Commons-Bewegung in Gent: Ein Tag in der Hauptstadt des Teilens - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Gemeinschaftsbesitz Ein Tag in der Hauptstadt des Teilens

Wie erhalten wir unseren Wohlstand, ohne die planetaren Grenzen zu sprengen? Im belgischen Gent finden sich Ansätze. Die Geschichte einer Stadt, die das Teilen kultiviert – und deren Bewohner sich dadurch näherkommen.
Foto:

Kevin Faingnaert / DER SPIEGEL

Von Stefan Schultz (Text) und Kevin Faingnaert (Fotos)

Wir treffen uns früh morgens, nicht weit vom Stadtzentrum, vor einem Häuserblock mit beige-rotem Ziegelmuster und malerischen Treppengiebeln.

Stefanie umarmt mich, obwohl wir erst zweimal gezoomt haben. Sie trägt eine bunte Windjacke und einen filigranen Nasenring. Auf ihr linkes Handgelenk ist das niederländische Wort wanhoop tätowiert, die Silbe »wan« ist durchgestrichen.

Wanhoop bedeutet Verzweiflung, hoop lässt sich mit Hoffnung übersetzen. Stefanie De Bock sagt, das fasse ihr Leben gut zusammen.

Commons-Anhängerin Stefanie de Bock: Wirtschaft smarter transformieren

Fotos: Kevin Faingnaert / DER SPIEGEL

Die 28-Jährige hat zu einer Radtour der besonderen Art geladen. Es geht durch ihre Heimatstadt Gent, eine Metropole nordwestlich von Brüssel, in der rund eine Viertelmillion Menschen leben. Viele davon experimentieren mit postkapitalistischen Lebensentwürfen, und das auf gutbürgerliche Weise. Ohne Kommunismus, besetzte Häuser oder übermäßigen Verzicht.

»Es braucht keine großen Ideologien«, sagt Stefanie. Es gebe längst alle Lösungen, hier in ihrer Stadt.

Radfahrt durch Gent

Video: Kevin Faingnaert / DER SPIEGEL

Die Bewegung, der Stefanie angehört, nennt sich The Commons . Sie stützt sich auf ein Konzept, für das die US-Ökonomin Elinor Ostrom 2009 den Wirtschaftsnobelpreis bekam. Ostrom wies nach, dass es neben Staat und Markt noch ein drittes System der Ressourcenverwaltung gibt: den Gemeinschaftsbesitz, auf Englisch commons.

Der Ansatz galt lange als Hippiefantasie. Ökonomen glaubten, dass der freie Zugang zu endlichen Ressourcen zu deren Erschöpfung führt, zwangsläufig, weil Menschen sie zu stark ausbeuten. Ostrom widerlegte das, indem sie zeigte, wie indigene Völker ihre Ländereien teils über Jahrhunderte selbst verwaltet haben – zum Wohle aller und im Einklang mit der Natur.

Die Ökonomin hat Hunderte solcher Projekte betrachtet und daraus Erfolgsstrategien  abgeleitet: Der Zugang zum Gemeinschaftsbesitz muss klar geregelt und überwacht werden. Entscheidungen müssen gemeinsam getroffen, Konflikte wirksam gelöst werden. Und Commons-Projekte müssen gut in größere Systeme eingebunden sein.

Heute wenden Initiativen in rund 200 Städten Ostroms Strategien an. In Thailand entstehen dadurch bezahlbare Wohnungen. In der US-Stadt Boston haben Bürgerinnen und Bürger ein verarmtes Stadtviertel wiederbelebt. In Italien, den Niederlanden und Rumänien finanziert die EU-Kommission teils Projekte mit, die auf dem Commons-Prinzip fußen.

Der Politikprofessor Christian Iaione, der die Bewegung in den Städten erforscht, spricht von einem System, in dem das Duopol von Markt und Staat zum Triopol wird – mit Commons-Gemeinden als Partner des öffentlichen und privaten Sektors. Denn unregulierte Märkte gewichten Profite stets höher als das Gemeinwohl. Und Staaten sollten zwar sozialen Ausgleich schaffen, übersehen aber oft die Bedürfnisse bestimmter Bevölkerungsgruppen.

