Die Luft in Shanghai ist sauber – zumindest sauberer als noch vor einigen Jahren. Ein wichtiger Grund dafür: sie enthält deutlich weniger Schwefeldioxid, ein Hauptbestandteil von Smog. Seit 2014 hat China seine Kohlekraftwerke und Industrieanlagen mit Abgas-Entschwefelungsanlagen ausgerüstet. Es gibt allerdings eine Kehrseite. Das gesundheitsschädliche Gas scheint einen mildernden Effekt auf den globalen Temperaturanstieg zu besitzen. Der fällt nun weg, laut chinesischen Wissenschaftlern mit messbaren Folgen.
Claus Hecking, DER SPIEGEL: »Dieses Schwefeldioxid wirkt in der Atmosphäre so, dass es, wenn Sonnenlicht einstrahlt, dass diese winzigen Partikel so sind wie kleine Spiegelchen, die das einfallende Sonnenlicht nach oben wieder zurück reflektieren. Nur einen winzigen Bruchteil dieses einfallenden Sonnenlichts, das insgesamt sonst in die Atmosphäre käme. Aber schon dieser kleine Unterschied macht einiges aus und sorgt dafür, dass die Erwärmung nicht ganz so stark ausfällt.«
Neben den Filtern haben auch strengere Vorgaben für Schiffstreibstoffe einen Schwefeldioxid-Rückgang bewirkt. Zusammen genommen könnte dies pro Jahr eine zusätzliche Erwärmung der Erde um etwa 0,05 Grad Celsius ausmachen. Das wirft die Frage auf: Ist Schwefeldioxid möglicherweise das geringere Übel als eine stärkere Erderwärmung?
Claus Hecking, DER SPIEGEL: »Ich halte es für keine gute Idee, jetzt plötzlich die Rauchgas-Entschwefelungsanlagen auszubauen und damit wieder das Schwefeldioxid, also ein giftiges Abgas, in die Umwelt gelangen kann. Das wäre katastrophal. Schon jetzt sterben Zehntausende Menschen, möglicherweise Hunderttausende, vielleicht sogar Millionen Menschen pro Jahr an Smog, an Abgasen, an Luftverschmutzung.«
Trotzdem gibt es Ideen von Wissenschaftlern, sich den kühlenden Effekt des Schwefeldioxids gezielt zunutze zu machen. Der US-Amerikaner James Hansen etwa, in den 80er Jahren einer der Pioniere in Sachen Klimaforschung, schlägt vor, gezielt Schwefeldioxidpartikel mit speziellen Flugzeugen oder Raketen in die Stratosphäre oberhalb der Atmosphäre zu bringen. Technisch und finanziell wäre diese Art des so genannten Geo Engineering möglicherweise sogar machbar.
Claus Hecking, DER SPIEGEL: »Es gibt sogar eine gewisse Chance, dass es sich gut verteilt oberhalb des Globus. Das Problem ist nur, dass die Sonne auf unterschiedliche Stellen des Globus unterschiedlich strahlt. Und zwar an den Polen hat das nicht so eine besondere Wirkung. Das heißt, an den Polen wäre dieser Effekt nicht besonders groß. Die Pole sind aber unser ganz großes Problem, das ist da, wo das Eis schmilzt und was den Meeresspiegel dann ansteigen lässt. In der Äquatorregionen, wo die Erwärmung insgesamt, relativ gesehen, nicht so das große Problem ist, da wäre dieser Effekt besonders stark.«
Was aber vor allem gegen solche großangelegten Eingriffe in das Klimasystem spricht: Niemand kann die Folgen vorhersehen. Außerdem wäre unklar, wer darüber entscheidet – politische Konflikte wären sehr wahrscheinlich.
Claus Hecking, DER SPIEGEL: »Es würde möglicherweise Staaten demotivieren, ihre Emissionen zu senken und so weiter und so fort. Und alles in allem halte ich das für ein riesiges Vabanquespiel, was wenig praktikabel ist. Also wir sollten davon ehrlich gesagt lieber die Finger weglassen. Wir haben schon genug Unheil angerichtet auf diesem Planeten. Und wenn wir ihn jetzt noch weiter manipulieren, ohne uns über die Konsequenzen klar zu sein… Also ich ehrlich gesagt, ich hätte da ganz schön Angst.«
Fakt ist: Extremwetterereignisse, wie diese Überschwemmungen Anfang August in Hongkong, nehmen zu. Um die Folgen des Klimawandels abzumildern, werden andere und größere Anstrengungen nötig sein als scheinbar bequeme technische Lösungen wie beim Geo Engineering. Vor allem muss die Menschheit noch stärker den Ausstoß von Klimagasen wie Kohlendioxid reduzieren – was auch der Luftqualität zugutekäme.