Apollo-Programm "Kennedy will uns zum Mond schicken"
Nasa: Aufbruch ins All
Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, als sich Alan Shepard in die Raumkapsel zwängt und im Pilotensitz festschnallt, die Beine angewinkelt. Unter ihm lagern in einer 18 Meter hohen Rakete vom Typ "Redstone" rund 24 Tonnen eines hochexplosiven Treibstoffgemisches, das ihn an diesem 5. Mai 1961 ins All tragen soll.
Reiner Sauerstoff durchströmt den überlebenswichtigen Druckanzug. Sensoren auf Shepards Haut messen Puls, Blutdruck, Körpertemperatur. Eine Kamera hat ihn ständig im Blick. Kein Knopf, kein Hebel, keine Wand ist weiter als eine knappe Armlänge entfernt.
An der Instrumententafel klebt eine Notiz. "Hier kein Handball spielen", steht darauf. Shepard grinst noch über diesen Scherz seines Kollegen , als der den Kopf durch die offene Einstiegsluke von "Freedom 7" steckt. "Bis nachher", sagt er und gibt Glenn den Zettel zurück.
Dann wird die Luke geschlossen.
Alan Shepard, 37, Testpilot, und schon bald der erste Amerikaner im Weltraum, ist allein.
Wettrennen um die Vorherrschaft im All
Es ist 7.14 Uhr Ortszeit auf der Cape Canaveral Air Force Station von Merritt Island, Florida. In den USA fiebern an diesem Freitagmorgen 45 Millionen TV-Zuschauer dem Start von "Mercury-Redstone 3", so die offizielle Bezeichnung der Mission, entgegen.
John F. Kennedy verfolgt die Vorbereitungen zum liftoff rund 1.200 Kilometer entfernt im Weißen Haus am Bildschirm. Für den Präsidenten hängt von einem Gelingen des Projekts viel ab.
Er ist fest entschlossen, die in der Raumfahrttechnik führende Sowjetunion zu überholen. Im Wettrennen um die Vorherrschaft im All gleicht Shepards Flug einem Startschuss; das Ziel aber kennen bis zu diesem Tag nur ein paar Eingeweihte.
Noch 15 Minuten bis zum Start: Shepard, seit fast zwei Stunden in der Raumkapsel, wirft einen Blick auf die Countdown-Anzeige - und sieht, wie sie stoppt. Das Licht, das von draußen durch zwei kleine bullaugenförmige Fenster in die Kapsel fällt, wird schwächer: Wolken ziehen auf und verdunkeln den Himmel.
Wegen der schlechten Sicht für Fotografen und Überwachungskameras setzt das Kontrollzentrum den Countdown aus - nichts soll die Qualität der Bilder mindern, nichts deren Propagandawirkung stören.
In 40 Minuten seien die Wolken vorbeigezogen, melden die Meteorologen.
Vorbereitungen zur Raumfahrt - direkt nach dem Zweiten Weltkrieg
Die Voraussetzungen für diesen Start sind schon lange zuvor geschaffen worden: am Ende des Zweiten Weltkriegs - und in Deutschland.
Im Mai 1945 stellt sich in Bayern eine Gruppe deutscher Wissenschaftler den vorrückenden Amerikanern, darunter der Raketenspezialist , Schöpfer der "Vergeltungswaffe" V2, sowie mehr als 100 seiner Mitarbeiter.
Die US Army nimmt die Überläufer auf. Dass die Deutschen Mitglieder der NSDAP waren, ist den Militärs nicht wichtig - sie sind am Know-how der Forscher interessiert. 1955 erhält Wernher von Braun die US-Staatsbürgerschaft.
Zwei Jahre später beauftragt die Air Force einen wissenschaftlichen Beraterstab mit einer Studie über die militärischen Möglichkeiten der Raumfahrttechnik. Doch noch ehe die Arbeit fertiggestellt ist, startet am 4. Oktober 1957 ein sowjetischer Satellit ins All, "Sputnik 1". Ein Schock.
Die Mission der : einen Mann ins All schicken
Erst Monate später, am 31. Januar 1958, können die USA ihren ersten in den Orbit schießen: "Explorer 1", bestückt mit einem Detektor zur Messung der kosmischen Strahlung.
Noch im Juli 1958 unterzeichnet Präsident Eisenhower ein Gesetz zur Gründung der "National Aeronautics and Space Administration" und überträgt die Verantwortung für die Eroberung und Erforschung des Weltraums so erstmals einer zivilen Behörde.
Die Forschergruppe um Wernher von Braun, die für das Weltraumprogramm der Army gearbeitet und unter anderem die Redstone-Mittelstreckenrakete entwickelt hat, wird der Nasa unterstellt.
