meinung •Energiewende in Deutschland Dampf ist out, Elektronen sind in
Umspannwerk: Elektrifizierung macht alles besser
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Wenn man mal einen Schritt zurücktritt oder sich einfach im Alltag mit wachem Blick umsieht, ist die Sache längst klar. Ob Donald Trump und sein aus der Fracking-Branche stammender Energieminister Chris Wright es wollen oder nicht: Hochtechnologie braucht nur Strom.
Es ist deshalb geradezu verblüffend, dass für die Weltklimakonferenz in Antalya, die COP31, ein explizites Bekenntnis zur Elektrifizierung ausgerufen wurde: 35 Staaten fordern , bis 2035 35 Prozent und bis 2050 50 Prozent des weltweiten Endenergieverbrauchs elektrisch zu bestreiten. Dieses Ziel erscheint wenig ambitioniert, und es ist nicht bindend. Dabei ist längst klar: Elektrifizierung macht vieles signifikant besser: effizienter, leiser, sauberer und billiger. Die moderne Welt kann ohne Strom nicht funktionieren, aber zunehmend problemlos ohne Verbrennungsprozesse.
Die Vorstellung, dass man, um all den benötigten Strom zu erzeugen, fossile Energieträger verbrennen, dabei Wasser erhitzen und mit dem Dampf Turbinen drehen muss, stammt aus dem 19. Jahrhundert. Für beliebige Arten von thermischen Kraftwerken gilt das Gleiche wie für Dampfmaschinen: Es handelt sich im Kern um Retrotechnik. Sogar Fusionskraftwerke wären, sollte es eines Tages tatsächlich welche geben, »Tauchsieder«, so hat es der Physiker Harald Lesch diese Woche bei der KlimaManagementTagung in Hamburg gesagt.
Das 21. Jahrhundert ist das Jahrhundert des Elektrons, das steht längst fest. Heute aber benötigt man für fließende Elektronen keinen Wasserdampf mehr. Die Menschheit wird sich von der umständlichen, verschwenderischen, lauten, toxischen, gefährlichen und den Planeten aufheizenden Marotte verabschieden, uralten Kohlenstoff auszugraben und zu verbrennen. Das steht bereits fest.
Wir haben nämlich etwas Besseres als Tauchsieder: Kupferspulen kann auch der Wind drehen, und man kann Sonnenlicht dank des fotoelektrischen Effekts, den Albert Einstein schon 1905 (!) erklärte, in Strom umwandeln, ohne dafür Wasser zu kochen. Mittlerweile lässt sich Elektrizität auch hervorragend speichern. Der britische Thinktank Ember hat gerade vorgerechnet, dass 75 Prozent der Weltbevölkerung mit Solarenergie, Batterien und Diesel- oder Gas-Back-up für unter 100 Dollar pro Megawattstunde dauerhaft mit Strom versorgt werden könnten.
Schutzgarantien für unterlegene Retrotechnik
75 Prozent der Weltbevölkerung leben in Ländern, die Nettoimporteure fossiler Brennstoffe sind. Die Petrostaaten kämpfen ihr letztes Gefecht, aber mit Drohungen, wie Trump und sein Kabinett das gerade versuchen, bringt man niemanden dazu, auf Dauer die teurere, schlechtere Ware der billigeren, besseren vorzuziehen. Der Markt hat längst entschieden.
Dass es denen, die mit fossilen Brennstoffen und den Werkzeugen zu deren Verbrennung Geld verdienen, so lange gelungen ist, diese schlichten Wahrheiten effektiv und erfolgreich zu verschleiern, ist bemerkenswert. Am Endpunkt dieser Entwicklung stehen groteske Worthülsen wie der »hocheffiziente Verbrenner« und das zum Kampfbegriff verkommene Wort »Technologieoffenheit«, das heute schlicht Schutzgarantien für unterlegene Retrotechnik bezeichnet.
Auch Autos mit Verbrennungsmotoren sind natürlich längst rollende Computer mit zahllosen Chips, Sensoren und Servomotoren. Aber der Antrieb soll unbedingt so lang wie möglich weiterhin auf einer 150 Jahre alten Technologie basieren – so alt wird der Ottomotor im Jahr 2026. Dabei ist ein Elektromotor einem Verbrenner in jeder Hinsicht überlegen: Er beschleunigt besser, schneller und völlig nahtlos und braucht keine Gangschaltung. Er ist wartungsarm, einfach herzustellen, besteht aus wesentlich weniger Einzelteilen, wesentlich weniger Rohstoffen und verbraucht weniger Platz.
Der Abstand ist so gewaltig, dass es nüchtern betrachtet wirklich schwerfällt, die hierzulande weiterhin so verbreitete Begeisterung für den Verbrenner zu verstehen. Sie hat sehr oft viel mehr mit Gefühlen zu tun als mit Fakten – daran haben auch die Öl- und Autobranche 150 Jahre lang tatkräftig mitgearbeitet.
Groteske Umdeutungen
Symptomatisch für den Erfolg dieser Strategie sind die grotesken Umdeutungen, die Verbrennungsprozesse und ihre höchst negativen Auswirkungen über die Jahre erfahren haben: qualmende, toxischen Rauch ausstoßende Schlote als Fortschrittssymbole, gesundheitsschädlich laut heulende oder blubbernde Verbrennungsmotoren als Qualitätsmerkmal.
Das rächt sich jetzt, auch ökonomisch. Europa und auch die USA haben die Herstellung der strombetriebenen und stromerzeugenden Hightech der Gegenwart und Zukunft ohne Not Ostasien überlassen.
Ember hat die Zahlen zusammengetragen: 81 Prozent der Herstellungskapazitäten für Elektronik befinden sich in Ostasien, vor allem natürlich in China. Das Gleiche gilt für 76 Prozent der Herstellungskapazitäten für das, was Ember »Electrotech« nennt: Solarmodule und Batterien, Windkraftwerke und Wechselrichter, LED-Leuchten und Wärmepumpen. Der Westen hat weite Teile der Industrien, die zwangsläufig und zweifelsfrei das 21. Jahrhundert dominieren werden, abgegeben. China verdient bereits mehr mit dem Export von Electrotech als der größte Fossilexporteur der Welt, die USA, mit Öl und Gas.
Deutschland sollte keine COP-Aufrufe brauchen, um zu erkennen: Wenn wir eine Industrienation bleiben wollen, geht das nur mit moderner Technik. Dem Elektron gehört die Zukunft.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung dieser Kolumne hieß es, Elektrifizierung mache alles besser. Weniger pauschal ist die jetzige Formulierung, dass Elektrifizierung vieles signifikant besser macht. Korrigiert haben wir einen Absatz, in dem es hieß, 75 Prozent der Landoberfläche des Planeten könnten laut dem Thinktank Ember mit Sonne, Wind, Batterien und Back-up für unter 100 Dollar pro Megawattstunde dauerhaft mit Strom versorgt werden. Richtig ist, dass Ember von 75 Prozent der Weltbevölkerung schreibt und Windkraft in diesem Zusammenhang nicht erwähnt. Wir haben zudem klargestellt, dass die Back-ups in diesem Szenario mit fossilen Brennstoffen betrieben würden.