Smart-Chip-Debatte: Selbstzerstörung inklusive - DER SPIEGEL
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Smart-Chip-Debatte Selbstzerstörung inklusive

Smart Chips sind noch weitgehend unbekannt, die Öffentlichkeit hat sich mit den Implikationen für Daten- und Verbraucherschutz noch nicht auseinandergesetzt. Das ist aber notwendig, wenn die neue Technologie ein Erfolg werden soll.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schlange stehen war gestern. Dank Smart Chips (siehe genaue Erklärung) wird es in Zukunft keine Supermarktkassen mehr geben, an denen übellaunige Käufer ihrer Abfertigung harren. Davon zumindest träumen die großen Einzelhandelskonzerne. Im vollautomatisierten Supermarkt des Jahres 2010 nimmt sich der Kunde einfach, was er braucht und verlässt das Geschäft. Ein RFID-Lesegerät checkt am Ausgang den Inhalt des Einkaufskorbs, und liest die Kreditkartendaten aus (siehe Grafik).

Dummerweise hat die Industrie die Rechnung ohne den Kunden gemacht. Eine kürzlich von der Unternehmensberatung Gartner durchgeführte Umfrage unter US-Haushalten hat ergeben, dass 44 Prozent aller Verbraucher Vorbehalte gegen die Funkchip-Technologie haben. Die Befragten würden entweder überhaupt nicht oder nur zögerlich in einem Laden einkaufen, dessen Ware mit Chips versehen ist. Sollte ein Supermarkt in der Lage sein, auch Kreditkarten auszulesen und die Informationen zu speichern, steigt die Ablehnung deutlich an. Satte 71 Prozent der Konsumenten würden sich solch einem System verweigern.

Die Industrie ist an dieser Haltung im Wesentlichen selbst schuld, denn bisher hat sie auf die Datenschutzproblematik sehr abweisend reagiert. Nachdem Unternehmen wie Gillette oder Benetton bei der Einführung gechippter Produkte auf erheblichen Widerstand gestoßen sind, beginnt sich die Haltung der Wirtschaft aber langsam zu verändern. Heinz Strauss, Chief Visioneer bei Sun Microsystems Deutschland, sieht die Akzeptanzfrage inzwischen als den entscheidenden Knackpunkt: Die verbleibenden technischen Probleme würden wohl in spätestens zwei Jahren beseitigt sein, doch eine ablehnende Öffentlichkeit könne die Ausbreitung von RFID bremsen.

Wer darf eigentlich was?

Deshalb kommt jetzt allmählich Bewegung in die Debatte. Das Auto-ID Center, einer der führenden RFID-Lobbyisten, hat inzwischen ein Beratungsgremium eingerichtet, das Regeln für den Schutz der Privatsphäre aufstellen soll. In Kalifornien fand kürzlich erstmals eine Konferenz statt , auf der Industrie- und Regierungsvertreter mit Datenschützern über die Frage diskutierten, ob es gesetzlicher Regelungen bedarf.

Ungeklärt ist zum Beispiel, ob ein Einkaufszentrum den Inhalt von Einkaufstüten per Funk ausspionieren darf. Gruselig ist auch ein Gedanke, den der Datenschutz-Guru Simson Garfinkel kürzlich skizziert hat:  Wenn Kühlschränke oder Mikrowellen in Zukunft Funksender und Internetanschluss haben, spionieren sie dann unsere Wohnungen aus und mailen eine Inventarliste an Whirlpool, AEG oder Bosch? Auch wenn das bislang theoretische Szenarien sind, stellt sich die Frage: Dürfen Unternehmen das?

In den USA dürfen sie es vermutlich, denn dort existieren keine anders lautenden Bestimmungen. In weiten Teilen Europas könnten restriktivere Datenschutzregelungen den Handlungsspielraum der Industrie einschränken - vor allem, wenn es um das Sammeln von Informationen zu Marktforschungszwecken geht. Bisher hat der für den Verbraucherschutz zuständige EU-Kommissar David Byrne allerdings keine eigene Initiative zum Thema RFID gestartet.

Garfinkel fordert deshalb einen Rechtekatalog für Konsumenten:

  • Verbraucher sollten wissen, dass ein Produkt einen Smart Chip enthält.
  • Der Chip sollte auf Wunsch des Käufers an der Kasse entfernt oder deaktiviert werden.
  • Kein Konsument sollte von bestimmten Dienstleistungen ausgeschlossen werden, weil er sich weigert, RFID-Technologie zu benutzen.
  • Der Käufer muss das Recht haben, die auf einem Chip gespeicherten Daten auszulesen.
  • Informationen darüber wann, wo und warum ein Chip angefunkt wird, müssen dem Kunden auf Anfrage zugänglich gemacht werden.

Wünschenswert wäre es, wenn die Industrie sich ohne Hilfe des Gesetzgebers auf glaubhafte Datenschutzstandards verständigen könnte. Damit gewänne sie an Glaubwürdigkeit und könnte schwarze Schafe wirksamer brandmarken. Die Gartner-Umfrage sollte ein klares Warnsignal sein: Wenn die Wirtschaft nichts unternimmt, um die Verbraucher von ihren hehren Absichten zu überzeugen, könnte das "Internet der Dinge" scheitern.

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