Ein Asteroiden-Einschlag ist wahrscheinlicher, als vom Blitz getroffen zu werden - DER SPIEGEL
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Seltene Ereignisse im Vergleich Ein Asteroideneinschlag ist wahrscheinlicher, als vom Blitz getroffen zu werden

Wie groß ist das Risiko, dass ein Asteroid die Erde trifft? Um das zu veranschaulichen, haben Forscher Autounfälle oder Wildtierangriffe zum Vergleich herangezogen. Manches Ergebnis überrascht.
Meteorit über Russland im Jahr 2013: Einschlag wäre ein »bemerkenswertes historisches Ereignis«
Meteorit über Russland im Jahr 2013: Einschlag wäre ein »bemerkenswertes historisches Ereignis«

Meteorit über Russland im Jahr 2013: Einschlag wäre ein »bemerkenswertes historisches Ereignis«

Foto: Depositphotos / IMAGO

Im Dezember entdeckte ein Teleskop in der chilenischen Atacama-Wüste einen bislang unbekannten Asteroiden: 2024 YR4 . Bei der US-Weltraumbehörde Nasa berechnen Experten , mit welcher Wahrscheinlichkeit sogenannte erdnahe Objekte – auf Englisch »near-earth objects«, kurz NEO – auf der Erde einschlagen. Das können Asteroiden, Kometen oder Meteoroiden sein.

Ergebnis: Bei der übernächsten Wiederkehr von Asteroid 2024 YRA  am 22. Dezember 2032 bestehe ein Risiko von 3,1 Prozent, dass der Brocken auf der Erde landet, so gaben es die Experten Mitte Februar an. Damit war 2024 YRA zeitweise der für die Erde gefährlichste Asteroid seit Beginn dieser Weltraumbeobachtungen. Inzwischen liegt die Einschlagwahrscheinlichkeit wieder weit unter einem Prozent.

Asteroideneinschläge sind keinesfalls nur urzeitliche Phänomene, wie man annehmen könnte (ein Einschlag vor 66 Millionen Jahren gilt als hoch wahrscheinliche Ursache für das Aussterben der Dinosaurier). Auch in der Neuzeit traten Asteroiden oder andere NEOs in die Erdatmosphäre ein – 2013 etwa ging ein Meteorit über der russischen Stadt Tscheljabinsk nieder, 1908 ist möglicherweise ein Asteroid am Himmel über Sibirien explodiert. Laut Nasa hat die Zahl der entdeckten NEOs in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen.

Wie wahrscheinlich ist es also, dass ein Asteroid die Erde trifft? Verschiedene Studien haben dieses Risiko in der Vergangenheit berechnet – eine Forschungsgruppe um die amerikanische Computerphysikerin und Planetenwissenschaftlerin Carrie Nugent hat dieses Risiko nun mit dem von anderen seltenen Ereignissen verglichen. Ihre Studie soll demnächst im Fachmagazin »Planetary Science Journal« erscheinen, ist aber schon als Preprint  abrufbar.

Das Ergebnis ihrer Studie dürfte manche überraschen: Demnach ist ein Asteroideneinschlag auf der Erde während der Spanne eines Menschenlebens zwar unwahrscheinlicher, als dass ein einzelner Mensch in seinem Leben wegen eines Tierbisses eine Behandlung gegen Tollwut bekommt oder einen schweren Autounfall erleidet. Doch er ist immer noch wahrscheinlicher, als dass ein Mensch im Laufe seines Lebens vom Blitz getroffen wird – was schließlich ebenfalls hin und wieder vorkommt. Folgende Grafik setzt die verschiedenen Ereignisse ins Verhältnis:

Zu beachten ist dabei: Im Falle des Asteroiden ist die Wahrscheinlichkeit abgebildet, dass dieser die Erde trifft. Im Falle der anderen Ereignisse geht es um die Wahrscheinlichkeiten, dass ein einzelner Mensch diese im Laufe seines Lebens erlebt. Die Autoren haben sich bewusst entschieden, den Asteroideneinschlag nicht mit anderen Ereignissen auf der Erde zu vergleichen, wie etwa Vulkanausbrüchen oder Erdbeben. Denn deren Häufigkeit könnten höchstens Experten einschätzen, schreiben sie. Ihre Herangehensweise solle auch Nichtexperten ermöglichen, die Wahrscheinlichkeit eines NEO-Einschlags »in einen gedanklichen Rahmen mit Ereignissen zu setzen, mit denen sie möglicherweise vertraut sind, wie z. B. Autounfälle und Tierangriffe«.

