meinung •Die richtige Altersvorsorge 80.000 Euro mehr durch niedrigere Kosten
Zwei ältere Personen auf einer Bank: Weit verbreitet sind schlechte Erfahrungen mit Riester-Rentenverträgen
Foto: Patrick Pleul / dpaDiese Woche habe ich mir die volle Dröhnung an Branchentreffen gegeben: erst bei der Finanzaufsicht die Vertreter der Versicherungsindustrie und dann in Frankfurt das Jahrestreffen des Fondsverbandes BVI. Über beide Termine darf man nicht so richtig berichten, das Fondstreffen ist bewusst fast ohne Journalistinnen und Journalisten angelegt. Nur auf Einladung dürfen sie auch mitdiskutieren, so wie ich. Und der Finanzaufsicht Bafin sollen die Mitglieder ihres Versicherungsbeirats von Gesetzes wegen bei der Aufsicht helfen (§ 325 des Versicherungsaufsichtsgesetzes) und dann sollen solche Sitzungen tatsächlich nicht öffentlich sein .
Wenn Sie jetzt hoffen, hier Details zu lesen oder gar Zitate von Branchengrößen, dann muss ich Sie also enttäuschen. Sie bekommen aber einen Eindruck, und zwar einen wichtigen.
Zwei Branchen kämpfen um ihre Zukunft in der Altersvorsorge
Die erste Branche sind die Platzhirsche aus den Lebensversicherern, die zeitweise knapp hundert Millionen Verträge an ihre Kunden verkauft hatten.
Und die zweite besteht aus den Angreifern aus der Fondsbranche, die begriffen haben, dass sie mit preiswerten Fondssparplänen eine neue Dominanz erreichen können, sozusagen die Lebensversicherung des 21. Jahrhunderts.
Die Bundesregierung will offenbar noch in dieser Legislaturperiode neue Regeln für die Altersvorsorge an den Start bringen. Ich schrieb hier im Juli schon darüber. Und so wird das Hufescharren der Versicherungs- und Finanzbranche stärker, neue Claims abzustecken.
Denn beide Branchen wollen mit der Altersvorsorge natürlich auch Geld verdienen. Das ist auch völlig legitim. Viele der Anbieter verlieren dabei aber ein wenig aus dem Blick, dass dieses Interesse schnell in ein ordentliches Spannungsverhältnis zu den besten Interessen ihrer Kunden gerät. Gerade bei der langfristigen Geldanlage fürs Alter muss es informierten Kunden wesentlich um die Kosten gehen, um niedrige Kosten. Der Industrieländerclub OECD hat vor einigen Jahren mal vorgerechnet, dass ein Prozent mehr Kosten zum Beispiel in der betrieblichen Altersvorsorge das entstehende Alterseinkommen um ein Fünftel senkt .
Die meisten Bürgerinnen und Bürger haben diese Zahlen nicht präsent, aber schlechte Erfahrungen haben sie oft gemacht. Die Riester-Verträge der vergangenen 20 Jahre sind maßgeblich durch unglaubliche Kosten, auch doppelt kassierte Kosten bei manchen Anbietern in Verruf geraten . Auch gute Verträge leiden unter diesem bescheidenden Image.
Schlechte Erfahrungen sind aber nicht nur auf Riester beschränkt: Mein Lebensversicherer schrieb mir vergangene Woche, ich möchte doch bitte Verständnis haben, dass er mir die genauen Kosten in meinem Vertrag nicht nennen könne. Nicht etwa, weil das technisch nicht möglich sei, sondern weil die »bei der Kalkulation verwendeten Faktoren erfolgsrelevant für den Wettbewerb der Lebensversicherer untereinander« seien. Mit anderen Worten, weil ich besser erkennen kann, wie gut oder schlecht das Angebot ist, darf ich das nicht wissen.
In der Fondsbranche ist das manchmal nicht viel besser. Zu Beginn des Jahrtausends wurden den Kunden Tech- und Telekom-Fonds mit katastrophalem Ergebnis verkauft. Und es war jahrzehntelang üblich, den Kunden alle paar Jahre einen neuen Fonds zu verkaufen, der das Gleiche leistete wie der alte. Nur konnte die vertreibende Bank bei der Übertragung des Geldes auf den neuen Fonds noch mal fünf Prozent Ausgabeaufschlag kassieren. 5000 Euro, wenn im Depot 100.000 Euro von einem in den anderen Fonds geschoben wurden. »Churning« , buttern oder absahnen, nannten das die Spezialisten.
