Stasi-Familiensaga: Todesröcheln des Sozialismus
TV-Familiensaga "Dallas" in der DDR
Ach, ein Grauen ist das mit den Söhnen! Der eine trägt das Herz am rechten Fleck, besitzt aber keinen Biss, der andere hat Biss, aber ein kaltes schwarzes Loch an der Stelle, wo bei anderen Menschen das Herz sitzt.
Es ist das alte Patriarchen-Problem, das den aufrechten Sozialisten Hans Kupfer in der ARD-Serie "Weissensee" quält - dasselbe, das einst schon den aufrechten Kapitalisten Ewing senior im US-Serienklassiker "Dallas" zu schaffen machte. Der alte Öl-Magnat musste bekanntlich zwischen seinen Sprösslingen Bobby und J.R. wählen. Die Frage lautet hier wie dort: Soll das Lebenswerk vom guten Sohn zugrunde gerichtet werden? Oder vom bösen zu neuen Höhen geführt?
Hans Kupfer (Uwe Kockisch) ist altgedienter Generalmajor im Ministerium für Staatssicherheit, die DDR samt antifaschistischem Überwachungsapparat ist für ihn fast eine Art Familienbetrieb. Doch sein Lieblingssohn Martin (Florian Lukas) will nicht in die Nomenklatura einsteigen, sondern lieber Volkspolizist bleiben. Der weniger geschätzte Falk (Jörg Hartmann) indes ist ein Ehrgeizling, der sich mit besonders perfiden Verhör- und Überwachungsmethoden auf der Stasi-Karriereleiter schon weit nach oben gearbeitet hat.
Stasi-Mann leidet unter Melancholie
Zum Frühstück und zum Abendbrot versammelt sich der Ost-Berliner Kupfer-Clan im Speisezimmer seiner Villa. Die Söhne liefern sich ideologische Scharmützel, Mutter Marlene (Ruth Reinecke) schenkt zur Beruhigung Getränke nach wie einst Miss Ellie in "Dallas", und Falks alkoholkranke Ehefrau (Anna Loos) droht bei diesen Anlässen stets, wie ehedem J.R.s tyrannisierte und traumatisierte Gattin Sue Ellen, ihren Frust an der Hausbar zu ertränken.
Wer weiß, vielleicht gucken die Kupfers ja heimlich West-Fernsehen und somit auch "Dallas". Denn ihren Anfang nimmt die Funktionär-Soap "Weissensee" in den frühen achtziger Jahren, genau zu jener Zeit also, als mit leichter Verspätung in der Bundesrepublik die US-Serie anlief. Inspiriert von den Föhnwellen und fulminanten Finanzdramen in "Dallas" begann in Westdeutschland ein Jahrzehnt der fröhlich bejahten Marktwirtschaft, im Osten geriet derweil der Arbeiter- und Bauernstaat ins Wanken.
Mit den Mitteln der schönsten Kapitalismus-Seifenoper vom Todesröcheln des Sozialismus zu erzählen, das klingt perfide. Doch so ist es nun mal im Ersten: Das "Dallas"-Erfolgsrezept wird von den Verantwortlichen der ARD, die sich ja selten als Innovatoren hervortun, regelmäßig wieder für die Primetime hervorgekramt. Erst letztes Jahr lief auf dem Sendeplatz von "Weissensee" die Banker-Soap "Geld.Macht.Liebe", die vor dem Hintergrund der Finanzkrise ein einfältiges Guter-Kapitalist-böser-Kapitalist-Spielchen zelebrierte. Wo dort allerdings nur die üblichen Nadelstreifen-Abziehbildchen präsentiert wurden, da treten - Überraschung! - in "Weissensee" hinter den grauen Stasi-Uniformen und grellen Dissidenten-Outfits vielschichtige Figuren hervor.
Man nehme nur Stasi-Major Kupfer, der sich einerseits im Ministerium für Staatssicherheit nach oben gearbeitet hat, andererseits ein ausgemachter Melancholiker ist. Schützend legt er immer wieder die Hand über die regimekritische Sängerin Dunja Hausmann (Katrin Saß), die er einst geliebt hat, aber zum Wohle der Karriere verließ. Dass sich nun ausgerechnet sein Sohn Martin in die Tochter der alten Flamme (Hannah Herzsprung) verguckt, treibt ihn zur einen oder anderen unüberlegten Tat.
Abschied von den Graugesichtern
Die Stasi menschlich gesehen? Nein, diese Verfehlung ist den Machern von "Weissensee" nicht vorzuwerfen. Regisseur Friedemann Fromm hat zuvor mit dem dreiteiligen Doku-Drama "Die Wölfe" die kollektive Psyche der Trümmerkind-Generation in all ihren Widersprüchen durchleuchtet, Autorin Annette Hess hat zuvor das Drehbuch zur Ost-West-Seifenoper "Die Frau vom Checkpoint Charlie" geschrieben. Die gemeinsame ARD-Serie liegt nun genau zwischen diesen beiden Produktionen: Unter der Soap-Oberfläche tut sich ein komplexes Geflecht von Sehnsüchten und Ansprüchen, von Selbstbetrug und Bevormundung auf.
So wie eben beim Stasi-Major Kupfer, dessen Eltern einst im KZ umkamen und der darin die moralische Legitimation für den von ihm mitbetriebenen antifaschistischen Überwachungsapparat zu sehen glaubt. DDR-Opferverbänden wird diese Darstellung möglicherweise missfallen, schon beim Stasi-Liebesdrama "12 heißt: Ich liebe dich" liefen sie ja Sturm. Aber vielleicht muss man tatsächlich Abschied nehmen von den immer gleichen graugesichtigen Stasi-Beamten, wie sie uns sonst in der fiktionalisierten Aufbereitung des DDR-Unrechtsstaates gezeigt werden.
Ein gebrochener Mann wie Major Kupfer lehrt uns vielleicht mehr über den Untergang der DDR als der TV-übliche gusseiserne Kader-Grobian: Denn wie das Stasi-Sensibelchen da bei heimlichen Besuchen der Konzerte seiner Ex-Freundin am West-Whiskey nippt, wie er ganz gefühlig wird bei ihren Widerstandsliedern, das zeigt den dahinsiechenden Überwachungsstaat der achtziger Jahre vielleicht am grausamsten in seinem ganzen Selbstbetrug.
Und im Gegensatz zum in "Weissensee" so souverän variierten Kompositionsprinzip von "Dallas", wo die kapitalistischen Finsterlinge nur noch frecher aus fatalsten Krisen hervorgehen, gibt es für die sozialistischen Gegenstücke kein Auferstehen aus den Ruinen.
"Weissensee", dienstags 20.15 Uhr, ARD