Der Auftrag an die Nasa: einen Menschen ins All zu schicken. Und so beginnt im Januar 1959 die Suche nach für das "Projekt Mercury" - das bemannte Raumfahrtprogramm.
Welcher Mensch kann die Schwerelosigkeit überleben?
Unter höchster Geheimhaltung werden Kandidaten gesucht. Die Anforderungen: zwischen 25 und 39 Jahre alt, nicht größer als 1,80 Meter, exzellente Konstitution, Ingenieursstudium und Ausbildung als militärischer Testpilot; mindestens 1.500 Stunden Flugerfahrung auf Hochleistungsjets.
110 Kandidaten erfüllen die Kriterien. Nach zahlreichen Tests bleiben sieben Piloten übrig, darunter Alan Shepard, John Glenn und Deke Slayton.
Sie nennen sich die "Mercury Seven". Sie sind kerngesund, mutig und patriotisch. Am 9. April 1959 werden sie auf einer Gala-Veranstaltung der Presse präsentiert. Blitzlichtgewitter. Heldenverehrung.
Im Rausch der Begeisterung werden die wichtigsten Fragen an diesem Tag aber gar nicht gestellt: Kann ein Mensch die Schwerelosigkeit überleben? Wie teuer ist das Projekt?
Vor allem aber: Was kommt danach?
Nur auf die dritte Frage gibt es bald schon eine Antwort.
Die Apollo-Mondmission als Demonstration der Weltmacht
Wenige Wochen nach der Präsentation der lädt Nasa-Chef Keith Glennan führende Wissenschaftler wie Wernher von Braun sowie einige Regierungsberater in sein Hauptquartier. Bei diesem Treffen präsentiert ein Mitarbeiter Glennans einen Plan, wie es gelingen könnte, Menschen zum Mond zu schicken: Zunächst soll ein Astronaut in einer Raumkapsel den Trabanten umfliegen und ihn mit einem Feldstecher erkunden. Weitere Missionen sollen nach einem geeigneten Landeplatz suchen und Fotos machen. Schließlich kommt die Landung.
Die Wissenschaftler bilden eine Arbeitsgruppe; die Reise zum Erdtrabanten ist das Projekt nach Mercury. Ende Mai 1959 liegt ein detaillierter Ablaufplan der Mission vor, Anfang 1960 gibt Eisenhower seine Zustimmung.
Die Nasa-Männer benennen die Mondmission nach dem griechischen Gott des Lichts: Apollo.
Auch John F. Kennedy, seit Juli 1960 Präsidentschaftskandidat, erkennt das Potenzial der neuen Technologie. Das wichtigste Argument dafür aber präsentiert sein Kandidat für das Vizepräsidentenamt, Lyndon B. Johnson: "Eine Nation, der es gelingt, den Weltraum zu kontrollieren, wird auch die Welt kontrollieren können", verkündet er.
In 89 Minuten um die Welt
12. April 1961: Der erste Mensch verlässt die Erdatmosphäre und umrundet einmal den blauen Planeten. Doch dieser Mann ist kein Amerikaner - sondern der Russe Jurij Gagarin. Er spricht vom All aus kurz mit dem sowjetischen Staatschef Nikita Chruschtschow und kehrt dann sicher zur Erde zurück.
108 Minuten hat Gagarins Flug gedauert, 89 davon umkreiste er die Welt. Deren Bewohner blicken jetzt voller Bewunderung auf die sowjetischen Ingenieure. Amerika aber ist nach dem Sputnik-Schock erneut tief getroffen.
Zwei Tage nach Gagarins Flug ruft Kennedy mehrere Berater zusammen, darunter Jerome Wiesner vom "Massachusetts Institute of Technology" sowie den neuen Nasa-Chef James Webb und dessen Stellvertreter Hugh Dryden.
"Ihr habt das gesehen", sagt Kennedy, "Was können wir tun?"
Das All den Russen überlassen, sagt Wiesner: Die USA sollten sich auf die Überlegenheit am Boden konzentrieren.
Zum Mond fliegen, sagt Dryden, und zwar innerhalb von zehn Jahren.
Webb und Johnson nicken.
"Was wird das kosten?"
20 Milliarden Dollar, sagt Dryden.
Das oberste Ziel: die Russen übertrumpfen
Der Präsident überlegt. "Gibt es kein anderes Rennen, das wir uns mit ihnen liefern könnten?"
Doch niemand kommt auf eine Alternative, die die Weltöffentlichkeit mehr beeindrucken würde als dieser Vorstoß ins All. Also sagt Kennedy: "Okay. Findet einen Weg, um sie einzuholen. Und: Es gibt nichts Wichtigeres!"
