Einlagerung von Treibhausgas Potenzielle CO₂-Speicher in der Nordsee sind kleiner als angenommen
Plattform vor der Küste in Dänemark: Das Land betreibt bereits CO₂-Speicher im Meer
Foto: Bo Amstrup / Ritzau Scanpix / picture allianceDas Speicherpotenzial für klimaschädliches CO₂ in der Nordsee ist weitaus kleiner als bisher angenommen. Das geht aus einem aktualisierten Papier des Forschungsverbunds Geostor hervor. Demnach könnten nur 0,5 bis 1,5 Milliarden Tonnen CO₂ vor der deutschen Küste eingelagert werden, wie die Wissenschaftler schreiben. Vor zwei Jahren gingen sie in einer ersten Einschätzung noch von einer bis sechs Milliarden Tonnen CO₂ aus. Das ist – gemessen an der Obergrenze des Werts – nur noch rund ein Viertel der bisher angenommenen Kapazitäten.
Grund dafür sind sogenannte konkurrierende Nutzungen. Damit gemeint sind etwa Windparks, Schiffsrouten, vom Militär genutzte Gebiete und Naturschutzflächen. Auch bei den Risiken der Speicher und den Kosten sind die Wissenschaftler mittlerweile deutlich vorsichtiger als früher.
Das Geostor-Projekt sucht unter der deutschen Nordsee nach geeigneten Lagerstätten für das Treibhausgas CO₂. Es entsteht bei der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas und soll künftig bei einigen industriellen Prozessen aufgefangen werden – und somit nicht in die Atmosphäre entweichen. Anschließend soll es über Pipelines transportiert und in unterirdische Speicher, bislang vorrangig im Meer, eingelagert werden. Fachleute nennen das Verfahren Carbon Capture and Storage (CCS) .
Vorgesehen sind die CO₂-Speicher in der deutschen Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ), die von der Küste zwischen zwölf und maximal 200 Seemeilen ins Meer hineinreicht. In der AWZ gibt es viele Ansprüche, daher haben sich mögliche Gebiete für die CO₂-Speicherung nun verkleinert, wie die Forschenden schreiben. Auch die CO₂-Speicher benötigen oberirdischen Platz, etwa für Bohrungen und Leitungen. »Bisher können wir die Größe der Speicher nur schätzen, weil es noch keine Erkundung vor Ort gab«, sagt Klaus Wallmann, Leiter des Geostor-Projektes, dem SPIEGEL. Dadurch müsse man sich in einer Art Ausschlussverfahren den realen Potenzialen langsam nähern.
Noch vor zwei Jahren waren die Aussagen der Forschenden um Wallmann weitaus vielversprechender. Mittlerweile räumen sie ein, dass die Nordseespeicher möglicherweise nicht ausreichen könnten, um das überschüssige CO₂ aus deutschen Fabriken oder Kraftwerken aufzunehmen. Allerdings hängt das davon ab, wie viel CO₂ wirklich im Meeresuntergrund endgelagert werden muss. Die Forschenden rechnen im Jahr 2045 mit einer enormen Spanne von 8,5 bis 70 Millionen Tonnen pro Jahr. Es könnten den neuen Zahlen zufolge aber maximal 23 Millionen Tonnen gespeichert werden. »Wir fischen im Trüben«, sagt Wallmann. Für konkretere Zahlen müssten die möglichen Speicherstandorte vor Ort genauer untersucht werden. Weil das kostspielig sei, müssten das die Unternehmen selbst übernehmen. Ein Industriekonsortium unter Führung von ExxonMobil hat laut Wallmann bereits einen Erkundungsantrag bei der zuständigen Behörde gestellt.
Umweltrisiken: Lecks und Lärmbelästigung
In ihrem Papier von 2024 machten die Geostor-Forschenden auch weniger Angaben zu möglichen Risiken und den Kosten. In dem neuen Papier von Ende September werden sie deutlicher: Mögliche Lecks, Erdbeben und Hebungen des Meeresbodens könnten dazu führen, dass CO₂ austrete und »das Bodenwasser lokal versauert«. Auch Unterwasserlärm könne zur Belastung für die Umwelt werden, etwa für Schweinswale. Deshalb fordern sie strengere Auflagen und Überwachung. Das fordern Umweltverbände schon länger.