Kann die Commons-Bewegung ein Korrektiv sein? Kann sie soziale Gerechtigkeit erhöhen? Und können wir unseren Lebensstandard erhalten, ohne die planetaren Grenzen zu sprengen – einfach, indem wir mehr teilen?

Noch ist all das ein Experiment. Aber eines, das sich erleben lässt. Wohl nirgends auf der Welt ballt sich die Commons-Bewegung so wie in Gent – wahrscheinlich auch deshalb, weil linksliberale Koalitionen die Stadt seit Jahrzehnten regieren.

Mehr als 500 Initiativen entwickeln hier Geschäftsmodelle nach dem Commons-Prinzip – vom Wohnen über solidarische Landwirtschaft bis zum organisierten Teilen von Besitz. Man trifft Menschen wie Stefanie, deren Leben in allen Bereichen davon durchdrungen ist. Und Menschen in der Stadtverwaltung, die Millionen von Euro in solche Projekte stecken.

2017 wollte der damalige Bürgermeister Daniël Termont das Gemeinschaftseigentum gar zum obersten Prinzip der Verwaltung machen. Doch dazu später mehr.

Stefanie parkt ihr Rad vor einem Hauseingang und drückt eine Klingel. Eine junge Frau öffnet uns. Es ist der Tag nach der Wiederwahl von Donald Trump und dem Ende der deutschen Ampelkoalition. Es gibt kaum einen besseren Moment, um eine Bewegung zu entdecken, die den Gemeinsinn stärken will.

Co-Housing-Projekt Bellefleur: Zwischenform des Wohnens

Foto: Kevin Faingnaert / DER SPIEGEL

Die Frau, die öffnet, heißt Charlotte Deltour. Sie hat schulterlanges Haar, trägt eine runde Brille mit dünnem Rand und hat einen offenen, freundlichen Blick.

Die 29-Jährige führt in einen Gemeinschaftsraum. Die Wände sind frisch gestrichen, in der Mitte stehen ein Tisch und ein paar Stühle. Die restliche Einrichtung fehlt noch. Charlotte und ihre Nachbarn sind erst Anfang Oktober eingezogen.

Bellefleur-Bewohnerin Charlotte Deltour

Bellefleur-Bewohnerin Charlotte Deltour

Foto: Kevin Faingnaert / DER SPIEGEL

Das Wohnprojekt Bellefleur besteht aus 24 Apartments. Die Bewohnerinnen und Bewohner sind mal älter und mal jünger, mal hetero- und mal homosexuell, mal Singles und mal Familien. Jede Partei hat ihre eigene Wohnung. Dazu teilen sie sich zwei Gemeinschaftsräume, den Garten, ein paar Waschmaschinen und das Internet.

Charlotte ist eingezogen, weil sie sich nach mehr Gemeinschaft sehnt. Stefanie interessiert das Projekt aus dem entgegengesetzten Grund: Sie will raus aus ihrer Vierer-WG, in der ihr Freund und sie nur ein eigenes Zimmer haben.

Das Konzept hinter Bellefleur nennt sich Co-Housing . Es ist eine Zwischenlösung, in der man den Grad von Gemeinschaft und Eigenleben flexibel reguliert. In Großstädten wie London und Wien nimmt die Zahl solcher Projekte zu. In Großbritannien könnte sich ein Fünftel der Bevölkerung vorstellen, so zu leben, heißt es in einer Analyse des Branchenberaters Savills.

Die Genossenschaft Wooncoop, der Bellefleur gehört, gilt als Vorreiterin für Co-Housing. Ihr Mitgründer Lukas Vanelderen sieht in Stein gegossenen Individualismus, wenn er durch Gent spaziert. All die Menschen, die allein in ihren Wohnungen sitzen und ihre Nachbarn kaum noch kennen. »Es braucht eine andere Architektur und andere Wohnkonzepte«, sagt Vanelderen. »Damit sich die Menschen wieder mehr verbinden.«

In Bellefleur hat Wooncoop zusätzliche Treppen einbauen lassen – damit jeder von seiner Wohnung direkt in den Gemeinschaftsbereich kommt. Und man lässt die Bewohner in Soziokratie  schulen, einem Organisationskonzept, das jeder Stimme Raum geben soll.

