Gescheitertes Rentenpaket: So legen Sie trotzdem richtig fürs Alter an - DER SPIEGEL
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Hermann-Josef Tenhagen

meinung •Gescheitertes Rentenpaket So legen Sie trotz Ampel-Aus richtig fürs Alter an

Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Die Ampelkoalition wollte die Altersvorsorge reformieren – doch dieses sinnvolle Vorhaben ist gescheitert. Was kommt nun? Und was sollten Sie tun?
Wippe zur Rentenpolitik beim Bundesparteitag der FDP
Wippe zur Rentenpolitik beim Bundesparteitag der FDP

Wippe zur Rentenpolitik beim Bundesparteitag der FDP

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Hannes P Albert / picture alliance / dpa

Als die FDP die Ampel vor vier Wochen scheitern ließ, war es vor allem um die Altersvorsorge schade. Denn in diesem Politikfeld hatten die drei Ampelpartner bis dahin mehr erreicht, als man zu Beginn der Regierungskoalition gedacht hätte. Mit den Kompromissen lässt sich 2025 weiterarbeiten. Und Sie? Sie lassen Ihren neuen ETF-Sparplan einfach weiterlaufen oder planen einen intelligenten Exit aus Ihrem Riester-Vertrag und warten mal ab, was die neue Regierung 2025 bringt. Mit ein paar Grundregeln sind Sie bis zu neuen Politikbeschlüssen handlungsfähig.

Rückblende: Als SPD, Grüne und FDP sich 2021 zur Regierungskoalition zusammenfanden, lagen die politischen Vorstellungen in wenigen Bereichen so weit auseinander wie bei der Altersvorsorge. Entsprechend mau fiel der Koalitionsvertrag an der Stelle aus . Die Ampelkoalition einigte sich erst mal vor allem auf die Einrichtung einer Expertengruppe. Diese »Fokusgruppe private Altersvorsorge« sollte Gemeinsamkeiten ausloten und etwas vorformulieren. Sie war gespickt mit Lobbyisten wie Jörg Asmussen, dem Chef des Gesamtverbands der Versicherungswirtschaft, und Stefan Richter, seinem Pendant vom BVI, dem Lobbyverband der Fondsbranche. Der große Wurf war nicht zu erwarten, eigentlich rechneten viele Beobachter damit, dass in dieser Legislatur überhaupt nichts passieren würde.

Die Kommission produzierte einen länglichen Bericht  mit vielen Kompromissformeln, aber auch mit einer guten Bestandsaufnahme.

Und die Koalitionspartner gingen wider Erwarten daran, halbwegs brauchbare Gesetzentwürfe zu formulieren. Im Frühjahr keimte sogar richtig Hoffnung auf, als Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) und Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) mit der Kombination aus Grundlinienspiel in der gesetzlichen Rente (Erhalt des Rentenniveaus, keine verlängerte Lebensarbeitszeit) für die Boomergeneration und einem Staatsfonds für Kapitalmarktrenditen in der Altersvorsorge einen interessanten Kompromiss vorstellten . Sie nannten es Rentenpaket II.

Dem Wahlkampfmodus zum Opfer gefallen

Viele Jüngere haben das Modell kritisiert, ich habe vor allem politische Vorzüge gesehen. Einerseits sollte das Modell dafür sorgen, dass die vor der Rente stehende Generation eine Basisabsicherung bekommt. Das Rentenniveau sollte bis Ende der Dreißigerjahre festgeschrieben werden und niemand sollte länger als bis 67 für eine abschlagsfreie Rente arbeiten müssen. Zum anderen propagierte der FDP-Finanzminister einen staatlichen Fonds mit geliehenem Geld, jährlich mehr als zwölf Milliarden Euro. Der sollte mit Erträgen aus gestiegenen Aktienwerten ab Ende der Dreißigerjahre dafür sorgen, dass die Rentenbeiträge nicht so stark steigen müssen.

Hinzu kam als FDP-Bonbon eine Reformidee für die Riester-Rente mit einem Altersvorsorge-Depot, das für Sparer neue Chancen eröffnet hätte. Und das den Riester-Sparerinnen und Sparern einen Ausweg aus ihrer Kostenmisere ermöglicht hätte . Dabei griff der Finanzminister auf ein in den USA schon ausprobiertes Modell zurück, das Anfang des Jahrtausends auch schon mal von der damaligen rot-grünen Bundesregierung diskutiert  worden war. Verbraucherschützer  und Fondsbranche  zeigten sich gleichermaßen prinzipiell angetan. Auch wenn Details sicherlich kritikwürdig sind. Oder waren, wie man Stand heute sagen muss.

Erst mal ist alles passé, wird nicht kommen. Die Altersvorsorge-Reform ist dem Ampel-Aus und dem aktuellen Wahlkampfmodus zum Opfer gefallen.
Und weil Gesetzentwürfe, die nicht verabschiedet werden, nach dem Ende der Legislatur in den Mülleimer wandern, muss das alles von einer neuen Regierung neu angeschoben werden. Copy und Paste ist dabei natürlich nicht verboten.

