Kritik an Werkstätten für Menschen mit Behinderungen »Es ist ein Dumpinglohn-System«
Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.
Katrin Langensiepen möchte gesehen werden, so wie sie ist. Sich verstecken, weil sie eine Behinderung hat, kommt für sie nicht infrage.
Seit 2019 sitzt sie für die Grünen im Europaparlament.
Sprecher EU-Parlament
»Katrin Langensiepen«
Katrin Langensiepen, Politikerin
»Soziale Gerechtigkeit ist der Kitt, der die EU, unser Europa zusammenhält.«
Langensiepen kämpft seit Jahren für die Rechte von Menschen mit Behinderung und legt sich an mit einer Branche, die jährlich Milliardenumsätze generiert: den sogenannten Werkstätten für behinderte Menschen.
Katrin Langensiepen, Politikerin
»Wir befinden uns nicht mehr im Jahr 1960, sondern im Jahr 2022. Und wir werden für diese Strukturen von der UN, von der EU, vom EuGH verurteilt. Es kann nicht rechtens sein, es ist rechtswidrig.«
Und darum geht es: Fernab des allgemeinen Arbeitsmarktes sind derzeit in Deutschland rund 320.000 Menschen in Werkstätten für Menschen mit Behinderung tätig. Laut Sozialgesetzbuch gelten diese als Einrichtungen zur Rehabilitation. Die Beschäftigten werden für ihre Arbeit nicht regulär bezahlt. Sie erhalten ein sogenanntes Werkstatt-Entgelt, das bei durchschnittlich 1,50 Euro pro Stunde liegt.
Wir treffen Rolf Tretow, den Geschäftsführer der Hamburger Elbe-Werkstätten, mit über dreitausend Angestellten der größte Werkstattträger Deutschlands.
Birgit Großekathöfer, Reporterin
»Wo sind wir denn jetzt hier?«
Rolf Tretow, Geschäftsführer Elbe-Werkstätten
»Wir sind jetzt in der ersten Etage der Werkstatt und wir gehen jetzt zu unserer Schürzenproduktion. Das ist eine Eigenmarke, die heißt Guttasyn. Da sind wir schon seit 20 Jahren am Markt und verkaufen sehr erfolgreich unsere Schürzen.«
Arbeitsschutz-Schürzen produziert für den Fachhandel, ausschließlich hergestellt von Menschen mit Behinderungen.
Rolf Tretow, Geschäftsführer Elbe-Werkstätten
»Ja, schönen guten Tag. Vielleicht erzählen Sie, was Sie gerade hier machen.«
Melanie, Werkstatt-Beschäftigte
»Also, ich fädele die Bänder gerade ein. Und dann so, dass es dann so rum ist, dass man das Label, wenn man das so umklappt, auch sieht.«
Der Uno-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen kritisierte Deutschland schon 2015 für die integrationswidrigen Strukturen auf dem Arbeitsmarkt und empfahl die schrittweise Abschaffung der Werkstätten.
Rolf Tretow, Geschäftsführer Elbe-Werkstätten
»Darf ich mal eine nehmen? Ja. Okay. Und so sieht dann eine fertige Schürze aus. Ich kann mir die einmal umhängen.«
Birgit Großekathöfer, Reporterin
»Und wie viele verkaufen Sie davon?«
Rolf Tretow, Geschäftsführer Elbe-Werkstätten
»Da müssen Sie mal meinen Kollegen fragen. Wie viele verkaufen wir da jetzt von den Schürzen im Jahr?«
Kollege von Rolf Tretow
»Wir verkaufen so 80.000 im Jahr.«
Rolf Tretow, Geschäftsführer Elbe-Werkstätten
»Ja, 80.000.«
Birgit Großekathöfer, Reporterin
»Und was ist das für ein Umsatz?«
Rolf Tretow, Geschäftsführer Elbe-Werkstätten
»Das sind 600.000 Euro. Ja, damit kann man Geld verdienen, auch sehr gut.«
Problem nur: Die Menschen, die hier in Hamburg 35 Stunden pro Woche arbeiten, bekommen monatlich ein Werkstatt-Entgelt von rund 270 Euro. Damit liegen sie zwar über dem Bundesdurchschnitt, aber vom gesetzlich festgelegten Mindestlohn von 12 Euro pro Stunde ist das weit entfernt.