Denn mehr Nähe bedeutet auch mehr Konflikte. Es braucht ein reiferes Miteinander, als wenn man anonym nebeneinanderher lebt. In Bellefleur könne man sich nicht einfach im Flur ignorieren oder bei Lärm die Polizei rufen, sagt Charlotte. »Das bedeutet mehr Aufwand. Aber es steigert auch die soziale Kompetenz.«

Die Bewohner treffen sich einmal im Monat und besprechen, wie sie miteinander leben möchten. Zwischen den Treffen setzen Projektgruppen und Freiwillige die Beschlüsse um. Momentan geht es viel um die Gemeinschaftsräume. In einem soll eine Küche samt Co-Working-Space entstehen, im anderen ein Wohnzimmer mit Büchern, Gesellschaftsspielen und einem Beamer für Kinoabende. Im Garten möchten sie Kräuter pflanzen und einen großen Grill aufstellen.

Fassade von Bellefleur: Architektur, die Gemeinschaft stärkt

Fassade von Bellefleur: Architektur, die Gemeinschaft stärkt

Foto: Kevin Faingnaert / DER SPIEGEL
Gemeinschaftsgarten von Bellefleur: Akribische Fairness

Gemeinschaftsgarten von Bellefleur: Akribische Fairness

Foto: Kevin Faingnaert / DER SPIEGEL

Finanzieren tun die Bewohner das selbst – und bemühen sich akribisch um Fairness. Auf einer Waschmaschine liegt eine Strichliste, auf der man jeden einzelnen Waschgang vermerken muss, damit die Kosten für Strom, Wasser und Reparaturen genau aufgeteilt werden können.

Die bisher größte Reifeprüfung der Gemeinschaft waren ein paar Hühner. Einige Bewohner wollten sie im Garten halten. Die Bellefleurer diskutierten mehrere Monate darüber. Befürworter sagten, das werde lustig. Gegner sagten, der Garten sei zu klein. Eine Arbeitsgruppe präsentierte zwei Optionen für die Unterbringung der Tiere. Doch die Mehrheit entschied sich dagegen. »Die Antragssteller akzeptierten den Beschluss«, sagt Charlotte. »Sie fühlten sich respektiert und in ihrem Anliegen gesehen.«

Charlotte überweist Wooncoop monatlich rund 1200 Euro für ihre 70-Quadratmeter-Wohnung. Die Hälfte deckt Miete und Betriebskosten, der Rest fließt in den Kauf von Firmenanteilen. Sollte Charlotte umziehen, kann sie sich auszahlen lassen. So ist nicht alles Geld weg, das sie fürs Wohnen zahlt. Und sie ist indirekt Miteigentümerin ihrer Wohnung.

Wooncoop deckt mit all dem die Selbstkosten. Und finanziert mit Bellefleur noch andere Häuser gegen. Allen voran drei Co-Housing-Projekte für Geflüchtete, mit Monatsbeiträgen unter dem Marktpreis.

Die Bewohner von Bellefleur wirken zufrieden. Aber wirklich massentauglich ist ihr Projekt wohl noch nicht. Gerade 78 Wohnungen verwaltet Wooncoop bisher. Irgendwann in den Dreißigerjahren sollen es 1000 sein.

Solidarhof Goedingen: Fairere Agrarwirtschaft?

Foto: Kevin Faingnaert / DER SPIEGEL

Jeden Dienstagnachmittag fährt Stefanie ins Stadtzentrum und holt Gemüse von einem Floß. Sie nimmt sich Kohl und Karotten, wiegt alles ab und packt es in ihren Rucksack. Niemand kontrolliert, wie viel sie mitnimmt. Man vertraue den Leuten, sagen die Betreiber Tim Jacobs und Maarten Cools. In 90 Prozent der Fälle gehe das gut.