Von den überhöhten laufenden Kosten der Fonds ganz zu schweigen: Während in den USA Aktienfonds mit Kosten von 0,15 Prozent im Jahr angeboten wurden , war in Deutschland das Zehnfache die Regel. Und das lag nicht daran, dass der Mercedes der Fondsmanager hierzulande teurer war als der Chevy in New York. Vielmehr zahlen viele Fondsgesellschaften in Deutschland nach wie vor jährlich Rückvergütungen an die Bank, die den Kunden einst bequatscht hat, genau ihren Fonds zu kaufen. Ein Drittel bis zur Hälfte der Managementgebühren ist für diese Rückvergütung durchaus üblich.
Kosten einer Geldanlage können zu Recht sehr unterschiedlich sein. Unterschiedliche Produkte verursachen für die Anbieter unterschiedliche Kosten. Äpfel mit Birnen zu vergleichen, ist auch nicht sinnvoll. Aber wenn der Kunde entschieden hat, welche Art Produkt er kaufen möchte, sind Kosten ein entscheidendes Kriterium vor allem auf die lange Frist in der Altersvorsorge. Es geht also darum, dass Kunden Äpfel mit Äpfeln vergleichen und nicht Äpfel mit Birnen.
Kostenunterschiede bei der Betriebsrente
Und um das mal praktisch zu machen, hier ein Beispiel: Sie zahlen in eine Lebens- oder Rentenversicherung ein, die ganz sicher viel Geld im Alter zur Verfügung stellen soll. Sie machen das im Rahmen einer betrieblichen Altersvorsorge, Sie wandeln also Gehalt um. Und Ihr Chef oder Ihre Chefin ist großzügig und legt 25 Prozent Förderung drauf. 15 bis 20 Prozent Sozialversicherungsbeiträge hat er durch Ihre Sparentscheidung gespart, aber er legt noch ein bisschen drauf .
Die Anlagemanager bei der Versicherung, die der Chef für die Betriebsrente ausgewählt hat, sind gut. Tatsächlich schaffen sie es, in den kommenden 30 Jahren im Schnitt vier Prozent zu erwirtschaften.
Blöderweise verlangen einige Anbieter aber jedes Jahr rund 1,5 Prozent Kosten vom angesparten Geld, richtig teure Anbieter sogar noch mehr. Das heißt: Von den schönen vier Prozent Rendite kommen bei Ihnen nur 2,5 Prozent an. Bei 300 Euro Monatsrate über 30 Jahre kommen so nur rund 160.000 Euro zusammen.
Hätte Ihr Chef für Sie den gleichen Vertrag bei einem günstigen Anbieter abgeschlossen, dessen Anlagetruppe aber genauso erfolgreich ist, wären von den vier Prozent Rendite immerhin drei Prozent für Sie übrig geblieben. Und nach 30 Jahren wären bei der gleichen Sparsumme rund 14.000 Euro mehr auf dem Konto, ein doch ganz ordentlicher Unterschied – bei noch günstigeren Anbietern wäre sogar noch mehr drin .
Sagen Sie Ihrem Chef, er solle doch bitte nachrechnen, bevor er für Sie einen Vertrag bei einem teuren Versicherer abschließt. Und wenn Sie das Gespräch schon mal begonnen haben, sagen Sie ihm auch noch, er soll auf den Rentenfaktor schauen, den seine Pensionskasse oder Versicherung für die Mitarbeiter anbietet. Ein höherer Faktor ist besser, weil Sie dann für jeden angesparten Euro am Ende mehr Rente bekommen, wenn Sie denn die Rente auswählen und sich nicht das gesamte Geld auf einen Schlag auszahlen lassen wollen .