Auch eine Weiterentwicklung der angedachten Pläne ist ausdrücklich erlaubt. Im regierungsfreien Raum steht beispielsweise noch immer ein Staatsfonds für die zusätzliche Altersvorsorge. Das würde helfen, die hohen Kosten von privaten Vorsorgeverträgen zu senken. Denn die fressen einen Großteil  der Wertentwicklung von Verbraucherinnen und Verbrauchern auf.

Helfen würde es auch, wenn es nicht für jeden Vorsorgeweg einen eigenen Vertrag bräuchte. Der bereits erwähnte Staatsfonds wäre dafür eine gute Option, aber auch ein individuelles Altersvorsorge-Förderkonto wäre denkbar. Darauf könnten dann sowohl der Staat (Riester- und Rürup-Rente) als auch Arbeitgeber (betriebliche Vorsorge) einzahlen. Und Sie könnten selbst entscheiden, in welches Produkt die Förderung von dort fließen soll.

Was Sie tun können

Aber das sind Vorschläge. Was können Sie tun, bis die Politik etwas Neues beschließt?

Die meisten von Ihnen sollten als Start für die private Altersvorsorge einfach mit einem ETF-Sparplan auf einen marktbreiten weltweiten Index starten – oder, wenn Sie den schon haben, einfach weitermachen.

Meine Kollegen bei Finanztip rechnen bei einem solchen ETF-Sparplan für die Zukunft mit einer durchschnittlichen Rendite von moderaten sechs Prozent pro Jahr. Und die werden Sie für den Großteil Ihres Ersparten auch brauchen, um Ihre Rentenlücke – also die Differenz zwischen gesetzlicher Rente und monatlichem Bedarf – im Alter schließen zu können.

Wollen Sie zum Beispiel 400 Euro im Monat für Ihre Altersvorsorge beiseitelegen? Dann können Sie zum Beispiel 320 Euro mit einem Sparplan in einen Aktien-ETF stecken. Die restlichen 80 Euro packen Sie auf ein Tagesgeldkonto – als Sicherheitspuffer für die Schwankungen der Aktienmärkte.

Nimmt man eine durchschnittliche Rendite für den Aktien-ETF von sechs Prozent pro Jahr und für das Tagesgeld von zwei Prozent pro Jahr an, ergeben sich nach 20 Jahren mehr als 182.000 Euro nach Steuern. Und das bei nur 96.000 Euro Einzahlungen und ganz ohne staatliche Zuschüsse.

Machen Sie es sich zum Neujahrsvorsatz, überflüssige Euros vom Girokonto, vom Notgroschen-Konto und erst recht von alten Sparbüchern anzulegen. Dafür brauchen Sie ein gutes und vor allem günstiges Wertpapierdepot. Rennen Sie aber besser nicht direkt zu Ihrer Hausbank. Denn die Analysen von Finanztip zeigen immer wieder, dass die Depots von Filialbanken deutlich teurer sind als von Konkurrenten aus dem Internet. Und das kostet Sie am Ende Rendite.

Vor der Eröffnung sollten Sie also die Depotangebote vergleichen . Außer auf die Kosten sollten Sie auch darauf schauen, welches Depot gut zu Ihren Bedürfnissen passt. Sollen die Sparraten direkt von Ihrem Girokonto abgebucht werden? Hätten Sie gern gute Zinsen für das zugehörige Verrechnungskonto? ?

Wenn Sie ein Depot gefunden haben, das günstig ist und zu Ihnen passt, geht es ans Eröffnen: Auch das läuft komplett online, samt der Legitimierung mit Ihrem Ausweis. Nach der Eröffnung suchen Sie sich noch einen passenden breit gestreuten ETF aus . Darauf müssen Sie dann noch einen ETF-Sparplan einrichten.

Von 1,5 Millionen ist die Zahl solcher Sparpläne in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren auf über 7 Millionen gestiegen . Sie können das auch. Und das Beste: Ein solch großer Schritt Richtung entspannterem Ruhestand ist in weniger als 15 Minuten gemacht.

Ach so. Und was ist, wenn Sie in einem Riester-Vertrag festhängen? Wer einen Riester-Vertrag mit einer hohen Förderquote bespart, macht auch mit diesem einfach weiter. Das gilt insbesondere für Niedrigverdiener mit Kindern . Auch Riester-Sparerinnen und Sparer mit einem alten Riester-Fonds der Fondsgesellschaften Union oder DWS sollten weitersparen. Vor allem, weil und wenn Sie das Geld noch vor der Rente in eine selbst bewohnte Immobilie stecken können. Auch energetische Sanierungen  und altersgerechte Umbauten können damit finanziert werden. So schlagen Sie gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe. Und müssen nicht darauf hoffen, über 90 Jahre alt werden zu müssen, um Ihr Riester-Guthaben tatsächlich komplett ausbezahlt zu bekommen.