Gemüsefloß des Goedingen-Hofs: Essensausgabe auf Vertrauensbasis

Gemüsefloß des Goedingen-Hofs: Essensausgabe auf Vertrauensbasis

Foto:

Kevin Faingnaert / DER SPIEGEL

Der Hof, von dem das Essen kommt, liegt südwestlich der Stadt. Morgennebel hängt über den Äckern, auf denen Jacobs gerade Pastinaken und Schwarzwurzeln erntet. Er trägt Vollbart, Wollmütze und Holzfällerhemd. Würde man das Wort »Hipster« googeln, käme wahrscheinlich ein Bild von ihm.

Der 37-Jährige betreibt solidarische Landwirtschaft . Kundinnen und Kunden kaufen einmal pro Jahr für ein paar Hundert Euro einen Ernteanteil und bekommen dafür jede Woche Gemüse und Kräuter.

60 bis 70 Sorten produziert der Hof pro Jahr, regional, saisonal und bio. Nur im tiefsten Winter liegen die Felder brach. Gut 320 Menschen ernten ihr Essen selbst, 117 holen es im Stadtzentrum vom Floß.

Konzepte wie dieses werden immer beliebter. Allein in Europa gibt es rund 6000 solidarische Höfe, die mindestens eine halbe Million Menschen versorgen. Die Kunden lockt der direkte Zugang zu Lebensmitteln, die Bauern freut, dass sie die großen Händler umgehen. Denn die drücken mit ihrer Marktmacht die Preise, so sehr, dass kleinere Höfe oft dichtmachen.

Jacobs bekommt zu Beginn der Saison sein Geld. Er weiß genau, wie viel er investieren kann. Entscheidet gemeinsam mit seinen Kunden, was er anbaut. Und teilt sich mit ihnen das Ernterisiko. Bei Starkregen oder Schädlingsbefall gibt es weniger Gemüse. Bis jetzt finden das alle okay. Allerdings ist der Ernstfall auch noch nicht eingetreten.

Solidarhof Goedinge: Mitsprache beim Anbau, geteiltes Ernterisiko

Foto: Kevin Faingnaert / DER SPIEGEL

Um seine Kosten zu decken, braucht Jacobs 400 Kunden. Bislang waren es jedes Jahr mehr. Gerade redet er mit einem Krankenhaus, es wäre sein erster Großkunde. Aber er will nicht unbedingt mehr produzieren.

Jacobs versucht, von neun bis fünf zu arbeiten und die Wochenenden freizuhalten. Er sagt, dass er seine Freizeit und Familienzeit genießt. Dass er viele seiner Kunden persönlich kennt. Ab und zu organisiert er für alle ein Fest. »Ich bin zufrieden«, sagt Jacobs. »Ich brauche nicht noch mehr.«

Für die Ökonomin Diane Coyle ist das ein Schlüsselsatz. Sie hat ein Buch über die »Economics of Enough« geschrieben, über die Ökonomie der Genügsamkeit. Wir sollten unser Streben nach Wachstum hinterfragen, fordert die Britin. Es fördere Ungerechtigkeit, Machtkämpfe und Raubbau an der Natur.

Goedinge-Ernte: 60 bis 70 Gemüsesorten pro Jahr

Foto: Kevin Faingnaert / DER SPIEGEL

Jacobs’ Hof fördert eine andere Geisteshaltung. Stefanie und ihr Freund fahren oft zusammen zum Floß. Sie nehmen sich Zeit, zu besprechen, was sie mit dem Gemüse zubereiten. Und sie kochen wieder öfter gemeinsam. Es sind einfache Dinge, aber sie bringen die beiden einander näher. Und sie sind jetzt dankbarer für ihr Essen. »Ich lerne, wie wenig ich brauche, um glücklich zu sein«, sagt Stefanie.

Diese Art von Genügsamkeit muss man sich allerdings leisten können. Jacobs’ Gemüse ist nicht gerade günstig. Seine Kunden stammen meist aus der Mittelschicht. Und sein Hof lässt sich auch deshalb so leicht finanzieren, weil die Stadt ihm das Land umsonst verpachtet.

