Gleiche Gene, andere sexuelle Orientierung: Klärt uns die Zwillingsforschung über Homosexualität auf?
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Die Brüder Bill (links) und Tom Kaulitz sind eineiige Zwillinge und – nach allem, was öffentlich bekannt ist – dennoch recht unterschiedlich in ihrer sexuellen Orientierung.

© dpa/Annette Riedl

Gleiche Gene, andere sexuelle Orientierung: Klärt uns die Zwillingsforschung über Homosexualität auf?

Irgendeine biologische Grundlage muss es haben, dass Menschen unterschiedliche sexuelle Vorlieben haben – sogar eineiige Zwillinge. Spielen die Gene also keine Rolle, oder doch?

Sascha Karberg
Eine Kolumne von Sascha Karberg

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Es ist wohl eines der stärksten Gefühle, die Menschen empfinden können: sich zu einem Anderen hingezogen fühlen. So überwältigend und im wahrsten Sinne unwillkürlich ist diese Emotion, dass es im Grunde nebensächlich ist, ob sie nun dem anderen oder dem gleichen Geschlecht gilt. Dennoch rätseln Biologen nach wie vor, wie es zu diesem Gefühl kommt. Denn weder ist klar, wie die homosexuelle noch wie die heterosexuelle Neigung zustande kommt.

Bislang wissen Biologen nur, dass Gene involviert sind – eine Erklärung für die Unterschiede in der sexuellen Orientierung liefern sie jedoch nicht. Denn ganz sicher gibt es kein „Homo“- oder „Hetero“-Gen und ebenso wenig ist Homosexualität genetisch so verankert und vererbbar wie Haar- oder Hautfarbe.

Der Hinweis auf einen Anteil der Gene stammt lediglich von Befragungen zur sexuellen Orientierung von ein- und zweieiigen Zwillingen. Demnach stimmen eineiige, also genetisch praktisch identische Zwillinge in ihrer Geschlechtsidentität und sexuellen Orientierung deutlich öfter überein als zweieiige Zwillinge, je nach Studie bis zu vierfach häufiger. Das bedeutet, so die Interpretation dieser Erhebungen, dass es womöglich eine zufällige Kombination vieler, vielleicht hunderter oder tausender von Genvarianten gibt, die eine homo- oder eben heterosexuelle Prägung begünstigen – nicht aber unweigerlich festlegen.

Wie sich diese vielen geringfügigen Unterschiede im Erbgut auf die sexuelle Prägung des Gehirns auswirken könnten, ist jedoch völlig unklar. Zwillingsstudien liefern keine kausalen Erklärungen. Sie können zwar eine Beteiligung von Genen aufdecken, aber nicht, wie sie wirken.

Klar ist: Die Studien belegen auch, dass es trotz übereinstimmendem Genmix bei eineiigen Zwillingen durchaus konträre Geschlechtsidentitäten und sexuelle Orientierungen geben kann. Das bekannteste Beispiel in Deutschland dürften die Kaulitz-Brüder Bill und Tom sein.

Mit anderen Worten: Offenbar beeinflussen auch die jeweiligen individuellen Umweltbedingungen, unter denen ein Mensch heranwächst, wie sich sexuelle Orientierung entwickelt. Eine unter Forschenden kontrovers diskutierte Vermutung lautet, dass darüber lokale und zufällige Hormonschwankungen während der Gehirnentwicklung im Uterus der Mutter entscheiden könnten.

Keinerlei Anzeichen hingegen gibt es dafür, dass es nach der Geburt eine homosexuell prägende psychosoziale Beeinflussung gibt – seien es frühkindliche Traumata, bestimmte Erziehungspraktiken, soziale „Ansteckung“ oder gar psychische Erkrankungen.

Was auch immer der biologische „Hebel“ ist, der das große Gefühl auslöst und ihm eine Richtung gibt: Weder die eine, noch die andere Orientierung ist die Norm oder gar „natürlicher“ als die andere. Allein schon deshalb, weil biologische oder biochemische Prozesse sich um derartige, von (mitunter zweifelhaften) Menschen kreierte Kategorien nicht scheren. Sie passieren einfach.

Und am Ende entscheidet die Umwelt, also auch wir alle, wie mit dieser Vielfalt umgegangen wird. Am besten liebevoll. Denn darum geht es doch: um Liebe.

Der „Erbonkel“ – Geschichten rund um Gene, jedes Wochenende.

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