Militär-Thriller "Kongo": Wer ist der Feind?
ZDF-Thriller "Kongo" Schwarz-Rot-Gold in grüner Hölle
Bei einer Gala im deutschen Fernsehen wurde ordentlich gespendet, damit die Schule errichtet werden konnte. Doch jetzt steht sie verwaist im ostkongolesischen Dschungel, das karge Mobiliar verbrannt, an der Wand Blutspuren. Die 60 Jungen und Mädchen, die hier zuvor unterrichtet wurden, hat man ermordet oder verschleppt, um sie zu Kindersoldaten zu machen. Davon hat das deutsche Fernsehen allerdings nicht berichtet.
Nun steht Nicole Ziegler (Maria Simon), Oberleutnant bei den Feldjägern, vor dem Gebäude. Sie wurde in den Ost-Kongo gesandt, um den Tod eines Bundeswehrsoldaten aufzuklären. Dessen Kameraden haben sie zur Schulruine gefahren, um ihr das tägliche Grauen zu zeigen, mit dem sie konfrontiert sind. Dieser Dauerhorror lässt es plausibel erscheinen, dass sich der Soldat umgebracht hat.
Doch die Feldjägerin beschleichen Zweifel an der Suizidthese - war es doch Mord? Bald findet sie auf dem Handy des Toten ein Filmchen, auf dem zu sehen ist, wie ein Soldat aus nächster Nähe einen wehrlosen schwarzen Jungen erschießt.
Die Bundeswehr, verstrickt in Kriegsverbrechen: Ein denkbar heikles Thema haben die Macher des ZDF-Films "Kongo" (Montag, 20.15 Uhr) mit ihrem Militärthriller angepackt - und dabei alles richtig gemacht. Die beschriebene Bundeswehrmission ist fiktiv, die Kulisse und die politischen Umstände aber könnten nicht realistischer sein.
2006 wurden unter dem Kommando der European Union Force (Eufor) schon einmal deutsche Soldaten zu einem knapp halbjährigen Einsatz in den Kongo geschickt; damals wurden sie den Einsatzberichten zufolge nicht mit Kindersoldaten konfrontiert. Eine weitere Mission von Bundeswehrkontingenten unter Uno-Mandat in der Region ist zumindest vorstellbar - und würde unter Umständen das Vorgehen gegen die minderjährigen Schergen skrupelloser Warlords beinhalten.
"Kongo" greift diese Gefahr auf: In einer Szene sieht man, wie johlende Kinder vor der deutschen Festung die Dämpfe von brennendem Plastik einatmen, um sich high für den Kampf mit der Machete zu machen. In einer anderen Szene sieht man einheimische Zivilisten durchs Zielfernrohr eines deutschen Soldaten, der der frisch aus Deutschland eingetroffenen Feldjägerin demonstrieren will, dass hier potentiell jeder Junge ein Gegner ist. Aber wie bekämpft man einen Feind, der oft nicht von der Bevölkerung zu unterscheiden ist, die es zu schützen gilt?
Es geht nicht um pro oder contra Auslandseinsätze
Bei dem Szenario samt den dazugehörigen möglichen schuldhaften Verstrickungen der Bundeswehr kommt einem als Zuschauer unweigerlich der in den Sinn, bei dem am 4. September 2009 zahlreiche Menschen ums Leben kamen und der unter Verantwortung der deutschen Isaf-Einheit geschah. Müssen zwangsläufig Unschuldige sterben, wenn man in Krisengebieten mit unübersichtlichen Grenzverläufen zwischen Freund und Feind operiert?
Der Film aus der Produktionsschmiede Teamworx ( "Mogadischu") formuliert die Frage aus, wie ein demokratischer Staat in einer kaum kontrollierbaren Kriegsregion für Kontrolle sorgen kann, hier in einer nervenzehrenden Dschungelrecherche. "Kongo" ist kein Beitrag pro oder contra Auslandseinsätze der Bundeswehr geworden, aber er konfrontiert rigoros mit den Unwägbarkeiten solcher Einsätze.
