Wer nachts das irakische Basra anfliegt, blickt aus dem Flugzeugfenster auf ein gespenstisches Szenario: Die Metropole ist umzingelt von riesigen Feuersäulen, wie martialische Fackeln erleuchten die Flammen weithin sichtbar die Dunkelheit. Sie brennen Tag und Nacht und sind eine Begleiterscheinung der Ölförderung.
Rund um Basra erstrecken sich die ergiebigsten Ölfelder des Landes. Sie tragen Namen wie Rumaila, Zubair, Majnoon oder West Qurna, und ihre Ausbeute hat seit dem Sturz von Diktator Saddam Hussein 2003 laut Schätzungen Öl im Wert von mehr als einer Billion Dollar eingebracht. Die Exporte nützen dem irakischen Staat und westlichen Ölunternehmen.
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Die Millionen Einwohner Basras profitierten bisher kaum von der Bonanza. Die meisten von ihnen leben unter miserablen Bedingungen: Die Luft, das Wasser und der Boden der Gegend sind teils stark belastet. Im Sommer liegt der Luftqualitätsindex in der Stadt meist bei »gefährlich«. Der Smog ist dann so schädlich, dass von Essen und Sport im Freien abgeraten wird und Babys lieber im Haus bleiben sollten. Im September lag die Feinstaubbelastung mehr als sechsmal so hoch wie der maximale Wert laut Weltgesundheitsorganisation.
Eine Ursache dafür sind die »Feuersäulen« vor der Stadt. Wo nach Erdöl gebohrt wird, steigen unweigerlich brennbare Gase aus dem Untergrund. Betreiber von Förderstätten verfeuern sie meist vor Ort, wenn sie nichts damit anfangen können. Auf den Ölfeldern bei Basra etwa werden sie teilweise in improvisierten Metallleitungen wenige Meter vom Bohrloch abgeleitet und angezündet. Dann schießen grelle Feuer aus den Rohrenden, teils mehrere Meter hoch.
Nicht nur direkt an der Quelle wird so verfahren, sondern auch in den weiteren Schritten der Förderkette brennen die Firmen auf Terminals und in Raffinerien überschüssiges Gas ab. Es ist ein giftiges, groteskes Verfahren: Das Gas könnte häufig genauso gut auch weitergeleitet, gereinigt und verwendet werden.
Ausschnitt aus dem Erdölfeld Rumaila im Irak; Satellitenbild: Maxar Technologies, Stand: 27. April 2022
Abfackeln der Begleitgase im irakischen Rumaila-Ölfeld: Flammen von mehreren Metern Höhe
Foto:Atef Hassan / REUTERS
»Abfackeln« oder »Flaring« wird diese Praxis genannt. Sie ist ein Treiber der Klimakrise und verantwortlich für massive Umwelt- und Gesundheitsschäden. Laut dem jüngsten Jahresbericht der Weltbank gelangten durch das Abfackeln im Jahr 2023 weltweit insgesamt 381 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente zusätzlich in die Atmosphäre. Das entspricht dem Jahresausstoß von ganzen Staaten, wie Großbritannien, Frankreich oder Italien. Weltweit gibt es Studien und Berichte über Leukämie und Asthma bei Menschen, die in der Nähe der Förderstätten wohnen.
»Burning Skies«: Der Himmel brennt
Dennoch ist Flaring in westlichen Ländern kaum ein Thema, die verheerenden Folgen für Mensch und Umwelt werden kaum beachtet. Bisher ist nur lückenhaft bekannt, wie hoch die Flaring-Emissionen einzelner Betreiber und Anlagen sind, oftmals kann man auf Angaben der Unternehmen zurückgreifen. Unabhängige Berichte vor allem für einzelne Anlagen sind selten. Staatliche Regeln sind so kaum durchzusetzen.
Die Recherche »Burning Skies« deckt erstmals die individuelle Verantwortung großer Ölgesellschaften für diese zerstörerische Praxis auf. Demnach gehören große europäische Ölkonzerne, darunter BP, Eni, TotalEnergies und Shell, zu den zehn größten Flaring-Sündern in den untersuchten Regionen. Das geht aus der gemeinsamen Datenanalyse hervor, die vom Forum für investigativen Umweltjournalismus EIF zusammen mit dem SPIEGEL, dem Mediennetzwerk European Investigative Collaborations (EIC), Daraj Media, SourceMaterial und Oxpeckers durchgeführt wurde.
