Staatsanleihen und Handelskrieg: Was der Absturz der US-Schuldpapiere bedeutet - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Alarm an den Finanzmärkten Was der Absturz der US-Staatsanleihen bedeutet

Amerikanische Staatsschulden gelten als sicherer Hafen für Anleger in turbulenten Zeiten. Doch Donald Trumps Zoll-Rundumschlag lässt Aktien- und Anleihenmärkte gleichzeitig einbrechen. Warum das so ist und was folgen könnte.

Nicht nur die Aktienmärkte scheinen seit Donald Trumps Zoll-Rundumschlag verrücktzuspielen, auch am Anleihenmarkt geht es in den vergangenen Tagen dramatisch zu. Investoren stoßen massenhaft US-Staatsanleihen ab, das treibt die Renditen in rekordverdächtigem Tempo in die Höhe.

Was bedeutet das? Und welche Folgen kann das haben? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Was sind Staatsanleihen?

Staatsanleihen sind Schuldpapiere. Um seine Aufgaben zu finanzieren, kann ein Staat nicht nur Steuern und Abgaben erheben, sondern sich auch Geld leihen. Das tun alle Staaten regelmäßig. Dazu geben sie Schuldverschreibungen aus, die in der Regel eine feste Laufzeit haben und einen festen Zinssatz versprechen, also zum Beispiel zwei Prozent Zinsen über einen Zeitraum von zehn Jahren. Käufer dieser Anleihen sind in der Regel große Investoren – etwa Versicherungen, die das Geld ihrer Kunden anlegen müssen, um Zinsen zu erwirtschaften. Aber auch Privatanleger können Anleihen kaufen.

Am Ende der Laufzeit erhalten die Investoren das verliehene Geld vom Staat zurück – allerdings nur, wenn der Staat in der Zwischenzeit nicht pleitegegangen ist.

Wie sicher die Anlage in Staatsanleihen ist, hängt deshalb von der Bonität des jeweiligen Staates ab, die regelmäßig von Ratingagenturen bewertet wird. Als bestes Rating gilt dabei die Note AAA, die zum Beispiel Deutschland oder die Schweiz bekommen. Die USA haben von zwei der drei größten Ratingagenturen zuletzt nur die zweitbeste Note erhalten. Dennoch gelten sie als extrem sicherer Schuldner – auch, weil sie den größten Kapitalmarkt und mit dem Dollar zudem die wichtigste Währung der Welt haben.

Warum steigen die Renditen, wenn Investoren Staatsanleihen verkaufen?

Staatsanleihen werden zu einem sogenannten Nennwert ausgegeben – also der Betrag, den der Investor dem Staat leiht und der am Ende zurückgezahlt wird. Außerdem gibt es meist einen festen Zinssatz, den Kupon.

Während der Laufzeit kann der Marktpreis der Anleihe jedoch schwanken: Bei hoher Nachfrage steigt der Kurs. Wer die Anleihe dann über dem Nennwert kauft, erzielt eine geringere Rendite. Sinkt hingegen der Kurs der Anleihe, steigt die Rendite.

Ein Beispiel: Investor A kauft eine US-Staatsanleihe für 100 Dollar und einem Kupon von 4 Prozent Zinsen und verkauft sie später zu 99 Dollar an Investor B. Investor B erhält dann zwar ebenfalls nur 4 Prozent Zinsen, aber er bekommt am Ende der Laufzeit 100 Dollar zurück. Dadurch ergibt sich für ihn eine höhere Rendite als vier Prozent.

Wenn die Renditen von Staatsanleihen steigen, wird für den Staat die Finanzierung tendenziell teurer. Das schlägt sich allerdings noch nicht unmittelbar nieder, sondern kommt erst bei der Ausgabe der nächsten neuen Staatsanleihen zum Tragen.

Warum steigen plötzlich die Renditen von US-Staatsanleihen?