Teamworx-Produzent Christian Granderath (seit September Fernsehspielchef beim NDR), Drehbuchautor Alexander Adolph (arbeitet gerade an dem Neuentwurf des Frankfurter "Tatorts") und Regisseur Peter Keglevic ("Blackout - die Erinnerung ist tödlich") setzen dafür auf einen schlichten Handlungsort zwischen schwarz-rot-goldenem Basislager und grüner Hölle, fahren gleichzeitig eine durchaus doppelbödige Figurenzeichnung auf. Denn die Soldaten mögen auf den ersten Blick zwar wie gängige Bundeswehrfolklore wirken, offenbaren dann aber über ihr Handeln unterschiedliche Perspektiven aufs Geschehen.
Da ist zum Beispiel Oberst Lonsky (Götz Schubert), der als denkender und fühlender Militarist auftritt. Er erzählt der jungen Feldjägerin von seinen Reisen durch Indien und zitiert humanistische Aphorismen - verweist aber bei ihren unbequemen Fragen auf die Besonderheit der Situation im Kongo. Hauptmann Kosak (Jörg Schüttauf) indes ist der Inbegriff eines harten Knochens, der seine Untergebenen als Schutzbefohlene gegen alle Anwürfe verteidigt und die junge Ermittlerin stur abkanzelt. Man muss seine Haltung nicht teilen - zynisch erscheint sie keineswegs. Seine Jungs sollen überleben, nur das zählt. Kommen Sie so einem mal mit demokratischen Spielregeln!
Der erste deutsche Vietnam-Film?
In einer Szene sehen wir diesen Hauptmann Kosak beim Verwundetentransport unter Aufwendung letzter Kräfte durch den Busch rennen wie einst Willem Dafoe in "Platoon". Wenn man will, ist "Kongo" der erste deutsche Vietnam-Film geworden: Beim gerechten Einsatz im grünen Dickicht des Kongos, so die pessimistische Sichtweise, scheint der Humanismus ebenso unter die Räder zu kommen wie ehedem beim antikommunistischen Stellungskrieg in Südostasien.
Damit trauen sich die Macher weit vor. Bislang wurden deutsche Auslandseinsätze - von einigen wenigen misslungenen Kinobeispielen wie dem Kosovo-Krimi "Mörderischer Frieden" aus dem Jahr 2007 abgesehen - meist über Heimkehrer-Dramen verhandelt. Etwa über das redliche Psychogramm "Willkommen zuhause" (2008) oder den zutiefst verstörenden Krimi "Bloch: Tod eines Freundes" (2009).
Von den posttraumatischen Belastungsstörungen geht es in "Kongo" nun in die Gegenwart eines Krieges. Dass die beschriebenen Verwicklungen des deutschen Militärs fiktiv sind, nimmt dem Film nicht seine Brisanz. So weit weg die Massaker im Busch für den deutschen Fernsehzuschauer erscheinen mögen, so geschmeidig und unauflöslich haben die Filmemacher sie mit unseren eigenen gesellschaftspolitischen Belangen verknüpft. Die kongolesische Dolmetscherin der Feldjägerin (Florence Kasumba) etwa ist eine aus Deutschland ausgewiesene Asylsuchende, die jahrelange in einer Flüchtlingsunterkunft in Köln gelebt hat - was ein düsteres Schlaglicht auf die deutsche Einwanderungsdebatte wirft.
Und in kleinen bitteren Exkursen wird der Rohstoffreichtum des Kongos beschrieben, der das Land zu einer bedeutsamen Region für die Industrieländer macht. Die meisten hierzulande benutzten Handys werden zum Beispiel mit Coltan aus zentralafrikanischen Minen hergestellt.
Auch das ist eine düstere Lesart dieses doppelbödigen, streckenweise durchaus prophetischen Dschungelthrillers: Wenn zurzeit am Hindukusch die Freiheit Deutschlands verteidigt wird, kämpft man am Kongo möglicherweise bald für die bundesrepublikanische Kommunikationsgesellschaft.
"Kongo", Montag, 20.15 Uhr, ZDF