ZDF-Dokudrama "Dutschke": Ein Held aus Streit - DER SPIEGEL
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Dutschke-Film: Abwasch und Aufstand

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ZDF-Dokudrama "Dutschke" Ein Held aus Streit

Rudi Dutschke und kein Ende: Fast ein Jahr mühte sich das ZDF ab, einen Sendeplatz für das Porträt des streitbaren Studentenführers zu finden. Nun wird es gezeigt - und löst eine neue Debatte aus. Tatsächlich gehört "Dutschke" zum Sperrigsten, was es in der Prime-Time zu sehen gibt. Und zum Besten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn alle sich streiten, können sich ausnahmsweise zwei freuen. Um keinen TV-Film gab es in den vergangenen Jahren so viel Gezerre wie um "Dutschke", die filmische Annäherung an den legendären Studentenführer, die das ZDF am Dienstagabend um 20.15 Uhr zeigt. Fast ein Jahr hielt das Zweite die Filmemacher mit einem Sendetermin hin. Zu sperrig erschien den Programmplanern wohl der Mix aus Interviews und Spielszenen für die Prime-Time. Und seit der Premiere auf dem Filmfest München im Juni 2009 streiten Kritiker auch um die inhaltliche Schwerpunktsetzung des Films. Ist Rudi Dutschke zu freundlich gezeichnet? Musste der rechte Konvertit Bernd Rabehl so viel Raum zugestanden bekommen?

Daniel Nocke (Buch) und Stefan Krohmer (Regie) dürften die Kontroversen um ihren Film trotzdem mehr als recht sein. Ihr Dutschke ist nämlich aus Streit gemacht - aus dem Streit um das beste politische System, den der SDS-Chef selbst angezettelt hat, und dem Streit um Dutschkes politisches Erbe, der bis heute in Deutschland geführt wird.

Sowohl Kritiker als auch Wegbegleiter lassen Krohmer und Nocke in ausführlichen Interviewpassagen zu Wort kommen. Mitstreiter Gaston Salvatore erzählt zum Beispiel mitreißend von seinen und Rudis Heldentaten - nur um im nächsten Moment von Bernd Rabehl eins auf die Mütze zu bekommen. Mehr als ein Chauffeur wäre der Chilene doch nie gewesen. Ehefrau Gretchen Dutschke hingegen wird als naives Muttchen dargestellt, um postwendend selbst zu Wort zu kommen. Und der Politologe Wolfgang Kraushaar sieht genügend Hinweise darauf, dass Dutschke Gewalt als letztes Mittel im Kampf gegen den Kapitalismus befürwortet habe.

"Erschreckend oberflächlich und primitiv"

An solche Momente schließen Krohmer und Nocke ihre Spielszenen an. In ausgewählten Episoden - von der politischen Initialzündung beim Schah-Besuch 1967 bis zum stillen Tod am Heiligabend 1979 - wird Dutschkes Leben nachgestellt, mit einem großartigen Christoph Bach in der Titelrolle. Doch auch diese Szenen sind nicht eindeutig, sondern als Interpretationen der Filmemacher kenntlich gemacht.

An einer Stelle sieht man zum Beispiel, wie der Mailänder Verleger Giangiacomo Feltrinelli Dutschke mit Dynamitstangen für mögliche Anschläge beliefert, dieser den Sprengstoff aber in einem Kanal sicher entsorgt. Durch Wolfgang Kraushaars Ausführungen ist der Zuschauer aber darauf vorbereitet, diese Episode nicht als historisch bare Münze zu nehmen. So legen Krohmer und Nocke ihre Deutungen der Person Dutschke offen und überlassen sie der öffentlichen Inspektion.

Diese Auseinandersetzung hat in den vergangenen Monaten begonnen: Gretchen Dutschke hat sich den Film angeschaut und ihn erst bei der zweiten Sichtung ein "bisschen besser" gefunden. Der haltlosen Kritik an ihrer Person wäre zu viel Platz eingeräumt worden. Der "FAS"-Journalist Claudius Seidl hingegen, der im Film vor allem als ästhetischer Kritiker Dutschkes auftritt, hat die Hauptfigur als sehr geschönt empfunden. Bei "taz"-Urgestein und Dutschke-Mitstreiter Christian Semler stieß der Film ebenfalls nicht auf Gegenliebe, "erschreckend oberflächlich und primitiv" urteilte ihn der Grünen-Politiker Milan Horacek ab. Die "FAZ" wiederum war gelangweilt von dem Werk ("So dröge sahen die Achtundsechziger selten aus"), die "Welt"  erkannte indes Geschichtsklitterung in einzelnen Passagen ( andere fanden eher die Ausführungen der "Welt" dubios  ).

Wurde je über ein Helmut-Kohl-Porträt oder eine Willy-Brandt-Biografie so leidenschaftlich gestritten? Nein, denn Rudi Dutschke bleibt eine Person, die man liebt zu lieben oder liebt zu hassen. Krohmer und Nocke haben dies erkannt und in einem Film eingefangen. Wer sie jetzt dafür kritisiert, gibt ihnen gleichzeitig auch Recht. Denn im Streit lebt der Geist von Rudi Dutschke weiter.


"Dutschke", 20.15 Uhr, ZDF