Sri Lanka: Dhanush, Udeni und die Staatspleite - DER SPIEGEL
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Schuldenkrise in Entwicklungsländern Dhanush, Udeni und die Staatspleite

Im Globalen Süden wütet die größte humanitäre Krise seit Jahrzehnten. Rund 50 Staaten sind fast bankrott, 165 Millionen Menschen verarmt. Die Geschichte eines Geschwisterpaars, das fast alles verloren hat. Außer einander.
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Noi Crew / DER SPIEGEL

Aus Janaudanagama, Sri Lanka, berichtet Stefan Schultz
• aus DER SPIEGEL 12/2024

Dhanush ist zu jung, um am Leben zerbrochen zu sein; aber er ist davon gezeichnet. Er ist 17, sein Bart ist noch weich, aber sein Blick wirkt resigniert. So, als hätte das Leben ihm früh viel abverlangt.

DER SPIEGEL 12/2024

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Morgens früh, wenn die Luft schwüler wird und die Sonne durch die Blätter der Kumbukbäume bricht, geht Dhanush in der Zentralprovinz Sri Lankas zum Mahaweli-Fluss, fährt mit einem Floß ans andere Ufer und kratzt mit einer Schöpfkelle Sand vom Grund.

Der Sand an der Flussbiegung ist fein, genau richtig für die Bauindustrie. Abends wird ein Laster kommen und Dhanush seine Tagesausbeute abkaufen. Bis zu 4000 Rupien, rund zwölf Euro, verdient er am Tag.

Die Sonne steht bald hoch am Himmel, ihr Licht schärft die Ränder der Welt. Unablässig schippt Dhanush Sand aufs Floß, als wolle er den Lauf des Flusses verändern, nur mit seinen dünnen Armen und seiner Willenskraft.

Dhanush beim Sandschürfen

Video: Noi Crew / DER SPIEGEL

Die Strömung ist stark, gerade jetzt, am Ende der Monsunzeit. Ab und zu kentert ein Floß, weil die Sandschürfer es überladen. Es heißt, mehrere Männer seien hier schon ertrunken.

Dhanush müsste eigentlich zur Schule gehen. Doch ohne seinen Lohn würden seine Schwester Udeni, ihr Sohn Oshada, sein Großvater Madasamy und er kaum überleben.


Sri Lanka könnte ein reiches Land sein. Sein Tee ist weltberühmt, die Landschaft ein Touristenmagnet. 2009, als die verfeindeten Volksgruppen der Tamilen und Singhalesen Frieden schlossen, wuchs auf der Insel an der Südspitze Indiens die Zuversicht.

Ausländische Investoren gaben der Regierung Milliardenkredite, doch die verplemperte das meiste Geld für spekulative Bauprojekte. Im April 2022 konnte sie ihre Schulden nicht mehr bedienen , die Wirtschaft stürzte ab. Dhanush und seiner Familie geht es seitdem schlecht.

Siedlung Janaudanagama in der Zentralprovinz Sri Lankas: Hier lebt Dhanush mit seiner Schwester, seinem Neffen und seinem Großvater

Siedlung Janaudanagama in der Zentralprovinz Sri Lankas: Hier lebt Dhanush mit seiner Schwester, seinem Neffen und seinem Großvater

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Noi Crew / DER SPIEGEL

Die Regierung hat unklug gewirtschaftet, doch das ist nicht der einzige Grund, warum das Land pleite ist. Etliche andere Staaten des sogenannten Globalen Südens, Länder wie Sambia, El Salvador oder Pakistan, durchleiden ähnliche Krisen.

15 Staaten sind seit Beginn der Pandemie bankrottgegangen , rund 40 weitere können laut der Organisation Debt Justice kaum noch ihre Kredite bedienen . Uno-Generalsekretär António Guterres sprach  vergangenen Sommer von einem »systemischen Versagen«.

Das Desaster geht auf eine Billionen Dollar große Kreditblase  zurück, die sich ab 2010 gebildet hat. Damals, nach der Weltfinanzkrise, waren die Zinsen mickrig, und man konnte mit Anlagen in reichen Staaten kaum noch Geld verdienen. Private Geldhäuser wie Blackrock, HSBC und Goldman Sachs steckten daher viele Milliarden  in Entwicklungsländer, wo deutlich höhere Renditen lockten. Auch die chinesische Regierung gab dem Globalen Süden großzügig Kredit , nicht zuletzt, um geopolitischen Einfluss zu gewinnen.

