme hochbieten, dass er sie schon retten wird, wenn es schiefgeht", schrieb das britische Wirtschaftsmagazin "Economist" Anfang 2000 - und traf damit genau den Punkt.
Am Sonntag wird Greenspan 90 Jahr alt. Und vom Mythos, der ihn einst umgab, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Greenspans Politik habe die Welt in die größte Finanzkrise seit den Dreißigerjahren getrieben, sagen seine Kritiker.
Mit niedrigen Zinsen und seinem Glauben an die Selbstregulierung des Marktes habe er den Schuldenboom am US-Immobilienmarkt befeuert, der letztlich zum Zusammenbruch des Finanzsystems führte. Und nun weiche er auch noch der Schuldfrage aus. "Er hat noch immer nicht die Integrität, Verantwortung für sein eigenes Handeln zu übernehmen", schimpft Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman.
Wie konnte es so weit kommen?
Als Greenspan im August 1987 die Führung der US-Notenbank Fed übernahm, hatte er schon eine erstaunliche Karriere hingelegt. 1926 als Sohn des deutschstämmigen Börsenmaklers Herbert Greenspan geboren, interessierte er sich schon früh für Zahlen. Seine Promotion an der Columbia-Universität brach er 1953 ab, um eine Finanzberatungsfirma zu gründen. Später arbeitete er für die US-Präsidenten Richard Nixon und Gerald Ford, bevor ihn Ronald Reagan an die Spitze der Fed holte.
Nur zwei Monate nach seinem Amtsantritt hatte er seine erste Bewährungsprobe zu bestehen: Am 19. Oktober, dem "Schwarzen Montag", brachen die Börsenkurse weltweit um bis zu 20 Prozent ein. Greenspan beruhigte die Märkte, indem er frisches Geld in das Finanzsystem pumpte - ein Mittel, das er von nun an immer wieder erfolgreich anwenden würde.
Hoffen auf den Greenspan-Put
Greenspan machte das Geld billig. Hatte der sogenannte Leitzins bei seinem Amtsantritt noch bei knapp 7 Prozent und Anfang der Achtzigerjahre sogar bei 20 Prozent gelegen, schraubte der neue Notenbankchef den Satz 1992 zeitweise auf bis zu 3 Prozent runter. Das machte die Kredite günstig - und brachte die Wirtschaft in Schwung. Die Unternehmen investierten, die Verbraucher konsumierten, und die Anleger steckten ihr Geld zunehmend in den boomenden Aktienmarkt.
Auf Schocks, wie der Asienkrise 1997, reagierte Greenspan mit neuem Billiggeld. War die Krise überwunden, setzte er die Zinssätze wieder langsam rauf. Der Magier, so schien es, hatte die Lage im Griff. Niemand musste sich mehr Sorgen machen.
Kult wurde der hagere Mann mit der Hornbrille auch durch seine komplizierte und oft vernuschelte Sprache. Greenspans Biograf Bob Woodward berichtete, der Notenbank-Chef habe seiner zweiten Frau, der Fernsehreporterin Andrea Mitchell, den Heiratsantrag zwei Mal machen müssen - beim ersten Mal habe sie ihn schlicht nicht verstanden.
Die Investoren verstanden ihn sehr wohl. Und selbst im Jahr 2001, als die Dotcom-Blase an den Aktienmärkten platzte und die Terroranschläge vom 11. September die Finanzwelt in Panik versetzten, schien es, als könne Greenspan die Sache schon irgendwie regeln. In mehreren Schritten drückte er den Leitzins von sechs auf ein Prozent - so tief wie noch nie zuvor. Und siehe da: Schon kurz darauf zog das Wirtschaftswachstum in den USA wieder an, und von Ende 2002 bis Anfang 2004 schoss der Aktienindex Dow Jones um mehr als ein Drittel nach oben.
Der Magier hatte es mal wieder geschafft. Der Greenspan-Put, wie die Börsenhändler seine Rettungsaktionen nannten, hatte wieder gewirkt. Das festigte den Glauben an die Allmacht der Notenbanker.
"Optimistisch bin ich schon lange nicht mehr"
Doch das dicke Ende kam leider noch: Die niedrigen Zinsen und die Eigenheimpolitik der US-Regierung befeuerten einen ungesunden Immobilienboom: Viele Amerikaner überschuldeten sich, die Banken wiederum verpacken die wackeligen Kredite und verkauften sie als Wertpapiere in die ganze Welt. Ab 2004 steuerte Greenspan zwar mit steigenden Leitzinsen dagegen, doch da war es schon zu spät. Die Blase pumpte sich noch weiter auf - und platzte schließlich im Jahr 2007. Die Folge war eine gigantische Finanzmarktkrise.
Greenspan war da schon nicht mehr an Bord. Er hatte sein Amt als Notenbankchef bereits Anfang 2006 an Ben Bernanke übergeben - und verdingte sich fortan als Berater großer Finanzfirmen. Im Januar 2008 heuerte er ausgerechnet beim Hedgefonds von John Paulson an - jenes Finanzmanagers, der mit Wetten gegen den amerikanischen Immobilienmarkt Milliarden Dollar verdiente.
Mittlerweile ist Greenspan wieder Privatier. Mit seiner Frau lebt er in New York - und ab und zu meldet er sich zum aktuellen Finanzweltgeschehen zu Wort. Zuletzt klang er dabei recht verhalten. Er habe noch nie so viele Unsicherheiten erlebt wie derzeit, sagte er vergangene Woche in einem Interview mit dem Sender Bloomberg-TV. "Optimistisch bin ich schon lange nicht mehr."