Samstagabend-Live-Shows: Schlag das Supertalent mit Herz - DER SPIEGEL
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TV-Liveshows: Gipfel der Showtitanen

Foto: DPA/ Frank Senftleben/ Ein Herz für Kinder 2010

Samstagabend-Live-Shows Schlag das Supertalent mit Herz

Marathon-Fernsehen mit Gottschalk, Raab und Bohlen: In drei großen Live-Abendshows ging es um große Emotionen, viel Ruhm und Geld. Dabei zeigten sich zwischen Supertalent-Show, "Herz für Kinder"-Spendengala und Schlag den Armbruch-Raab erstaunliche Parallelen.
Von Christoph Schultheis
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schon im Vorfeld war von einem "Gipfel der Showtitanen" die Rede. Nicht ganz zu Unrecht, denn häufig kommt es nicht vor im deutschen Fernsehen, dass, wie an diesem vorweihnachtlichen Samstagabend, drei große Fernsehsender gleichzeitig live auf Sendung gehen: das ZDF mit Thomas Gottschalk und der "Bild"-Spendengala "Ein Herz für Kinder", Pro7 mit einem im wahrsten Sinne des Wortes gehandicapten Stefan Raab und der deshalb in "Schlag den Raab mit Links" umbenannten Spielshow - und natürlich RTL mit Dieter Bohlen und dem Finale von "Deutschland sucht das Supertalent".

Immerhin: Am Ende diese langen Fernsehabends hatten 16,5 Millionen Euro den Besitzer gewechselt: Der Großteil, 15,4 Millionen, ging an die Stiftung "Ein Herz für Kinder". Eine Million nahm der stämmige Vertriebslogistiker Heiko Schumacher, der Stefan Raab souverän besiegte, mit nach Hause. Und über 100.000 Euro freute sich der 57-jährige Freddy Sahin-Scholl, der mit sich selbst Duette in zwei Stimmlagen, Knödeltenor und Knödelsopran, singen kann und mit einer selbstkomponierten Schmonzette namens "Carpe Diem" schließlich um 0.54 Uhr in der "Entscheidungsshow" als neues "Supertalent" ausgerufen werden konnte.

Am Schluss setzte er sich mit 22,84 Prozent der Zuschaueranrufe gegen den deutschen Paul-Potts-Epigonen Michael Holderbusch und den gehörlosen Tänzer Tobias Kramer durch. Sahin-Scholl darf nun, wie Mundharmonika-Mann Michael Hirte vor zwei Jahren, auf ein lukratives Weihnachtsgeschäft hoffen. Seine CD jedenfalls erscheint pünktlich zum Wochenanfang.

Als das neue "Supertalent" am Ende seinen Siegertitel noch einmal schmettern durfte, klang das zwar nicht mehr ganz so treffsicher wie zuvor. Aber was macht das schon nach diesem Kessel-Buntes-Marathon mit viel Gesang und etwas Hokuspokus - mit singenden Teenagern, Schrott-Trommlern, einem moon-walkenden Grundschüler, dem Feuerzeuggas-speienden Ausnahme-Illusionisten Stevie Starr - und den inzwischen obligatorischen Tränen in den Kulleraugen der Jurymitglieder Bruce Darnell und Sylvie van der Vaart.

Vom Bundespräsident bis Mutter Beimer

Schon früh am Abend beharrte der Juryvorsitzende Dieter Bohlen darauf, dass es in seiner Show um die "Stars von morgen" gehe. Damit grenzte er seine Sendung erheblich vom ZDF-Samstagabend-Angebot ab. Denn dort gaben sich die Stars von gestern und heute den Spendentelefonhörer in die Hand. Ein Riesenaufgebot aus dem deutschen Film-, Fernseh- und "Bild"-Zeitungskosmos, aus Politik und Wirtschaft, hatte sich beim "Herz für Kinder" versammelt: von Uschi Glas über Bundespräsident Christian Wulff nebst Gattin, "Mutter Beimer" Marie-Luise Marjan und Joachim Löw bis hin zu den Chefs diverser Großkonzerne, die ihre Unternehmen so in ein warmes vorweihnachtliches Licht tauchen konnten. Nicht zuletzt durfte Stephanie zu Guttenberg - nach ihrem umstrittenen Auftritt als "Innocence in Danger"-Schirmherrin in der Kindesmissbrauchsjäger-Show "Tatort Internet" auf RTL2 - nun für ein (anderes) Kinderhilfsprojekt werben. Ihr Mann kam übrigens in Reisemontur mit robusten Stiefeln, heller Baumwollhose und dunkler Windjacke. Er hatte offenbar nach seiner Ankunft aus Afghanistan nicht mehr die Zeit gefunden, sich vor dem Fernsehereignis umzuziehen.

