KNDS: Der Panzerbauer und das ominöse Joint Venture in Katar - DER SPIEGEL
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Rüstungshersteller unter Korruptionsverdacht Der Panzerbauer KNDS und das ominöse Joint Venture in Katar

Ein deutsches Ehepaar klagt gegen eine katarische Gesellschaft: Die Gerichtsverhandlung in der Schweizer Steueroase Zug gewährt Einblicke in die klebrigen Geschäfte des Panzerbauers KNDS.
Besichtigung des Panzerspähwagens Fennek (r.) durch katarische Soldaten in Doha (2008): Milliardenschwere Rüstungsgeschäfte
Besichtigung des Panzerspähwagens Fennek (r.) durch katarische Soldaten in Doha (2008): Milliardenschwere Rüstungsgeschäfte

Besichtigung des Panzerspähwagens Fennek (r.) durch katarische Soldaten in Doha (2008): Milliardenschwere Rüstungsgeschäfte

Foto: DER SPIEGEL

Dienstagmittag im Schweizer Städtchen Zug, bekannt für seine malerische Kulisse und niedrigen Unternehmensteuern. Die Restaurantterrassen mit Seeblick und Alpenpanorama sind gut gefüllt an diesem heißen Spätsommertag.

Am Rande der Altstadt sitzt das Zuger Obergericht im ehemaligen Zeughaus des Kantons. Um kurz nach 14 Uhr beginnt hier eine Hauptverhandlung, die gut zu diesem Ort passt: Wo früher die Schweizer Armee ihre Waffen lagerte, wird an diesem Tag über Rüstungsgeschäfte gesprochen.

Auf der einen Seite nimmt ein deutsches Ehepaar mit seinem Anwalt Platz. Die Geschäftsleute sind in der Vermittlung von Waffen tätig und mit ihrem Unternehmen im Kanton Zug ansässig.

Von der Gegenseite sind zwei Anwälte in dunklen Anzügen erschienen. Sie vertreten eine katarische Gesellschaft namens KMWQ Services, die zu zehn Prozent dem deutsch-französischen Panzerbauer KNDS und zuletzt zu neunzig Prozent einem ominösen katarischen Eigner gehörte.

In der Verhandlung soll es um den Vorwurf des unlauteren Wettbewerbs gehen, den das Unternehmen des deutschen Ehepaars in seiner Klage erhebt. Es fühlt sich um seine Provisionen für die Vermittlung von Geschäften mit Katar gebracht. Die Vertreter des Joint Ventures halten die Ansprüche für unbegründet.

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Doch an diesem Dienstag wird schnell klar, dass hinter dem Prozess noch viel mehr steckt: Der Anwalt des Ehepaars behauptet, dass KNDS über die katarische Gesellschaft viel Geld an Offizielle des Emirats gezahlt habe.

Ganz neu sind diese Vorwürfe nicht. Der SPIEGEL und die kanadische Zeitung »Journal de Montréal« hatten in diesem Jahr bereits über millionenschwere Provisionszahlungen an einen einflussreichen katarischen General berichtet . Ein Teil des möglichen Schmiergelds könnte über das Joint Venture KMWQ geflossen sein, das nun als Beklagte vor Gericht steht.

Wüstenerprobung mit »Night Firing«

Das Verfahren in Zug gewährt Einblicke in ein schmutziges Geheimnis des Panzerbauers: den Einsatz von Mittelsmännern, die behilflich waren, die milliardenschweren Rüstungsgeschäfte mit dem Emirat Katar einzufädeln.

Im Jahr 2013 verkaufte der Rüstungshersteller, der in Deutschland damals noch unter dem Namen Krauss-Maffei Wegmann (KMW) firmierte, 62 Leopard-2-Panzer und 24 Panzerhaubitzen 2000 im Wert von 1,89 Milliarden Euro an das Emirat. Der Deal war Auftakt für weitere Lieferungen von gepanzerten Fahrzeugen.

In der Klage rollt das deutsche Ehepaar die Geschäfte von KMW mit den katarischen Streitkräften aus seiner Sicht auf, angefangen von ersten Gesprächen im Jahr 2008. Der Anwalt der Geschäftsleute beschreibt detailliert, wie sie mitgeholfen hätten, den Kontakt des Panzerbauers zu Entscheidern in Katar herzustellen, inklusive Manöverbesuch in Katar und Wüstenerprobung des Leopard-2-Panzers mit »Night Firing«.