Der Ansatz ist dadurch nicht weniger lehrreich. Er zeigt Ideen für einen Mittelweg. Für eine Wirtschaft, die nicht zu gierig ist, aber auch nicht übertrieben enthaltsam. Die nicht zu viel oder zu wenig Wachstum will – sondern genug.

Tool Library: Werkzeug für Jedermensch

Foto: Kevin Faingnaert / DER SPIEGEL

In einem holzvertäfelten Lager stapeln sich Äxte, Bohrer und viele weitere Werkzeuge. Stefanie fragt am Tresen nach einer Kettensäge. Staf Cannaerts, 72, grauer Vollbart, Seemannspullover, holt eine aus dem Regal und zeigt Stefanie, wie man sie bedient.

Tool Library heißt das Projekt, das teils mit Geld aus dem Genter Förderprogramm entstanden ist. Menschen aus der Nachbarschaft können sich hier fast jedes Werkzeug ausleihen und Handwerkerkurse besuchen. Die Jahresgebühr beträgt zehn bis 50 Euro, je nach Einkommen. »Wir helfen Menschen, ihre Sachen zu reparieren«, sagt Cannaerts. »Sie müssen dann weniger kaufen.«

Die Nachfrage scheint groß zu sein. An der Wand hängen Hunderte Polaroids von Kunden, sie haben Sensen, Vorschlaghämmer oder große Kneifzangen in der Hand. Manche grinsen breit, andere fletschen martialisch-ironisch die Zähne. Große Werkzeuge machen offenbar Spaß.

Polaroidbilder in der Tool Library: Spaß mit großem Werkzeug

Polaroidbilder in der Tool Library: Spaß mit großem Werkzeug

Foto: Kevin Faingnaert / DER SPIEGEL

Ein paar Räume weiter befindet sich die Babytheek, ein Verleih für Kinderwagen, Babyschalen und Spielsachen. Ökobewusste Eltern sind hier ebenso Kunden wie weniger wohlhabende.

Gleich nebenan ist eine Filiale der Firma Op Wielekes untergebracht, die Kindern teils mehrere Jahre lang Fahrräder leiht. Fünf bis sechs Räder braucht ein Mensch im Schnitt, bis er erwachsen ist. Der Verleih soll Kosten und Ressourcenverbrauch drücken.

Kinderradverleih Op Wielekes: Teilen von Kleinauf

Foto: Kevin Faingnaert / DER SPIEGEL

Im angrenzenden Café sitzt Eline Snacken, die Mitgründerin von Dégage. Die Firma betreibt eine Plattform, über die man sein Auto an andere verleihen kann. Ein Algorithmus errechnet die Kosten für Verschleiß und Benzin. Wer sein Auto verleiht, bekommt sie von Dégage erstattet.

All diese Dienste gehören zur Pooling Economy , die man als netten Cousin der bekannteren Sharing Economy bezeichnen kann. In der Sharing Economy schlagen Unternehmen aus gemeinsam genutzten Gütern Profit. In der Pooling Economy teilt man Güter zum Selbstkostenpreis, oft sogar den eigenen Besitz.

Ein Vorreiter ist Lieven D’hont, 43, Denkerstirn, gelbes Patagonia-Fleece. Er hat Op Wielekes mit aufgebaut; leitet Peerby Belgien, eine Plattform, über die Tausende Menschen so gut wie alles teilen; und er lobbyiert auf lokaler und nationaler Ebene für Gesetze, die das Teilen belohnen.

»Teilen sollte die neue Norm sein«, sagt D’hont. Alle hätten dann Zugang zu hochwertigen Produkten, die in ein Ökosystem aus Dienstleistungen für Reparatur, Wartung und Reinigung eingebettet wären. »Produkte könnten viel effizienter und lokaler genutzt werden.«

Stefanie lebt schon so. Vieles, was sie nur ab und zu braucht, leiht sie sich über Peerby. Sie sagt, sie empfinde es als befriedigend, wenn andere ihre Sachen nutzten. Es gebe nur wenige Dinge, die sie nicht teile – Bücher etwa, die sie jedes Jahr mindestens einmal lese.