Kosten beim Fondssparplan
Auch bei Fondgesellschaften gibt es solche Probleme. Eigentlich gleich gelagert, aber im Zweifel auf etwas höherem Renditeniveau. ETF-Fondssparpläne sind zwar die Lebensversicherungen des 21. Jahrhunderts. Etliche Firmen der Branche möchten aber gern nicht nur preiswerte ETF, sondern auch klassische gemanagte Fondssparpläne mit hohen jährlichen Gebühren verkaufen.
Gehen wir von folgendem Szenario aus: Am Kapitalmarkt können die Anlageprofis der Fondsgesellschaften in den kommenden Jahren mit einem marktbreiten internationalen Aktienfonds im Schnitt sogar acht Prozent verdienen. Davon gehen die Kosten ab. Bei einem ordentlichen ETF-Indexfonds 0,25 Prozent im Jahr. Bei einem klassischen internationalen Aktienfonds gern mal 1,5 Prozent im Jahr. Union Investment, die Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken, weist als reine Verwaltungskosten schon 1,2 Prozent, als laufende Kosten beim Flaggschiff-Fonds Uniglobal insgesamt sogar 2,4 Prozent im Jahr aus.
Die DWS weist für ihren Riesenfonds DWS Top Dividende sogar jährliche Kosten von 2,7 Prozent aus, wenn Sie ihre Fondsanteile etwa nach fünf Jahren wieder verkaufen würden.
Nun zurück zu unserem Szenario: Wenn alles ganz durchschnittlich läuft mit dem ETF-Indexfonds und den acht Prozent wie in der Vergangenheit, haben Sie nach 30 Jahren bei einer Einzahlung von 300 Euro im Monat und Kosten von nur einem Viertelprozent mehr als 400.000 Euro im Depot (von Steuerfragen sehe ich hier mal ab).
Wenn Sie stattdessen den teureren Fonds wählen, bleiben je nach Anbieter von den acht Prozent Rendite nur rund 6,5 Prozent übrig und am Ende zeigt Ihr Depot einen Stand von nur 320.000 Euro. Ganz schön happig, dieser Kostenunterschied.
Gute, marktbreite, weltweit anlegende ETF mit niedrigen Kosten finden Sie übrigens hier .
Der Fairness halber: Ein Fondssparplan ist keine Lebensversicherung. Das Ergebnis muss nicht durchschnittlich sein. Wenn es sehr ungünstig läuft, kommen nach 30 Jahren am Aktienmarkt im Schnitt vielleicht nur drei und nicht acht Prozent Rendite raus. Wenn Sie dann noch 1,5 Prozent Fondskosten haben, wird die Geldanlage ganz und gar unerfreulich: Sie hätten nämlich über 30 Jahre lang jeden Monat 300 Euro eingezahlt, aber nur rund 135.000 Euro als Ergebnis. Dann hätten Sie das Geld fast schon auf dem Tagesgeldkonto lassen können. Mit der kostengünstigeren ETF-Lösung mit einem Viertel Prozent Kosten hätten Sie im Schnitt 2,75 Prozent Rendite gesehen, und am Ende wären 167.000 Euro auf dem Konto.
Was heißt das für Sie? Verlassen Sie sich nicht auf die Vorträge Ihres Anbieters. Fragen Sie ihn nach den Kosten und nutzen Sie im Zweifel einen einfachen Sparplanrechner, um die Differenz zwischen unterschiedlichen Angeboten herauszufinden. In der Musterrechnung für ihre garantierte Auszahlsumme bei der Renten- oder Lebensversicherung sind schon sämtliche Kosten enthalten. Die europäische Versicherungsaufsicht versucht gerade herauszufinden, wie groß die Kostenunterschiede aber tatsächlich sind, welche Kosten es überhaupt gibt und wie teuer die besonders teuren Ausreißer sind .
Vergleichen Sie bitte, gern auch mit den Ratgebern von »Finanztip«. In jedem Fall vergleichen Sie: Wenn Sie das nicht tun, verschenken Sie sehr viel Geld. So wie manch ein Riester-Sparer. Die Fokus-Gruppe Altersvorsorge der Bundesregierung schreibt, dass 60 Prozent der Riester-Sparerinnen und -Sparer ihr Produkt nicht ein einziges Mal mit einem Konkurrenzprodukt verglichen haben. Machen Sie diesen Fehler nicht.