Obergericht in Zug: Dreistündige Hauptverhandlung ohne Ergebnisse

Obergericht in Zug: Dreistündige Hauptverhandlung ohne Ergebnisse

Foto: Sven Becker / DER SPIEGEL

In Katar wurden ebenfalls Mittelsmänner aktiv, hinter denen Ahmed bin Nasser Al Thani stand, ein Verwandter des Emirs. Der Pilot brachte es bis zum Generalmajor und bekleidete eine hohe Position beim Militärgeheimdienst. Seine Wege zu den Entscheidern der Armee waren kurz.

Auf Herstellerseite war Stefan Fontanari an den Verhandlungen beteiligt, heute Mitglied im »Executive Committee« von KNDS, zuständig für Marketing und Sales. Das zeigen E-Mails und Dokumente, die dem SPIEGEL vorliegen.

Im März 2013 gingen die Verhandlungen zu den Leopard-2-Panzern und den Panzerhaubitzen in die heiße Phase. Aus vertraulichen Unterlagen zu dem Geschäft geht hervor, wie eine Beratungsfirma des Scheichs bei dem Geschäft mit Provisionen bedacht werden sollte.

Demnach sollten nach Eingang der Anzahlung 2,5 Prozent des Gesamtauftragswerts an die Scheichfirma fließen, die restlichen 2,5 Prozent über ein noch zu gründendes Joint Venture mit KMW, das sich um den Service der Panzer und Formalitäten kümmern sollte. Das machte allein für den Leo-Deal 94,5 Millionen Euro Provisionen, abzüglich eines kleineren Anteils für die deutschen Vermittler.

Millionenschwere Provisionen

Nach Vertragsabschluss zwischen dem Panzerbauer und Katar schickte die Beratungsfirma des Scheichs eine Rechnung. Sie liegt dem SPIEGEL vor. Die aufgerufene Summe: 47,25 Millionen Euro. Wenig später gründete KMW zusammen mit der Scheichfirma jene Gesellschaft, die heute unter dem Namen KMWQ firmiert und in Zug verklagt wurde. Floss der restliche Teil der Provisionen über dieses Vehikel, getarnt als Dienstleistungen?

Ein Anwalt von KNDS erklärte im Mai auf Anfrage, die Provisionsvereinbarung und das Joint Venture seien den Steuerbehörden mitgeteilt worden und »in einer späteren Betriebsprüfung unbeanstandet geblieben«. Er bestätigte indirekt Zahlungen an das Joint Venture. Diesen lägen aber »operative Leistungen« zugrunde. Für den Vorwurf der »strafrechtlich relevanten ›Schmiergeldzahlungen‹« gebe es demnach auch »keine wahrheitsgemäße Grundlage«.

Fennek-Spähpanzer bei einer Parade der katarischen Streitkräfte (2017): Streit der Mittelmänner um Provisionen

Fennek-Spähpanzer bei einer Parade der katarischen Streitkräfte (2017): Streit der Mittelmänner um Provisionen

Foto: Dreamstime / IMAGO

In der Klage, die nun in Zug verhandelt wurde, geht es um den Verkauf der gepanzerten Radfahrzeuge Fennek und Dingo sowie Militärlastwagen. Laut dem Ehepaar handelt es sich um ein Folgegeschäft des Leopard-Deals. Aus der Luft gegriffen scheint diese Behauptung nicht. Der Bundessicherheitsrat genehmigte die Lieferungen der Rüstungsgüter etwa ein Jahr nach dem Verkauf der Leopard-Panzer und Panzerhaubitzen, wie Medien damals berichteten. Zudem legen E-Mails, Vermerke und Wunschlisten der Katarer nahe, dass sie es sehr früh auch auf die Fenneks und Dingos abgesehen hatten.

Der Wert des Geschäfts: angeblich rund 350 Millionen Euro. Das deutsche Ehepaar behauptet, dass ihnen dafür vertragsgemäß ebenfalls eine Provision zustand. Doch der katarische Partner weigerte sich zu zahlen. Im Juni 2023 zog das Ehepaar vor Gericht und forderte mindestens 8,7 Millionen Euro von dem Joint Venture.

Zwar schied die Scheichfirma im Laufe der Jahre als Gesellschafter aus und befindet sich mittlerweile in Liquidation. Doch das Nachfolgeunternehmen gehörte einem Unteroffizier der katarischen Streitkräfte, der dem Scheich offensichtlich nahesteht. Unterlagen zufolge war er mit dem Sohn des Scheichs an einem luxuriösen Grundstück am Genfer See beteiligt.