Rolf Tretow, Geschäftsführer
»Da sehen wir natürlich auch, dass dieses Entgelt niedrig ist. Aber es ist eben auch der Tatsache geschuldet, dass die Menschen hier durch ihre Beeinträchtigung nicht so viel produzieren können, als wenn wir hier eine Produktionsstraße hätten mit Menschen ohne Behinderung.«
Birgit Großekathöfer, Reporterin
»Und finden Sie das jetzt gerecht?«
Rolf Tretow, Geschäftsführer Elbe-Werkstätten
»Also, wenn wir sagen, 270 ist natürlich ein sehr geringes Entgelt und jeder Zuschauer würde jetzt sagen, eigentlich ist das nicht ausreichend, so, dass ist auch dem Grunde nach richtig. Aber auf der anderen Seite muss man sich vorstellen, wenn Sie jetzt sagen, okay, die Mitarbeiter sollen jetzt mehr bekommen und so eine Schürze kostet im Handel zehn Euro, dann müssten Sie sagen, damit die Beschäftigten mehr Geld bekommen, müssten Sie nicht zehn, sondern 50 Euro bezahlen.«
Katrin Langensiepen, EU-Abgeordnete
»Es ist ein Dumpinglohn-System. Das muss man ganz klar so sagen. Bulgarien und Rumänien ist für ein Unternehmen teurer, als in einer Werkstatt für behinderte Menschen produzieren zu lassen. Wir gehen in ein Fair-Trade-Geschäft und wollen die Schokolade aus Afrika, aus Südamerika und da achten wir peinlichst genau darauf, bitte nicht von Kindern oder unter Mindestlohn und faire Bezahlung. Da ist das dann so wichtig. Aber wenn wir dann Produkte kaufen aus Werkstätten, da muss es dann reichen, dass die Menschen dort glücklich und zufrieden sind. Da ist ein zynisches, ableistisches Bild, was man gegenüber einem behinderten Menschen hat.«
Aufgrund einer angeborenen Fehlbildung sind Langensiepen keine Speichen gewachsen, ihre Arme sind deshalb verkürzt. Als junge Frau sollte sie auch in einer Werkstatt arbeiten, doch sie hat sich widersetzt und an einer Regelschule Abitur gemacht.
Die Vorläufer der Werkstätten, gegründet in den 1960er-Jahren, boten Personen, die aufgrund einer Behinderung keinen Zugang zum Arbeitsmarkt fanden, erstmalig einen Ort, an dem sie einer Beschäftigung nachgehen konnten.
Die Werkstätten sollen heute aber nicht nur einen Arbeitsplatz bieten, sondern auch den »Übergang geeigneter Personen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt« fördern. So steht es zumindest im Sozialgesetzbuch. Doch die Erfolgsfälle sind rar: Nur rund ein Prozent der Beschäftigten schafft den Sprung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Wer einmal in eine Werkstatt kommt, bleibt dort meist bis zur Rente.
Akua Opaku arbeitet seit elf Jahren für die Elbe-Werkstätten, sie lebt bei ihren Eltern. Die 30-Jährige arbeitet Vollzeit hier und kommt gern in die Werkstatt. Neben ihrem Werkstatt-Entgelt von 270 Euro bekommt sie, wie alle Werkstatt-Angestellten, noch Sozialleistungen zur Sicherstellung ihres Lebensunterhalts.
Akua Opaku, Werkstatt-Beschäftigte
»In der Zukunft würde ich auch gerne schon mal in andere Bereiche gucken, nicht nur hier in der Elbe-Werkstatt, sondern auch außerhalb noch mal, so im PC-Bereich, was kann man da noch machen. Ich würde mir einfach wünschen, dass sich viele Leute einfach mehr für uns interessieren, wir sind ja auch nur Menschen und wollen arbeiten.«
In Deutschland sind rund 170.000 Unternehmen wegen ihrer Größe verpflichtet, fünf Prozent ihrer Stellen an Menschen mit schwerer Behinderung zu vergeben. Doch ein Viertel der Firmen beschäftigt keinen einzigen schwerbehinderten Menschen. Sie kaufen sich lieber frei mittels der gesetzlichen sogenannten »Ausgleichsabgabe«, mit maximal 360 Euro pro Monat für jede nicht besetzte Pflichtstelle. Durch Aufträge an eine Behindertenwerkstatt können Firmen diese gesetzlichen »Ausgleichsabgaben« jedoch reduzieren.
