Karolina Habryka liebt ihren Job, fürchtet aber, unter der Belastung bald zusammenzubrechen. Seit 18 Jahren arbeitet sie als Krankenpflegerin. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen aus den Berliner Vivantes-Kliniken ist sie seit vier Wochen im Streik.
Karolina Habryka, Krankenpflegerin
»Eigentlich gibt es jeden Tag Situationen, wo ich sage: Das kann ich so nicht mehr, das möchte ich so nicht mehr und das mache ich auch so nicht mehr. Und trotzdem gehe ich am nächsten Tag wieder zur Arbeit. Also man gefährdet jeden Tag Menschenleben und man muss Abstriche machen. Man hat nur schlechtes Gewissen. Man entschuldigt sich die ganze Zeit für die Zustände. Es gibt kaum noch einen Tag, wo man gute Pflege leisten kann.«
Die 36-Jährige arbeitet zurzeit auf einer Krebsstation. Manchmal muss sie dort in einer Schicht allein mehr als zwölf Patientinnen und Patienten versorgen – viel zu viele.
Karolina Habryka, Krankenpflegerin
»Es ist ein ganz, ganz, ganz fantastischer Beruf, wenn man einen Menschen in den Arm nehmen kann, ihn trösten kann, in seiner größten Not da sein kann. Es gibt nichts Entlohnenderes. Aber im Moment kriegt man das auch nicht mehr zurück, denn alle Menschen sind natürlich absolut unzufrieden und das verstehe ich auch. Aber ich kann da nichts für.«
Vor vier Wochen sind die Berliner Krankenhausbeschäftigten deshalb in einen unbefristeten Streik getreten. In jedem der acht Vivantes-Krankenhäuser und an den drei Charité-Hauptstandorten mussten seitdem Betten gesperrt und OPs verschoben werden. Die Notversorgung sei aber gewährleistet, so die Gewerkschaft.
Eine zentrale Forderung der Pflegekräfte: ein sogenannter "Tarifvertrag Entlastung", der zum einen klar festlegt, mit wie viel Personal jede Schicht mindestens besetzt sein muss. Und zum anderen regelt, dass bei Unterbesetzung die Mehrbelastung mit Punkten dokumentiert und dann ausgeglichen wird: entweder finanziell oder durch einen zusätzlichen freien Tag.
Karolina Habryka, Krankenpflegerin
»Jetzt mag man sich fragen: Warum soll das helfen, wenn es einen Pflegenotstand gibt und man die Kolleginnen in eine Freischicht schickt, dann wird der Notstand ja noch größer, aber unser Ziel ist es nicht, Punkte zu sammeln, denn ein Belastungspunkt ist kein Bonbon, sondern es ist eine massiv belastete Schicht, die man irgendwie überlebt hat und wenn man Glück hat auch die Patientinnen überlebt haben und das möchte man vermeiden.«
Am Donnerstag gab es einen ersten Teilerfolg: Zumindest die Charité und Verdi verständigten sich darauf, den Personalschlüssel zu erhöhen. Beide Seiten wollen nun innerhalb von fünf Wochen einen Tarifvertrag verhandeln. Der Streik an den Stationen der Charité wird in der Zeit ausgesetzt.
Mit dem Vivantes-Konzern ist allerdings noch keine Einigung in Sicht – eine Demonstration am Samstag auf dem Berliner Hermann Platz soll den Forderungen neuen Nachdruck verschaffen.
Karolina Habryka, Krankenpflegerin
»Wir brauchen den Druck der Öffentlichkeit, denn wir werden einfach nicht gehört. Und wenn wir hier weiterhin nicht gehört werden, dann habt ihr bald keine Versorgung mehr in den Krankenhäusern.«
Vor einigen Monaten war Karolina kurz davor, wegen völliger Überlastung den Job zu wechseln. Ein besserer Tarifvertrag gäbe ihr neue Motivation, den Job, den sie eigentlich so liebt, weiterzumachen.
Karolina Habryka, Krankenpflegerin
»In erster Linie kämpfen wir hier nicht für uns, sondern für eine Patientinnenversorgung. Und zwar eine nicht gefährdende. Eine gute. Wir kämpfen hier für eine gute. Im Moment haben wir eine gefährliche Pflege.«
frei Sprechchöre: Mehr Personal, auch nach der Wahl!