»Entwicklungsländer hatten plötzlich Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten«, sagt der Ökonom Ulrich Volz, der an der Universität London zur globalen Schuldenkrise forscht. »Sie konnten sich praktisch aussuchen, von wem sie sich Geld leihen.« Ihre Staatsverschuldung verdoppelte  sich.

Dann kamen die Pandemie und der Ukrainekrieg, schickten Schockwellen durch das Weltwirtschaftssystem, und die Billionen-Dollar-Blase platzte.

Selbst Regierungen, die einigermaßen gut gewirtschaftet haben, müssen nun sparen. Und sie tun das oft auf Kosten der Bevölkerung, streichen Sozial -, Gesundheits - und Bildungsausgaben . »Die Folge ist ein millionenfaches Elend«, sagt Carmen Reinhart, die einmal Chefökonomin der Weltbank war.

Rund 165 Millionen Menschen sind nach Recherchen  des Uno-Entwicklungsprogramms zwischen 2020 und 2023 verarmt. Das entspricht mehr als einem Drittel der EU-Bevölkerung. Wie sieht ihr Leben aus?


Das Haus, in dem Dhanush und Udeni leben, steht an einem schlammigen Feldweg am Rande der Siedlung Janaudanagama, was sich mit »Dorf der glücklichen Menschen« übersetzen lässt. Die Pflanzen im Garten sind gestutzt, die türkisfarbene Fassade ist voller Flecke. Udeni würde das Haus gern streichen, doch sie haben kein Geld für Farbe.

Haus der Geschwister in Janaudanagama

Haus der Geschwister in Janaudanagama

Foto: Noi Crew / DER SPIEGEL

»Wir waren schon immer arm«, sagt die 26-Jährige. »Aber wir kamen zurecht.« Erst seit der Staatspleite habe sich ihre Armut in Elend verwandelt.

Udeni ist mager und selbst für sri-lankische Verhältnisse klein. Sie erfasst Situationen und Menschen sofort und koordiniert souverän die Angelegenheiten der Familie. In einem anderen Teil der Welt hätte sie vermutlich gute Chancen, sich etwas aufzubauen.

Udenie mit ihrem fünfjährigen Sohn Oshada

Udenie mit ihrem fünfjährigen Sohn Oshada

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»Welche Mutter lässt ihr Kind hungern?«

Im Eingangsbereich des Hauses stehen Familienbilder, Erinnerungen an die Kindheit der beiden Geschwister. Zwischen ihnen war schon immer ein tiefes Band, ein unerschütterliches, beruhigendes Vertrauen, das Dhanush weich werden lässt, wenn er in Udenis Nähe ist.

Kurz nach Dhanushs Geburt sollte Udeni für den Bruder eine Milchflasche holen. Auf dem Weg nach Hause zerfetzte ein Hund ihr den Rücken. Sie blutete stark, doch sie schleppte sich mit der Flasche zurück bis zur Klinik. Noch heute ist ihr Rücken voller Narben. »Seit ich denken kann, hatte ich immer nur meine Schwester«, sagt Dhanush. »Und meine Schwester hatte immer nur mich.«

In der Küche brummt ein moderner Kühlschrank. Die Wände über der Arbeitsplatte sind gekachelt. Es sind Dinge, die in Sri Lanka nicht jeder hat. Relikte aus einer Zeit, in der es der Familie besser ging.

In den Zehnerjahren, als die Milliardenkredite flossen, ging die Mutter nach Saudi-Arabien und arbeitete als Haushaltshilfe. Rund 85.000 Rupien verdiente sie im Monat, damals fast 600 Euro. Den Großteil des Geldes schickte sie nach Hause. Der Vater verkaufte Früchte auf dem Markt.

Während die Familie etwas Geld ansparte, versuchte die Regierung, die Wirtschaft zu reformieren. Das Land hatte seit Jahren über seine Verhältnisse gelebt, mehr importiert als exportiert und sich so im Ausland immer mehr verschuldet. Im November 2015 versprach  der damalige Premierminister Ranil Wickremesinghe, die Einfuhren zu senken und Produktion und Export von Hightech-Gütern anzukurbeln. Auch das marode Steuersystem wollte er modernisieren.