Rund 30 Prozent der Elbe-Werkstätten-Beschäftigten arbeiten in sogenannten Außenarbeitsgruppen, wie zum Beispiel bei der international tätigen Kaffeerösterei Darboven. Seit 2010 kommen Beschäftigte der Werkstätten hierher und verpacken Kaffee.
Susanne Müggenburg, Marketing-Leiterin
»Hier werden jetzt zum Beispiel Trays gepackt für die Firma Mövenpick. Und dann sind das auch so Mischtrays, das würden wir so maschinell nicht machen, weil es auch immer wieder individuell gepackt wird. Und dann machen wir das hier händisch, wenn so etwas mal angefragt wird.«
Momentan arbeiten hier 28 Werkstätten-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Einer von ihnen ist Tim Zülske, er ist seit drei Jahren dabei.
Birgit Großekathöfer, Reporterin
»Ist das besser in so einer Außengruppe, als nur in den Elbe-Werkstätten zu arbeiten?«
Tim Zülske, Werkstatt-Beschäftigter
»Ja, es ist etwas anders auch. Man kommt auch hier mit Kontakt mit anderen Menschen.«
Doch gleichgestellt mit den Festangestellten sind Tim Zülske und seine Kolleginnen und Kollegen nicht, sie arbeiten hier für unter zwei Euro die Stunde. Vom gesetzlich festgelegten Mindestlohn sind sie ausgeschlossen, weil sie einen Vertrag mit der Behindertenwerkstatt haben, nicht mit der Firma Darboven.
Rolf Tretow, Geschäftsführer Elbe-Werkstätten
»Das ist eine Win-win-Situation für beide Seiten. Und ohne diese Aufträge ohne diese Subventionierung hätten wir bei Weitem nicht so viele Umsätze und müssten dann noch geringere Entgelte auszahlen.«
Das Ziel der Kooperation der Elbe-Werkstätten mit der Firma Darboven: Integration. Doch nach zwölf Jahren fällt die Bilanz hier eher mager aus. Lediglich drei Werkstätten-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben seit 2010 hier den Sprung zu einer Festanstellung geschafft.
Susanne Müggenburg, Marketingleiterin Darboven
»Es sind zwar jetzt erst mal drei, aber immerhin sind das drei. Für uns ist das ein gutes Zeichen, dass Inklusion funktioniert, und es macht uns Mut, in der Hoffnung, dass es mehr werden.«
Katrin Langensiepen, EU-Abgeordnete
»Die Industrie kann produzieren lassen, wir tun auch noch etwas Gutes. Wir können uns von der Ausgleichabgabe befreien, Menschen sind versorgt, man muss sich keine Gedanken machen. Und dröseln wir es mal richtig auf, es ist auch günstig. Dann dürfen wir uns nicht darüber aufregen, was in Indien passiert, was in Südamerika passiert. Dann müssen wir mal ganz klar hingucken, was passiert hier in der Europäischen Union, wie geht es Menschen mit Behinderung, unter welchen Bedingungen arbeiten sie, unter welchen Konditionen arbeiten sie, und wie profitiert auch die Privatwirtschaft, auch der öffentliche Dienst, wir alle als Kundinnen und Kunden, die sagen, oh, wie toll, das kaufe ich mal. Also profitieren alle davon oder sehr, sehr viele – außer die Menschen, die dort arbeiten.«
Von einem offenen, integrativen und für Menschen mit Behinderung zugänglichen Arbeitsmarkt ist Deutschland noch weit entfernt. Im Koalitionsvertrag steht, dass man ein transparenteres und zukunftsfähigeres Entgeltsystem für die Werkstätten für Menschen mit Behinderung entwickeln wolle. Bis es so weit ist, kämpft Katrin Langensiepen weiter für Transparenz und die Rechte von Menschen mit Behinderungen.