Die europäischen Ölgesellschaften sind bei dieser Untersuchung mit rund 33 Prozent die größten Verursacher von Treibhausgasemissionen durch Flaring, Unternehmen aus dem Nahen Osten kommen auf 31 Prozent, jene aus Nordamerika auf rund 14 Prozent. Unter den Flaring-Top-Ten befinden sich laut Auswertung fünf europäische Großkonzerne (siehe Grafik), die höchsten Emissionen hat unter ihnen die britische BP.
Konzerne weisen Verantwortung zurück
Die Rechercheergebnisse weichen in den meisten Fällen – etwa in Nachhaltigkeitsberichten – weit von den offiziellen Angaben der Unternehmen ab. Auf Nachfrage wollen viele Konzerne die Rechercheergebnisse nicht bestätigen.
Ein Blick in die vorhandenen Nachhaltigkeitsberichte zeigt: Meist zeigen Unternehmen gar keine anlagenspezifischen oder länderspezifischen Daten. Machen sie überhaupt Angaben, dann berücksichtigen sie in ihren Rechnungen wohl nur einen Teil der entstandenen Emissionen – etwa an der Förderstätte, nicht unbedingt aber an der Raffinerie. In einigen Fällen sehen sie sich überhaupt nicht in der Verantwortung. Etwa weil sie nur sogenannte Serviceverträge mit dem Anlagenbetreiber haben oder untergeordnet an den Anlagen beteiligt sind. Der deutsche Konzern Wintershall Dea etwa erklärte kurzerhand, dass seine Anlagen vor ein paar Wochen an den britischen Ölkonzern Harbour Energy verkauft wurden. Damit endet nach Sicht von Wintershall Dea auch die Verantwortung für die Emissionen der vergangenen zehn Jahre. In früheren Anfragen hatte Wintershall Dea erklärt, es gebe nur Daten für nicht routinemäßiges Flaring heraus, da es kein dauerhaftes Abfackeln mehr betreibe. Das Problem sind jedoch die regelmäßigen Brandherde (siehe Kasten). Harbour Energy wiederum fühlt sich ebenfalls nicht verantwortlich für die Emissionen seines Vorgängers.
Betreiber unterscheiden zudem zwischen Flaring-Aktivitäten, die regelmäßig stattfinden (routinemäßiges Abfackeln), und einem sporadischen Abfackeln, das nur in Ausnahmesituationen praktiziert wird, etwa aus Sicherheitsgründen. Sollten auf Satellitenbildern solche Brandherde zu sehen sein, ist es entscheidend, ob sie dauerhaft oder nur vereinzelt auftauchen. Die Weltbank schreibt dazu auf Anfrage: »Ein hohes Maß an Abfackeln am selben Ort Jahr für Jahr ist ein starker Indikator für Routineabfackeln«. Die Weltbank-Experten schätzen, dass im weltweiten Durchschnitt routinemäßiges Flarings derzeit rund 70 Prozent der gesamten Abfackelaktivitäten ausmacht.
Viele Unternehmen, das geht aus den Antworten auf Anfragen des »SPIEGEL« und seiner Partner hervor, sehen sich auf einem guten Weg dabei, die Flaring-Emissionen zu reduzieren. Die Daten und die Geschichten der Menschen rund um die Ölfelder zeigen eher das Gegenteil. Mithilfe von Satelliten lässt sich mittlerweile sehr genau nachvollziehen, wie viel Gas entweicht oder verbrannt wird.
Bislang ist der Kampf gegen das Abfackeln ein Misserfolg. Das konstatiert auch die Weltbank, die sich seit 2015 um Flaring-Emissionen kümmert. Damals wurde die ZRF-Initiative (Zero Routine Flaring by 2030) ausgerufen und wird seither von Regierungen und Unternehmen unterstützt. Sie soll dabei helfen, das regelmäßige Abfackeln von Begleitgasen bis 2030 zu stoppen. Laut dem im Juni erschienenen Jahresbericht der Finanzinstitution stiegen die entsprechenden Emissionen 2023 im Vergleich zum Vorjahr aber um ganze sieben Prozent. Seit 2010 sei kein Rückgang zu verzeichnen. Die Weltbank adressiert jedoch im Gegensatz zu dieser Recherche keine einzelnen Unternehmen, Anlagen oder besonders betroffenen Regionen und deren Bewohner.