Am Mittwochmorgen sind die Renditen für amerikanische Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit zeitweise bis auf 4,5 Prozent gestiegen, danach fielen sie allerdings wieder etwas auf 4,38 Prozent. Zum Vergleich: Am Freitag hatten sie noch unter 4 Prozent gelegen. Bei Anleihen mit 30-jähriger Laufzeit war der Anstieg sogar noch stärker: Dort ging es innerhalb von drei Tagen sogar um rund 0,6 Prozentpunkte nach oben, so stark wie seit 1981 nicht mehr.

Ein solcher Anstieg innerhalb so kurzer Zeit ist sehr ungewöhnlich – erst recht, wenn parallel auch die Aktienkurse abstürzen. Normalerweise schichten Investoren ihr Geld in Staatsanleihen um, wenn es am Aktienmarkt unruhig wird. Vor allem die Schuldpapiere der USA gelten als sicherer Hafen – ähnlich wie deutsche Bundesanleihen.

Für den steilen Anstieg der Renditen bei US-Staatsanleihen kann es mehrere Gründe geben. So wird zum Beispiel spekuliert, dass China einen Teil seiner US-Staatsanleihen verkaufen könnte – als Gegenreaktion auf Trumps Strafzölle. Deutlich wahrscheinlicher ist aber eine andere Erklärung: Hedgefonds verkaufen derzeit verstärkt US-Staatsanleihen mit längeren Laufzeiten. Sie hatten mit geliehenem Geld auf minimale Preisunterschiede zwischen Anleihen und den dazugehörigen Terminkontrakten spekuliert – ein beliebter, aber riskanter Strategieansatz, der »Basis-Trade« genannt wird. Als Reaktion auf die starken Kursschwankungen verlangen Kreditgeber nun zusätzliche Sicherheiten – sogenannte Nachschussforderungen. Wenn die Hedgefonds diese Sicherheiten nicht schnell genug bereitstellen können, sind sie gezwungen zu verkaufen, um rasch an frisches Geld zu kommen. »Das hat inzwischen nichts mehr mit Fundamentaldaten zu tun – es geht jetzt um Liquidität«, zitiert die Nachrichtenagentur Reuters den Chefstrategen bei der Australia and New Zealand Banking Group, Jack Chambers.

Was bedeuten die steigenden Renditen für Donald Trump?

Für die amerikanische Regierung sind die steigenden Renditen eine schlechte Nachricht. Die Staatsverschuldung ist in den vergangenen Jahren ohnehin drastisch angestiegen, zuletzt auf mehr als 120 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Die Steuersenkungspläne von Donald Trump dürften den Schuldenberg noch vergrößern.

Wenn nun die Zinsen steigen, wird die Belastung noch größer. Wenn die USA sich frisches Geld leihen, müssen sie tendenziell mehr dafür bezahlen. Eigentlich war der Plan ein anderer: Trumps Finanzminister Scott Bessent hatte die Hoffnung geäußert, dass die Renditen durch die Zollpolitik sinken. Damit wird es offenbar erst mal nichts. An den Finanzmärkten wird aber bereits spekuliert, dass die amerikanische Notenbank Fed einspringen und US-Staatsanleihen aufkaufen könnte, um die Lage zu beruhigen.

Sind US-Staatsanleihen jetzt kein sicherer Hafen mehr?

So weit ist es noch nicht – auch, weil es derzeit keine ausreichend große Alternative gibt. Dennoch sehen einige Experten bereits Hinweise für eine Wende. Die Volkswirte der Dekabank etwa werten die jüngsten Entwicklungen an den Märkten als gefährliches Signal und ein Zeichen dafür, dass etablierte sichere Häfen ihre Glaubwürdigkeit verlieren könnten. Und Stephen Innes von SPI Asset Management sieht zudem ein Risiko für die Rolle des US-Dollars als Weltleitwährung. »Wenn die Staatsanleihen weiter bluten, während der Aktienmarkt hässlich bleibt, dann tritt die wahre Gefahr ein«, schreibt er in einem Kommentar. »Das ist das erste Rauchzeichen für einen ›Sell America‹-Moment, der die Dominanz des Dollars schnell und schmutzig aufhebt.«

Mit Material der Nachrichtenagentur Reuters