Stammzellenforschung: Rote Blutkörperchen erstmals auf Menschen übertragen - DER SPIEGEL
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Im Labor gezüchtet Rote Blutkörperchen erstmals auf Menschen übertragen

Forschende versuchen schon lange, Blut oder Blutbestandteile herzustellen. Was nun in Großbritannien gelungen ist, könnte in Zukunft vor allem Betroffenen einer bestimmten Erbkrankheit helfen.
Rote Blutkörperchen sind unter anderem für den Sauerstofftransport im Blut verantwortlich (Symbolbild)
Rote Blutkörperchen sind unter anderem für den Sauerstofftransport im Blut verantwortlich (Symbolbild)

Rote Blutkörperchen sind unter anderem für den Sauerstofftransport im Blut verantwortlich (Symbolbild)

Foto: Sebastian Kaulitzki / Science Photo Library / Getty Images

Britische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben im Labor hergestellte rote Blutkörperchen auf einen Menschen übertragen. Laut einer Mitteilung der University of Bristol handelt es sich um den weltweit ersten klinischen Versuch dieser Art. Die roten Blutkörperchen, auch Erythrozyten genannt, wurden demnach aus Stammzellen gezüchtet, die aus Blutspenden gewonnen wurden. Erweisen sich die Blutzellen aus dem Labor als sicher und wirksam, könnten sie in Zukunft die Behandlung von Menschen mit bestimmten Blutkrankheiten wie Sichelzellanämie revolutionieren, heißt es in der Mitteilung .

Bei der Sichelzellanämie verformen sich die roten Blutkörperchen – die Folge sind häufig starke Schmerzen, Durchblutungsstörungen oder Blutarmut (Anämie). Betroffene sind oft auf regelmäßige Bluttransfusionen angewiesen. Doch selbst, wenn genügend passendes Spenderblut vorhanden ist, entwickeln manche von ihnen mit der Zeit Antikörper gegen bestimmte Blutgruppenmerkmale. Ein Problem, das man bei gezüchteten Erythrozyten vermeiden könnte. Aber auch Menschen mit sehr seltenen Blutgruppen  könnten von den roten Blutkörperchen aus dem Labor profitieren, heißt es.

Bisher haben zwei Probanden die im Labor gezüchteten Erythrozyten erhalten. Die beteiligten Wissenschaftlerinnen stellten der Mitteilung zufolge keine Nebenwirkungen fest. Mindestens zehn gesunde Teilnehmer werden nun im Rahmen der Studie , an der mehrere britische Einrichtungen und Universitäten beteiligt sind, zwei Mini-Transfusionen im Abstand von mindestens vier Monaten erhalten – eine mit herkömmlich gespendeten Erythrozyten und eine mit im Labor gezüchteten.

So wollen die Wissenschaftler herausfinden, ob die Labor-Erythrozyten langlebiger sind als die körpereigenen Blutzellen. Davon jedenfalls geht das Studienteam aus, denn die gezüchteten Zellen haben im Vergleich zu einer natürlichen Spende ein einheitliches Alter – sie sind quasi allesamt frisch, während Erythrozyten aus einer regulären Spende unterschiedlich alt sind. So könnten Menschen, die regelmäßig entsprechende Transfusionen benötigen, in Zukunft seltener darauf angewiesen sein.

Bevor das Verfahren tatsächlich regulär angewendet werden kann, sind jedoch noch weitere Untersuchungen erforderlich. In der Mitteilung der University of Bristol wird die Studie als erster Schritt auf dem Weg zum Einsatz von im Labor gezüchteten roten Blutkörperchen bezeichnet. Entsprechend hoffnungsvoll reagierte auch ein Vertreter der britischen Sichelzell-Gesellschaft: »Diese Forschungsarbeit bietet echte Hoffnung für die schwer zu transfundierenden Sichelzellpatienten, die Antikörper gegen die meisten Spenderblutarten entwickelt haben«, sagte John James, Geschäftsführer der Gesellschaft, die sich für die Anliegen von Betroffenen der Erbkrankheit einsetzt.

Noch »viele offene Fragen«

Zu einer etwas verhalteneren Einschätzung kommt Hubert Schrezenmeier, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie. Die Gewinnung von roten Blutkörperchen aus Stammzellen in der Stammzellkultur sei ein wichtiges Forschungsgebiet, sagt Schrezenmeier gegenüber dem SPIEGEL. »Allerdings gibt es auch noch viele offene Fragen, um sicherzustellen, dass diese in-vitro generierten Erythrozyten in Struktur und Funktion mit den Erythrozyten übereinstimmen, welche im Knochenmark produziert werden.« Zudem seien die in der Mitteilung berichteten Transfusionen eben nur Mini-Transfusionen, bei denen eine geringe Zahl von Blutkörperchen übertragen wurde. »Diese entspricht lediglich etwa einem Prozent des Gehalts eines Erythrozytenkonzentrates, welches aus einer Vollblutspende von gesunden, freiwilligen Blutspendern gewonnen wird.«

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Das Projekt habe vielmehr zum Ziel, Erythrozyten für ausgewählte Empfänger herzustellen, welche mit den derzeit verfügbaren Erythrozytenkonzentraten aus Spenderblut nicht ausreichend versorgt werden können. »Somit benötigen wir weiterhin eine große Zahl freiwilliger Blutspenderinnen und Blutspender, um die Versorgung mit Blutprodukten sicherzustellen«, sagt Schrezenmeier.

jae