Wenn Angela Relógio von der Medical School Hamburg in das Innere von Krebszellen schaut, dann will sie vor allem eins wissen – wie ticken sie? Denn tatsächlich haben Krebszellen – wie alle anderen Zellen des Körpers auch – eine innere Uhr. Und dieses Wissen kann enorme Konsequenzen haben.
Angela Relógio, Medical School Hamburg:
»Wir sind gewohnt zu fragen: wie sollen wir eine Krankheit behandeln? Aber nicht: wann sollen wir sie behandeln. Und das ist superwichtig.«
Die Probe stammt von einem Gehirntumor. Die Professorin für Systemmedizin hat die Zellen so präpariert, dass bestimmte Gene aufleuchten, wenn sie aktiv sind. Bei der Messung dieses Lichts ergibt sich eine Kurve.
Angela Relógio, Medical School Hamburg:
»Das ist ein sehr starker Beweis dafür, dass unsere Gene nicht einfach ein oder aus sind, sondern sie oszillieren innerhalb von 24 Stunden. Deswegen haben wir besondere Zeiten, um bestimmte Sachen zu machen. Das ist der Takt unserer inneren Uhr«.
Eine Erkenntnis, die nicht nur die Krebstherapie verändern könnte. Mit ihrem Start-up »TimeTeller« hat Relógio einen Test entwickelt, mit dem es möglich sein soll, die innere Uhr jedes Menschen ablesen zu können. Man muss dafür nur vier Speichelproben ins Labor schicken. Ein Angebot, so meint die Gründerin, das helfen kann, sein Leben gesünder und produktiver zu gestalten.
Angela Relógio, Medical School Hamburg:
»Wann ist die beste Zeit Sport zu machen, zu essen oder sogar zu schlafen. Das könnte man basierend auf dieser Kurve dann machen.«
Dahinter steckt die Erkenntnis, dass die innere Uhr, also das Oszillieren unserer Gen-Aktivität, beinahe alle wichtigen Lebensprozesse beeinflusst. Im Laufe der Evolution hat sie sich ziemlich genau auf den 24-Stunden-Tag- und Nachtrhythmus der Erdumdrehung eingependelt. Wichtigster Zeitgeber ist das Licht der Sonne.
Über die Augen erreicht ihr Licht ein Areal des Gehirns, in dem die Schaltzentrale der inneren Uhr liegt. Es wird als »Master Clock« bezeichnet. Von hier aus werden die inneren Uhren in sämtlichen Zellen synchronisiert – und zwar sowohl untereinander als auch mit dem Tageslauf. Die Länge eines Tages der inneren Uhr entspricht meist nicht genau den 24 Stunden der sozialen Uhr – ein Grund dafür, warum verschiedene Chronotypen entstehen, bekannt sind zum Beispiel die »Lerchen« und »Eulen«.
Die innere Uhr, auch circadianer Rhythmus genannt, beeinflusst aber nicht nur die Schlaf-Wach-Zeiten, sondern auch zum Beispiel Herzfrequenz und Blutdruck, eine Reihe von Stoffwechselfunktionen und die kognitive Leistungsfähigkeit.
Manchmal gerät die innere Uhr durcheinander, der Jetlag ist ein Beispiel dafür - wir fühlen uns müde und nicht leistungsfähig. Meist dauert es allerdings nur ein paar Tage, bis die innere Uhr sich neu eingestellt hat. Wird sie dauerhaft gestört, kann das aber sogar krank machen.
Die Zellen der Tumore, die Relógio und ihr Team untersuchen, haben im Vergleich zu gesunden Zellen meist eine andere, von der Master Clock abgekoppelte, innere Uhr. Darin sehen sie eine Chance: Im Idealfall kann ein Medikament genau dann genommen werden, wenn die Krebszellen am verwundbarsten und die gesunden Zellen am besten geschützt sind. So ließen sich die oft krassen Nebenwirkungen beispielsweise einer Chemotherapie abmildern.
Angela Relógio, Medical School Hamburg:
»Wir sind davon überzeugt, dass wir dagegen etwas machen können, indem wir dem Patienten sagen, wann er es nehmen soll. Und dann kann er es besser vertragen und dann kann er behandelt werden.«
Eine Chemotherapie wirkt besser, wenn sie möglichst viele Krebszellen in einer Teilungsphase erwischt. Für jeden Patienten und für jedes Medikament müsste allerdings dieser ideale Zeitpunkt individuell bestimmt werden – das Problem: Bei einem Medikamentencocktail hat möglicherweise jedes Mittel einen anderen solchen Zeitpunkt.
Berlin, der Virchow-Campus der Charité. Hier untersucht Angelika Eggert in enger Zusammenarbeit mit Angela Relógio, ob und wie die Erkenntnisse zur inneren Uhr die Krebstherapie voranbringen könnten. Die Onkologin forscht zum Neuroblastom, einer Krebsart, die meist kleine Kinder betrifft und sehr aggressiv sein kann.
Angelika Eggert, Charité:
»Insbesondere das Neuroblastom hat hohen Bedarf, die Therapie zu verbessern, weil im Moment noch 50 Prozent der Patienten an ihrer Erkrankung versterben. Das ist für Kinderonkologie eine schlechte Zahl, weil wir insgesamt eine Heilungsaussicht von 82 Prozent haben.«
Im »TimeTeller«-Speicheltest sieht Eggert den Vorteil, dass er auch bei ihren sehr jungen Patienten schmerzlos zum Einsatz kommen könnte. Das könnte die Behandlung nach der inneren Uhr erleichtern. Mehrere Studien deuten auf eine bessere Verträglichkeit der personalisierten Chrono-Therapie bei verschiedenen Krebsarten hin, doch noch sind nicht alle Zusammenhänge geklärt. Weniger Nebenwirkungen - das hieße langfristig auch geringere Behandlungskosten; der Krankenhaus-Alltag müsste sich allerdings ziemlich verändern, wenn die innere Uhr beachtet wird.
Angelika Eggert, Charité:
»Das stellt natürlich an den klinischen Ablauf hohe Anforderungen, wenn man nicht alle Patienten in die gleiche Taktung bringen kann, sondern das individuell machen muss, aber wenn es dem Patienten hilft, ist es natürlich etwas, was wir im klinischen Alltag auch bewältigen müssen.«
Zurück in Hamburg. TimeTeller ist Teil mehrerer klinischer Studien zu Parkinson und Krebs, doch diese werden noch einige Jahre in Anspruch nehmen. Frühestens dann könnte der Speicheltest standardmäßig in Kliniken eingesetzt werden. Deswegen strebt das Startup wohl zuerst auf den Markt der Lifestyle-Gesundheitsprodukte. Rund 200 bis 250 Euro soll der Speicheltest dann kosten. Einen Markt sieht Relógio zum Beispiel bei Sportlern, die effektiver trainieren wollen.
Angela Relógio, Gründerin »TimeTeller«:
»Ich persönlich habe ein viel besseres Tempo, wenn ich spät am Tag jogge und nicht früh. Und das lässt sich sehr gut korrelieren mit dem maximalen Wert eines gewissen Gens.”
Sportler erreichen ihre Bestleistungen tatsächlich meist eher am Nachmittag und Abend. Ob ein Test der eigenen innere Uhr aber auch geeignet ist, bei gesunden Menschen Krankheiten vorzubeugen, das soll eine derzeit laufende klinische Studie klären.