Volvo ES90: Limousine, neu erfunden
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Geschlossene Front mit Thors-Hammer-Design. Der Lidar-Buckel auf dem Dach kommt weg; die Sensoren sitzen nun hinter der Kühlerfront

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Volvo ES90: Limousine, neu erfunden

Das vollelektrische Premium-Gefährt kommt als Crossover zwischen SUV und Coupé mit edlem Design, enorm Platz, 700 Kilometer Reichweite und schneller Ladezeit

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Die vollelektrische Runderneuerung der Volvo-Modellpalette geht weiter: Nach dem Mittelklasse-SUV EX60, der kürzlich seine Weltpremiere hatte, und des neuen Premium-SUV EX90 hat Volvo mit dem ES90 nun auch wieder eine zeitgemäße Business-Limousine im Programm. Den Vorgänger mit Verbrennermotor hatte Volvo 2024 aus dem Programm gestrichen. Die vollelektrische Premium-Limousine ES90 überzeugt im Fahrtest mit viel Komfort, hochwertiger Technik, umfassender Sicherheit, schnellen Ladezeiten dank 800 Volt-Architektur und mehr als 700 Kilometer Reichweite. Positiv bemerkbar macht sich bei der fünf Meter langen Limousine auch ein wenig SUV-Anleihe. Denn der ES90, der wie der EX90 auf der gleichen Plattform SPA2 gebaut wird, hat mit 18 Zentimeter Bodenfreiheit eine angenehme Einstiegshöhe und ist mit 1,55 Meter etwas höher als eine klassische Limousine. Zudem ermöglicht der lange Radstand von 3,10 Meter einen enorm großzügigen Fahrgastraum.

Dynamische Linien

Die Limousine, die mit der „Design Trophy 2025“ ausgezeichnet wurde, präsentiert sich mit einer beeindruckenden, coupé-haft fließenden Dachlinie und kurzen Überhängen. Zugleich verleugnet das in Schweden designte und im chinesischen Chengdu montierte Fahrzeug nicht seine Verwandschaft. Das fängt bei der geschlossenen Front mit der typischen „Thors Hammer“- Lichtsignatur an, die fast identisch mit dem großen SUV EX90 ist. Die Heckleuchten wiederum haben sehr viel Ähnlichkeit mit denen des Polestar 2, der ebenfalls zum chinesischen Volvo-Mutterkonzern Geely gehört. Der überaus gelungenen fließenden Linie, die in eine kurze Heckstufe übergeht, ist das egal. Die nahezu horizontal bis zur Heckkante gezogene Hüftlinie der Karosserie gibt dem Wagen viel Dynamik. Nicht nur optisch: Der niedrige cw-Wert von 0,25 belegt eine gelungene Aerodynamik. Elegant sind auch die bündig versenkten Türgriffe.

Scharfe Kante. Die coupé-hafte Dachlinie endet in einer langen Heckklappe mit seitlichen Lichtreihen, die aber nur beim Öffnen und Schließen des Fahrzeugs leuchten.
Scharfe Kante. Die coupé-hafte Dachlinie endet in einer langen Heckklappe mit seitlichen Lichtreihen, die aber nur beim Öffnen und Schließen des Fahrzeugs leuchten. Der Lidar-Buckel auf dem Dach kommt weg: Die Sensoren sitzen nun hinter der Kühlerfront.

© Foto: Volvo

An den Seiten der großen Heckklappe befindet sich eine senkrechte Lichtleiste, welche die von anderen Volvo-Modellen bekannte Rücklicht-Signatur vervollständigt. Allerdings leuchten die nur beim Öffnen und Schließen des Fahrzeugs. Volvo hat für die Nutzung als Teil des Rück- und Bremslichts keine EU-Zulassung erhalten, weil die Elemente – so die Begründung – zu weit auseinanderliegen. Fragen darf man sich dabei schon, warum dann aber das Bremslicht ganz oben am Dach unbeanstandet blieb.

Wohlfühl-Atmosphäre

Was Premium bedeuten kann, zeigen die Schweden beim Interieur. Das fängt an beim serienmäßigen Panoramadach, dass gegen Aufpreis auch elektronisch abgedunkelt werden kann. Zum lichtdurchfluteten Innenraum kommen ein skandinavisch-elegantes Design sowie erstklassige und nachhaltige Materialien wie der Leder-Ersatz Nordico oder Tailored Wool für die sehr bequemen Sitze. Die Vordersitze können an den Seiten und der Sitzfläche elektrisch angepasst werden, und bieten optional Heizung und Belüftung oder eine Massagefunktion. Hinterlegte Dekoreinlagen und eine angenehme Ambientebeleuchtung komplettieren die Wohlfühl-Atmosphäre.