Auch andere weltweit tätige Organisationen wie die Internationale Energieagentur (IEA) warnen, dass die Unternehmen mit den bisherigen Maßnahmen, »nicht auf dem Weg« seien, um das Ziel »netto null bis 2050« zu erreichen.
»Die Zahlen sind hoch, aber das ist nicht überraschend«, kommentiert Stefan Lechtenböhmer, Energie- und Nachhaltigkeitswissenschaftler an der Universität Kassel, die Recherche. »Flaring ist in vielen Ländern nicht sanktioniert, deshalb gibt es auch keinen Druck, diese Gase abzufangen, zu reinigen und etwa der Bevölkerung zur Verfügung zu stellen.« Er habe als Berater bereits vor fast 20 Jahren dem russischen Konzern Gazprom vorgeschlagen, in seiner Lieferkette die Gase abzufangen. »Aber da gab es schlicht kein wirtschaftliches Interesse«, so Lechtenböhmer. Es lohne sich für die Unternehmen einfach nicht, Rohre zu legen, das Gas zu reinigen und dann zu vermarkten. Die Mengen seien zu gering, die Abnehmer in der Nähe häufig nicht vorhanden oder zu arm.
Rumaila-Ölfeld: Anwohner tragen die Kosten
Die Leidtragenden sind am Ende alle, denn Flaring heizt die Klimakrise an. Noch treffen die Auswirkungen vor allem die Ärmsten der Armen. Der SPIEGEL hat zusammen mit den Partnerredaktionen Daraj Media, NRC, SourceMaterial, Oxpeckers und Mongabay acht Länder besucht, um über die katastrophalen Nebenwirkungen der Abfackelpraxis auf die örtliche Bevölkerung zu berichten. In vielen Ländern sind ganze Wohngebiete den Schadstoffen aus Flaring-Türmen ausgesetzt.
Im südirakischen Basra trifft der SPIEGEL im Januar dieses Jahres Sayad Hamid. Er lebt mit seiner Familie in einer Wellblechhütte, die Wände sind aus Betonsteinen, durch den Garten laufen Abwässerkanäle. Die Luft ist gesättigt mit Abgasen, der Himmel trüb. Die Augen des Familienvaters sind rot unterlaufen, mit dünner Stimme weist er seine Kinder zurecht, die kreischend neben ihm herlaufen. Hamid hat seit Jahren Leukämie. Er glaubt, dass die Krankheit von den leuchtenden Türmen vor der Stadt kommt. Beweisen kann er es nicht.
Sayad Hamid mit seinen Töchtern: Seit Jahren in Behandlung wegen Leukämie
Foto: Emily Garthwaite
Fischer im Fluss Shatt al-Arab am Persischen Golf bei Basra, im Hintergrund die Flaring-Türme: Es gebe entweder viel zu kleine oder viele tote Fische, berichten sie. Auch der kranke Sayad Hamid war einst Fischer und hat seinen Beruf deshalb aufgegeben.
Foto: Daniela Sala
Die Wohnsiedlung grenzt an den Fluss Schatt al-Arab und an das Nahr-Bin-Umar-Ölfeld.
Foto: Daniela SalaGeschichten wie die Hamids gibt es Hunderte in Basra. Vor der Stadt liegt das Rumaila-Ölfeld. Dort gelangten laut den Recherchen zwischen 2012 und 2022 mehr als 105 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente allein durch das Abfackeln der Begleitgase in die Atmosphäre. In dem Ölfeld ist auch der britische Ölkonzern BP aktiv, der aber betont, nur Anteilseigner zu sein (siehe Kasten).
Hamid lebt mit seiner Familie rund 50 Kilometer Luftlinie von Rumaila entfernt. Das klingt weit. Forscher vermuten, dass die Schadstoffe, die bei der Verbrennung entstehen, Luft, Böden und Wasser der Umgebung verschmutzen. Schon bei einer Entfernung von rund 100 Kilometern rund um Öl- oder Gasfelder, auf denen abgefackelt werde, häuften sich bestimmte Krankheiten, heißt es in einer Studie, die im Journal of Public Economics veröffentlicht wurde. Die Liste der emittierten Stoffe ist lang: gesundheitsschädliche Partikel wie Ruß und Feinstaub, Stickoxide, Schwefeldioxid, Schwefelwasserstoff, Kohlenmonoxid, flüchtige organische Verbindungen, hochgiftige Dioxine und Furane. Dieser Giftcocktail kann Atemwegs- und Hautkrankheiten, Krebs und Frühgeburten verursachen.