Der Anwalt der deutschen Vermittler erhob am Dienstag vor Gericht schwere Vorwürfe gegen KNDS: Die Vermittlungsprovisionen, die eigentlich seiner Mandantin zugestanden hätten, seien »umgeleitet« worden an die Hintermänner von KMWQ, die dafür keine Leistung erbracht hätten. Sie hätten das Geld »einzig aufgrund ihrer Stellung in Armee und Staat erhalten«.

Hinweise auf Compliance-Verstöße

Die Anwälte der Gegenseite bezeichneten dies im Gerichtssaal als »totalen Unsinn«. Schon im Laufe des Verfahrens hatten sie bestritten, dass ein »renommiertes deutsches Industrieunternehmen« wie KMW etwas Derartiges getan hätte.

Doch dann berichtete der SPIEGEL Anfang des Jahres über die geheimen Provisionsgeschäfte . KNDS, wie der Panzerbauer mittlerweile hieß, beauftragte daraufhin die Kanzlei Freshfields und die Beratungsfirma EY mit einer externen Untersuchung. Die Prüfer sollten sich auch die Vereinbarungen des Joint Ventures ansehen .

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Im Jahresabschluss 2025 ging KNDS umfangreich auf vorläufige Ergebnisse der Untersuchung zu den Katargeschäften ein. Zwischen 2016 und 2025 seien Dividenden in Höhe von 41,9 Millionen Euro von »bestimmten Joint Ventures« an Joint-Venture-Partner von KNDS geflossen, hieß es da.

Die Prüfer von Freshfields und EY verwiesen auf Interessenkonflikte »bei Drittpersonen, die an der Transaktion beteiligt waren«. Diese Interessenkonflikte seien nicht angemessen identifiziert, offengelegt oder genehmigt worden. Der Hinweis dürfte sich auf die Rolle des Scheichs beziehen.

Zudem, so der Bericht weiter, könnten die vorliegenden Unterlagen nicht durchgängig die wirtschaftliche Substanz der vor Ort in Katar erbrachten Dienstleistungen belegen – womöglich ein Indiz, dass diese Dienstleistungen zur Tarnung von Provisionszahlungen dienten.

Scheich Ahmed bin Nasser Al Thani: Kurzer Weg zu den Entscheidern

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Foto: Artyom Geodakyan / TASS / IMAGO

Ausführlich zitierte der Anwalt des deutschen Ehepaars am Dienstag aus dem Jahresabschluss, um die Sichtweise seiner Mandanten zu untermauern. Er ließ auch nicht unerwähnt, dass die Staatsanwaltschaft München mittlerweile die Einleitung von Ermittlungen wegen Korruptionsverdachts im Kontext des Katargeschäfts prüft. Auf Nachfrage des SPIEGEL teilte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft mit, dass dies auf entsprechender »Presseberichterstattung« beruhe.

Die Anwälte des Joint Ventures hielten in Zug dagegen. Sie erklärten, der Jahresabschluss sei verspätet ins Verfahren eingebracht worden und deswegen irrelevant. Im Übrigen erklärten sie, dass KMWQ darin nicht erwähnt werde, auch nicht »indirekt« oder »sinngemäß«. Ihre Mandantin habe mit den Provisionen für das Fennek-Geschäft nichts zu tun gehabt.

Vergleich abgelehnt

Knapp drei Stunden tauschten die beiden Parteien ihre Argumente in dem fensterlosen Gerichtssaal aus. Dann bat der Richter den SPIEGEL-Reporter aus dem Raum, um über einen Vergleich zu sprechen. Doch dazu kam es nicht, wie sich hinterher herausstellte. Das deutsche Ehepaar sei dazu bereit gewesen, erklärte dessen Anwalt nach Verhandlungsschluss dem SPIEGEL. Die Anwälte von KMWQ wollten nicht mit der Presse sprechen, KNDS äußerte sich auf Anfrage ebenfalls nicht.

Nun läuft das Verfahren also weiter. Die deutschen Geschäftsleute haben eine umfangreiche Liste von Zeugen benannt, wie katarische Militärs und damals beteiligte Manager von KNDS. Für den Panzerbauer, der an die Börse strebt und an dem sich der Bund beteiligen will, könnte ihre Befragung unangenehme Folgen haben: Die öffentliche Aufarbeitung der Katar-Affäre im Zuger Obergericht ginge weiter.