Auch auf den hinteren Sitzen verfügt der ES90 premium-gemäß über sehr viel Beinfreiheit – und trotz abfallender Dachlinie über ausreichend Kopfhöhe. Durch die Batterie im Fußboden sitzen groß gewachsene Menschen freilich mit hochgezogenen Knien. Abhilfe könnte eine gute Idee des Konzern-Bruders Polestar 5 schaffen: Dort ist der Batterieboden vor der Rückbank vertieft zugunsten einer sogenannten „Schuh-Garage“.  

Angenehm macht sich die höhergelegte Fahrgastzelle beim Einsteigen und beim Sitzen hinterm Steuer bemerkbar - da kommt ein SUV-Gefühl auf. Mancher wird trotzdem die Haltegriffe an der Decke vermissen, die älteren Menschen das Einsteigen erleichtert.

Rollwalze aus Kristallglas

Neben dem Innenraum-Design, dass nahezu identisch ist mit dem SUV-Bruder EX90, gilt das auch für das Fahrerinfo-Display, den zentralen Touchscreen und dem Multifunktions-Lenkrad. Die neun Zoll breite Fahrer-Instrumentenanzeige ist direkt an der Lenksäule montiert. Dadurch ist bei jeder Lenkrad-Einstellung, unabhängig von der Körpergröße, beste Sichtbarkeit gewährleistet. Serienmäßig gibt es in der Plus- und Ultra-Ausstattungslinie auch ein Head-up-Display, das alle Fahrer-Infos direkt ins Sichtfeld auf die Frontscheibe projiziert.

Sämtliche Funktionen – Navigation, Konnektivität, Entertainment, Klima, Kameras, oder Fahrzeug-Apps - laufen über den hochkant über der Mittelkonsole sitzenden, 14,5 Zoll großen Screen. Ansonsten gibt es nur noch eine Rollwalze aus Kristallglas auf der Mittelkonsole, mit dem die Lautstärke des Infotainments geregelt werden kann. Darunter befindet sich eine Handy-Ladeschale.

Hoher Einstieg. Mit 18 Zentimeter Bodenfreiheit sitzen die Fahrer*innen ähnlich hoch wie in einem SUV.
Hoher Einstieg, gute Sicht. Mit 18 Zentimeter Bodenfreiheit sitzen die Fahrer*innen ähnlich hoch wie in einem SUV.

© Foto: Volvo

Die angenehm eindeutige Menüführung zu den verschiedenen Funktionen verringert die Gewöhnungszeit an das Display – und verringert die Gefahr, dass der Fahrende beim surfen durch die Menütiefen abgelenkt wird. Der Vorteil der neuen Plattform SPA2 ist, dass auf Grundlage der Nvidia-Drive-Chips und Prozessoren alle Funktionen auf einer zentralen Steuereinheit zusammengeführt werden. Das ermöglicht regelmäßige Software-Updates „over the air“. Einige Funktionen erscheinen trotzdem nicht optimal gelöst. So kann das Lenkrad nur höhenverstellt werden, wenn zuvor über das Display mit mehreren Klicks der entsprechende Menüpunkt aufgerufen wird. Gleiches gilt für die Einstellung der Außenspiegel oder ein Wechsel der Fahrwerkseinstellung.

Drei Motorisierungen

Wie beim SUV EX90 gibt es auch für die Business-Limousine ES90 drei Motorisierungen. Als Basis kommt das Fahrzeug mit einem Motor, der die Hinterachse antreibt, und 245 kW/333 PS leistet. Dazu kommen zwei Allradversionen mit entweder 330 kW/449 PS oder 500 kW/680 PS. Mit seinen elchstarken 870 Newtonmeter Drehmoment soll die Allrad-Performance-Version in vier Sekunden Tempo 100 erreichen können. Schon stark, aber ob das honorigen Geschäftsreisenden wichtig ist? Bei allen Motorisierungen ist übrigens bei Tempo 180 Schluss – wie es nach allgemeiner Volvo-Sicherheitsphilosophie schon seit Jahren bei allen Modellen gilt.

