Heuschnupfen und Allergien: Klimawandel verändert Pollenflug in Deutschland - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Klimawandel verändert Pollenflug Warum immer mehr Menschen unter Heuschnupfen leiden

Beinahe jeder dritte Europäer hat eine Allergie, die meisten leiden an Heuschnupfen. Steigende Temperaturen verändern das Auftreten von Pollen auch in Deutschland – mit gravierenden Folgen.
Die Hasel blüht bereits in den Frühjahrsmonaten: Seit 2018 treten ihre Pollen in immer größeren Mengen auf
Die Hasel blüht bereits in den Frühjahrsmonaten: Seit 2018 treten ihre Pollen in immer größeren Mengen auf

Die Hasel blüht bereits in den Frühjahrsmonaten: Seit 2018 treten ihre Pollen in immer größeren Mengen auf

Foto: EThamPhoto / The Image Bank / Getty Images

Es geht schon wieder los: Die Nase läuft, die Augen jucken – die Pollensaison steht vor der Tür. Und die beginnt laut der Europäischen Stiftung für Allergieforschung (ECARF)  immer früher und verändert sich auf besorgniserregende Art. Für Millionen Menschen in Deutschland werden die Baum- und Gräserpollen zur Tortur. Etwa 30 Prozent aller Menschen in Europa haben eine Allergie, die häufigste allergische Erkrankung ist Heuschnupfen.

Doch trotz des großen Leidensdrucks, der mit allergischen Erkrankungen einhergehen kann, wird die Behandlung oft vernachlässigt. Laut ECARF beträgt der wirtschaftliche Schaden, der durch adäquate Therapie und Prävention von Allergien vermeidbar wäre, in der EU 100 Milliarden Euro pro Jahr. Demnach schöpft nur jeder zehnte Betroffene die Möglichkeiten aus, die die moderne Allergiemedizin bietet.

Besonders bei den Pollenallergien zeichnet sich in den vergangenen Jahren eine bedenkliche Entwicklung ab, wie die ECARF gemeinsam mit der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst (PID)  am Dienstag in einer Pressekonferenz berichtete. Seit 2018 seien Haselnusspollen auf dem Vormarsch. 2022 hätten zudem die Birkenpollen im Vergleich zu den Vorjahren zugenommen. Birkenpollen verursachen neben den Gräserpollen die meisten Fälle von Heuschnupfen und allergischem Asthma.

Auch die Gräserpollen erreichten laut PID im letzten Jahr einen neuen Höchstwert. Besonders in Großstädten erkranken demnach mehr Menschen an allergischen Erkrankungen, die mit Pollen in Verbindung stehen. Die Gründe dafür sind vielfältig: Laut einer neuen Studie  sind Luftschadstoffe wie Stickoxide und Feinstaub ein erhebliches Problem. Sie verändern etwa die chemische Struktur der Allergene von Birkenpollen – und führen so zu einer höheren Rate von Sensibilisierungen.

Konsequente Therapie ist entscheidend

Doch nicht nur die chemischen Veränderungen der Pollen sind problematisch. Auch die von den Pollen verursachten Entzündungen der Schleimhäute können durch Schadstoffe negativ beeinflusst werden. Symptome wie Juckreiz, Augenrötungen oder Asthma können so verstärkt werden. Neben den Schadstoffen führe laut ECARF auch die globale Erwärmung zu neuen Herausforderungen.

Inzwischen überschneide sich das Ende der letzten Pollensaison fast mit dem Beginn der neuen Saison. Demnach fliegen Pollen von Gräsern und Kräutern bis weit in den Herbst hinein, während bestimmte Bäume immer früher zu blühen beginnen. Ein Beispiel sei die aktuelle Pollensaison, die im Südwesten bereits am ersten Tag des Jahres mit hohen Konzentrationen von etwa Haselpollen begann.

Die Experten der Stiftung Polleninformationsdienst empfehlen angesichts dieser Entwicklung eine »allergikerfreundliche« Bepflanzung von Städten, bei der Gewächse mit hohem Allergiepotenzial vermieden werden. Die Konzentration von Pollen in der Luft wird in Deutschland seit 1983 durch die Messstationen im Netzwerk des PID überwacht. Entsprechende Daten sind wichtig für die tägliche grafische Pollenbelastungsvorhersage des Deutschen Wetterdienstes , durch die Ärztinnen und Ärzte sowie Betroffene wichtige Informationen über den Pollenflug in ihrer Region erhalten können.

Neben der Vermeidung des Kontakts mit Pollen ist aber vor allem die richtige Diagnose und Behandlung von allergischen Erkrankungen wie Heuschnupfen wichtig. Denn Allergien würden trotz ihrer Verbreitung nach wie vor häufig verharmlost, wie Torsten Zuberbier betont. Zuberbier ist Stiftungsvorsitzender der ECARF und Direktor des Instituts für Allergieforschung an der Berliner Charité . »Allergien sind aber inzwischen sehr gut zu behandeln, in den meisten Fällen kann mit modernen Medikamenten Beschwerdefreiheit erreicht werden«, sagt Zuberbier.

Dieses Audio ist derzeit nicht verfügbar.
Podcast Cover

Zusätzlich sei es möglich, nicht medikamentöse Strategien in das Behandlungskonzept einzubinden. Dazu gehörten etwa bestimmte Luftreiniger, die die Luft von Pollen und Feinstaub befreien sowie moderne Apps. Vor allem die Aufklärung über gute Prävention und Behandlung von allergischen Erkrankungen liegt Zuberbier am Herzen. Eine Initiative der ECARF richtet sich zu diesem Zweck etwa konkret an Schulen. »Ein Kind, das schlechtere schulische Leistungen erbringt aufgrund eines unbehandelten Heuschnupfens oder aufgrund seines unbehandelten Asthmas nicht am Sportunterricht teilnehmen kann – das darf es nicht mehr geben«, sagt Zuberbier.

jae

Extern anhören

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.