Wegovy: Wirkstoff Semaglutid aus Abnehmspritze könnte mit schwerer Augenkrankheit nAION zusammenhängen - DER SPIEGEL
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Semaglutid Wirkstoff aus Abnehmspritze könnte mit schwerer Augenkrankheit zusammenhängen

Eine neue Studie wirft Fragen zu sogenannten Abnehmspritzen mit dem Wirkstoff Semaglutid auf. Damit behandelte Diabetespatienten leiden häufiger an einer Erkrankung des Sehnervs.
Abnehmspritze Wegovy
Abnehmspritze Wegovy

Abnehmspritze Wegovy

Foto: Lise Ã…serud / NTB / IMAGO

Der Wirkstoff Semaglutid der begehrten Abnehmspritze Wegovy und des Diabetesmittels Ozempic von Novo Nordisk könnte einer neuen Studie zufolge womöglich in Zusammenhang mit einer gefährlichen Augenerkrankung stehen. Ein internationales Forscherteam kam nach der Auswertung von Daten von gut 16.800 Patientinnen und Patienten einer großen Augenklinik in Boston zu dem Schluss, dass Menschen, die Semaglutid einnahmen, ein vierfach erhöhtes Risiko für die nicht arteriitische anteriore ischämische Optikusneuropathie (nAION) haben. Bei dieser Augenerkrankung kommt es zu einem plötzlichen einseitigen Verlust der Sehkraft infolge einer Durchblutungsstörung des Sehnervs.

Diabetiker haben ein erhöhtes Risiko für diese Erkrankung. Laut der in der Fachzeitschrift »Jama Ophthalmology«  veröffentlichten Studie gab es unter den Patienten 710 Personen mit Typ-2-Diabetes und 979 Personen mit Übergewicht oder Adipositas, die entweder mit Semaglutid oder einem anderen Medikament behandelt wurden. Während des dreijährigen Beobachtungszeitraums habe das Risiko für eine nAION-Diagnose bei Diabetikern unter der Einnahme von Semaglutid bei 8,9 Prozent gelegen, verglichen mit einem Risiko von 1,8 Prozent bei der Verwendung anderer Antidiabetika. Bei den Übergewichtigen und Fettleibigen in der Semaglutid-Gruppe habe das Risiko bei 6,7 Prozent gelegen und bei 0,8 Prozent in der Gruppe, die andere Arzneien zur Gewichtsreduktion einnahm.

Die Wissenschaftler betonten, dies beweise nicht, dass Semaglutid der Grund für diese Risikoerhöhung ist. Eine weitere Untersuchung des Zusammenhangs sei aber nötig. Der Medizinprofessor Graham McGeown von der Queen's Universität in Belfast erklärte, die Studie habe zwar ein hohes Qualitätsniveau, die Studienautoren hätten aber selbst auf wichtige Schwachpunkte hingewiesen.

Ursache und Wirkung ungeklärt

So geht aus den Daten nicht hervor, aus welchen Gründen die Medikamente gegeben wurden. Eine Rolle könnte etwa spielen, dass die mit Semaglutid Behandelten zuvor schwerer an Diabetes erkrankt waren als die anderen Untersuchten. Außerdem gebe es Zweifel daran, wie repräsentativ die Gruppe der Patienten für die US-Bevölkerung sei. Die Semaglutid-Gruppe sei im Durchschnitt älter als die andere. Das könnte das nAION-Risiko mit erklären, auch gelten Menschen afroamerikanischer Herkunft als überproportional gefährdet.

Der Zusammenhang müsste in größeren Studien überprüft werden. »Angesichts des raschen Anstiegs der Verwendung von Semaglutid und seiner möglichen Zulassung für eine Reihe anderer Probleme als Fettleibigkeit und Typ-2-Diabetes verdient diese Frage weitere Untersuchungen«, erklärte McGeown.

Semaglutid gehört zur Klasse der sogenannten GLP-1-Agonisten, die den Blutzuckerspiegel senken und den Appetit reduzieren. Ozempic und Wegovy verhalfen dem dänischen Arzneimittelhersteller Novo Nordisk zu Rekordumsätzen und machten ihn zum wertvollsten börsennotierten Unternehmen Europas. Novo erklärte, die Sicherheit der Patienten habe für den Konzern höchste Priorität. »Wir nehmen alle Berichte über unerwünschte Ereignisse bei der Anwendung unserer Arzneimittel sehr ernst.« Insgesamt reichten die veröffentlichten Daten aber nicht aus, um einen kausalen Zusammenhang zwischen der Anwendung von GLP-Agonisten und nAION herzustellen. Es gebe zudem wichtige methodische Einschränkungen der Studie, die bei der Interpretation der Ergebnisse berücksichtigt werden müssten.

nAION kommt in etwa zwei bis zehn Fällen pro 100.000 Personen vor, es ist damit die zweithäufigste Ursache für Erblindung aufgrund einer Schädigung des Sehnervs. Eine frühere Studie hatte bereits gezeigt, dass Semaglutid eine diabetische Retinopathie, eine Erkrankung der Netzhaut, verschlechtern kann. Fachärzte empfehlen deshalb eine Untersuchung der Augen vor und während der Semaglutid-Einnahme.

ahh/Reuters