Klimakrise: El Niño treibt Weltmeere auf Rekordhitze – Folgen werden tödlich - DER SPIEGEL
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Christian Stöcker

meinung •Heiße Weltmeere Die rote Kurve steigt einfach immer weiter

Christian Stöcker
Eine Kolumne von Christian Stöcker
Von der hiesigen Öffentlichkeit weitgehend ignoriert, bahnt sich eine akute globale Katastrophe an. El Niño bricht, von der Klimakrise verstärkt, lange vor seinem Höhepunkt Rekorde. Das wird teuer – und tödlich.
Temperaturkurve im Pazifik, Schäden nach Überschwemmungen in Guatemala
Temperaturkurve im Pazifik, Schäden nach Überschwemmungen in Guatemala

Temperaturkurve im Pazifik, Schäden nach Überschwemmungen in Guatemala

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[M] DER SPIEGEL; Foto: Luis Vargas  / Anadolu  / Getty Images

Die rote Kurve  hat eine bislang nicht da gewesene Form: Sie hört einfach nicht auf, immer weiter anzusteigen. Mitten im Pazifik, auf Höhe des Äquators, wird das Wasser immer heißer. Diese Woche überschritt die Oberflächentemperatur des Ozeans in dieser Region erstmals die Rekordmarke von 30 Grad Celsius. Mitten im Pazifik, wo es weit und breit nur sehr tiefes Wasser gibt. Fachleute sind längst alarmiert, aber mit »Alarmismus« hat das nichts zu tun.

Der Datensatz der US-amerikanischen Ozean- und Atmosphärenbehörde NOAA, den das Fachportal »Climate Reanalyzer« für diesen Streifen Pazifik vorhält, reicht zurück bis 1981. Die aktuelle Oberflächentemperatur der Meeresoberfläche an dieser Stelle liegt weit mehr als 3 Grad über dem langjährigen Mittelwert, mancherorts sogar 4 Grad . Es gab in der Zeit seit Beginn dieser Messreihe vier »sehr starke« El-Niño-Ereignisse. So wird das Phänomen genannt, mit dem wir es hier zu tun haben. Als »sehr stark« gilt es ab einer Abweichung von 2 Grad oder mehr.

Überall Rekordwerte

Die vier El Niños seit 1981 sind alle in dem Kurvenbündel enthalten, und keine der Kurven reicht auch nur annähernd an die rote heran, die den Temperaturverlauf des Jahres 2026 abbildet. Die Hitze ist nicht nur an der Oberfläche messbar: In größeren Tiefen finden sich Temperaturabweichungen teils »jenseits von plus 10 Grad Celsius«, berichtet die NOAA .

Nicht nur die Oberfläche des Pazifiks ist zu heiß: Auch die Kurve für die globale Durchschnittstemperatur der Meeresoberfläche  bewegt sich seit Monaten in Rekordbereichen.

Normalerweise erreicht eine El-Niño-Temperaturkurve erst später im Jahr ihren Höhepunkt – der bisherige in dem Datensatz enthaltene einsame Rekord stammt von Mitte November 2015 und liegt bei etwa 29,8 Grad Celsius, also unter der aktuellen Temperatur. So heiß war das Wasser damals auch nur wenige Tage lang.

Weniger Hurrikane dank El Niño?

Jetzt ist das Wasser noch deutlich heißer als 2015 – mehr als einen Monat früher. Die Weltwetterorganisation (WMO) prognostizierte diese Woche , dass die Hitze bis Dezember weiter steigen wird. El Niño steht für »das Christkind«, weil die Höchsttemperatur meist um die Weihnachtszeit herum erreicht wird.

Der Klimaanalyst Zeke Hausfather, der hauptberuflich die Klimaforschung bei einem großen Finanztechnologieunternehmen leitet, warnte im September in einem Kommentar für die renommierte Fachzeitschrift »Nature« : »Die Vorhersagen deuten auf eine mehr als 90-prozentige Chance hin, dass das Ereignis dieses Jahres jeden El Niño seit dem Beginn der Beobachtungen in den 1870er-Jahren übertreffen wird.«

Dem Phänomen ist es vermutlich auch zu verdanken, dass trotz des ebenfalls viel zu warmen Nordatlantiks  erst am Samstag der erste Hurrikan dieser Saison auf die Ostküste der USA  getroffen ist – viel später als sonst. Das Großereignis El Niño verändert Winde und Niederschläge  überall auf dem Planeten.

Mit »Alarmismus« hat all das nichts zu tun

Was genau El Niño wo für Folgen haben wird, ist nicht leicht vorherzusagen. Dass sie oft katastrophal sein werden, kann aber als nahezu sicher gelten. Klimaanalyst Hausfather sagt: »Das Phänomen kann in manchen Regionen Dürren und Ernteausfälle bringen und anderswo Fluten; es kann Waldbrände in ausgetrockneten Wäldern oder Moorlandschaften anfachen und in überhitzten Ozeanen die Korallenbleiche vorantreiben.«

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Im südöstlichen Afrika und Madagaskar beispielsweise ist mit starker Dürre zu rechnen, am Horn von Afrika dagegen mit Starkregen und Fluten. In weiten Teilen Indonesiens herrscht schon jetzt eine dramatische Dürre, vielerorts hat es monatelang nicht geregnet. In der tropischen Region Bantul hatte es Ende September 141 Tage lang keinen nennenswerten Niederschlag gegeben . Anderswo in Indonesien gibt es riesige Waldbrände .