Doch die Regierung zerstritt sich und setzte die Reform nicht um. 2019 wurde sie abgewählt. Der neue Präsident Gotabaya Rajapaksa ließ, kaum im Amt, die Steuern senken. Dabei stiegen die Staatsschulden schon bedenklich.


Etwa zu dieser Zeit wurde Udeni schwanger und zog zu ihrem Mann. Dhanush fürchtete, nach der Mutter auch noch die geliebte Schwester zu verlieren. Doch schon im Juli 2020 kehrte Udeni zurück, zusammen mit dem damals einjährigen Oshada. Ihr Mann habe sie schlecht behandelt, sagt sie heute. Mehr möchte sie darüber nicht erzählen.

Während sich die Familie im Haus neu arrangierte, brach Sri Lankas Wirtschaft zusammen. Die Pandemie würgte den Tourismussektor ab, von dem mehr als ein Zehntel der Wirtschaftsleistung abhing. Die Staatsverschuldung  überstieg bald das Bruttoinlandsprodukt. Ratingagenturen zweifelten  immer mehr an Sri Lankas Kreditwürdigkeit.

Ende 2020 lieh dem Staat kaum noch jemand Geld. Die Regierung ließ auslaufende Kredite aus den Devisenreserven der Zentralbank bedienen, die aber schmolzen im Rekordtempo dahin.

Die Regierung suchte nach einem Ausweg. Im April 2021 setzte sie eine radikale Landwirtschaftsreform  durch. Sie verbot den Import und Einsatz von chemischen Düngemitteln, Pestiziden und Unkrautvernichtern. Sri Lanka sollte zum weltweit ersten Land mit einem pauschalen Biolabel werden. Das sollte die Exportindustrie ankurbeln; tatsächlich verschärfte es die Krise.

Das Pestizidverbot führte zu Ernteausfällen. Die Reisproduktion brach um mehr als ein Drittel ein, die Maisproduktion um die Hälfte. Einfache Grundnahrungsmittel wurden knapp und teuer. Nur ein halbes Jahr später nahm die Regierung das Pestizidverbot zurück. Doch die Lebensmittelkrise ließ sich nicht aufhalten. Udeni erinnert sich, wie sie selbst für eine Packung Zucker einen halben Tag lang anstehen musste.

Reisfelder in Sri Lankas Zentralprovinz

Reisfelder in Sri Lankas Zentralprovinz

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Im Februar 2022 griff Russland die Ukraine an und löste einen Preisschock an den globalen Energiemärkten aus. Für Sri Lanka, das viel Benzin und Diesel importiert, war das ein weiterer Schlag. Auch Treibstoff wurde nun teuer und knapp. Die Inflationsrate stieg bis März auf 16 Prozent.

Udeni begann, in einer Textilfabrik zu arbeiten. Teils saß sie von 7.30 bis 22 Uhr an der Nähmaschine. Eine ihrer Tanten passte auf Oshada auf. »Es fühlte sich schrecklich an, ihn allein zu lassen«, sagt Udeni. »Aber wir brauchten das Geld.«

Anfang März waren Sri Lankas Finanzreserven praktisch aufgebraucht. Die Währung kollabierte , verlor in rund zwei Wochen knapp 50 Prozent an Wert. Alles, was Sri Lanka importierte, wurde noch teurer. Gleichzeitig gingen die Einfuhren zurück. Es fehlte nun an fast allem, an Treibstoff, an Nahrung, an Medikamenten.

Am 12. April 2022 erklärte die Regierung das Land für zahlungsunfähig. Anfang Mai trat Premierminister Mahinda Rajapaksa zurück. Auf den Straßen demonstrierten Zehntausende Menschen. Regierungsanhänger attackierten ein Protestcamp vor dem Präsidentenpalast. Es kam zu einer Straßenschlacht, neun Menschen starben , rund 220 wurden verletzt.

Ausgerechnet zu dieser Zeit wurde Oshada krank. Udeni musste ihren Job in der Fabrik aufgeben. Dabei brauchten sie dringender denn je Geld. Früher war die Familie mit rund 15.000 Rupien im Monat zurechtgekommen, nun kosteten allein die Grundnahrungsmittel jeden Monat das Doppelte.