Die meisten anderen Menschen tun sich schwerer, so zu leben. Laut D’hont gibt es dafür drei Gründe. »Man drückt über Besitz seinen Status aus. Es ist zu viel Planungsaufwand. Und man sorgt sich, dass die Dinge, die man teilt, kaputtgehen.«

Autobörse Dégage: Kostenerstattung per Algorithmus

Autobörse Dégage: Kostenerstattung per Algorithmus

Foto: Kevin Faingnaert / DER SPIEGEL

D’hont will diese Hemmnisse abbauen. Mit guten Apps will er es Menschen leichtmachen, sich Dinge zu leihen. Die Sorge vor kaputten Besitztümern will er durch finanzielle Absicherung zerstreuen. Peerby zahlt im Schadensfall bis zu 2000 Euro, finanziert durch die Beiträge der Nutzer.

Und mit Diensten wie Op Wielekes will er der nächsten Generation gleich von Anfang an ein anderes Besitzdenken nahebringen. »Sie sollen selbst erfahren, dass man Dinge teilen kann«, sagt er. »Und dass man sie gut behandeln sollte, damit andere nach einem auch Freude damit haben.« Neben den Eltern unterzeichnen deshalb auch die Kinder selbst den Leihvertrag für ihr Rad.

Stefanie in ihrer Küche: Erzählungen entwickeln, die mehr Menschen mitnehmen

Foto: Kevin Faingnaert / DER SPIEGEL

Zum Abschluss unserer Tour lädt mich Stefanie zu sich nach Hause ein. Wir kochen Pasta, trinken Cidre und sprechen über den Tag.

Die Projekte, die sie mir gezeigt hat, haben mich beeindruckt. Die Menschen, die wir getroffen haben, auch. Ich mochte ihren pragmatischen Idealismus, ihren Gemeinschaftssinn und die unverstellte Art, mit der mir viele begegnet sind.

Es scheint, als würde in diesen Kreisen nicht nur das Teilen kultiviert, sondern auch ein feinfühligeres Miteinander. Als führe all die Kooperation, wenn es gut läuft, zu mehr Sozialkompetenz. Es könnte ein Hoffnungsschimmer in unseren polarisierten Zeiten sein.

Gleichzeitig bin ich skeptisch, wie tragfähig diese Bewegung ist.

Werden Charlotte und ihre Nachbarn sich nicht doch irgendwann zerstreiten, wenn es um mehr als ein paar Hühner geht? Könnten Stefanies Biohof nicht doch die Kunden abspringen, wenn ein Unwetter den Großteil der Ernte vernichtet? Sind Dienste wie Dégage den meisten Leuten nicht doch zu sperrig?

Lassen sich die vielen fragmentierten Projekte skalieren? Und das so, dass sie nicht mehr nur hauptsächlich jüngere Menschen aus der Mittelschicht erreichen? Und wenn ja: Wie löst man dann die sozioökonomischen Probleme, die wiederum daraus entstehen?

Für einen Moment komme ich mir sehr negativ vor. Und auch ein bisschen alt. Ich frage mich, wer da aus mir spricht. Der Journalist, der kritisch nachhakt? Manchmal vielleicht zu kritisch? Oder ein realistischer Optimist, der in der Bewegung viel Hilfreiches sieht – aber auch erkennt, dass sie sich noch weiterentwickeln muss?

Stefanie lässt sich von meinen Bedenken nicht beirren. Ihre Organisation De Transformisten will die vielen Commons-Initiativen bündeln. Die Projekte sollen voneinander lernen. Und gemeinsame Erzählungen entwickeln, die mehr Menschen mitnehmen. Auch weniger öko- und sozialbewusste.

In Stefanies Wohnzimmer liegt ein Schaubild. Es zeigt, wie sich Gesellschaften wandeln, wenn eine kritische Masse neue Wege geht. Sie hat sich entschlossen, dafür zu kämpfen. »Weil es so, wie es jetzt läuft, nicht weitergeht.«