Uno-Klimagipfel in der Türkei: Elektroautos, Wärmepumpen und Industrie sollen Klimaschutz ersetzen - DER SPIEGEL
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Susanne Götze

Jährliche Uno-Klimakonferenz in Antalya Völker, elektrifiziert euch!

Susanne Götze
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Klimaschutz ist vielerorts »out«. Doch die Gastgeber der nächsten Uno-Klimakonferenz setzen auf einen Umweg: über Elektroautos, Wärmepumpen und eine elektrifizierte Industrie. Die USA wollen das allerdings verhindern.
Kohlekraftwerk in Michigan
Kohlekraftwerk in Michigan

Kohlekraftwerk in Michigan

Foto: imageBROKER / Jim West / IMAGO

In seiner letzten großen Rede als Uno-Generalsekretär hat António Guterres noch einmal richtig ausgeteilt: Die Ölkonzerne hätten die Erdatmosphäre jahrzehntelang als Müllabladeplatz benutzt und kräftig daran verdient, sagte Guterres am Dienstag zur Eröffnung der Uno-Generaldebatte in New York. Fast eine halbe Billion Dollar hätten allein die fünf westlichen Ölkonzerne seit Beginn des Ukrainekriegs verdient, schimpfte er, während »ganz normale Menschen« immer mehr für Energie, Lebensmittel und Versicherungen zahlten.

Fast zehn Jahre lang hat der heute 77-jährige Portugiese die Uno geleitet. In unzähligen Reden prangerte er die Klimaschuld von Konzernen an und appellierte an die Weltgemeinschaft, endlich entschlossen zu handeln, um die Folgen der Klimakrise einzudämmen. Seine wütenden Reden und verzweifelten Rufe nach Gerechtigkeit waren geradezu berüchtigt. In den vergangenen Jahren nahm kaum noch jemand Notiz von ihnen. Es wirkte, als hätten sich die Superlative abgenutzt, die Angriffe auf Konzernchefs liefen ins Leere. Außer reden und mahnen kann der Uno-Chef halt nicht viel tun, um die Welt zu retten.

Uno-Generalsekretär António Guterres: Ende der Amtszeit, Nachfolge ungeklärt

Uno-Generalsekretär António Guterres: Ende der Amtszeit, Nachfolge ungeklärt

Foto: dpa

Am Ende liegt das bei den Ländern selbst. Und die tun bisher nicht genug, um den Klimawandel zu stoppen. Erst kürzlich musste die Uno das im Pariser Weltklimavertrag vereinbarte Klimaziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitraum zu begrenzen, für vorerst gescheitert erklären (Lesen Sie hier mehr).

Antwort auf die Energiekrise: Elektrifizieren

Die rund 200 Mitgliedstaaten des Parisvertrages treffen sich im November wieder zur jährlichen Uno-Klimakonferenz, der COP31, in Antalya. Dort will das Gastgeberland Türkei sie zu mehr Klimaschutz motivieren. Seit dieser Woche ist auch klar, wie: Auf der zweiwöchigen Konferenz soll ein Elektrifizierungsziel beschlossen werden. In dem am Dienstag veröffentlichten Aufruf »35 by 35«  geht es aber nicht allein um die Mitgliedstaaten. Vielmehr fordert die Türkei auch Unternehmen, Investoren, Städte und Organisationen auf, den weltweiten Stromanteil am Endenergieverbrauch bis 2035 auf 35 Prozent zu erhöhen – durch mehr erneuerbare Energien, moderne Netze, Speicher, Investitionen und eine sozial gerechte Elektrifizierung.

Klug ist dieser Schachzug, weil sich Elektrifizierung erst einmal nicht so sehr nach Klimaschutzmaßnahmen anhört, die manche Länder gerade eher zurückstellen. Vielmehr klingt es nach Energiepolitik. Das kommt gut an in einer Phase, in der Lieferketten von Öl und Gas durch den Irankrieg und die Blockade von mittlerweile zwei Meerengen in Nahost gefährdet sind (Lesen Sie hier mehr  zu den Blockaden). Fossile Energien sind teuer und unzuverlässig, weltweit steigen die Spritpreise. Regierungen wie in Deutschland müssen das zum Beispiel mit dem Tankrabatt  auffangen.

Handelsschiffe und Tanker in der Nähe der Straße von Hormus: Blockierte Meerengen machen Benzin und Diesel teuer

Handelsschiffe und Tanker in der Nähe der Straße von Hormus: Blockierte Meerengen machen Benzin und Diesel teuer

Foto: Wen Xinnian / Xinhua / dpa

Um sich gute Argumente für ihr Elektrifizierungsziel zu holen, haben die COP-Gastgeber zudem die Internationale Energieagentur (IEA) beauftragt, einen Realitätscheck vorzunehmen. Der wurde diese Woche veröffentlicht  und bestätigt: Eine schnelle Elektrifizierung sorgt für mehr Energiesicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz. Derzeit liegt der Stromanteil am weltweiten Endenergieverbrauch laut dem Bericht bei 23 Prozent. Bis 2035 müssten noch zwölf Prozentpunkte hinzukommen. Das sei machbar, urteilt die Agentur; sie kommt jedenfalls auf rund 33 Prozent, was dem 35-Prozent-Ziel der COP-Gastgeber sehr nahekommt.

