Landwirtschaft in der Klimakrise Raus aus den Kartoffeln!
Kartoffelernte in Nordrhein-Westfalen
Foto: Jochen Tack / IMAGO
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Vor sechs Jahren habe ich für den SPIEGEL Martin Schädler in Bad Lauchstädt bei Halle besucht. Auf einer Freifläche am Rande der Kleinstadt bin ich damals mit dem Biologen durch die Klimazukunft spaziert: Dutzende Parzellen mit Getreide, Gräsern und Gemüse reihen sich dort aneinander, eingerahmt von hohen Stahlgerüsten.
Wenn Regen aufzieht, schieben sich die Dächer über manche Parzellen, andere sind Freiflächen. Das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) simuliert mit dem Projekt seit 2014 eine um zwei Grad erhitzte Welt und bewirtschaftet zum Vergleich auch Parzellen unter aktuellen Wetterbedingungen. In beiden Szenarien gibt es Felder, die konventionell und ökologisch bestellt werden, bei manchen Flächen werden Wiesen gemäht, andere beweidet. Jede Fläche verrät etwas darüber, was Hitze, Trockenheit und Regen mit unterschiedlich bewirtschafteten Böden machen – und was das für die Ernte bedeutet. Ein beeindruckendes Langzeitprojekt, das Bauern bei der Klimaanpassung helfen soll.
Versuchsgelände des UFZ bei Halle: Klimazukunft simulieren
Foto: Andre Kuenzelmann / UFZBei meinem Besuch im Sommer 2020 kämpften die Bauern mit dem dritten Trockenjahr in Folge, die Versuchsflächen waren teils welk und braun. Martin Schädler erklärte mir damals erste Ergebnisse seiner Tests. Böden, die mit mehreren Sorten bepflanzt wurden, schnitten bei Trockenheit besser ab: »Je mehr Vielfalt, desto gesünder der Boden und resistenter die Pflanzen«, sagte er. Entscheidend für eine Anpassung an ein trockeneres Klima sind laut ihm gesunde Böden, in denen viele Organismen wie Milben, Springschwänze und Regenwürmer leben. »Das Getier wandelt organisches Material wie Pflanzenreste in Nährstoffe um. Es ist ein über die Jahrtausende etablierter Kreislauf, der die dünne Schicht der Schwarzerde und darin enthaltenden Humus erhält und immer wieder neues Leben spendet. Nehmen die Organismen ab, gibt es weniger Nährstoffe in der Schwarzerde«. Das Problem, das Schädler schon damals sah: Bei durchschnittlich zwei Grad Temperaturerhöhung gibt es deutlich weniger Gewürm im Erdreich. Es wachsen auch weniger Pflanzen und damit weniger organisches Material, das umgewandelt werden kann. »Der Kreislauf des Lebens wird zum Teufelskreis.«
Schädlers Forschung ist gut gealtert, sie ist so aktuell und wegweisend wie nie zuvor.
Heute gibt es erneut Rekordtemperaturen, Trockenheit, Wassermangel. Meine Kollegin Alina Schadwinkel hat den Biologen deshalb zu den aktuellen Ernteausfällen interviewt und ihn gefragt, ob wir uns an diese extremen Klimaumstände gewöhnen sollen. Seine Antwort: »Was wir heute noch als extrem empfinden, wird irgendwann der Normalfall sein.« Weiterhin hält er die »Bodengesundheit« für ausschlaggebend: »Es ist nicht nur entscheidend, wie häufig und wie lang es trocken ist, sondern auch, ob der Boden bedeckt und durchwurzelt ist und wie er bewirtschaftet wird.« Sich an die neue Sommerdürre anzupassen heiße, Böden anders zu bewirtschaften: Mehr Zwischenfrüchte wie Lupine oder Winterraps, mehr wechselnde Pflanzensorten und weniger Monokulturen würden helfen, den Untergrund widerstandsfähiger zu machen. Das zeigten die Tests seiner Versuchsfelder in Halle recht eindeutig.
Auch über neue Sorten müsse man nachdenken, sagt Schädler: »Irgendwann lohnt es in einigen Regionen nicht mehr, auf Kartoffeln zu setzen.« Ersetzen könnten sie Sorghumhirse, Kichererbsen oder Linsen. (Mehr dazu lesen Sie hier im aktuellen Interview. )
Wie sehr Trockenheit etwa Kartoffeln zu schaffen macht, zeigt ein aktuelles Beispiel aus Belgien: Dort ernten Landwirte bei Lüttich derzeit nur Minikartoffeln, aus denen sich keine Pommes mehr schneiden lassen, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet. Zunächst hatte es Ende des Frühjahrs stark geregnet. Danach wurde es, wie vielerorts in Europa, sehr heiß und trocken. Die Erde bildete dadurch kompakte Klumpen, in denen die Kartoffeln »schlechter atmen« und es nicht schaffen konnten, auf ihre gewöhnliche Größe anzuwachsen. Die Großlieferanten sind beunruhigt: »Abgesehen von einer Krankheit in der Königsfamilie ist für die Belgier die zweitschlimmste mögliche Nachricht, dass der Pommestütenpreis steigt«, klagt Bernard Lefèvre, der 4500 Pommesbuden in ganz Belgien vertritt.