Das Basismodell mit Heckantrieb hat eine 92 KWh große Batterie an Bord. Die soll für bis zu 650 Kilometer Reichweite gut sein. Mit der 800 Volt-Ladearchitektur kann die kleine Batterie mit 300 kW an einer Gleichstrom-Schnellladesäule gefüllt werden. Innerhalb von 22 Minuten soll die kleine Batterie von 10 auf 80 Prozent gefüllt sein. Die 106 kWh-starken Batterien, mit der die Allrad-Versionen mit „Twin Motor“ ausgerüstet sind, können sogar mit einer maximalen Ladepower von 350 kW befüllt werden. Eine Reichweite von bis zu 700 Kilometer verspricht Volvo; beim Fahrtest konnte das nicht überprüft werden. Auch die große Batterie soll in 22 Minuten zu 80 Prozent gefüllt werden können.

Bis 350 kW Ladepower

Allerdings steigt die Ladezeit abseits der Schnellladestationen erheblich. An normalen Wechselstrom-Stationen liegt die Ladeleistung des eingebauten Chargers bei nur 11 kW - damit ist eine leere Batterie nach neun Stunden voll. Volvo plant auch nicht, den ES90 mit einem 22 kW-Charger nachzurüsten. Dies sei bei der SPA2-Plattform nicht möglich, heißt es.

Wird über das Zentral-Display eine Route mit Google-Maps geplant, werden entsprechende Ladestationen vorgeschlagen – und die Batterie zum schnelleren Laden dann automatisch vorkonditioniert. Ansonsten muss die Vorkonditionierungs-Funktion ganz händisch über das Menü gesucht und gestartet werden.

Volvo gibt für die Single Motor-Version einen Stromverbrauch von 15,9 – 18,5 kWh/100 km an. Bei den Allrad-Versionen sollen 1,5 – 20,7 kWh/100 km verbraucht werden. Der beim Test gefahrene Wagen mit Single Motor verbrauchte 23 kWh auf 100 Kilometer – allerdings bei Kälte und teilweise starkem Schneetreiben.

Extrem ruhiger Innenraum

Beim Fahrtest, zu dem Volvo nach Hamburg eingeladen hatte, zeigte der Wagen in der Single Motor-Version bei Kälte und teilweise heftigem Schneetreiben seine Stärken. Die Ruhe im Fahrgastraum macht sich sehr angenehm bemerkbar: Weder Antrieb noch Windgeräusche oder rauer Straßenbelag sind zu hören. Nachteil der sehr flachen Heckscheibe: Die Sicht nach hinten ist eingeschränkt, zumal mittig auch noch eine Kopfstütze sitzt. Volvo bietet aber optional einen elektronischen Rückspiegel an, wie ihn auch der Polestar 4 hat. 

Breite Klappe, leichtes Laden: Der Kofferraum hat ein Volumen von 424 Liter, bei umgeklappter Bank sind es 1427 Liter. Optional kann der Laderaum abgesenkt werden.
Breite Klappe, leichtes Laden: Der Kofferraum fasst 424 Liter, bei umgeklappter Bank sind es 1.427 Liter. Optional kann der Laderaum abgesenkt werden.

© Foto: Volvo

Trotz des bereits mit Single-Motor 2,4 Tonnen schweren Fahrzeugs (Allrad: 2,6 Tonnen) zeigte sich der ES90 beim Fahrtest sportlich-agil und mit einer Premium-gemäßen komfortablen Straßenlage. Die geschwindigkeits-abhängige Servolenkung ist leichtgängig – manchen wohl allem Limousinen-Komfort zum Trotz zu leichtgängig. Straffer lenkt es sich im härteren Modus, der über das Menü einstellbar ist. Der Wagen ist souverän zu kontrollieren, auch als das Heck in der Kurve bei Neuschnee mit darunterliegender Eisdecke ausbricht. 

Adaptives Fahrwerk mit Luftfederung

Dafür sorgen in der Basis-Ausstattung eine Doppelquerlenker-Vorderradaufhängung und Integrallenker-Hinterachse, jeweils mit frequenziellen FSD-Dämpfern. Das in der höchsten Ausstattungslinie Ultra enthaltene adaptive Fahrwerk mit Luftfederung hat eine zweistufige, individuell wählbare Dämpfereinstellung. Beim Fahrtest schluckte die elektronische Niveaureglung mit Doppelkammer-Luftfederung an allen Rädern ziemlich gekonnt Bodenwellen und Schlaglöcher. Wem die Einstellung „weich“ zu schwammig-soft ist, bekommt im Modus „hart“ ein strafferes Fahrwerkverhalten – ohne Verlust einer premium-gemäßen Straßenlage. Bei höheren Geschwindigkeiten senkt die Luftfederung den Wagen selbstständig ab, um Windwiderstand zu senken und damit Energie zu sparen. Auch der Kofferraum lässt sich zum leichteren Beladen absenken.  