Dafür nötig seien etwa Elektrofahrzeuge, Wärmepumpen, elektrische Warmwasserbereitung, E-Kochherde und Strom statt Erdgas in der Produktion. Ganz nebenbei dürfte sich auch die Luftqualität etwa in Städten verbessern, wenn weniger Benzin, Diesel, Kohle oder Erdgas verbrannt werden.

Natürlich kann man auch mit Kohle oder Erdgas Strom erzeugen. Steigern Staaten aber den Stromanteil ihres Endenergieverbrauchs, so die Hoffnung, setzen sie automatisch vermehrt auf erneuerbare Energien wie Wind und Sonne – vor allem in Zeiten der Energiekrise. Eine Art Energiewende durch die Hintertür.

USA drohen mit Austritt und Mittelkürzung

Solche Ziele und Berichte gefallen nicht jedem. US-Energieminister Chris Wright drohte diese Woche mit dem Austritt der USA aus der Internationalen Energieagentur (IEA). Die USA kritisieren den Klimafokus der Agentur und wollen Öl, Gas und Kohle stärker berücksichtigt sehen. Wright fordert, die IEA solle sich »auf ihre Kernaufgabe konzentrieren und diese gut und mit Bedacht erfüllen – nicht auf Szenarien, die politisch populärer sind«. Es handelt sich offenkundig um einen weiteren Versuch der Trump-Regierung, Energiewende und Klimaschutz als ideologisch abzutun und ihre eigenen energiepolitischen Interessen durchzusetzen. Das Land hat ein Druckmittel: Es finanziert rund ein Viertel der IEA.

Die USA hatten bereits im Januar 2026 ihren Austritt aus der Erneuerbaren-Agentur IRENA angekündigt, ebenfalls wie die IEA eine zwischenstaatliche Organisation. Formal waren sie zuletzt jedoch noch Mitglied .

IRENA veröffentlicht regelmäßig Berichte zum weltweiten Ausbau erneuerbarer Energien – in dieser Woche einen zu einem bereits beschlossenen Uno-Ziel zu erneuerbaren Energien: Die Staaten einigten sich vor zwei Jahren auf der Klimakonferenz in Dubai darauf, Erneuerbare weltweit bis 2030 gegenüber 2023 zu verdreifachen. Das ist aber laut Bericht kaum mehr erreichbar . Trotz jährlicher Rekordsummen, die in Wind- und Solarenergie oder Batterietechnik fließen, geht es immer noch nicht schnell genug. Dafür sorgen zu langsame Genehmigungen, fehlende Netze und Speicher sowie hohe Finanzierungskosten.

Solarpark in China: Rekordzubau im vergangenen Jahr

Solarpark in China: Rekordzubau im vergangenen Jahr

Foto:

CY / CFOTO / AFP

Größter Hoffnungsschimmer ist laut IRENA die Solarenergie. 2025 wurde weltweit so viel Solar-PV-Kapazität zugebaut wie nie zuvor: 513 Gigawatt. Das entsprach rund drei Viertel des gesamten Zubaus erneuerbarer Kraftwerkskapazität. Mit meinen SPIEGEL-Kollegen haben wir dazu einen Report veröffentlicht: »Weltweit erlebt die Photovoltaik einen Aufschwung, den Fachleute lange kaum für möglich hielten. Alle Solaranlagen zusammen haben 2025 so viel Strom produziert wie etwa 350 Atomreaktoren. 2026 dürften Solarmodule zum ersten Mal in einem Jahr mehr Elektrizität erzeugen als alle Kernkraftwerke auf dem Globus zusammen.« (Lesen Sie hier mehr ). Es ist eine stille Stromrevolution, die trotz des Widerstands der Trump-Regierung weltweit stattfindet. Und die zeigt, dass es auch aufgrund der aktuellen Energiekrisen doch schneller gehen könnte mit der Energiewende, als Experten glauben.

Und es gibt noch eine gute Nachricht: Am Mittwoch hat Deutschland als drittes europäisches Land einen nationalen Fahrplan zum Ausstieg aus den fossilen Energien Erdgas, Erdöl und Kohle vorgelegt. Es folgt damit der Uno-Initiative »Roadmap for Transitioning Away from Fossil Fuels« (TAFF), die Länder auffordert, festzulegen, wie genau sie aus fossilen Energien aussteigen wollen. (Über die erste TAFF-Konferenz lesen Sie hier mehr .)

»Die aktuelle Weltlage bringt neue Dynamik in die internationale Klimaschutzpolitik«, sagte Umweltminister Schneider meinem Kollegen Gerald Traufetter. Deutschland ist nach Frankreich und den Niederlanden das dritte Land, das eine TAFF-Roadmap beschlossen hat. (Lesen Sie hier mehr .)

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Ihre Susanne Götze
Redakteurin Wissenschaft