Es ging um das, was die Fernsehmacher "große Emotionen" nennen. In geballter Wucht sorgen die bei solchen Marathon-Formaten beim Zuschauer allerdings eher für große Erschöpfung - er konnte dann umso besser mit den schwitzenden Kontrahenten des Raab-Wettkampfs auf Pro7 mitfühlen.

Aber auch sonst war es ein Abend der überraschenden Parallelen: Als Stefan Raab und sein Gegner beispielsweise einen Weihnachtsbaum malen mussten, wurde auch auf RTL gemalt: Die "Sandmalerin" Natalya Netselya streute und rieselte gekonnt poetische Impressionen aus dem Leben von Lady Di auf eine beleuchtete Glasplatte. Und siehe da: Prompt stand im ZDF Prinz Harry als Stargast auf der Bühne und bekam für die Fortsetzung der guten Taten seiner Mutter das "Goldene Herz" verliehen.

In allen drei Sendungen konnten der Zuschauer anrufen - um Geld zu spenden und womöglich kurz seinen eigenen Namen im Fernsehen zu sehen (ZDF), um einem der "Supertalente" zu kurzlebigem Ruhm zu verhelfen (RTL) oder, vollends jenseits der Uneigennützigkeit, um zwei Autos auf einmal zu gewinnen (Pro7).

Werbung auf allen Kanälen

Und nicht nur das: Nach anderthalb Stunden lief zum ersten Mal an diesem Abend auf allen drei Sendern gleichzeitig Werbung: bei RTL und Pro7 in der Werbepause, im ZDF in einem ausgerechnet "Nachrichten" genannten Einspieler, in dem zwei milchzahnsüße Kinder auf die "heute"-Frontleute Claus Kleber und Gundula Gause machten und - "Guten Abend meine Damen und Herren!" - von Karteikarten mit "Bild"-Logo ablasen, dass mobilcom debitel, C&A, die Sparda-Bank, die Deutsche Post, die Daimler AG ganz toll gespendet hätten. Dazu gab es weichgezeichnete Unternehmens-TV-Sequenzen - und zum Schluss das Wetter: "Sonnige Aussichten über den Wolken dank Air Berlin!" Der gute Zweck heiligt die Mittel? Eher nicht.

Immerhin: Die ZDF-Spendengala endete mit ihrem Rekordergebnis genau in der Pause zwischen "Supertalent"- und "Supertalent"-Entscheidungsshow, als sich Stefan Raab gerade anschickte, seinen Punkterückstand aufzuholen. Und als er schließlich, sichtlich verärgert über sich selbst, doch verlor, tat er das nur wenige Minuten, bevor RTL endlich den "Zwei-Stimmen-Mann" Sahin-Scholl als "Supertalent 2010" kürte. Perfektes Timing.

Außer vielleicht für Sahin-Scholl: Die "medial große Aufmerksamkeit", die Dieter Bohlen dem Gewinner in Aussicht stellte, dürfte sich in diesem Jahr zumindest zum Wochenanfang in Grenzen halten, wenn eines der größten Medien Deutschlands vermutlich lieber einen Spendenrekord feiert als das neue "Supertalent".

Wobei: So neu ist das ohnehin nicht: Sahin-Scholl hatte das "Carpe Diem"-Lied, mit dem er sich am Abend gegen tanzende Kinder, singende Teenager und Schrott-Trommler durchsetzen konnte, bereits vor sieben Jahren unter seinem eigentlichen Künstlernamen Galileo als Platte herausgebracht; im Internet erinnern sich Zuschauer der Nokia Night of the Proms 2003 noch heute an seinen dortigen Auftritt. Vielleicht spricht das aber letztlich doch für ihn. Ans "Supertalent 2009", einen dressierten Hund, erinnert sich schließlich nur noch Dieter Bohlen.