Zahlen des Statistikamts Frankreichs Staatsverschuldung klettert auf Rekordwert
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron: Regierung durch Schulden unter Druck
Foto: Jean-Francois Badias / EPAFrankreichs Regierung erwartet in diesem Jahr eine rekordhohe Staatsverschuldung. Die Schuldenquote werde voraussichtlich 119,3 Prozent der Wirtschaftsleistung erreichen, teilte das Finanzministerium mit. Für 2027 werde ein Anstieg auf 121,7 Prozent erwartet. So hoch war der angesammelte Schuldenberg des Staates noch nie, verfolgt man die Angaben des französischen Statistikamts Insee bis 1978 zurück. Damals war die Staatsverschuldung der Franzosen nach den Ölkrisen durch den Ausbau des Sozialstaats deutlich angewachsen.
Damit liegt die französische Staatsverschuldung mehr als doppelt so hoch wie die Referenzgrenze von 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), auf die die EU-Mitgliedstaaten hinarbeiten sollen. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Schuldenstand aktuell bei etwa 64,2 Prozent.
Frankreich ist das am drittstärksten verschuldete Land in der Eurozone. Nur Griechenland und Italien haben mehr Schulden. In Spanien sank die Verschuldung im Juli unter 100 Prozent des BIP, die Regierung in Portugal drückte ihre Schulden 2025 unter 90 Prozent des BIP.
Französischen Regierungsdaten zufolge lag die Schuldenquote im Jahr 2025 bei 115,7 Prozent. Im Jahr 2019 hatte sie noch unter 100 Prozent betragen.
Nach den EU-Regeln soll das öffentliche Defizit innerhalb eines Jahres nicht mehr als drei Prozent des BIP betragen. Im vergangenen Jahr erreichte es in Frankreich jedoch 5,1 Prozent. Und die Regierung in Paris rechnet damit, dass es in diesem Jahr auf 5,4 Prozent steigen werde.
Die Prognosen sind Teil einer Erklärung an den Hohen Rat für die öffentlichen Finanzen, der die Haushaltsentwürfe der Regierung prüft. Um die ausufernde Neuverschuldung in den Griff zu bekommen, plant der französische Premierminister Sébastien Lecornu für den Haushalt 2027 Einsparungen in Höhe von 54 Milliarden Euro. Er strebt demnach ein Defizit von fünf Prozent des BIP an. Allerdings hatte der Finanz- und Wirtschaftsminister Roland Lescure dies vor wenigen Tagen als unrealistisch bezeichnet.
Die Durchsetzung dieses Sparkurses im tief gespaltenen Parlament gilt als schwierig, zumal die Wähler wegen der hohen Lebenshaltungskosten Druck ausüben.
»Im Euroraum ist Frankreich das Sorgenkind«
Die angespannte Finanzlage und die im kommenden Jahr anstehenden Wahlen sorgen bei Investoren für Unruhe. Der Risikoaufschlag, den Frankreich im Vergleich zu Deutschland am Anleihemarkt zahlen muss, stieg am Freitag auf mehr als einen Prozentpunkt. Dies ist der höchste Wert seit der Schuldenkrise in der Eurozone. Sogar das ehemals krisengeplagte Griechenland leiht sich inzwischen günstiger Geld als die Grande Nation.
Staatsanleihen werden von Staaten ausgegeben, um sich an den Kapitalmärkten Geld zu beschaffen, und spielen für den Haushalt vieler Volkswirtschaften eine zentrale Rolle, denn kaum ein Land finanziert seinen Haushalt allein über die laufenden Steuereinnahmen. Zugleich können sich Änderungen an den Zinsen, die der Staat seinen Gläubigern für die Schuldverschreibungen zahlt, empfindlich auswirken, denn eine höhere Zinslast belastet den Haushalt dann zusätzlich, was eine Spirale neuer Verschuldung nach sich ziehen kann – zu schlechteren Konditionen für den Staat.
Die Grande Nation steckt an den Finanzmärkten in einer tiefen Vertrauenskrise. Eine gefährliche Mischung aus steigender Zinslast, hoher Verschuldung und politischer Ungewissheit vor der Präsidentenwahl im nächsten Jahr lässt Frankreich bei den Anlegern zunehmend in Ungnade fallen. »Im Euroraum ist Frankreich das Sorgenkind«, resümierten kürzlich die Analysten von Marcard, Stein & Co. Es gebe fast keinen Spielraum mehr, um die Einnahmen zu erhöhen. »Um das Schuldenproblem zu lösen, müssten die Staatsausgaben gekürzt werden, was politisch kaum durchsetzbar ist.«
Italien übertrifft bei Schulden wohl bald Griechenland
Unter ähnlichen Sorgen leiden derzeit viele Regierungen. Am Freitag warnte etwa Italiens Wirtschaftsminister Giancarlo Giorgetti, angesichts geopolitischer Spannungen stiegen die Kosten für den italienischen Schuldendienst mit »alarmierender Geschwindigkeit«. Die Inflation werde unweigerlich zunehmen, wenn die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten andauerten, sagte er bei einer Konferenz per Videoschalte aus Dublin, wo das Treffen der europäischen Finanzminister stattfand.
Die Kosten für die Aufnahme neuer Kredite waren für Italien in der vergangenen Woche bei einer Auktion in die Höhe geschnellt. Die Rendite der dreijährigen Anleihe erreichte mit 3,43 Prozent den höchsten Stand seit Juni 2024, bei einer siebenjährigen Anleihe waren es 3,98 Prozent und damit der höchste Wert seit November 2023. Je höher der Risikoaufschlag ist, den Investoren am Kapitalmarkt verlangen, desto teurer wird es für Staaten, neue Schulden zu machen.
Dem jüngsten Haushaltsplan zufolge soll Italiens Staatsverschuldung in diesem Jahr einen Höchststand von fast 139 Prozent des BIP erreichen. Damit würde Italien Griechenland als am höchsten verschuldeter Staat der Eurozone ablösen. Um die Kaufkraft von Familien zu erhalten, will die Regierung in Rom ab dem kommenden Jahr die Kfz-Steuer für 14,5 Millionen Autos und Motorräder abschaffen, was den Staat 2,4 Milliarden Euro kostet.
Anmerkung: Eine frühere Version dieses Textes war missverständlich formuliert, sodass der Eindruck entstehen konnte, die Schulden hätten 1978 gleich hoch oder höher gelegen. Wir haben die Passage korrigiert.