Udeni verpfändete ihren Schmuck. Der Großvater verzichtete auf die Medikamente für seine schmerzenden Beine. Der Vater verschuldete sich bei den Nachbarn. Dhanush schmiss die Schule und ging arbeiten, erst als Gärtner, dann als Holzhacker, schließlich in der Sandmine.


Die Schule, auf die Dhanush gegangen ist, wird von einem Mönch geleitet. Was Vorteile hat, denn Mönche haben in Sri Lankas Gesellschaft eine hohe Stellung. Entsprechend gut kann Direktor Venereble Imbulpitiya Vipassi gerade Spenden organisieren.

Schuldirektor Vipassi

Schuldirektor Vipassi

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»Menschen mit leerem Magen kann man nicht für Bildung begeistern.«

Vipassi zeigt eine Liste, die er für die Hilfsorganisation Caritas erstellt hat. Auf ihr sind die Namen jener Schüler vermerkt, deren Familien in besonders großen Nöten sind. Sie bekommen von der Caritas nun Essenspakete.

»Viele Kinder bringen nur noch eine kleine Portion Reis und etwas Gemüse mit«, sagt Vipassi. Als Ration für den ganzen Tag. »Aber Menschen mit leerem Magen kann man nicht für Bildung begeistern.«

Dhanushs Familie hätte es sicher auch auf die Caritas-Liste geschafft, sagt Rasika Mudannayake, seine ehemalige Klassenlehrerin. Aber er sei ab Mai 2022 nicht mehr zum Unterricht gekommen. So wie inzwischen fast jeder dritte Schüler. »Manche kommen schon in der fünften Klasse nicht mehr. Die Mädchen passen auf ihre jüngeren Geschwister auf, damit die Eltern länger arbeiten können. Und die Jungs müssen oft selbst Geld verdienen.«

Lehrerin Mudannayake

Lehrerin Mudannayake

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»Manche kommen schon in der fünften Klasse nicht mehr.«

Frau Mudannayake möchte wissen, was aus Dhanush geworden ist. Als der Fotograf ihr die Bilder aus der Sandmine zeigt, werden ihre Augen feucht. »Er ist ein guter Junge«, sagt sie. »Aber es war nie jemand für ihn da.«


Im Sommer 2022 kletterte Sri Lankas Inflationsrate auf mehr als 60 Prozent. Ein älterer Mann starb auf einer Tankstelle, nachdem er fünf Tage lang im Auto auf Benzin gewartet hatte. Im Dorf Warunagama, rund 140 Kilometer östlich von Colombo, versuchte eine verzweifelte Mutter von drei Kindern, sich das Leben zu nehmen.

In Dhanushs Dorf verstummten alle Feste. Mehr Mütter gingen in den Nahen Osten, um als Haushaltshilfen zu arbeiten; manche wurden misshandelt und missbraucht. Nachbarn neideten sich das kleinste bisschen Wohlstand und halfen einander, wo sie konnten.

Das Geschäft des Vaters lief immer schlechter. Das wenige Geld, das er verdiente, versoff er oft. Manchmal schlug er betrunken auf Udeni ein – bis sich Dhanush brüllend dazwischenwarf.

Statt drei Mahlzeiten am Tag gab es meist nur noch zwei. Fast immer aßen sie Reis mit Gemüse, fast nie mehr Fleisch, Fisch oder Eier. Oshada weinte manchmal vor Hunger, Udeni schickte ihn dann früh ins Bett. Sie hoffte, er würde bald schlafen und seinen knurrenden Magen nicht mehr spüren. Sie sorgte sich, dass seine Knochen und Muskeln nicht richtig wachsen würden. »Ich fühlte mich wie eine Versagerin«, sagt sie. »Welche Mutter lässt ihr Kind hungern?«

Am 9. Juli stürmte ein wütender Mob den Palast von Präsident Rajapaksa. Videos von Demonstranten , die in seinem Swimmingpool badeten, gingen um die Welt. Rajapaksa floh auf die Malediven. Er entkam womöglich durch einen Geheimtunnel.

In der Regierung übernahmen nun Kräfte, die das Land aus der Krise führen wollten. Doch sie merkten bald, wie sehr sie Spielball eines globalen Machtkampfs waren.