Deshalb sitzt Alan Shepard nun in seiner Kapsel - 23 Tage nach Gagarins Raumflug.
5. Mai 1961, Cape Canaveral, Florida. 9.32 Uhr. Mehr als zwei Stunden ist der Countdown unterbrochen gewesen. Am Mikrofon im Kontrollraum sitzt der Astronaut Deke Slayton. Keine zwei Minuten noch, dann beginnt er für seinen Freund Alan Shepard laut die letzten Sekunden des Countdowns zu zählen. Vibrationen schütteln die Kapsel, als die Treibstoffpumpen der Redstone zu arbeiten beginnen. Sechs. Fünf. Vier. Drei.
Alan Shepard legt die linke Hand auf den Nothebel. Zwei. Eins.
"Vermassel es nicht, Shepard", sagt er laut zu sich selbst. Null.
"Zündung!" Slaytons Stimme kommt vor Aufregung um ein paar Nuancen höher aus Shepards Kopfhörern.
Liftoff! - die Rakete hebt ab
Die Pumpen drücken den Treibstoff durch die Kanülen im schlanken Leib der Rakete. Tief unter dem Astronauten beginnt es zu grollen, als in der Zündkammer die kontrollierte Explosion einsetzt. Lauter. Immer lauter. Höher und höher. Bis die Vibration die Kapsel erreicht.
Und doch erinnert Shepard später nur ein "sanftes Schütteln", er hat sich diesen Moment schlimmer vorgestellt.
"Liftoff!", ruft Slayton ins Mikrofon. Alan Shepard spürt eine Bewegung. Himmelwärts. Um 9.34 Uhr hebt die Rakete ab. Shepards Puls steigt von 80 auf 126 Schläge pro Minute - gerade so viel wie bei einem Autofahrer, der sich auf eine dicht befahrene Autobahn einfädelt, und das Resultat harten Trainings.
"Du bist auf dem Weg!" Slaytons Stimme überschlägt sich fast. "Roger. Liftoff, und die Uhr läuft", meldet Shepard. Er meint die Stoppuhr, die in der Kapsel die Flugdauer messen wird.
Die Rakete vibriert, Shepards Kopf wird so sehr hin und her geworfen, dass er kaum noch die Instrumententafel erkennen kann. Zwei Minuten nach dem Start hat das Geschoss bereits eine Höhe von 40.200 Metern und eine Geschwindigkeit von 4.350 km/h erreicht; auf dem Astronauten lastet nun das Sechsfache seines Körpergewichtes.
"All systems are go!" meldet Shepard mit gepresster Stimme an das Kontrollzentrum. 22 Sekunden später trennt sich die Kapsel von der Rakete. Nach weiteren 15 Sekunden wird sie von kleinen Steuerraketen um fast 180 Grad gedreht. "Freedom 7" fliegt nun mit dem Hitzeschild voran.
Amerikas erster Astronaut bewegt sich rückwärts von der Erde weg.
Schwerelosigkeit, Stille und rasende Geschwindigkeit
Plötzlich schwebt ein vergessener Dichtungsring auf Augenhöhe an ihm vorbei - Shepard erlebt nun die Schwerelosigkeit. Stille, kein Windgeräusch, keine Turbulenzen, trotz der rasenden Geschwindigkeit.
Nach fünf Minuten und 14 Sekunden erreicht "Freedom 7" den höchsten Punkt ihrer Flugbahn. Shepard schwebt 187,5 Kilometer über dem Erdboden. Nun leitet der Autopilot die Rückkehr ein. Als das Gefährt mit dem Hitzeschild zuerst wieder in die Erdatmosphäre eintaucht, wird Shepard mit dem Elffachen seines irdischen Gewichts in den Sitz gepresst.
"Kannst du mich gut hören?", fragt Slayton aus dem Kontrollzentrum.
"Okay", antwortet Shepard, doch es ist mehr ein Grunzen. "Okay, hier ist 'Freedom 7'. 13.700 Meter, jetzt 12.000 Meter." Die Temperatur am Hitzeschild, nur Zentimeter hinter seinem Rücken, beträgt in diesem Moment 665 Grad Celsius.
Dann geht ein Ruck durch die Kapsel, auf 6.400 Meter Höhe hat sich der Bremsfallschirm geöffnet, ihm folgt kurz darauf der Hauptschirm. Langsam schwebt "Freedom 7" dem Atlantik entgegen.
Dann landet die Kapsel im Wasser.