Schweinswal in der Nordsee: Beifang, Schiffsverkehr und der Baulärm von Offshore-Windparks gelten bereits heute als mögliche Gründe für den Rückgang der Bestände
Foto: Heloise Hamel / SDU / ITAW-TiHo / dpaZugleich müsse klimapolitisch genau abgewogen werden, welche CO₂-Emissionen wirklich eingelagert und nicht eingespart werden müssten, so die Geostor-Autoren. CCS solle vorrangig für sogenannte unvermeidbare Industrieemissionen genutzt werden, etwa aus der Zementherstellung. Emissionen aus Gaskraftwerken oder blauem Wasserstoff, der mithilfe von Erdgas hergestellt wird, seien dafür ungeeignet.
Anders steht es im 2025 beschlossenen Kohlendioxid-Speicherungs- und -Transportgesetz (KSpTG): Das schließt nicht aus, dass die CCS-Technologie auch für Erdgas genutzt wird. Zudem können jetzt alle Industrien, mit Ausnahme von Kohlekraftwerksbetreibern, Fördermittel beim Bund beantragen, um CCS-Projekte zu finanzieren. »Diese Politik der Technologieoffenheit von Ministerin Katherina Reiche geht in eine falsche Richtung«, warnt Wallmann. CCS solle stattdessen nur in Branchen gefördert werden, die darauf angewiesen sind, da sie ihre Emissionen auch mithilfe von erneuerbaren Energien nicht vermeiden könnten.
CCS ist ohne Subventionen kaum möglich
Ein Grund ist auch, dass die CO₂-Speicherung immer noch extrem kostspielig ist. In ihrem Papier rechnen die Forschenden für die gesamte Entsorgungskette des CO₂ mit 150 bis 250 Euro pro Tonne. Sie kommen zum Schluss: »CCS-Projekte wären zurzeit nicht umsetzbar.« Denn die Kosten lägen weitaus höher als der aktuelle CO₂-Preis, den die Industrie oder Energieerzeuger aktuell bezahlen: Der liegt bei rund 74 Euro pro Tonne.
Beschlossen werden soll in den kommenden Wochen noch die Carbon-Management-Strategie der Bundesregierung. Diese soll genauer regeln, unter welchen Bedingungen CO₂ genutzt, transportiert und gespeichert werden darf. Dazu fand am Dienstag eine Anhörung im Bundestag statt.
In einem offenen Brief an das Bundeswirtschaftsministerium fordert Greenpeace nun, diese Strategie zu überarbeiten. Die Umweltorganisation warnt auch vor den geplanten staatlichen Subventionen in Milliardenhöhe für die Technik. Davon könnten auch Erdgaskraftwerke profitieren, wenn ihr CO₂ dann in der Nordsee endgelagert wird. Ein Fall, den auch die Geostor-Autoren für den falschen Weg halten.
»Die Carbon-Management-Strategie steht kurz vor ihrer Veröffentlichung vor einem Scherbenhaufen«, sagt Karsten Smid von Greenpeace. »Ganz einfach, weil sie auf Basis von überhöhten Prognosen zu CO₂-Endlagerkapazitäten in der deutschen Nordsee entwickelt wurde.«
Diese Kritik weisen die Geostor-Autoren zwar zurück, sie hätten schon immer mit Schätzungen gearbeitet und diese nun eingegrenzt. Doch auch Wissenschaftler wie Klaus Wallmann sind mittlerweile skeptischer: »Es ist problematisch, den Ausbau der erneuerbaren Energien zu begrenzen und darauf zu hoffen, mit der teuren CCS-Technologie die Klimaziele zu erreichen. CCS wird dann zu einem Feigenblatt für einen ausgebremsten Klimaschutz.«
Bald auch CCS an Land?
Doch nicht nur im Meer, auch an Land könnte es bald solche CO₂-Speicher geben. Im Juli erklärte als erstes Bundesland Baden-Württemberg, dass es von der »Länderöffnungsklausel für On-Shore-Speicherung« im aktuellen CO₂-Gesetz des Bundes Gebrauch machen wolle. Es sieht vor, dass Bundesländer selbst entscheiden können, ob sie auf ihrem Territorium nach CO₂-Speicherstätten suchen und diese dann auch nutzen.
Pilotprojekt im brandenburgischen Ketzin
Foto: dapdAm Dienstag sprach sich auch die schwarz-rote Landesregierung von Brandenburg dafür aus.
Dort entstand vor fast 20 Jahren die bundesweit erste CCS-Pilotanlage: Das GeoForschungsZentrum Potsdam begann 2004 in Ketzin mit ersten Untersuchungen. Von 2008 bis 2013 pumpten Forschende rund 67.000 Tonnen CO₂ unter anderem aus einem Kohlekraftwerk in Sandstein in rund 630 bis 650 Meter Tiefe. Es ist das bisher einzige Projekt, in dem die Technik in Deutschland unter realen Bedingungen getestet wurde.
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