Flaring sowie austretendes Methan führt laut einer weiteren Studie derzeit weltweit zu Gesundheitskosten in Höhe von 7,4 Milliarden Dollar, mehr als 700 vorzeitigen Todesfällen und 73.000 Asthmaerkrankungen bei Kindern.
Im April dieses Jahres sorgte der Fall von Ali Julood für Aufmerksamkeit. Der Jugendliche lebte mit seiner Familie in einem Dorf am Nordende des Ölfeldes Rumaila. Er kämpfte seit dem 15. Lebensjahr mit Leukämie. Der britische Sender BBC dokumentierte sein Leiden. Trotz kostspieliger Behandlungen verlor der junge Mann den Kampf gegen den Krebs 2023. Die staatliche Ölgesellschaft bezahlte nur einen kleinen Teil des geforderten Betrags der Entschädigung, kritisiert die Familie. Alis Vater zieht nun gegen BP vor Gericht.
Desinteresse, Korruption, Bürokratie
In einigen Ländern gibt es Regeln, die Flaring verbieten oder einschränken. Im Irak so gut wie gar nicht. Mit mehr als 400 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten in elf Jahren allein aus den untersuchten Anlagen weist das Land die höchsten Emissionsmengen auf. Auf den Plätzen danach folgen die afrikanischen Staaten Algerien, Nigeria, Angola und Ägypten. Politikberater und Erdölexperte Steffen Bukold sieht einen Zusammenhang mit in einem in diesen Ländern weitverbreiteten Desinteresse für Umwelt- und Klimaschutz, außerdem mit politischen Problemen wie Korruption. »Oft fehlen die finanziellen und organisatorischen Mittel, um das Gasgemisch zu reinigen oder abzuleiten«, so Bukold.
Erdölexperte Steffen Bukold
Das Perfide: Für den Klimaschutz ist Flaring schon die sanftere Variante: Gehen die Beigleitgase, hauptsächlich Methan, unverbrannt in den Himmel, seien sie auf einen 20-Jahres-Zeitraum gerechnet mehr als 80-mal klimaschädlicher als CO₂. Eine Verschwendung von Brennstoffen sind aber beide Varianten. »Eigentlich müssten die Betreiber Pipelines an die Bohrstellen legen, das Gas abfangen, in Tanks zwischenlagern oder direkt in die Gasreinigungsanlage schaffen und dort dann ins regionale Gasnetz einspeisen.«
Doch solche Vorhaben scheiterten meist am Willen der Beteiligten und an der lokalen Bürokratie. »Auch die westlichen Konzerne machen in solchen Ländern nur das, was sie wirklich müssen«, so der Ölmarktexperte.
Auch die Weltbank sieht »dringenden Handlungsbedarf«, wie es im jüngsten Flaring-Bericht vom Juni 2024 heißt. »Die Verantwortung liegt bei den Betreibern, dafür zu sorgen, dass Öl und Gas so sauber wie möglich gefördert werden.«
Forscher Lechtenböhmer glaubt nicht, dass sich die Unternehmen von sich aus ändern. Er plädiert deshalb für härtere Strafen. »Entweder man gibt diesen Emissionen einen Preis und handelt bei Vermeidung dann ähnlich wie in der EU mit CO₂-Gutschriften.« Eine zweite Variante wäre, Strafzahlungen zu verhängen. »Nur wenn solche Begleitgase einen höheren Wert bekommen, gibt es auch einen Anreiz, sie zu vermeiden oder zu nutzen.«
Dafür sei es entscheidend, die Flaring-Emissionen jeder einzelnen Anlage systematisch zu erheben, so wie in der Recherche erstmals geschehen. Lechtenböhmer ist deshalb in einem Punkt optimistisch: »Mit der neuesten Satellitentechnik kann Flaring viel einfacher überwacht werden.« Nur damit könnten künftig auch politische Klimaschutzregeln greifen.
Die EU will mit ihrer Methanstrategie gegen solche Emissionen bei Öl- und Gasimporten vorgehen. Derzeit gibt es jedoch noch keine verbindlichen Sanktionen. Dabei wäre es wichtig, dass sich auch jene Länder, die das Öl importieren, für die Emissionen und die Umweltschäden verantwortlich fühlen.