Aus dem 15. Stock von Sri Lankas Zentralbank kann man den Präsidentenpalast sehen, den der Mob im Juli 2022 stürmte. In einem der Büros sitzt Zentralbankchef Nandalal Weerasinghe hinter einem großen Schreibtisch und überfliegt die internationale Finanzpresse. »Wir hätten den IWF schon ein Jahr früher um Unterstützung bitten sollen«, sagt er. »Dann wären die sozialen Folgen der Krise nicht so hart gewesen.«

Die Zeit nach der Staatspleite beschreibt man in Regierungskreisen als chaotisch. Man habe keine Erfahrung gehabt, wie man mit den Gläubigern umgehen soll, sagt einer, der dabei war. Also habe man Berater der Kanzlei Clifford Chance und der Investmentbank Lazard engagiert. Die aber habe man zunächst nicht bezahlen können, weil die Dollarreserven aufgebraucht gewesen seien.

Die Verhandlungen gestalteten sich schwierig. Die Staatsschulden waren auf Dutzende Gläubiger verstreut . Mehr als 50 Milliarden Dollar standen Ende September 2023 bei privaten Geldgebern aus, 11,2 Milliarden Dollar bei multilateralen Organisationen, 7,3 Milliarden Dollar bei China und noch einmal rund 6,8 Milliarden bei 21 weiteren Ländern.

Wie schon bei Sambia, Tschad oder Äthiopien zeigte sich die Schattenseite des globalen Schuldencasinos. Zentralbankchef Weerasinghe und seine Kollegen trafen Dutzende Gläubiger. Keiner wollte der Erste sein, der ihnen hilft, weil er damit indirekt allen anderen Gläubigern geholfen hätte.

Hinzu kam ein geopolitischer Machtkampf. »Die Regeln, wie Staatspleiten ablaufen, werden noch immer stark von reichen Gläubigerstaaten und dem IWF bestimmt«, sagt Ökonom Volz. »Doch China möchte das nicht mehr hinnehmen.« Einen Schuldenschnitt lehnte Pekings Regierung ab. Stattdessen wollte sie Sri Lanka mehr Zeit geben, um seine Kredite zurückzuzahlen. Gut anderthalb Jahre lang kamen die Verhandlungen kaum voran.

Die Regierung in Colombo versuchte, die Gläubiger wohlwollend zu stimmen. Erst erhöhte sie die Mehrwertsteuer – was vor allem für ärmere Bürger das Leben weiter verteuerte. Dann kürzte sie Subventionen für Benzin und Strom. Udeni sagt, der Preis für Elektrizität habe sich mehr als verdoppelt. In ihrem Haus schalteten sie seitdem kaum noch das Licht an.


Mit dem Land ging es weiter bergab. Rund neun Millionen Menschen sind seit Anfang 2022 verarmt . Rund 43 Prozent der Kinder unter fünf Jahren sind mangelernährt . Im Juli 2023 startete die Regierung mit der Weltbank ein Sozialprogramm  für die ärmsten 2,3 Millionen Menschen. Dhanush und Udeni haben bis heute kein Geld gesehen.

Zentralbankchef Weerasinghe sagt, die Reformen seien kompliziert. Man müsse alles gleichzeitig voranbringen. Den Schuldenabbau. Die Reform der Staatsfinanzen. Den Aufbau neuer Wirtschaftszweige. Den Kampf gegen die soziale Krise. »Es dürfte noch zwei bis drei Jahre dauern, bis sich die Lage bessert.«

Kritiker indes fragen sich, warum die Regierung nicht auch die Steuern für Reiche erhöht. Warum sie Banken und Privatinvestoren schont. Und warum der Staatsapparat mit seinen geschätzt 1,5 Millionen Angestellten – bei 22 Millionen Einwohnern – noch immer so aufgebläht ist.

»Die Elite zahlt fast nichts für diese Krise«, sagt Jayadeva Uyangoda, emeritierter Politologe der Universität in Colombo. Obendrein beschneide der Staat die Rechte der Bürger. »Praktisch jede Demonstration kann inzwischen zum Terrorakt erklärt werden.« Und für fast jeden kritischen Kommentar in sozialen Medien könnten Menschen nun verhaftet werden. »Die Krise hat dieses Land auch autokratischer gemacht.«

Aus dem Ausland ist kaum Hilfe zu erwarten. Zwar hat sich Sri Lanka seit Ende Oktober 2023 mit einigen Gläubigern geeinigt. Doch ein Gesamtkonzept für einen Schuldenschnitt fehlt. Vor allem die Verhandlungen mit den privaten Geldgebern laufen zäh.

