Währungsspekulation Schweiz provoziert die Franken-Zocker
Schweizer Franken in Zürcher Bank: Historischer Eingriff der Nationalbank
Foto: © Arnd Wiegmann / Reuters/ REUTERSHamburg - In der Schweiz macht sich Erleichterung breit. Der führende Wirtschaftsverband Economiesuisse spricht von einer "Notmaßnahme in einer äußerst schwierigen Zeit". Ohne das Eingreifen der Notenbank wäre es schon bald zu einem drastischen Arbeitsplatzabbau gekommen. Denn der Franken ist massiv überbewertet. Doch nun haben die Währungshüter reagiert.
Um zu verhindern, dass der Franken-Höhenflug zu einer echten Wirtschaftskrise führt, hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) zu einem ihrer härtesten Mittel gegriffen. Die Notenbanker teilten am Dienstag mit, den Kurs zum Euro bei mindestens 1,20 Franken festzulegen - und diese Grenze "mit aller Konsequenz" zu verteidigen. Das bedeutet: Die SNB kauft so lange Devisen, bis der Mindestkurs erreicht ist. Die Taktik ging umgehend auf: Der Franken verbilligte sich um mehr als acht Prozent und erreichte binnen Minuten die anvisierte Marke.
Es ist ein historischer Eingriff. In ihrer Geschichte hat die SNB erst einmal vergleichbar gehandelt, vor mehr als 30 Jahren. Damals wertete der Franken zur D-Mark um 40 Prozent auf 75 Rappen auf. Erst mit einer massiven Intervention drückte die Nationalbank den Kurs wieder auf ein erträgliches Maß von 90 Rappen.
Dass die SNB nun erneut einen Mindestkurs definieren würde, hatte sich allerdings angedeutet. Zu groß war der Druck der Industrie geworden, die vor einem massiven Jobabbau und Abwanderung ins Ausland warnte. In den vergangenen eineinhalb Jahren hat der Franken zum Euro drastisch aufgewertet, allein in diesem Jahr um 20 Prozent. 2006 war ein Euro noch 1,65 Franken wert.
Für Schweizer, die im Euro-Raum einkaufen, ist der starke Franken durchaus attraktiv. Für die Exportindustrie und den Tourismus ist er dagegen eine Katastrophe: Die Firmen verzeichnen drastische Einbußen, Hoteliers und Gastronomie klagen über deutlich weniger Gäste aus Deutschland und Italien.
Im zweiten Quartal musste die Schweiz bereits einen massiven Dämpfer beim Wachstum hinnehmen. Das Bruttoinlandsprodukt legte lediglich um 0,4 Prozent zu, das ist der geringste Zuwachs seit zwei Jahren. Mehr als 20 Prozent der Exportfirmen sehen sich laut einer Studie "existentiell bedroht". Wenn der Euro-Kurs dauerhaft unter 1,20 Franken bleibe, drohe ein Abbau von 25.000 Arbeitsplätzen, warnte der Verband Economiesuisse.
Spekulanten werden die Grenze testen
Um das zu verhindern, geht die SNB nun aufs Ganze. Denn es könnte für die Notenbank ein Kraftakt werden, den Euro-Kurs künstlich über 1,20 Franken zu halten. Die Hoffnung der Währungshüter ist, dass alleine die Ankündigung des Mindestkurses die Anleger dazu veranlasst, Franken zu verkaufen.
Zunächst scheint das auch schon mal gelungen zu sein, wie der schnelle Kursanstieg unmittelbar nach der Ankündigung zeigt. "Da ist jetzt auch viel Psychologie im Spiel, die der SNB die Arbeit bereits abnimmt, wie man an den Kursreaktionen sieht", sagt Mario Mattera, Analyst beim Bankhaus Metzler. Er rechnet aber damit, dass Spekulanten versuchen werden, die Nationalbank herauszufordern. "Wir werden sicher Versuche sehen, die Marke von 1,20 Franken zu testen."
In so einem Fall muss die SNB so lange Euro kaufen, bis der Kurs sich bei 1,20 Franken stabilisiert. Das kann richtig teuer werden. Im Durchschnitt wird an den weltweiten Devisenmärkten täglich Geld in Höhe von 72 Milliarden Dollar zwischen Euro und Franken hin- und hergeschoben. Entsprechend muss die SNB viele Milliarden Franken aufwenden, wenn sie den Kurs gegenüber dem Euro nachhaltig beeinflussen will.
Doch als Notenbank hat die SNB ein Privileg: Von der eigenen Währung kann sie drucken, so viel sie will. Die Franken, die sie für die Euro-Käufe aufwenden muss, kann sie also selbst schöpfen. Einziger Nachteil: Die Franken-Geldmenge steigt. Theoretisch droht deshalb Inflation, praktisch jedoch ist diese Gefahr in der Schweiz derzeit eher gering. Das Bundesamt für Statistik rechnet für das Jahr 2011 mit einer Teuerungsrate von 0,7 Prozent. Das wäre deutlich weniger als etwa in Deutschland, wo die Rate zuletzt bei 2,3 Prozent lag.
Ein schwächerer Franken nützt auch der Bilanz der Notenbank
Entscheidend für den Erfolg der Aktion ist, wie glaubwürdig die SNB ihr angekündigtes Ziel verteidigen wird. Lässt sie auch nur geringste Zweifel zu, könnten sich Spekulanten animiert fühlen, wieder Franken zu kaufen. So war es zum Beispiel im vergangenen Jahr, als die Nationalbank keinen Mindestkurs festlegte und eher halbherzig am Devisenmarkt eingriff, um den Franken zu schwächen.
Die meisten Experten gehen davon aus, dass die SNB dieses Mal erfolgreicher sein wird. "Ich bin relativ zuversichtlich, dass die Nationalbank das durchsetzen kann. Bei 1,10 war der Franken weit überbewertet, so massiv, dass früher oder später eine Abwertung einsetzen muss", sagt Martin Neff von der Schweizer Großbank Credit Suisse. Er geht davon aus, dass sich der Kurs um die Marke von 1,20 Franken herum stabilisieren und vielleicht auch noch weiter steigen wird.
Die Nationalbank hat auch ein Eigeninteresse daran, den Franken zu schwächen und den Euro zu stärken. Rund die Hälfte ihrer Devisenreserven in Höhe von 200 Milliarden Franken hält sie in Euro, den Rest vor allem in Dollar. Weil beide Währungen im Vergleich zum Franken zuletzt deutlich an Wert verloren haben, schrieb auch die SNB hohe Verluste. 2010 waren es fast 19 Milliarden Franken, und auch im ersten Halbjahr 2011 hat sich bereits ein Minus von 10,8 Milliarden Franken angehäuft. Ein schwächerer Franken könnte der Nationalbank helfen, im zweiten Halbjahr besser dazustehen.