Wie viele Menschen ein Asteroid töten würde, hängt von vielen Faktoren ab

In ihrem Projekt nutzten die Forschenden eine Simulation von fünf Millionen erdnahen Objekten mit einem Durchmesser von mehr als 140 Metern. Dies würde, wie die Autoren schreiben, einem »mittleren bis großen« NEO-Erde-Einschlag entsprechen, der ein »bemerkenswertes historisches Ereignis« wäre und den viele Menschen beobachten würden.

Sie simulierten die Umlaufbahnen der NEOs und zählten, wie viele in einem Zeitraum von 150 Jahren die Erde treffen würden. Daraus errechneten sie, mit welcher Häufigkeit ein so großer NEO die Erde trifft – nämlich geschätzt alle 11.000 Jahre. Diese Häufigkeit lasse sich mit dem Ergebnis früherer Studien vergleichen, schreiben die Forschenden.

Komet C/2020 F3 (Neowise), der im Sommer 2020 mit bloßem Auge am Himmel erkennbar war

Komet C/2020 F3 (Neowise), der im Sommer 2020 mit bloßem Auge am Himmel erkennbar war

Foto: Anton Petrus / Moment / Getty Images

Um dies mit den Wahrscheinlichkeiten anderer Ereignisse zu vergleichen, griffen die Autoren auf andere Studien aus verschiedenen Ländern zurück. Der Wert zur Wahrscheinlichkeit eines Fallschirmsprung-Unfalls stammt zum Beispiel aus einer Studie aus den Niederlanden.

Die Autoren weisen darauf hin, dass es sich bei den Wahrscheinlichkeiten um »grobe Durchschnittswerte« handle – das Risiko für individuelle Personen könne davon erheblich abweichen. So hängt das Risiko, in einen schweren Autounfall zu geraten, natürlich auch davon ab, ob und wie viel man Auto fährt. Als Wert für die Spanne eines Menschenlebens setzte das Team 71 Jahre an.

Der Einschlag eines erdnahen Objekts auf die Erde im Laufe eines Menschenlebens ist demnach sogar wahrscheinlicher, als dass ein einzelner Mensch in seinem Leben einen Skydiving-Unfall erleidet oder von einem Elefanten angegriffen wird. Die Autoren schreiben dazu, dass es sich beim Fallschirmspringen um eine »freiwillige Freizeitbeschäftigung« handle, dass es also überhaupt nur wenige Menschen gibt, die dabei überhaupt einen Unfall erleiden könnten. Auch Angriffe von Wildtieren wie Elefanten könnten allgemein leicht verhindert werden, indem Menschen diese Tiere meiden.

Während die Forschenden für die Vergleichsereignisse auch berechneten, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Mensch bei diesen Ereignissen stirbt, taten sie das für den Fall des Asteroideneinschlags nicht. Das hänge von zu vielen Faktoren ab, schreiben sie: mit welcher Geschwindigkeit und in welchem Winkel der Himmelskörper die Erde treffe, wie groß er sei oder ob er im Meer oder in einer Großstadt einschlage.

So viel lässt sich allerdings mit Sicherheit sagen: Die Wahrscheinlichkeit, durch einen Asteroiden getötet zu werden, ist sehr, sehr gering.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes war der Abschnitt zum Asteroiden 2024 YRA missverständlich formuliert: Die Wahrscheinlichkeit eines künftigen Einschlags dieses Asteroiden lag nur zeitweise im Februar bei 3,1 Prozent, inzwischen ist sie aber weit geringer. Die angegebene Häufigkeit bezüglich Tollwut bezieht sich außerdem nicht auf eine Infektion, sondern auf eine Behandlung gegen Tollwut. Wir haben die Stellen korrigiert.

lki