„Heute sind wir leider ein gefestigter Zweitligist“: Herthas Mitgliederversammlung mit viel Frust und einer dicken Überraschung
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Der Berliner Fußball-Zweitligist Hertha BSC hat am Sonntag seine Mitgliederversammlung abgehalten.

© imago/Nordphoto/IMAGO/nordphoto GmbH / Engler

„Heute sind wir leider ein gefestigter Zweitligist“: Herthas Mitgliederversammlung mit viel Frust und einer dicken Überraschung

Hertha BSC erlebt am Sonntag eine Mitgliederversammlung in sportlich schwierigen Zeiten. Im Aufsichtsrat gibt es zudem einen Machtwechsel. Immerhin: Die Lizenz ist sicher.

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Wie die Stimmung ist am Tag nach der nächsten frustrierenden Niederlage im eigenen Stadion und dem auch rechnerischen Ende sämtlicher Aufstiegshoffnungen? Bei der Mitgliederversammlung von Hertha BSC dauert es gerade mal vier Minuten, bis diese Frage schon ausreichend beantwortet ist.

Es ist der Moment, als Fabian Drescher, der Präsident des Berliner Fußball-Zweitligisten, im City Cube der Messe Berlin auf der Bühne steht und besondere Gäste begrüßt. Zu seinen Füßen, in den ersten beiden Reihen des Auditoriums, sitzen in ihren Trainingsklamotten die Spieler der Zweitliga-Mannschaft. Was zu den Zeiten von Dieter Hoeneß völlig normal war, ist längst die Ausnahme.

Zu einem Sturm der Begeisterung aber führt das nicht. Im Gegenteil. Der Applaus aus dem Auditorium fällt dünn aus, fast ein bisschen reserviert. Jubelschreie, das sonst übliche Gekreische und Gejohle bleiben diesmal aus; auch als der komplette Kader auf die Bühne tritt und Fabian Reese eine kurze Rede hält. „Ihr und wir haben uns das anders vorgestellt diese Saison“, sagt der Kapitän des Teams.

60.493
Mitglieder hat Hertha BSC

Hertha BSC steht im Moment nicht der Sinn nach Überschwang. Das zeigt sich auch bei der Mitgliederversammlung wenige Stunden nach der 0:1-Niederlage gegen Holstein Kiel. Der Beziehungsstatus ist bei vielen im Moment auf Standby.

Zur reservierten Stimmung passt, dass Hertha einen Rückgang bei den Mitgliedern verkündet. 60.493 sind es aktuell und damit 127 weniger als bei der vorangegangenen Mitgliederversammlung. Und es passt auch, dass nur rund 1100 von ihnen gekommen sind, obwohl immerhin ein neuer Aufsichtsrat gewählt wird.

Unseren eigenen Ansprüchen sind wir über weite Strecken hinterhergelaufen.

Herthas Präsident Fabian Drescher

„Diese Wahl ist eine Richtungsentscheidung“, sagt Tim Kauermann, einer der drei Kandidaten für den Vorsitz des Gremiums. Der 41-Jährige hat sich klar gegen den Amtsinhaber Torsten-Jörn Klein positioniert, der dem Aufsichtsrat seit 22 Jahren angehört.

Fussball, Herren, Saison 2023/2024, 2. Bundesliga 2. Spieltag, Hertha BSC - SV Wehen Wiesbaden, Tim Kauermann Hertha BSC, 04.08. 2023, *** Football, Men, Season 2023 2024, 2 Bundesliga 2 Matchday , Hertha BSC SV Wehen Wiesbaden, Tim Kauermann Hertha BSC , 04 08 2023, Copyright: xSebastianxRäppold/MatthiasxKochx
Tim Kauermann ist der neue Vorsitzende des Aufsichtsrats von Hertha BSC.