Weizenpreise und Wassermangel
Probleme mit der Kartoffelgröße gibt es in diesem Jahr auch in Deutschland, wie die Branche schon vor Wochen berichtete. Die Preise dürften aber in ganz Europa klettern. Auch beim Gemüse hinterlässt die diesjährige Trockenheit ihre Spuren: »Das Freiland leidet extrem, Salate und Möhren sind jetzt schon im Preis gestiegen«, berichtet etwa Claudio Gläßer, Marktanalyst bei der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft, dem SPIEGEL. Auch in den Gewächshäusern führten die hohen Temperaturen zu Stress für die Pflanzen, der Ertrag bei Gurken oder Paprika falle deshalb geringer aus. Bei diesen Kulturen dürfte der Verbraucher die Folgen der Trockenheit also ebenfalls im Portemonnaie spüren.
Ähnliches ist für Getreide zu befürchten. Vor wenigen Tagen warnte der Bauernverband vor teils massiven Ernteausfällen, bei Getreide seien es sieben Prozent weniger als im Vorjahr. Die Hitzewelle in der zweiten Junihälfte habe den Körnern geschadet, die genau in dieser Phase üblicherweise an Größe und Gewicht gewinnen.
Zwar könne das durch Importe wieder ausgeglichen werden, schreibt mein Kollege Alexander Preker aus dem Wirtschaftsressort. Trotzdem ist das teurer, der Preis für Brot und Nudeln dürfte auch steigen. Hinzu komme eine Knappheit durch den Ukrainekrieg, weil weniger Getreide aus der Region auf den Markt kommt.
Wie stark der Weizenpreis und Wasserknappheit zusammenhängen, zeigt auch eine neue Studie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Tschechischen Akademie der Wissenschaften. Ein eigens entwickelter Indikator, der Dürren in den vier Monaten vor der Ernte erfasst, konnte 74 Prozent der jährlichen Preisschwankungen zwischen 2000 und 2021 erklären. Die Forschenden kombinierten ihre Auswertung mit Klimamodellen: Bei einer globalen Erwärmung um drei Grad könnte der durchschnittliche Weizenpreis demnach etwa dreimal so hoch liegen wie 2010.
Das heißt zwar nicht, dass Wasserknappheit und ein heißeres Klima allein die Preise bestimmen. Doch die Probleme addieren sich: Energie- und Düngemittelkosten, Handelspolitik und geopolitische Konflikte wirken auf den Markt ein, so die Forschenden. Eine gefährliche Mischung also, da sich die geopolitische Lage, der Kampf um Ressourcen und die Klimakrise in den kommenden Jahren weiter verschärfen dürften.
Auch Bienenvölker sind in Gefahr
Steigende Preise dürfte es selbst beim Honig geben. Heiße und trockene Sommer setzen Bienenvölkern zu, weil sie ihre Stöcke stärker kühlen müssen. Es bleibt ihnen dann weniger Zeit, Nektar zu sammeln. Bei geschwächten Völkern seien auch Hitzeschäden an Honigwaben beobachtet worden – diese schmelzen, so berichtet der Landesverband Badischer Imker der Nachrichtenagentur dpa. Und weiter: »Sehr vereinzelt wurde auch von verendeten Völkern, in der Regel kleinere Ableger, berichtet, die direkt in der Sonne standen.«
Imker in einem Rapsfeld bei Magdeburg: Schmelzende Waben und Bienenfütterung mit Zuckerwasser
Foto: Z5302 Andreas Lander/ dpaBesonders Tannenhonig könnte knapper werden. Beim Blütenhonig dürfte die gute Frühjahrsernte noch preisdämpfend wirken. Doch nach der frühen Ernte aus Raps, Obst und Linden fehlten vielerorts Blüten. Imker fütterten ihre Völker deshalb mit Sirup oder Zuckerwasser. Sie sorgen sich nun auch um die Winterbienen. Das sind Bienen, die das Volk durch die kalte Jahreszeit bringen. Für ihre Entwicklung brauchen sie hochwertiges Eiweiß aus Pollen. Finden die Bienen davon nicht genug, könnten zu wenige gesunde Winterbienen herangezogen werden – und ganze Völker den Winter möglicherweise nicht überstehen.
Kartoffeln, Gemüse, Weizen, Honig: Die Klimakrise treibt nicht nur die Preise, sondern zeigt auch die Grenzen der Anpassung an die Klimakrise. Für chronischen Wassermangel auf Freiflächen oder schmelzende Bienenstöcke gibt es keine Allroundlösungen. Gepflegte Böden und schonendere Anbauweisen könnten zwar Abhilfe schaffen, doch langfristig dürfte sich unser Speiseplan verändern, die Preise steigen.
Auch der Biologe Schädler sieht letztlich nur einen Ausweg: »Wir müssen sofort handeln und die Erderwärmung begrenzen. Was noch beherrschbar ist, weiß niemand sicher«, sagte er meiner Kollegin. Frühere Bedingungen und Erträge kämen in der beschleunigenden Klimakrise nicht zurück. Und er hat noch eine Wahlempfehlung an die Bauern in Sachsen-Anhalt: »Wer als Landwirt eine Partei wählt, die den Klimawandel abtut, schafft sich selbst ab.«
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Die SPIEGEL-Beiträge zur Klimakrise:
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Ihre Susanne Götze
Redakteurin Wissenschaft