Junge Köchin und Analphabetin: "Für viele Menschen ist das ein Tabuthema" - DER SPIEGEL
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Junge Köchin und Analphabetin "Für viele Menschen ist das ein Tabuthema"

In der Schule kämpfte sie mit den Buchstaben, Wörtern, Sätzen. Heute klappt es mit dem Lesen und Schreiben besser. Auch wenn Nora Bufé funktionale Analphabetin ist, glückte ihr der Berufseinstieg: Die junge Köchin arbeitet in einem Sterne-Restaurant und träumt vom eigenen Laden.
Setzt sich für die Enttabuisierung des Themas Analphabetismus ein: Nora Bufé
Setzt sich für die Enttabuisierung des Themas Analphabetismus ein: Nora Bufé

Setzt sich für die Enttabuisierung des Themas Analphabetismus ein: Nora Bufé

Foto: dapd
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Für die Kamera muss sie noch einmal so tun, als könne sie nicht richtig lesen. Der Kameramann eines privaten Nachrichtensenders möchte, dass sich Nora Bufé vor die Werbetafel eines Restaurants in Berlin-Mitte stellt, die Augen zusammenkneift und versucht, die schörklige Kreideschrift zu entziffern.

Nora ist funktionale Analphabetin. Und Donnerstag der Weltalphabetisierungstag. Darum ist sie eine gefragte Person und hat gerade noch auf einem Podium mit Politikern über das Thema Analphabetismus diskutiert, jetzt lässt sie sich erschöpft in einen Sessel fallen.

7,5 Millionen Deutsche im erwerbsfähigen Alter können nicht richtig lesen und schreiben. Nora will, dass sich das ändert. Dass früh genug erkannt wird, wenn Kinder Probleme mit dem Lesen haben - "und nicht erst so spät wie bei mir", so die Berlinerin.

"Die anderen Kinder waren schneller als ich"

Sie hat alle Buchstaben des Alphabets gelernt. Mit einer bunten Lesefibel, wie sie in den meisten Grundschulen in Deutschland verwendet wird. Aber die einzelnen Buchstaben zu Wörtern zusammenzufügen und die Wörter zu ganzen Sätzen, das klappte einfach nicht. "Die anderen Kinder waren schneller als ich. Das hat mich geärgert", sagt Nora.

Die erste Klasse musste sie wiederholen, in der zweiten wurde klar, dass sie nicht richtig mitkam. Ihre Mutter habe mehrmals bei der Lehrerin nachgehakt - ohne Erfolg. "Die hat einfach nichts unternommen. Klar, ich musste mehrere Tests machen, aber das war es auch schon", erzählt die Tochter einer Deutschen und eines Libanesen.

Richtig darum bemüht, dass sich an ihrer Situation etwas ändert, habe sich niemand. Ab der dritten Klasse wurde Nora auf eine Sonderschule geschickt. Obwohl sie dort eigentlich fehl am Platz war. Dass sie funktionale Analphabetin ist, wurde einfach nicht erkannt.

Patrick Meinhardt, bildungspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, fordert deshalb eine Enttabuisierung des Themas: "Es ist keine Schande, nicht richtig lesen und schreiben zu können. Es ist aber eine Schande, wenn wir zulassen, dass Menschen dies verbergen, weil sie sich schämen", sagt er.

In Silben lesen

Nora hat kein Problem damit, offen über ihr Defizit zu reden. "Für viele Menschen ist das ein Tabuthema. Ich habe das nie versteckt. Vielleicht bin ich deswegen auch nie dumm angemacht worden. Die Leute haben immer positiv reagiert", sagt sie. Heute ist sie Botschafterin für den Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung, spricht vor Menschen über ihre Geschichte.

Nach dem Hauptschulabschluss bewarb sie sich um eine Lehrstelle in einem Restaurant, Freunde halfen ihr, das Anschreiben zu formulieren. Sie bekam den Job. Einer Lehrerin in der Berufsschule fiel schließlich auf, dass die Schülerin nicht richtig lesen konnte. "Sie hat selbst einen Sohn mit Lese-Rechtschreibschwäche und gemerkt, dass ich wesentlich länger für bestimmte Aufgaben brauchte", sagt Nora. Mit der Unterstützung der Pädagogin besuchte sie fortan einen Kurs beim Arbeitskreis Orientierungs- und Bildungshilfe, lernte lesen und schreiben.

"Früher brauchte ich etwa eine halbe Stunde, um ein DIN-A4-Blatt zu lesen", berichtet sie. "Heute geht das wesentlich schneller. Vorher habe ich nicht in Silben gelesen. Das tue ich mittlerweile."

Auch die Ausbildung zur Köchin absolvierte sie erfolgreich. Seit vier Jahren arbeitet sie nun schon in einem Sterne-Restaurant. Irgendwann möchte sie einmal ein eigenes Restaurant aufmachen. Rezepte muss sie nicht nachlesen, obwohl sie es mittlerweile könnte. "Das meiste weiß ich auswendig", sagt sie.

Maren Hennemuth, dapd/jol