15 Minuten und 22 Sekunden sind seit dem Start vergangen, Shepards Landestelle bei den Bahamas ist kaum 486 Kilometer vom Startplatz in Cape Canaveral entfernt. Sein Ritt bis kurz hinter die Grenze zum All war zwar nur ein Hüpfer im Vergleich zu Gagarins Reise um die Welt. Doch Shepard hat in diesem Moment für sein Land das Tor ins All aufgestoßen.
Die umjubelte Rückkehr des Commanders
Von außen hört er das Knattern von Hubschrauberrotoren. Er öffnet die Luke, ergreift das herabgelassene Rettungsgeschirr und lässt sich hochziehen.
Der Helikopter bringt Amerikas ersten Mann im All an Bord des Flugzeugträgers "USS Lake Champlain". Dort stehen die Seeleute Spalier und jubeln ihm zu.
Ein paar Tage später landet Alan Shepard mit einem Armeehubschrauber vor dem Weißen Haus, begleitet von seiner Frau und den anderen Astronauten der "Mercury Seven".
Als sich die Tür des Helikopters öffnet, erwartet ihn ein lächelnder Präsident. "Willkommen, Commander, und herzlichen Glückwunsch", begrüßt John F. Kennedy den Raumfahrer, und im Hintergrund applaudieren Regierungsmitglieder und Abgeordnete. Später am Tag feiert Washington ihn mit einer Konfetti-Parade.
"Kein anderes Projekt wird eindrucksvoller sein"
Washington, 25. Mai 1961. John F. Kennedy hält vor beiden Häusern des Kongresses eine Rede zur Lage der Nation.
Er spricht über die Weltlage, über die Auseinandersetzung mit der Sowjetunion, über die Wirtschafts- und Militärhilfe für die Länder im amerikanischen Einflussbereich, über den Ausbau des Zivilschutzes, über die sich verschärfende Krise in Berlin.
Und dann, ganz zum Schluss, macht er eine Ankündigung, die das Land verändern wird.
"Wenn wir diesen Kampf zwischen Freiheit und Tyrannei gewinnen wollen", ruft der Präsident, "sollten uns die dramatischen Erfolge dieser Wochen im All klargemacht haben, welche Bedeutung dieses Abenteuer überall für die Menschen hat und welchen Einfluss auf ihre Entscheidung, welchen Weg sie einschlagen."
Er fährt fort: "Ich glaube, dass sich die Vereinigten Staaten das Ziel setzen sollten, noch vor Ende dieses Jahrzehnts einen Menschen auf den Mond und wieder sicher zur Erde zurück zu bringen. Kein anderes Projekt wird eindrucksvoller sein. Kein anderes wird aber auch so schwierig und so kostspielig sein."
"Der Mann will uns zum Mond schicken"
Amerikas Astronauten verfolgen die Rede auf der Langley Air Force Base in Virginia. Alan Shepard hat sein Radio aufgedreht, damit die anderen mithören können. Als Kennedy geendet hat, herrscht für einen Moment lang Schweigen.
"Habe ich gerade richtig gehört?", fragt Shepard dann.
Slayton antwortet: "Hast du. Der Mann will uns zum Mond schicken."
"Stellt euch das vor!", sagt ein Dritter. "In acht Jahren können wir alle zum Mond!"
"Aber vergesst nicht", wirft Slayton ein: "Gäbe es nicht die Russen, kämen wir nirgendwo hin."
Im Februar 1962 startet John Glenn an Bord von "Mercury 6" an der Spitze einer Atlas-Rakete ins All und umkreist als erster Amerikaner die Erde, dreimal.
Neil Armstrong und Edwin Aldrin betreten als erste Menschen den Mond
Sieben Jahre später, im Juli 1969, betreten Neil Armstrong und Edwin "Buzz" Aldrin als erste Menschen den Mond, während der dritte Astronaut Michael Collins mit der Kapsel "Apollo 11" in der Umlaufbahn wartet. Als das Apollo-Programm knapp dreieinhalb Jahre später beendet wird, hat es 25 Milliarden Dollar verschlungen (etwa 120 Milliarden Dollar nach heutiger Kaufkraft).
Die Sowjetunion stellt ihr bemanntes Mondflugprogramm dagegen schon 1969 nach mehreren technischen Rückschlägen ein.
Von den "Mercury Seven" schafft es am Ende nur einer bis zum von Kennedy ausgegebenen Ziel: Am 5. Februar 1971 landet Alan Shepard als Kommandant von "Apollo 14" auf dem Erdtrabanten - fast zehn Jahre nach seinem Flug mit "Freedom 7".
"Es war ein weiter Weg", sagt er, als er den Mond betritt, "aber wir sind hier!"