© imago/Matthias Koch/IMAGO/Sebastian Räppold/Matthias Koch

„Hertha hat an fehlender Konsequenz zu leiden, an zu vielen vermeidbaren Fehlern, an fehlender Aufsicht“, sagt Kauermann bei seiner Vorstellung mit Blick auf seinen Widersacher Klein. Das sehen die Mitglieder wohl ähnlich. Deren Votum jedenfalls ist eindeutig. Kauermann erhält 733 Stimmen (69 Prozent), Klein 216 (20 Prozent) und der dritte Bewerber Andreas Kurth 82 (7,7 Prozent).

„Das war ein deutliches Votum“, sagt Klein, der bei der Wahl der einfachen Mitglieder erneut antritt – und erneut scheitert. Nachdem er nur 165 Stimmen erhalten hat (18 Prozent), tritt er zum zweiten Wahlgang nicht mehr an. Auch Kleins bisheriger Stellvertreter Scott Körber wird von den Mitgliedern abgewählt. Er unterliegt dem 32 Jahre alten Niklas Rotter, der aus der aktiven Fanszene stammt.

Aus dem bisherigen dreiköpfigen Aufsichtsrat wird nur Andreas Schmidt erneut in das Gremium gewählt. Herthas Ex-Profi erhält als einziger im ersten Wahlgang (513 Stimmen, 56,5 Prozent) die erforderliche Mehrheit. Komplettiert wird der Aufsichtsrat durch Rebecca Zenner, die einzige Frau unter den Kandidaten.

Der Stellvertreter kommt aus der Ultra-Szene

Der neue Aufsichtsrat tritt seine Arbeit in einer Situation an, die weiterhin herausfordernd ist. „Unsere wirtschaftliche Situation ist nach wie vor angespannt“, erklärt Präsident Drescher. Mit der Arbeit der aktuellen Geschäftsführung aber sei das Präsidium außerordentlich zufrieden: „Die wirtschaftliche Stabilisierung schreitet voran, die Schulden werden weiter reduziert, und weitere Schulden werden vermieden.“

Finanzgeschäftsführer Ralf Huschen gibt bekannt, dass Hertha durch die teilweise Ablösung der Anleihe die Zinslast um zwei Millionen Euro reduziert hat, dass sich der Umsatz im zweiten Halbjahr 2025 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 5,5 Millionen Euro verbessert hat, das operative Ergebnis um 9,2 Millionen Euro und den Nettogewinn um 9,9 Millionen Euro.

Die Lizenz steht für nächstes Jahr.

Herthas Geschäftsführer Ralf Huschen

Anders als in den vergangenen Jahren, so berichtet Huschen, habe der Klub die Lizenz für die kommende Zweitligasaison diesmal schon frühzeitig erhalten. Es gebe nur kleinere Auflagen, „aber nichts Kritisches, was die Lizenz gefährden würde“, erklärt Herthas Geschäftsführer. „Die Lizenz steht für nächstes Jahr.“

Beim Thema negatives Eigenkapital und einem drohenden Punktabzug für die neue Saison gibt Huschen sich optimistisch, dass die von Hertha präsentierte Lösung auf das Wohlwollen der Deutschen Fußball-Liga stoßen werde. Details dürfe er aber nicht nennen.

Nur die sportliche Entwicklung ist alles andere als zufriedenstellend. „Unseren eigenen Ansprüchen sind wir über weite Strecken hinterhergelaufen“, muss Drescher eingestehen. Dass Hertha nie ernsthaft in den Kampf um den Aufstieg eingreifen konnte, „das entspricht nicht unseren Ansprüchen“, gibt Herthas Präsident zu. „Diese Realität müssen wir klar benennen.“

Mehr als pflichtschuldigen Applaus erhält Herthas Präsident, als er die erste Frauen-Mannschaft erwähnt, die gute Chancen auf den Aufstieg in die Zweite Liga hat. Die Realität bei den Männern hingegen ist ernüchternd. „Am Beginn meiner Amtszeit habe ich gesagt: Ich wünsche mir einen gefestigten Bundesligisten“, erklärt Drescher. „Heute sind wir leider ein gefestigter Zweitligist.“

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