meinung •Twitter-Pläne von Elon Musk Das gescheiterte Sozialexperiment
Handynutzer vor Twitter-Logo
Foto: Kacper Pempel / REUTERSEin bekanntes Sprichwort lautet: »Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.« Der Fall Twitter zeigt die traurige Wahrheit dieser Lebensweisheit im globalen Maßstab: Eine Plattform, die unsere Diskurskultur revolutionieren wollte, hat hauptsächlich Trolle und Rechthaber gestärkt. Und dann kommt auch noch Elon Musk.
Dass der Tesla-Troll nach der Plattform greift, wirkt wie der finale Beweis, dass ein spannendes, hoffnungsvolles Sozialexperiment vorerst gescheitert ist.
Die Twitter-Erfinder wollten das erste soziale Massenmedium der Postmoderne bauen. Er werde die Demokratie fördern, indem er das Monopol von CNN & Co. breche, erklärte mir Twitter-Mitgründer Evan Williams Anfang 2009 in San Francisco. Die Art, wie wir kommunizieren, sollte direkter, persönlicher, transparenter werden. Jeder sollte alles sagen dürfen – und damit auch gehört werden.
»Anything goes« sozusagen, pure Postmoderne. Leider war und ist unsere Gesellschaft dafür nicht reif.
Bibel von 1430
Foto: A9999 DB Sotheby's/ dpaDie Entwicklung der Massenmedien lässt sich grob in drei Phasen teilen. Die Erste ist die Prämoderne, und ihr wohl bekanntester Vertreter ist Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, der um 1450 herum den Buchdruck erfand und eine Medienrevolution auslöste.
Zentrale Werke ließen sich plötzlich vervielfältigen und an Bürgerinnen und Bürger verteilen. Genutzt wurde die Technik zunächst in zeitgemäßer Form: zur Verbreitung der vermeintlich absoluten Wahrheit. Egal, ob sie von Ludwig XIV. stammte oder von Gott. Fakten mussten nicht stimmen, man wollte nur die Massen mobilisieren. Gutenbergs erster Massendruck war die Bibel.
Gleichzeitig nahm seine Technik die nächste massenmediale Phase voraus: die Moderne, die grob mit der Zeit der Aufklärung begann. Das kritisch-analytische Denken erblühte und machte absolute Wahrheiten unmöglich – und damit auch absolutistische Herrscher. Stattdessen entstand mit dem britischen Parlamentarismus eine Debattenkultur, die im besten Fall freien Meinungsaustausch förderte und im schlechtesten Fall Rabulistik und Rechthaberei. Viele Talkshows im abendlichen Fernsehen funktionieren noch heute nach diesem Prinzip.
Zwar entstanden auch Staatsmedien wie RT und ideologische TV-Sender wie Fox News, deren Verschwörungsmythen teils eher prämoderne Züge haben. Doch die meisten modernen Massenmedien bilden ein großes Meinungsspektrum ab. Schon allein, weil auch viele Leser und Zuschauerinnen die modernen Werte verinnerlicht haben und eine entsprechende Berichterstattung erwarten.
TV-Geräte in den Siebzigerjahren
Foto: Manfred Rehm/ dpaMit der Zeit jedoch wuchs auch die Unzufriedenheit. Die Rezipienten merkten, dass in den Nachrichten zwar viele, aber längst nicht alle Meinungen abgebildet sind. Denn moderne Journalisten sind Gatekeeper von Information. Sie entscheiden, was relevant ist und was nicht. Die Erben von Louis XIV. sind, überspitzt gesagt, Tom Buhrow und Walter Cronkite.
Vision einer progressiven Debatte
Moderne Massenmedien operieren meist im sogenannten Overton-Fenster – einer Art Rahmen von Ideen, die im öffentlichen Diskurs als akzeptabel gelten. Meinungen jenseits des Fensters sind unterbelichtet. Im besten Fall werden Fake News und Verschwörungsmythen gefiltert – im schlechtesten Fall unbekannte, innovative Ideen. Das Beispiel Klimawandel zeigt, wie ein Thema langsam ins Overton-Fenster wandert und dort zu etwas Sagbarem wird. Und es zeigt, wie wichtig es ist, dass das manchmal schneller geht.
Williams wollte progressive Debatten fördern – mit einem Medium, in dem es kein Overton-Fenster mehr gibt. Doch sein Versuch schlug spektakulär fehl.
Früherer Twitter-Account von Donald Trump
Foto: Arnulf Hettrich / imago imagesAnders als bei den zwei vorigen Medienrevolutionen hat sich unsere Gesellschaft bisher nicht auf die nächste Stufe entwickelt. Die meisten Menschen haben auch 2022 ein eher modernes Mindset. Und manche – Stichwort: Querdenker – driften eher zurück Richtung Vormoderne, ziehen sich auf einfache, absolute Wahrheiten zurück.
Es gibt also ein postmodernes Massenmedium, aber kaum postmoderne Nutzer, die es mit entsprechenden Inhalten füllen. Es kursieren nur wenige progressive Ideen – und vieles »das man ja wohl noch mal sagen darf«.
Es ist der gesellschaftliche Reifegrad, der sich hier spiegelt. Es zeigt sich schonungslos, wie viele Rechthaber und Verschwörungstheoretiker unter uns leben. Und wie viel Einfluss autokratische Regime mit ihren Twitter-Bots auf uns ausüben.
Musks zwiespältiges Konzept von Meinungsfreiheit
Das Twitter-Management versuchte zuletzt gegenzusteuern. Es gab sein postmodernes Ideal teilweise auf und fing an, die Plattform zu reglementieren. Man baute Filter für Fake News und verbannte mit Ex-US-Präsident Donald Trump einen Obertroll von der Plattform.
Elon Musk will diese Entwicklung nach eigenen Angaben stoppen. Er werde alle Aktien kaufen und das Unternehmen dann von der Börse nehmen, twitterte er am Donnerstag. Nur so lasse sich der Verfall der Meinungsfreiheit aufhalten.
Tatsächlich hat Musk selbst ein eher zwiespältiges Konzept von Meinungsfreiheit. Er postet mal progressive Ideen – und pumpt mal den Wert obskurer Kryptowährungen auf oder spielt die Gefahr des Coronavirus herunter. Sein aktueller Übernahmeversuch könnte nur ein Spiel sein. Es könnte ihm letztlich darum gehen, den Wert seiner bisherigen Twitter-Aktien in die Höhe zu treiben, um sie mit Gewinn zu verkaufen.
Musk ist das perfekte Beispiel, was bei Twitter schiefläuft. Sein Output ist konstruktiv und destruktiv zugleich. Und das Destruktive bekommt auf der Plattform meist mehr Resonanz.
Twitter ist bisher weit unter seinen Möglichkeiten geblieben. Wir müssen uns als Gesellschaft noch ganz schön weiterentwickeln, um mit so viel postmoderner Offenheit verantwortungsvoll umzugehen.