Klassenkampf im TV: Wenn der Betriebsrat mit der Managerin ...
ARD-Wirtschaftsthriller Arbeitskampf mit offener Hose
Das gute alte Proletariat, wo ist es nur hin? Gerade die Verantwortlichen des WDR waren in den Siebzigern und Achtzigern immer darauf bedacht, mit der benachbarten Arbeiterschaft an Rhein und Ruhr auf Tuchfühlung zu sein, platzierten Volkshelden wie den von Götz George verkörperten Schimanski an vorderste Streikfront. Und heutzutage?
Vor ein paar Jahren gab George in dem vom WDR produzierten Proletarier-Abgesang "Als der Fremde kam" einen Gewerkschaftsführer, der längst nicht mehr die Interessen seiner Kumpels vertrat: Abends onanierte er zu Porno-Videos, beim Poker mit den Arbeitgebern am nächsten Tag legte er dafür eine jämmerliche Impotenz an den Tag.
Nun schickt der WDR endlich wieder einen virilen working class hero zurück aufs Spielfeld: Frank Sperber ist sein Name, und Ronald Zehrfeld ( "Im Angesicht des Verbrechens") spielt diesen Malocher, wie es der junge Götz George getan hätte; sogar die alte Schimi-Jacke trägt der Neue. So platzt Sperber mit robustem Charme in die aktuellen Investitions-Agreements der Mächtigen hinein, räumt mit frechem Grinsen mit deren Sparzwang-Lügen auf.
Bald landet er sogar im Bett der schönen kühlen Management-Blondine Marie Sandberg (Ina Weisse), die ihn bei der ersten Begegnung in der Fabrikhalle noch sehr von ihren High-Heels herab angeschaut hat. "Seit wann hast du einen Hang zum Proletariat?", wird sie darauf vom Ex-Lover aus der Vorstandsetage gefragt.
Aber mal ganz ehrlich: Haben wir diesen Hang nicht alle? Denn natürlich schlägt das Herz eines jeden aufrechten Fernsehzuschauers eher für einen idealistischen Proleten als für einen eitlen Vorstandsraffke. Nun erscheint es einerseits tatsächlich schwierig, in Zeiten einer drastisch schrumpfenden Arbeiterklasse einen Helden aus dieser Gesellschaftsschicht zu rekrutieren. Andererseits schreit doch gerade die brutale Abwicklung oder Auslandsverlegung ganzer Industriezweige in Deutschland nach einem Helden, der sich den Globalisierungsgewinnlern in den Weg stellt.
Regisseur Elmar Fischer und sein Autor Jörg Tensing sind dabei schlau und geschmeidig genug, ihr Widerstandsdrama "Im Dschungel" in einen Wirtschaftsthriller zu wenden, der bei aller prallen Fiktion genug Fährten in die aktuelle bundesrepublikanische Wirklichkeit legt - von lustreisenden Betriebsräten bis zu heuschreckenartigen Hedgefondsmanagern.
Vergnügungstouren à la VW
Auslöser für das Erwachen des Kampfgeistes vom Helden Sperber ist denn auch die Nachricht, dass die ZOR-Werke in Hildenburg an ausländische Investoren verdealt werden sollen. "Der ganze Kessel", so heißt es einmal im schönsten Ruhrpott-Idiom, "geht nach Rumänien." Es sei denn, Betriebsräte und Arbeiterschaft kämen dem Management entgegen. Ganz konkret hieße das zum Beispiel, dass Sperbers Vater, der sein Leben lang für den Konzern geschuftet hat, mit Bezügen in den Vorruhestand geschickt wird, die identisch sind mit dem Hartz-IV-Satz.
Hier nun kommt Sperber selbst ins Spiel, der sich in den Betriebsrat wählen lässt, um im Büroturm der ZOR für den Erhalt des Werkes und für sozialverträgliche Rationalisierungsmaßnahmen zu streiten. Ein Vielfrontenkrieg, denn er hat mindestens ebenso gegen das Management zu kämpfen wie gegen korrupte Betriebsräte (unter anderem Heino Ferch), die beim Schachern für die Kumpel längst nur noch eigene Interessen vertreten.
Die ZOR-Werke und die Ruhrstadt Hildenburg sind ausgedacht, die beschriebenen Machenschaften aber verweisen auf reale Vorgänge. Die Umstände der Nokia-Werkschließung in Bochum kommen einem ebenso in den Sinn wie VW-Vergnügungstouren nach Rio de Janeiro. Wobei es im Falle von "Im Dschungel" in eine Lustoase nach Marokko geht, wo es Nutten und Viagra frei Haus für die positiv zu stimmenden Investoren und Betriebsräte gibt. Bei dieser (zugegeben: etwas dick aufgetragenen) Exkursion in die Vorspieltechniken aktueller Fusionierungsgeschäfte drängt sich auch dem naiven Sperber bald die Frage auf: Wer muckt schon auf, wenn ein Video existiert, bei dem die Hose offen steht?
Mitgevögelt, mitgehangen: Trotz dieses einfachen Bildes entwirft "Im Dschungel" ein relativ vielschichtiges Sittenbild des Arbeitskampfes in Zeiten der Globalisierung - denn der findet jetzt eben nicht mehr vor den Werkstoren statt, sondern in Konferenzräumen, die trotz schönster Glas- und Stahlarchitektur kaum Einblick gewähren. Regisseur Fischer, der 2003 mit seinem Film "Fremder Freund" kurz nach den Anschlägen vom 11. September die bislang prägnanteste deutsche Islamismus-Reflexion gedreht hat und komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge in klassischen Dramen aufzulösen versteht, gelingt es nun, seinen Arbeiterhelden mit all den Versuchungen zu konfrontieren - um ihn dann dagegen aufbegehren zu lassen.
Illusion? Mag sein, auf jeden Fall ein aufwühlendes Fernsehstück, für das der gesellschaftspolitisch immer diffuser agierende WDR mit seinen zahnlosen Tatorten und zynischen Integrationspolemiken ( "Zivilcourage"!) an die Zeit der großen Arbeitsniederlegungen anknüpft, ohne komplett der Nostalgie zu verfallen: Seht her, es zuckt noch, das gute alte Proletariat!
"Im Dschungel", 20.15 Uhr, ARD