Klares Design mit Wohlfühl-Ambiente. Unter dem Touchscreen gibt es den einzigen Schalter – für die Lautstärke.

© Foto: Volvo

Hinter der großen, elektrisch sich öffnenden Heckklappe gibt es einen Stauraum von 424 Liter – was angemessen, aber nicht üppig ist für einen fünf Meter langen Wagen. Außerdem gibt es unter der Haube einen Frunk mit 27 Liter Volumen. Bei umgelegter Rückbank sind es 1.427 Liter. Wem das nicht reicht: Der ES90 kann eine Anhängerlast von 1.600 Kilo ziehen, mit Allrad sogar 2.000 Kilo.

Pilot Assist bis Tempo 150

Der ES90 kommt gemäß der Volvo-Philosophie mit einer Vielzahl von Sicherheitsfeatures und Fahrassistenten. Acht Kameras, zwölf Ultraschallsensoren und fünf Radareinheiten an der Front und der Seite schaffen einen Schutzraum um das Fahrzeug, um bestmöglich auf Gefahren reagieren zu können. Dazu gehören automatische Notbremssysteme, oder selbstständige Eingriffe in die Lenkung, um ein Abkommen von der Straße oder drohende Kollisionen mit dem Gegenverkehr zu verhindern. Neu ist das optionale Fahrerassistenzsystem Pilot Assist, welches bis Tempo 150 aktiv ist.

Das System mit adaptiver Temporegelung mit Abstandsautomatik bremst und beschleunigt selbstständig oder wechselt auf Autobahnen die Spuren, auch ein Kurvengeschwindigkeitsassistent ist integriert. Wegen des schlechten Wetters, bei dem zusätzlich das Schneetreiben die Sensoren irritierte und Spurmarkierungen auf der Autobahn nicht mehr zu erkennen waren, konnte der Pilot Assist aber nicht ausprobiert werden.

Dach ohne Buckel

Aber fehlt da nicht bald was? Richtig, der markante Buckel auf dem Dach direkt über der Frontscheibe, der bei der Premiere noch sehr auffiel, kommt weg. Das einst angekündigte innovative Lidar-Radarsystem, das 250 Meter weit Hindernisse auf der Straße auch in Dunkelheit und schlechter Sicht erkennen sollte, gibt es nicht. Da hatte der Zulieferer zu viel versprochen - inzwischen ist das Unternehmen insolvent. Die schnelle Entwicklung der digitalen Sensorik, so betont Volvo, habe aber dafür gesorgt, dass trotzdem der hohe Sicherheitsanspruch gewährleistet ist. 

Volvo bietet den bereits lieferbaren ES90, der gegen die Konkurrenz wie Audi A6 e-tron, Mercedes EQE oder dem BMW i5 antritt, in den Ausstattungslinien Core, Plus und Ultra an. Die Single Motor-Version mit dem Ausstattungspaket Core beginnt bei 70.490 Euro. Dafür erhält man das Panoramadach, Vierzonen-Klimaautomatik, elektrisch verstellbare Fahrersitze mit Memory-Funktion, 20 Zoll große Felgen und ein 325 Watt starkes Audiosystem. Das nützliche Head-up-Display gibt es erst im Plus-Paket zusammen mit einem Bose-Premium-Sound-System – für dann 74.490 Euro. Beim Ultra-Paket mit Luftfederung sind es mindestens 82.490 Euro. Die beiden Allrad-Versionen gibt es derzeit ausschließlich mit Ultra-Paket. Die Performance-Version beginnt beim „Twin Motor“ bei 87.490 Euro, die „Twin Motor Performance“ bei 92.990 Euro.

Wann kommt ein Kombi?

Bleibt noch eine Frage offen: Präsentiert Volvo auf der gleichen Plattform nach der Limousine auch einen großen Kombi? Auf diese naheliegende Frage gibt es von den Verantwortlichen derzeit nur eine ausweichende Antwort. Man darf das wohl als ein indirektes Ja verstehen – und auf 2027 gespannt sein.

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