Fluten in Chile, Notstand in Kalifornien

Auf der anderen Seite des Pazifiks, in Chile, haben sich bereits jetzt so extreme Regenfälle ereignet, dass Anwohner mit Hubschraubern aus ihren überfluteten Häusern befreit werden mussten .

Doch die Welt steht immer noch erst am Anfang dieses El Niño. Die NOAA erklärte diese Woche, die Wahrscheinlichkeit eines »historischen Ereignisses«  bleibe hoch. In Kalifornien hat Gouverneur Gavin Newsom schon Ende September den Notstand für seinen Staat ausgerufen , weil man dort mit historischen Stürmen, Starkregenereignissen und Überflutungen rechnet.

Was El Niño in Europa bewirken wird, lässt sich besonders schwer vorhersagen, so Klimaanalyst Hausfather in einer langen Analyse für den Klimawandel-Fachblog »SkepticalScience« : »Für weite Teile Europas wissen wir einfach nicht, was El Niño diesen Winter anrichten wird.« Gut möglich, dass es in Großbritannien und Nordeuropa in den kommenden Monaten viel regnet. Sicher ist das aber nicht.

Warmes Wasser schluckt weniger CO₂

Das zyklisch auftretende Phänomen El Niño ist viel älter als die menschengemachte Klimakrise. Dass wir den Planeten immer weiter aufheizen, verschiebt seine Heftigkeit aber in neue Dimensionen. El Niño bringt keine zusätzliche Hitze ins Erdsystem – der Ozean gibt nur Hitze ab, die er zuvor gespeichert hat. Das aber wird immer mehr, denn wir haben die Energiebalance der Erdatmosphäre  längst in dramatischer Weise verschoben.

Eine zusätzliche Sorge ergibt sich aus der Tatsache, dass wärmeres Wasser weniger CO₂ speichert , weil der Transport des Kohlenstoffs in tiefere Schichten sich verlangsamt. Bislang sind die Weltmeere ein wichtiger Puffer, der die schlimmsten Auswirkungen unserer Sucht nach fossilen Brennstoffen dämpft. Aber wie lange noch?

Eine im August in »Science« veröffentlichte Studie  ergab, dass die El-Niño-Ereignisse heftiger und unberechenbarer werden, seit der Mensch die Erde aufzuheizen begonnen hat, »mit beunruhigenden Implikationen für Klimaextreme«, so die Autoren.

Das wird teuer. Billionen Dollar teuer.

Wie hoch die finanziellen Schäden sind, die ein starker El Niño anrichtet, ist unter Fachleuten umstritten . Die Antwort auf diese Frage hängt unter anderem davon ab, ob man längerfristige Auswirkungen einberechnet. Die Weltbank ging vor 26 Jahren  noch von Kosten von etwa 45 Milliarden Dollar aus, eine 2023 in »Science« erschienene Studie  kommt, auch auf Basis ausbleibenden Wirtschaftswachstums, auf globale Kosten von bis zu 5,7 Billionen US-Dollar , also mehr als hundertmal so viel. »Unsere Volkswirtschaften sind auf die Klimavariabilität, die wir jetzt haben, nicht eingestellt und schlecht daran angepasst«, sagte damals  einer der Autoren, Justin Mankin vom Dartmouth College im US-Bundesstaat New Hampshire.

Der aktuelle El Niño könnte einer im Juli erschienenen Analyse zufolge Schäden zwischen einer und sieben Billionen Dollar  nach sich ziehen – und bis zu 28 Billionen Dollar Schäden, wenn man die Spätfolgen bis 2032 in Betracht zieht. »Diese Billionen umfassen nicht nur eine Aufstellung abgebrannter Häuser und überschwemmter Autobahnen, obwohl es beides geben wird«, schrieb Mankin diesen Sommer in einem Kommentar für »Science« . »Sie umfassen auch verlorenes Wachstum, die Kluft zwischen dem, was die Welt produziert und dem, was sie produziert hätte, wenn der Pazifik kühler geblieben wäre.«

Die Gegenüberstellung von Wirtschaft einerseits und Klimaschutz andererseits ist längst völlig widersinnig. Die Klimakrise ist unfassbar teuer – und schadet der Weltwirtschaft.

Wir haben aber keine Zeit

Auch wenn die Auswirkungen nicht exakt vorherzusagen sind: Es wird in den kommenden etwa zwölf Monaten rund um den Globus wohl neue Extremwetterereignisse von historischem Ausmaß geben. Der Sommer 2027 wird vermutlich auch bei uns noch heißer als der in diesem Jahr. Zur Erinnerung: In Deutschland kosteten die Hitzewellen dieses Sommers vermutlich etwa 16.000 Menschen das Leben . Die Bundesregierung versuchte, diese gigantische Katastrophe einfach totzuschweigen, und ließ kaum Bereitschaft erkennen,  sich dem Thema Hitzeschutz in verstärkter Form zu widmen.

»Wissenschaftler warnen seit Monaten vor der Wahrscheinlichkeit eines außerordentlich heftigen Ereignisses, und teuer bezahlte Lehren verweisen auf die Notwendigkeit, schnell zu handeln, bevor offiziell Katastrophen ausgerufen werden«, schreibt Klimaanalyst Hausfather in seinem »Nature«-Kommentar . »Aber das Fenster für relevante Maßnahmen schließt sich sehr schnell.«

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Artikels stand, Justin Mankin arbeite an der University of Dartmouth, tatsächlich arbeitet er am Dartmouth College. Wir haben den Fehler korrigiert.