Auch für den Rest des Globalen Südens gibt es wenig Hoffnung. Ein funktionales Prozedere, wie der Westen, China und Privatinvestoren zusammenarbeiten, ist nicht in Sicht – trotz Gesprächen und Konferenzen.

Für kriselnde Banken wie die Credit Suisse seien teils binnen Tagen Milliardenhilfen mobilisiert worden, sagt Schuldenökonom Volz. Entwicklungsländer seien oft jahrelang bankrott. »Politiker ärmerer Länder deuten das als Hinweis, wie wenig sich die Welt um sie schert.«


Die Schuldenkrise im Globalen Süden verschärft sich derweil. Ende 2023 mussten ärmere Länder im Mittel schon fast 15 Prozent  ihrer Einnahmen für Zinsen und Tilgung von auslaufenden Krediten ausgeben. 2024 und 2025 dürften es noch mehr sein, denn gerade werden besonders viele ausländische Kredite fällig.

Und so drohen weitere Staatspleiten. Und neue humanitäre Krisen. Nach einer Analyse  des Weltbank-Ökonomen Clemens Graf von Luckner sinkt in zahlungsunfähigen Ländern die Lebenserwartung. Dauert die Pleite mehr als drei Jahre, steigt die Kindersterblichkeitsrate sprunghaft an.

Kommt es zum Schuldenschnitt, ist dieser selten groß genug, um die Wirtschaft eines Landes nachhaltig neu aufzustellen. Manche Länder hangeln sich schon lange nur noch von Hilfsprogramm zu Hilfsprogramm.

»Kicking the can down the road« nennen Kritiker das. Als wären Staaten mit Millionen Menschen rostige Büchsen, die man immer mal wieder ein Stück die Straße hinunterschießt, wenn sie einem in die Quere kommen.

Auch mit Sri Lanka könnte das so laufen.


Vor ein paar Monaten hat Udeni ihre Mutter angerufen. Doch die ging nicht ans Telefon. Später ließ sie über eine Tante ausrichten, sie wolle keinen Kontakt mehr.

Der Vater hat begonnen, sich im Suff zu prügeln. Vor ein paar Wochen hat ein Gericht ihn zu einer Schadensersatzzahlung von 200.000 Rupien verurteilt. Seitdem ist er abgetaucht.

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Udeni würde gern ins Ausland flüchten, zusammen mit ihrem Bruder. Oshada ein Studium ermöglichen. Das Leben, das sie sich nicht ausgesucht hat, weit hinter sich lassen.

Dhanush ähnelt manchmal schon dem Vater. Auch wenn er das auf keinen Fall will. »Äußerlich wirke ich ruhig«, sagt er. »Aber in mir gärt eine große Wut.«

Fotos und Videos: Kiên Hoàng Lê; Mitarbeit und Übersetzung: Susitha Fernando, Indika Arana Kumara

Wie diese Geschichte entstanden ist
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Es gibt diese Geschichte von Antoine de Saint-Exupery, der in einem Bahnabteil ein Kind von Wanderarbeitern beobachtet und sich fragt, ob da nicht ein Mozart vor ihm sitzt, der womöglich nie mit Musik in Berührung kommen wird. Bei seiner Recherche in Sri Lankas Zentralprovinz fühlte sich SPIEGEL-Reporter Stefan Schultz ähnlich. Zusammen mit SPIEGEL-Mitarbeiter Susitha Fernando begegnete er einem Geschwisterpaar, das fast alles verloren hat, seit der Staat pleitegegangen ist und die Wirtschaft abstürzte. Selbst der Vater und die Mutter ließen die Geschwister im Stich. Udeni Kumari, die Schwester, wirkt blitzgescheit; in einem anderen Teil der Welt hätte sie wohl Chancen auf ein gutes Leben. Dhanush Kumara Madhushanka, der Bruder, scheint schon mit 17 kaum noch an sich und seine Zukunft zu glauben. Ursprung ihres Leids ist eine Schuldenkrise im Globalen Süden, wegen der seit 2020 rund 165 Millionen Menschen verarmt und verelendet sind. »Es heißt, jedes Leben sei lebenswert«, sagt Schultz. »Aber manche Leben scheinen in dieser Welt weniger zu zählen.«

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