So ist Deutschland unter den zehn größten Erdgasverbrauchern der Welt, beim Erdölverbrauch steht es ebenfalls recht weit vorn auf Platz elf – von immerhin fast 200 Ländern. Während es bei anderen Produkten wie Kleidung oder Holz mittlerweile Standards oder zumindest Ökolabel gibt, interessiert sich bei Erdöl und Erdgas kaum jemand für die schmutzigen Abläufe der Produktion.
Nur die Energiewende und der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen können das Flaring-Problem dauerhaft lösen. Dennoch sollten sich Abnehmer wie die EU bis dahin dafür interessieren, unter welchen Bedingungen die immer noch wichtigsten Importe hergestellt werden, ohne die hierzulande alles stillstehen würde.
Die Recherche wurde vom Forum für investigativen Umweltjournalismus EIF zusammen mit dem SPIEGEL, dem Mediennetzwerk European Investigative Collaborations (EIC), Daraj Media, SourceMaterial und Oxpeckers durchgeführt.
Die Daten der Recherche basieren auf Satelliten- und Geodaten der Earth Observation Group des US-amerikanischen Payne Institute for Public Policy und der Umwelt-NGO SkyTruth sowie Open-Source-Quellen. Die Recherche deckt 650 Öl- und Gasinfrastrukturen in 18 Ländern Afrikas und des Nahen Ostens ab. Dabei ging es ausschließlich um klimaschädliche Emissionen des Abfackelns von überschüssigen Begleitgasen (Flaring) bei der Öl- und Erdgasförderung. In den untersuchten Ländern wurden die Flaring-Emissionen für jedes Ölfeld, LNG-Terminal und jeder Raffinerie zwischen 2012 bis 2022 kalkuliert. Es ist das erste Mal, dass Emissionsdaten einzelnen Betreibern zugeordnet werden.
Komplexe Datenlage und Eigentümerverhältnisse
Die Öl- und Gaskonzerne argumentieren oft, dass sie nur Teile der Anlagen besitzen oder ausschließlich Dienstleister für die lokalen Betreiber sind. Deshalb sind die Zuschreibungen von Emissionen im Detail je nach Land kompliziert. Gleichzeitig ist es aber eine bewährte PR-Taktik von westlichen Konzernen, die Verantwortung für Flaring abzuschieben. Ein Beispiel sind die Anlagen des Ölkonzerns BP im Südirak. Das Unternehmen bestreitet, der Betreiber des Mega-Ölfeldes Rumaila zu sein. Dort besitze man weder »Eigentums- noch Beteiligungsrechte«. Man sei lediglich »Anteilseigner des Hauptauftragnehmers Basra Energy Company Limited (BECL)«. Hingegen nennen die irakischen Behörden BP in einigen Dokumenten explizit als »operator«, also Anlagenbetreiber. Ähnlich hat der italienische Konzern Eni argumentiert: Man sei Auftragnehmer im Rahmen eines technischen Dienstleistungsvertrags und daher weder Eigentümer noch Betreiber des Zubair-Öl- und Gasfeldes bei Basra. Eni rechnet sich trotz der von ihm ausgeführten Förderung dort keine Flaring-Emissionen an.
Deshalb mussten der SPIEGEL und seine Partner sich in der Recherche entscheiden, ob und wie die Emissionen den Betreibern zugeordnet werden – was je nach Fall nicht immer einfach war. Grundsätzlich sind sich die Autorinnen und Autoren der Recherche aber einig, dass westliche Konzerne ähnliche Umweltstandards an ihre Produktion in Entwicklungsländern anlegen sollten wie in Europa.
Ein weiteres Hindernis für die Berechnungen war zudem, wenn mehrere Unternehmen Anteilseigner einer Anlage sind. Deshalb gab es in der Recherche zwei Berechnungen: einmal die volle Anrechnung der Emissionen und eine je nach Anteilsgröße des Konzerns an der jeweiligen Anlage. Der SPIEGEL hat nur die Zahlen verwendet, bei denen anteilig der Besitz des jeweiligen Konzerns an der Anlage berücksichtigt wurde oder wo ein Joint Venture vorlag. Wenn ein Unternehmen nur Shareholder, aber nicht Betreiber ist, wurde es nicht berücksichtigt.
Die Recherche wurde vom JournalismFund Europe unterstützt.